B. Majumdar u.a.: India and the Olympics

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Titel
India and the Olympics.


Autor(en)
Majumdar, Boria; Mehta, Nalin
Erschienen
London 2009: Routledge
Umfang
528 S.
Preis
€ 79,88
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Hübner, Jacobs University Bremen

Sport und Sportereignisse finden seit geraumer Zeit immer stärker Beachtung in den Geschichtswissenschaften. Zudem ist immer mehr auch deren soziale und kulturelle Dimension in den Vordergrund getreten. Der Fokus lag hierbei allerdings bisher vor allem auf dem „Westen“. Die Ausweitung auf „periphere“ Gebiete wie zum Beispiel Afrika, Südamerika und Asien ist noch immer im Gange bzw. steht weiterhin aus.[1]

Boria Majumdar und Nalin Mehta haben dementsprechend mit ihrer Monographie zur olympischen Bewegung in Indien, die vor der Veröffentlichung bei Routledge bereits bei Harper Collins Publishers India erschienen war [2], fast gänzlich Neuland betreten. Der Zeitrahmen dieser (ohne Appendix) knapp 380 Seiten starken Studie erstreckt sich daher auch vom Beginn systematischer olympischer Aktivitäten in Britisch-Indien in den 1920er-Jahren bis in die jüngste Zeit. Spezielle Beachtung verdient Indien nicht nur, weil es als erstes Kolonialland überhaupt an den Olympischen Spielen teilnahm. Wichtiger ist die Geschichte der indischen olympischen Bewegung noch, da sie mit der kulturellen Ausbreitung des British Empire, „Modernisierung“ und „Verwestlichung“ verwoben war, genauso jedoch auch mit dem indischen Freiheitskampf, und nach der Unabhängigkeit 1947 mit dem Versuch der Ausbildung einer postkolonialen Identität. Sie stellt allerdings spätestens ab diesem Zeitpunkt zusätzlich eine Geschichte der Korruption und des Versagens dar, die wiederum ein gewisses Licht auf die Verhältnisse im postkolonialen Indien wirft.

Die ersten vier Kapitel betrachten die Entstehung der olympischen Bewegung im kolonialen Indien im Spannungsfeld zwischen Kulturimperialismus, Fürstenrivalitäten und antikolonialem Widerstand. Britischer Sport stellte ein wichtiges kulturelles Bindeglied im British Empire dar und sollte zudem der Vermittlung von ethischen Werten wie zum Beispiel Fairness, Akzeptanz von Kritik und auch Gehorsam dienen. [3] Andererseits war die Kolonie Indien bei den Olympischen Spielen mit den „westlichen“ Großmächten zumindest de jure gleichberechtigt.

Im ersten Kapitel stehen die Aktivitäten zum einen der Young Men's Christian Association (YMCA) bei der Verbreitung des Olympismus in Indien im Vordergrund. Stärker noch gehen die Autoren jedoch auf die ersten bedeutenden einheimischen Sportfunktionäre ein. Fast sofort war ein Machtkampf der indischen Fürsten um Einfluss und Positionen in Sportorganisationen entbrannt, während die meisten Athleten von deren Patronage abhängig waren. Das zweite Kapitel geht auf diese „fascinating mini-battles of intrigue and power play“ (S. 34) in den 1930er- bis 1950er-Jahren ein.

Drittes und viertes Kapitel drehen sich um die bedeutende Rolle von Hockey im kolonialen Indien. Der Gewinn der olympischen Goldmedaille 1928 in Amsterdam war für den indischen Nationalismus von großer Bedeutung. Verstärkt wurde die Wirkung noch durch das Gerücht, Großbritannien habe aus Angst vor einer Niederlage gegen die eigene Kolonie seine Mannschaft vor Beginn des Wettbewerbs wieder abgezogen. Die erneute Hockey-Goldmedaille in Los Angeles in 1932 verschaffte weitere Anerkennung in der Weltpresse.

Der Erfolg in Form von insgesamt sechs hintereinander gewonnen olympischen Hockey-Goldmedaillen (1928-1956) zeigte mindestens für Nationalisten, dass Indien zweifellos auch in weiteren, nichtsportlichen Bereichen mit dem „Westen“ als gleichberechtigt verkehren könne. Als den Hauptgrund für den – in anderen Sportarten ausgebliebenen – Erfolg analysieren die Autoren die Abwesenheit von Spannungen zwischen Spielern und Funktionären aufgrund von Klasse, Kaste oder auch wirtschaftlichen Privilegien. Die meisten Spieler waren als Soldaten oder Universitätsabsolventen nicht von fürstlicher Patronage abhängig und die regionalen Animositäten zudem minimal.

Das fünfte und sechste Kapitel beleuchten Hockey im nun unabhängigen Indien. Im Finale in London 1948 wurde der ehemalige Kolonialherr, der nun zum ersten Mal gegen Indien antrat, auf eigenem Boden 4:0 besiegt. „It was a newly independent nation's declaration against the forces of colonialism, retribution for humiliation meted out by the English for almost 200 years and finally a statement to the world about the significance of 'sport' in an era of de-colonization.“ (S. 99) Das Hockey-Finale 1956 in Melbourne gegen Pakistan war aufgrund der Spannungen zwischen den beiden Ländern ebenfalls ein Spiel um die nationale Ehre. Der Ehrverlust erfolgte jedoch erst 1960 in Rom, auch wenn in einem weiteren „Krieg ohne Schießen“-Finale 1964 das Nachbarland noch einmal besiegt werden konnte. Als Hauptgründe für den langsamen Niedergang stellen Majumdar und Mehta die Tatenlosigkeit und steigende Korruption der Hockey-Funktionäre fest, neben dem Abweichen von funktionierenden Taktiken und dem Besserwerden der anderen Mannschaften.

Die folgenden beiden Kapitel gehen auf die Rolle Indiens in den Asian Games ein. Das siebte Kapitel beschreibt die Entstehung der Idee der Spiele im Rahmen der pan-asiatischen Stimmung in den späten 1940er-Jahren und die schwierigen Vorbereitungen zu den ersten Asian Games in New Delhi 1951. Der Vorläufer, die ebendort 1934 abgehaltenen Western Asiatic Games, das erste größere internationale Sportereignis in Indien, erhält in diesem Zusammenhang allerdings eine arg kurze, lediglich dreiseitige Würdigung. Hier hätte sich der Rezensent etwas mehr erhofft. Im folgenden Kapitel werden die Spiele 1982 in New Delhi betrachtet. Im Vordergrund stehen der Wunsch von Premierministerin Indira Gandhi, nach dem nationalen Ausnahmezustand (1975-1977) ihr Bild in In- und Ausland wieder aufzubessern, sowie die wichtiger werdende Rolle des Medium Fernsehen.

Das neunte Kapitel zeigt die Ausbreitung des Fernsehens als den Hauptgrund, warum Cricket Hockey als populärsten Sport in Indien ablöste. Man fragt sich allerdings, was dies genau mit Olympismus zu tun hat. Im zehnten Kapitel wird noch einmal die Rolle der Armee für die olympische Bewegung thematisiert. Diese besaß zumindest bis Ende der 1980er-Jahre die Ressourcen, indische Sportstars hervorzubringen. Sport stellte seit der Kolonialzeit in militärischen Zirkeln ein Instrument dar, Männlichkeit, Stolz und Corpsgeist zu fördern. Soldaten waren zudem von den Auswirkungen politischer Intrigen relativ unabhängig. Das Buch schließt mit einer Zusammenfassung, in der noch einmal dezidiert auf die Korruption und die quasi-feudalen Strukturen im indischen Sport (und auch der damit verwobenen Politik) hingewiesen wird. Ein über hundert Seiten langer Appendix listet schlussendlich sämtliche indischen Olympioniken bis 2004 auf.

Maßgeblich auf intensiven Recherchen im Olympic Studies Centre des IOC in Lausanne basierend, gibt die Studie eine quellenmäßig sehr fundierte Übersicht zum Thema. Der manchmal allzu populäre Schreibstil stört teilweise etwas, ebenso auch, dass aufgrund der Vollzitation in den Endnoten keine Gesamtbibliographie für nötig empfunden wurde. Neben den Photos von Sportlern wären auch einige von Funktionären und vor allem Stadien erfreulich gewesen, stellten diese doch zum Beispiel bei den Asian Games Orte der Inszenierung der indischen Nation dar. In der Interessenhierarchie der Autoren steht zudem international relevanter und auch publikumswirksamer Elitesport – vor allem die Ereignisse um die Olympischen Spiele und Asian Games – im Vordergrund, was dann auch in sehr guter Weise abgedeckt wird. Dies geht allerdings auf Kosten zum Beispiel einer stärkeren Analyse der Auswirkungen der olympischen Bewegung auf den Massensport in Indien, auf potentielle Debatten um den Wert einheimischer Sportarten oder der Bereitschaft zur Akzeptanz auch der normativen Komponenten der olympischen Idee. Anderseits wird zumindest in den späteren Kapiteln auch auf die wichtige Rolle des Sports für die technische „Modernisierung“ (neben der des Menschen) eingegangen und ebenso die Verwobenheit von Sport und Politik - inklusive der Instrumentalisierung von Ersterem durch Letztere - treffend herausgestrichen. Insgesamt kann also guten Gewissens gesagt werden, dass die Studie ihre angestrebte Rolle als derzeitiges Standardwerk zum Thema erfüllt.

Anmerkungen:
[1] Siehe die entsprechenden Kapitel in: W. Stephen Pope / John Nauright (Hrsg.), Routledge Companion to Sports History, London 2010.
[2] Boria Majumdar / Nalin Mehta, Olympics. The India Story, New Delhi 2008.
[3] Zur Grundidee siehe u.a. James A. Mangan, The Games Ethic and Imperialism. Aspects of the Diffusion of an Ideal, 2. Aufl., London 1998.

Zitation
Stefan Hübner: Rezension zu: : India and the Olympics. London  2009 , in: H-Soz-Kult, 02.09.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14646>.
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02.09.2010
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