R. Thimme (Hrsg.): Schwarzmondnacht

Cover
Titel
Schwarzmondnacht. Authentische Tagebücher berichten (1933-1953). Nazidiktatur – Sowjetische Besatzerwillkür – Überlebensstrategien


Hrsg. v.
Thimme, Roland
Erschienen
Umfang
360 S.
Preis
€ 26,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ruth Wunnicke, Zentrum für Zeithistorische Forschung ZZF Potsdam

Erinnerungen und Niederschriften von Zeitzeugen vermitteln uns einen Eindruck des Vergangenen. Durch sie können wir in einem gewissen Maße Situationen und Ereignisse nachempfinden. In Roland Thimmes Buch „Schwarzmondnacht“ berichten sechs Menschen unterschiedlicher Herkunft – teils in zeitlicher Nähe zum Geschehen, teils mit Abstand von mehreren Jahrzehnten – von Hoffnung und Glaube an den Führer, von der Ablehnung des NS-Regimes, vom Kriegsalltag und vom täglichen Überlebenskampf nach Kriegsende. Bereits vor drei Jahren erschien Thimmes Buch „Rote Fahnen über Potsdam“.[1] Die darin publizierten Tagebücher und Erinnerungen von Marianne Vogt, Ellen Gräfin Poninski und Thimmes Vater Hans Thimme sind im neuen Band durch Texte von Katharina Wille, Hans Chemin-Petits und Werner Schrank ergänzt. Beide Veröffentlichungen ähneln sich in der Zusammensetzung und im Stil.

Ins Zentrum der Publikation stellt Thimme auch diesmal Tagebücher und verschriftlichte Erinnerungen. Anliegen des Autors ist es, die Texte durch gut recherchierte, begleitende Kapitel in ihr zeitliches und lokales Umfeld einzubetten und sie damit dem Leser zugänglicher zu machen. Thimme gliedert das Buch in vier thematische Hauptkapitel, denen je die Erinnerungen und Tagebücher zugeordnet sind. Dabei stellt er jeden Zeitzeugen mit einer ausführlichen Biographie vor.

Im ersten Kapitel werden anhand von Tagebuchauszügen (1933-45) des Historikers und Archivars Hans Thimme, des Vaters des Autors, Wahrnehmungen der gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in Potsdam während des Nationalsozialismus dargestellt. „Von kritischer Distanz zur Ablehnung des nationalsozialistischen Regimes“ hat der Autor diesen Teil überschrieben. Aus den Tagebucheinträgen sprechen die zunehmende Abscheu gegen das NS-Regime und eine kritische Weitsicht Hans Thimmes. Gleichzeitig wird beides konterkariert durch Hans Thimmes Glauben an die „Großmacht Deutschland“ und das deutsche Volk, „das Hitler auf seinem Weg gefolgt ist“ (14.3.1944) (S. 60).

Die „brutale Wirklichkeit“ der letzten Kriegswochen und die sowjetischen Eroberungen in Potsdam und Umgebung sind Thema des zweiten Teils der Studie. Darin werden bekannte Phänomene wie Zerstörungen, Plünderungen, Vergewaltigungen und gleichzeitig Seelenzustände der Menschen zwischen Flucht und Rettung des eigenen Lebens versus Verantwortung für die Heimat und seine Mitmenschen geschildert. So berichtete der Saarmunder Gemeindepfarrer im September 1945 in einem Brief: „Ich konnte in dem Augenblick nicht anders handeln und habe mich mit den Meinen auf den Weg begeben in der festen Absicht, nachdem ich sie in Sicherheit gebracht hatte, wieder nach Saarmund zurückzukehren.“ (S. 88) In seiner Vorbemerkung zu diesem Kapitel widmet sich Thimme vertiefend den Themen Plünderung und Vergewaltigung durch Angehörige der sowjetischen Armee. Hier gibt er nicht nur einen sehr guten Überblick über den Forschungsstand; er sucht auch nach Handlungs- und Erklärungsmustern für die Menschen auf beiden Seiten der Front. Das Ausmaß der Übergriffe sowjetischer Soldaten führt er vor allem auf die Rache- und Vergeltungspropaganda in der sowjetischen Armee zurück.

Die Erfahrungen von „Frauen im Ausnahmezustand“ in den ersten Jahren der Besatzung werden im dritten Teil der Studie thematisiert. Interessant sind diese Berichte – der Chemikerin und Filmcutterin Marianne Vogt, der standesbewussten Ellen Gräfin Poninski und der Offiziersgattin Katharina Wille – in Bezug auf den Umgang mit dem Untergang des Nationalsozialismus und der militärischen Niederlage. Konfrontiert mit dem täglichen Überlebenskampf werden diese Themen nämlich kaum reflektiert oder problematisiert. Die Frauen entwickelten ihre eigenen Strategien, den Alltag zu bewältigen: Marianne Vogt mit handfestem, beinahe frechem, Auftreten; Ellen Gräfin Poninski mit der Beschwörung von Haltung und Disziplin.

Die Erinnerungen an die Jahre 1944-45, die der Potsdamer Komponist und Dirigent Hans Chemin-Petit 1946 niederschrieb, stehen im Mittelpunkt des vierten Kapitels. „Ein integerer Musiker im politischen Spannungsfeld“ überschreibt der Autor dieses Kapitel. Dieses sogenannte „politische Spannungsfeld“ eröffnet sich dem Leser jedoch vornehmlich in Thimmes 27-seitiger biographischer Einführung zu Chemin-Petit. In Chemin-Petits eigenen Erinnerungen wird vielmehr die Tatsache sichtbar, dass vorrangig die Ereignisse im privaten Umfeld die Menschen beschäftigten und chronologisch memoriert wurden. Seine Reflektionen über Hitlers Fanatismus und den Untergang des NS-Reiches sind kurz gehalten. Umso eindrucksvoller lesen sich die Beschreibungen seiner ersten Konzerte nach dem Krieg. Ihm und vielen Potsdamern wurde die Musik in der Nachkriegszeit zum Überlebenselixier.

Nicht nur im Titel, sondern auch im Vorwort des Buches hebt der Autor die „Authentizität“ der Berichte hervor. Doch die quellenkritische Analyse der beschworenen „Authentizität“ bleibt aus. Für Thimme erklärt sie sich einzig aus der zeitlichen Nähe der Niederschriften zum Geschehen, ohne die Verwendung des Begriffs näher zu klären. Damit blendet er sämtliche Diskurse über Oral History und den quellenkritischen Umgang mit Erinnerungen und Tagebüchern aus, ebenso die Tatsache, dass es eine „authentische Erinnerung“ an sich nicht gibt. Vielmehr muss authentische Erinnerung „als Verfremdung des tatsächlichen Ereignisses“[2] gesehen werden.

Indes, nicht einmal die zeitliche Nähe zum Erlebten als Kriterium hielt der Autor in seiner Auswahl der Erinnerungsberichte durch – Marianne Vogt und Ellen Gräfin Poninski überarbeiteten ihre Zeugnisse in späteren Jahren, verfassten sie teilweise sogar anhand von Tagebuchaufzeichnungen neu oder ließen sie von Freunden ergänzen. Im Anhang des Buches veröffentlicht Thimme sogar die erst 2009 verfassten Erinnerungen Werner Schranks, dessen Vater Hans Chefarzt am Potsdamer St.-Josefs-Krankenhaus war. Diese zeitliche Distanz zum Erlebten nimmt Thimme jedoch nicht zum Anlass, den Aussagewert der Erinnerungen für die historische Forschung zu hinterfragen. Vielmehr verweist er im Falle von Marianne Vogt auf ihre 2001 gegebene Versicherung, sie könne sich für die „richtige Wiedergabe der damaligen Ereignisse verbürgen“ (S. 106). Aber wie viel Gehalt bleibt einer Erinnerung, wenn sie nach Jahren neu erinnert und durch Fremderinnerungen und aktuelle Deutungsmuster überlagert wird? Welchen Wert hat so eine Quelle für die historische Forschung? Auf diese Problematik hätte der Autor eingehen sollen, um seine Publikation für die Wissenschaftswelt interessanter zu machen.

Einige der formalen Entscheidungen, die der Autor getroffen hat, sind für den Leser nicht nachvollziehbar. So werden die Kriterien für die Auswahl der publizierten Aufzeichnungen nicht deutlich. Auch die Setzung des zeitlichen Rahmens zwischen Hitlers Machtübernahme und Stalins Tod sowie die räumliche Einschränkung auf den Raum Potsdam bleiben unklar. Es scheint, dass der Autor die zeitlichen und räumlichen Zäsuren eher pragmatisch setzte und diese der zeitlichen Spannweite der Berichte sowie der engen persönlichen Bindung des Autors an Potsdam geschuldet sind.

Dennoch hat diese scheinbar willkürliche Zusammenstellung der Texte auch eine besondere Eindrücklichkeit. Jeder Bericht, jede Erinnerung ist für sich genommen stark und aussagekräftig. Die beschriebenen Bilder und Szenen berühren und schaffen den „Effekt des Authentischen“[3], weil sie die Schmerzen und erlebten Brüche ausdrücken und so der Vergangenheit habhaft werden. Der Verdienst Thimmes liegt in der Aufarbeitung, der guten Kontextualisierung und nicht zuletzt der Veröffentlichung der Berichte. Trotz der benannten Abstriche ist es ein gut lesbares, spannendes Buch und eine Bereicherung für jene Lokalgeschichte, die auch für den historisch interessierten Laien zugänglich ist.

Anmerkungen:
[1] Roland Thimme, Rote Fahnen über Potsdam 1933–1989. Lebenswege und Tagebücher, Berlin 2007.
[2] Hanno Loewy / Berhard Moltmann, Vorwort, in: dies. (Hrsg.), Erlebnis – Gedächtnis – Sinn: Authentische und konstruierte Erinnerung, Frankfurt am Main 1996, S. 7-11, hier S. 7.
[3] Achim Saupe, Authentizität, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.02.2010, URL: <http://docupedia.de/docupedia/index.php?title=Authentizit%C3%A4t&oldid=685688568>.

Zitation
Ruth Wunnicke: Rezension zu: Thimme, Roland (Hrsg.): Schwarzmondnacht. Authentische Tagebücher berichten (1933-1953). Nazidiktatur – Sowjetische Besatzerwillkür – Überlebensstrategien. Berlin  2009 , in: H-Soz-Kult, 27.10.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14643>.
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Veröffentlicht am
27.10.2010
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