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Titel
Generationen: Erfahrung – Erzählung – Identität.


Hrsg. v.
Kraft, Andreas; Weißhaupt, Mark
Erschienen
Konstanz 2009: UVK Verlag
Umfang
298 S.
Preis
€ 29,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Barbara Stambolis, Neuere und Neueste Geschichte, Universität Paderborn

Generationenzusammenhänge erwachsen, wie Hans Jaeger bereits 1977 betont hat, aus Problemen und Herausforderungen.[1] Sie können sich auf Zumutungen in der Kindheit, nicht zuletzt auf traumatische Erfahrungen beziehen, auf Prägendes und Einschneidendes in der Jugend und während des weiteren Lebens. Potentiell bedeutsam sind politische und gesellschaftliche Ereignisse oder Entwicklungen, nicht zuletzt Umbrüche und Zäsuren in der insgesamt an generationellen Fragmentierungen reichen Geschichte des 20. Jahrhunderts, die oft intra- oder intergenerationell besonders bedeutsam sind und die sich dann auch wieder in bestimmten „Zeithorizonten“ und deren subjektiven Wahrnehmungen spiegeln. Das „Generationenspiel“, von dem Marc Roseman 1995 im Zusammenhang mit Generationenkonflikten im 20. Jahrhundert gesprochen hat [2], wird seit einigen Jahren sowohl in der Germanistik, der Geschichtswissenschaft als auch der Soziologie inhaltlich und methodisch varianten- und einfallsreich weitergespielt – einschließlich des Versuchs, den interdisziplinären Austausch zu intensivieren. „Generation“ erweist sich als Schlüsselbegriff, mit dessen Hilfe sich gesellschaftlicher Wandel beschreiben und deuten lässt. Seit einigen Jahren stehen vor allem die Geburtskohorten, die als Kriegskindergeneration „gelabelt“ werden, im Mittelpunkt der medialen wie auch wissenschaftlichen Aufmerksamkeit: Sie waren von den Folgen des Zweiten Weltkriegs hochgradig betroffen sowie durch sie ge- und herausgefordert, wie nicht zuletzt die Arbeit einer Forschungsgruppe erkennen lässt, an der in starkem Maße auch Vertreter der Psychowissenschaften beteiligt waren und noch sind.[3] Die derzeit geführten Diskussionen kreisen immer wieder und nicht zuletzt um Begriffe wie „Generationalität“ und „Generativität“, also zum einen um die generationelle (Selbst-) Verortung von Menschen in der Zeit und zum anderen um ihre Positionierung im Kommen und Gehen der Generationen.

Im Titel des hier vorzustellenden, von dem Literaturwissenschaftler Andreas Kraft und dem Soziologen Mark Weißhaupt herausgegebenen Sammelbandes werden drei Stichworte aufgenommen, die für die derzeitige Generationenforschung zentral sind und die auch im Mittelpunkt der klar gegliederten und insgesamt ausgesprochen überzeugend strukturierten einleitenden Überlegungen der Herausgeber zum Generationenbegriff stehen: „Erfahrung“, „Erzählung“ und „Identität“. Kraft und Weißhaupt, Mitarbeiter des Sonderforschungsbereichs „Norm und Symbol“ an der Universität Konstanz und hier wiederum des Forschungsprojekts „Grenzen des Verstehens – Generationsidentitäten in Deutschland seit dem 2. Weltkrieg“ (unter der Leitung von Aleida Assmann und Bernhard Giesen) versammeln in dem Band im wesentlichen Beiträge zweier Tagungen.

Eine herausragende methodische Bedeutung hat nach wie vor Karl Mannheim mit seinem „kanonischen Text“ zum Thema Generationen, auf den sich viele Autoren beziehen und einige ausdrücklich auch kritisch, beispielsweise Bernhard Giesen unter dem Titel „Ungleichzeitigkeit, Erfahrung und der Begriff der Generation“ (S. 191-216) oder Oliver Neun: „Zur Kritik am Generationenbegriff von Karl Mannheim“ (S. 217-242). Mannheim hatte bekanntlich – wie nicht zuletzt auch der von Kraft und Weißhaupt erwähnte Erziehungswissenschaftler Jürgen Zinnecker betont hat [4] – Generationenkonflikte in der Weimarer Republik im Blick, die im Zusammenhang mit Erfahrungen des Ersten Weltkriegs zu sehen sind. Dies, so Kraft und Weißhaupt, lasse den Mannheimschen Ansatz auch für die Untersuchung der vom Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen stark geprägten Altersgruppen attraktiv erscheinen. Dem Schwerpunkt des Projekts entsprechend liegt der Untersuchungsfokus der meisten Autoren auf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, während Mannheim ausdrücklich generationelle Konfliktfelder nach dem Ersten Weltkrieg im Blick hatte.

Die Herausgeber betonen zu Recht unter Hinweis auf den Ersten und den Zweiten Weltkrieg die Bedeutung traumatischer generationeller Erfahrungen, die die kommunizierbaren Grenzen des Erlebten besonders eindrücklich markieren. Für Historiker wie für Literaturwissenschaftler wird gleichermaßen zunehmend deutlich, dass die nicht selten kumulativ aufgetretenen Entbehrungen und Belastungen teilweise „unartikulierbar“ bleiben oder „körperlich-semiotisch eingeschrieben“ sind, wie Kraft und Weißhaupt pointiert schreiben (S. 31). Um so mehr überrascht, dass sie kaum auf einschlägige Literatur einer interdisziplinären Arbeitsgruppe hinweisen, die sich intensiv gerade mit entsprechenden Traumata und ihren oft lebenslangen Folgen befasst hat.[5] Der Erfahrungsbegriff ist, wie auch in diesem Sammelband einleuchtend umrissen wird, von anderen Begriffen wie „Wahrnehmung“ oder beispielsweise „Erinnerung“ nicht immer leicht abzugrenzen: Erlebnisse gerinnen zu Erfahrung, indem sie reflektiert, partiell verdrängt, durch Wissen und Diskussion, Forschung und Deutung angereichert, Konturen annehmen, mehr oder weniger erzählbar werden und sich immer wieder verändern. Das Prozesshafte von Erfahrung, das heißt deren Wandlungen, durch gesellschaftliche Entwicklungen und individuelle Lebensgeschichten geformt und sich immer wieder neu und anders darstellend, macht sie so schwer fassbar.

Die fundierten, zumindest bei einigen Autoren auf langjährigen Forschungen fußenden Beiträge sind ein Fundus für all jene Leser, die etwa an Fragen von „Transgenerationalität“ interessiert sind oder die beispielsweise an erinnerungskulturellen Themen in einem weiteren Sinne arbeiten. Es geht in den insgesamt elf Beiträgen, ohne hier auf alle einzeln eingehen zu können, etwa um den Familien- und Generationenroman (in den Beiträgen von Aleida Assmann und Elena Agazzi, S. 49-70 bzw. S. 93-114), mündliche autobiographische Erzählungen (Mark Weißhaupt, S. 271-296) oder Erzählstrategien und Grenzen des Verstehens zwischen Angehörigen der 68er- und einer nachfolgenden „dritten“ Generation (Andreas Kraft, S. 147-166). Nicht zuletzt ist das generationell hochbedeutsame Thema der (imaginierten wie konkreten) „Vaterlosigkeit“, bezogen auf den Ersten und den Zweiten Weltkrieg zu erwähnen, das in dem Band ebenfalls mit einem Beitrag von Jürgen Reulecke vertreten ist (S. 243-260). Dass Zugänge zu Generationenthemen nicht immer über Prägungen in Kindheit und Jugend erfolgen müssen, sondern auch über „Alter“, zeigt der Aufsatz von Reimer Gronemeyer („Die Alzheimer-Gesellschaft. Über die Barbarisierung des Alters“, S. 261-270), der auf die Bedeutung generationeller Wandlungen in einer alternden Gesellschaft und somit auf aktuelle Aspekte verweist.

Insgesamt zeichnet sich der Band durch seine kenntnisreiche Reflexion der Facetten und Dimensionen gegenwärtiger wissenschaftlicher Generationendiskurse aus. Für den Leser nachvollziehbar betonen die Herausgeber, in vielen Beiträgen des Bandes gehe es auch um „Grenzen des Verstehens, die mit-konstitutiv für implizite oder explizite generationale Identitäten“ (S. 25) seien. Das mag eines der Probleme sein, mit denen sich Generationenforschung weiterhin wird beschäftigen müssen. Und eine Herausforderung – durchaus im Sinne von Anregung und Ermutigung zu verstehen – haben die Herausgeber auch angesprochen: Es gehe im wissenschaftlichen Generationenspiel stets auch um „Verbindungen“ und „Brüche“, „Übergänge und Grenzziehungen zwischen Generationen“ (S. 9). Vielleicht sind die „Übergänge“, etwa im Sinne von bislang nur ansatzweise beschriebenen „Übergangs- und Zwischengenerationen“ ein Thema, dem sich interdisziplinär angelegte Forschung noch einmal verstärkt widmen könnte.

Anmerkungen:
[1] Hans Jaeger, Generationen in der Geschichte, in: Geschichte und Gesellschaft 3 (1977), S. 429-452. Zu „Generationengeschichte“ in der Geschichtswissenschaft und beispielsweise auch in der Soziologie vgl. Barbara Stambolis, Leben mit und in der Geschichte. Deutsche Historiker Jahrgang 1943, Essen 2010.
[2] Marc Roseman (Hrsg.), Generations in Conflict. Youth Revolt and Generation Formation in Germany 1770-1968, Cambridge 1995.
[3] Hartmut Radebold / Gereon Heuft / Insa Fooken (Hrsg.), Kindheiten im Zweiten Weltkrieg. Kriegserfahrungen und deren Folgen aus psychohistorischer Perspektive, Weinheim, München 2006; Insa Fooken / Jürgen Zinnecker (Hrsg.), Trauma und Resilienz. Chancen und Risiken lebensgeschichtlicher Bewältigung von belasteten Kindheiten, Weinheim 2007.
[4] Jürgen Zinnecker, „Das Problem der Generationen“. Überlegungen zu Karl Mannheims kanonischem Text, in: Jürgen Reulecke / Elisabeth Müller-Luckner (Hrsg.), Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert, München 2003, S. 33-58; vgl. die Rezension von Gerd Dietrich, in: H-Soz-u-Kult, 24.03.2004 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-1-180> (23.04.2010).
[5] In der Reihe „Kinder des Weltkriegs“, in der auch die unter Anmerkung 3 genannten Bände erschienen sind, ist ferner zu nennen: Hartmut Radebold / Werner Bohleber / Jürgen Zinnecker (Hrsg.), Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten, 2. Aufl., Essen 2009 (1. Aufl. 2007); vgl. die Rezension von Lu Seegers, in: H-Soz-u-Kult, 19.09.2008 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-3-178> (23.04.2010).

Zitation
Barbara Stambolis: Rezension zu: Kraft, Andreas; Weißhaupt, Mark (Hrsg.): Generationen: Erfahrung – Erzählung – Identität. Konstanz  2009 , in: H-Soz-Kult, 15.06.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14450>.