M. Hecht: Patriziatsbildung als kommunikativer Prozess

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Titel
Patriziatsbildung als kommunikativer Prozess. Die Salzstädte Lüneburg, Halle und Werl in Spätmittelalter und Früher Neuzeit


Autor(en)
Hecht, Michael
Erschienen
Umfang
377 S.
Preis
€ 52,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gregor Rohmann, Historisches Seminar, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Was passiert, wenn man ein hinreichend kanonisiertes Paradigma wie die „Symbolische Kommunikation“ Münsteraner Prägung auf ein ebenso kanonisches Konzept der Sozialgeschichte anwendet, auf das „Patriziatsproblem“ nämlich? Aus den zahlreichen Arbeiten, die zumal von Barbara Stollberg-Rilinger und Gerd Althoff angestoßen wurden, haben wir gelernt, dass soziale Zustände immer nur als Momentaufnahmen von kommunikativen Prozessen zu verstehen sind. Und seit längerem fragt sich die Sozialgeschichte, welchen deskriptiven und explikativen Wert der in den Handbüchern so allgegenwärtige Begriff des „Patriziats“ bzw. des „Stadtadels“ in der Detailanalyse haben könnte.

So vermag die Prämisse der vorliegenden Arbeit den interessierten Beobachter nicht mehr zu überraschen: Dass nämlich auch eine soziale Formation wie das „Patriziat“ nicht als ständische Entität, sondern wenn, dann als kommunikativ (re-)produzierte, dynamische und relationale Ordnungsvorstellung zu verstehen ist. In seiner bei Werner Freitag in Münster – wo auch sonst? – verfassten Dissertation zeichnet Michael Hecht die dafür konstitutiven Aushandlungsprozesse und Praktiken sozialer Distinktion am Beispiel dreier Städte nach, die ihre ökonomische Basis gemeinsam haben. Denn Halle (Saale), das westfälische Werl und Lüneburg prosperierten gleichermaßen wegen der Salinen in ihren Mauern. Diese Wahl folgt nun wiederum einer alten Forschungstradition: Hatte doch schon Friedrich von Klocke die Pfännerschaften der Salzstädte als paradigmatisch für das „Patriziat“ begreifen wollen.[1] Es ist also nur überzeugend, diese Behauptung im Vergleich zu überprüfen.

Hecht kann dazu den vielfach auf seine Tauglichkeit hin geprüften Werkzeugkasten der Münsteraner Schule in seiner ganzen Breite zur Anwendung bringen – und tut dies mit großer Umsicht und Präzision. Nach einem instruktiven Forschungsbericht zum „Patriziatsproblem“ werden die Pfännerschaften der drei Städte auf Besitz- und Beteiligungsverhältnisse, Organisationsstruktur, soziales Profil, Erinnerungskultur, Initiationsrituale, Zulassungskonflikte, Präzedenzstreitigkeiten und soziale Erkennungszeichen, schließlich auf ständische Rollen (und Prätentionen) sowie Karrieremuster hin untersucht.

Tatsächlich kann die grundsätzliche Annahme einer Korrelation von Salzproduktion und Salzhandel einerseits und Ausbildung eines „Patriziats“ andererseits überzeugend zurückgewiesen werden: Während sich in Lüneburg wirklich ein in vielerlei Hinsicht sozial distinkter, endogamer und ständisch exklusiver „Stadtadel“ etablierte, blieb die Pfännerschaft in der bischöflichen Residenz- und späteren preußischen Verwaltungs- und Universitätsstadt Halle als gesellschaftliche Gruppe schwach konturiert. Nicht sie, sondern eine höfisch orientierte Beamtenaristokratie schloss sich hier im 18. Jahrhundert ständisch nach unten ab. In Werl schließlich, wo das Kollegium der Sülzer seit dem 14. Jahrhundert kollektiv das Sol-Lehen innehatte und wo dessen Mitglieder sukzessive auch die Salzproduktion monopolisieren konnten, bildete sich ebenfalls eine durch Endogamie, vielfältige symbolische Distinktionsmechanismen und historische Kontinuitätsfiktionen stabilisierte exklusive Stadtaristokratie heraus. Sie schied freilich nach dem gescheiterten Versuch, Anschluss an den westfälischen Ritteradel zu finden, 1726 geschlossen aus der Bürgerschaft aus und wuchs so letztlich aus ihrem kommunalen Bezugsrahmen hinaus. In Werl wie in Lüneburg kam dabei seit dem späteren 16. Jahrhundert der Rezeption eines im oberdeutschen Raum entwickelten, humanistisch befruchteten Diskurses über die ständische Qualität des hier erstmals auch so genannten „Patriziats“ große Bedeutung zu – jener Konzeption also, deren anachronistische Rückprojektion bis heute die Handbücher zur mittelalterlichen Stadtgeschichte kontaminiert.

Dem gewählten Forschungsparadigma ist es geschuldet, dass bei alledem Verwandtschaft nur als Konstante, nicht als Variable, nur als Strukturmoment, nicht selbst als Gegenstand der Konstruktion behandelt wird. So hätte man etwa Vererbungsstrategien oder Heiratspolitik der städtischen Eliten in den Blick nehmen können. Auch diente genealogische und familiengeschichtliche Schriftlichkeit nicht nur zur Aufstellung von Traditionsbehauptungen, sondern auch zur Strukturierung von Verwandtschaft als Raum sozialer Austauschprozesse, was etwa für Werl mit seiner vergleichsweise reichen Überlieferung hätte untersucht werden können. Vor allem aber steht nach den Untersuchungen Hechts für die weitere Forschung dringend das Desiderat im Raum, den Blick auf ökonomisch und herrschaftsrechtlich anders gelagerte Stadttypen auszuweiten, für die eben immer noch allzu oft unreflektiert die Existenz eines „Stadtadels“ bzw. eines „Patriziats“ postuliert wird.[2]

Doch diese Ideen für ein Weiterdenken schmälern nicht die herausragende handwerkliche wie inhaltliche Qualität dieser Arbeit. Zu bemängeln bleibt allenfalls, dass hier ein systematisches Paradigma die dahinter stehende kreative Forscherpersönlichkeit fast völlig zu überstrahlen droht. Lesend ertappt man sich bei dem Wunsch, einen Fehler zu finden, der vielleicht aus intellektueller Risikobereitschaft geboren wäre. Mit großer Freude hingegen nimmt man die ganz entsprechende orthographische Makellosigkeit zur Kenntnis, da dem „Institut für vergleichende Städtegeschichte“ die Mittel für ein sorgfältiges Lektorat erkennbar noch nicht ausgegangen sind – unzeitgemäße, gleichwohl wohltuende Perfektion also auch hier.

Anmerkungen:
[1] Friedrich von Klocke, Das Patriziatsproblem und die Werler Erbsälzer, Münster 1965 (verfasst 1931).
[2] Vgl. neben der von Hecht zitierten Literatur: Gregor Rohmann, Joachim Moller gründet ein Geschlecht. Erinnerungsräume im Hamburg des 16. Jahrhunderts, in: Mark Hengerer (Hrsg.), Macht und Memoria. Begräbniskultur europäischer Oberschichten in der Frühen Neuzeit, Köln 2005, S. 91-130; ders., Chroniques urbaines et registres de famille dans les villes allemandes du XVe au XVIIe siècle: comparaison entre Augsbourg et Hambourg, in: Histoire urbaine 28 (2010), S. 17-43.

Zitation
Gregor Rohmann: Rezension zu: : Patriziatsbildung als kommunikativer Prozess. Die Salzstädte Lüneburg, Halle und Werl in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Köln  2010 , in: H-Soz-Kult, 16.09.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14626>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.09.2010
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