S. Kellerhoff: Die Stasi und der Westen

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Titel
Die Stasi und der Westen. Der Fall Kurras


Autor(en)
Felix Kellerhoff, Sven
Erschienen
Hamburg 2010: Hoffmann und Campe
Umfang
352 S.
Preis
€ 23,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Armin Wagner, Bundespräsidialamt, Berlin

„Er ist ein Mann, der dient dem Staat, weil dieses Dienen ihn selbst schützt, ihm seinen Platz gibt“ (S. 72): Das hat im November 1967 Gerhard Mauz über Karl-Heinz Kurras geschrieben, den West-Berliner Polizeibeamten, der am 2. Juni des Jahres den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hatte. Mauz, der bekannte Gerichtsreporter des „Spiegel“, ahnte allerdings ebenso wenig wie der Rest der deutschen Öffentlichkeit, dass Kurras nicht dem Staat vorrangig diente, dessen Uniform er trug. Seit dem Frühjahr 1955 war er nämlich Geheimer Informator des Ministeriums für Staatssicherheit – Inoffizieller Mitarbeiter also, wie das später im MfS-Jargon hieß. Dort nahm er schließlich den Platz ein, an dem ihn das MfS haben wollte: in der Abteilung I der Kriminalpolizei, der Politischen Polizei, und ausgerechnet in dem Kommissariat, das verantwortlich war für den Schutz der eigenen Reihen gegen östliche Infiltration und Verrat.

Sven Felix Kellerhoff, Leitender Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte der „Welt“-Gruppe und der „Berliner Morgenpost“, bettet in seinem neuen Buch die Biographie des West-Berliner Polizisten und Ost-Berliner Spitzel ein: Entscheidend ist ihm die semantisch als „Kurras-Komplex“ verdichtete, über den Einzelfall hinausreichende Spionage und Einflussnahme der DDR in Westdeutschland.

Kellerhoff versteht es, journalistisch geschulte Darstellung mit geschichtswissenschaftlicher Recherche zu einem spannenden Stück Zeitgeschichte zu verbinden. Und er ist meinungsfreudig, wenn er in der Einleitung nichts weniger als eine „Generalrevision der bundesdeutschen Geschichte bis 1989/90“ verlangt (S. 14). Der Einfluss der Stasi müsse verstärkt berücksichtigt werden, denn, wie er später schreibt, „ohne Mitwirkung von SED-Sympathisanten und Spitzeln des MfS im Kampf gegen den Rechtsstaat wäre es nicht zur Eskalation der Jahre 1967 und 1968 mit ihren weit reichenden Folgen gekommen“ (S. 204). Bevor er diese These abschließend wieder aufgreift, zerlegt Kellerhoff sein Thema in drei größere Abschnitte.

In „Der Schuss“ rekonstruiert er zunächst die Ereignisse des 2. Juni 1967 in West-Berlin und geht dabei mit der West-Berliner Polizei kritisch ins Gericht. Über die Straßenschlacht an der Berliner Oper, die dem Tod von Ohnesorg vorausging, hält er fest: „Vieles spricht dafür, dass die Polizeiführung sie billigend in Kauf genommen hatte“ (S. 70). Aber Kurras` Schuss war nicht Teil einer bewusst geplanten staatlichen Eskalationsstrategie und auch kein Auftragsmord der Stasi, wie nach Bekanntwerden der IM-Tätigkeit des Polizisten im Frühjahr 2009 kurz spekuliert worden war, sondern die fatale Fehlreaktion eines einzelnen Beamten. Die Justiz hat anschließend nicht versagt. Einem großen Ermittlungsaufwand folgte eine schnelle Anklageerhebung. Doch konnte die Notwehr-Behauptung von Kurras schlicht nicht widerlegt werden. Unerwartet tauchte eine Augenzeugin auf, die Ehefrau eines anderen Polizisten, die seine Angaben bestätigte, auch wenn das Gericht daran – wohl berechtigt – zweifelte. Neben der Staatsanwaltschaft ermittelte auch der Allgemeine Studentenausschuss (mit der sogenannten Mahler-Kommission), außerdem ein Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses. Immerhin mussten infolge dessen Tätigkeit der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz und Innensenator Wolfgang Büsch zurücktreten, Polizeipräsident Erich Duensing wurde in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Kellerhoff konnte für dieses Kapitel die Unterlagen des Ausschusses ebenso auswerten wie jene des Büros Mahler, die heute im Hamburger Institut für Sozialforschung liegen.

Die Spitzelvita von Karl-Heinz Kurras steht im Mittelpunkt des zweiten Abschnitts („Der Spion“). Wie auch das bereits 2009 publizierte Buch von Armin Fuhrer [1] wesentlich aus Akten der Stasi-Unterlagenbehörde erarbeitet, bleibt dieser Teil fast zwangsläufig hinter der vorangegangenen Rekonstruktion zurück. Denn sowohl der Stasi als auch Kellerhoff ist Kurras ein Rätsel. Warum wurde der Polizist zum Spion? Was macht einen Mann, der drei Jahre wegen unerlaubten Waffenbesitzes im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen eingesessen hat, zu einem fleißigen Zuträger des MfS? Zwischen April 1955 und August 1961 hat sich Kurras mindestens 201mal mit seinem Führungsoffizier getroffen, im Schnitt also alle zwölf Tage, und doch wurde sich das MfS über das Motiv des West-Beamten nicht klar. „Politisch unbeschult“ sei er, so Kurras selbst, zugleich aber verkörpere für ihn „der Weg des Ostens die richtige Politik“ (S. 102). Eigentlich ein Waffennarr, der mit den MfS-Geldzahlungen sein teures Hobby finanzierte? Nicht bloß bleibt Kurras blass, Kellerhoff kann auch ein Problem der BStU-Quellen nicht lösen: Zu vielen Details, die Kurras berichtet hat und die der Autor in seinem Buch aufgreift, fehlen Ergebnisse, Folgerungen, Konsequenzen – weil diese eben in der Akte von Kurras nicht aufgetaucht sind, sondern zu neuen „Vorgängen“ mit wieder eigenen Akten geführt haben. Wegen des konspirativen Hintergrundes der MfS-Aktenablage sind Querverweise dazu heute nur schwer oder gar nicht ermittelbar.

Geschichte verbindet Kellerhoff im dritten Kapitel („Die Genossen“) mit Geschichtspolitik. Er schlägt den Bogen zur Einleitung: Aus dem Einzelfall Kurras wird nun der „Komplex“: Eine Reihe von Beispielen, die sich vielschichtig zu einer systematischen Struktur zu addieren scheinen, illustriert das Wirken der Stasi im Westen. Da geht es um den Unternehmer Hannsheinz Porst, um die Finanzierung der linken Zeitschrift „Konkret“, die Unterwanderung der „Feindzentralen“ in den Westmedien, um den FDP-Politiker William Borm, die linken Studentenblätter „Extra-Blatt“ und „Extra-Dienst“, um die Nutzung der DDR als Transitweg und Rückzugsraum für die erste und zweite RAF-Generation und andere Fälle mehr. Vieles davon ist lange erforscht und wird hier noch einmal für ein breiteres Lesepublikum gefällig präsentiert. Über Kontakte der West-Berliner Studentenbewegung zu SED und MfS bringt Kellerhoff auch neue Einzelheiten. Aber genügt das für die eingangs verlangte Neubewertung westdeutscher Geschichte? Die Attraktion des Realsozialismus in den Farben der DDR für manche Bürger im Westen ist gut bekannt. Doch wie „1967“ und „1968“ ohne die politische Abstrahlung Ost-Berlins verlaufen wären, bleibt notgedrungen Vermutung und ist mit wissenschaftlichem Anspruch nicht zu beantworten. Die auch von Kellerhoff gestützte These von der durch SED und MfS „unterwanderten Republik“, die vor einem Jahrzehnt schon Hubertus Knabe vermarktet hat [2], ist trotz Kurras und Konsorten nicht haltbar, was die Gesamtbilanz betrifft. Die Stasi hatte zwar – mit Jens Gieseke – „Bonn im Blick“, aber letztendlich nicht „im Griff“, denn: „Gerade die pluralen und komplexen Entscheidungsprozesse demokratischer Zivilgesellschaften waren durch die covert action fünfter Kolonnen nicht nachhaltig beeinflussbar“ [3].

Wie bei allen zeitgeschichtlich strittigen Themen kommt die Diskussion um den Einfluss des MfS auf Politik und Gesellschaft der alten Bundesrepublik nur mit Sachlichkeit voran. Verbale Abrüstung ist allen zum Thema Publizierenden zu empfehlen. [4] Der Stasi die Gestaltungsmacht für eine „Generalrevision“ der westdeutschen Geschichte zuzuschreiben, überschätzt deren Einfluss sowohl zeitgenössisch wie in nachträglicher Sicht. Mit einiger Berechtigung weist Kellerhoff allerdings auf echte Leerstellen hin: Die Einflussnahme des MfS etwa auf den Deutschen Bundestag ist noch immer nicht ausführlich aufgearbeitet. In seinem Buch umkreist er mithin eine zentrale Frage, ohne sie entschieden genug zu thematisieren: Was eigentlich hat so viele Bürger, die in der Bonner Republik ein bis dato in Deutschland unbekanntes Maß an Freiheit und Wohlstand erleben konnten, für die Ansprache eines autoritären Staates verführbar gemacht? Die Rede vom „Kurras-Komplex“ als Versinnbildlichung der „Stasi im Westen“ einmal akzeptiert, steht dieser damit letztendlich nicht allein für den politischen Einfluss der SED auf die Bundesrepublik, sondern dringender noch für die Frage nach der gesellschaftlichen conditio humana im Westdeutschland und West-Berlin des Kalten Krieges.

Anmerkungen:
[1] Armin Fuhrer, Wer erschoss Benno Ohnesorg? Der Fall Kurras und die Stasi, Berlin 2009.
[2] Hubertus Knabe, Die unterwanderte Republik. Stasi im Westen, Berlin 1999.
[3] Jens Gieseke, Der Mielke-Konzern. Die Geschichte der Stasi 1945-1990, München 2006, S. 245.
[4] Das gilt besonders für die polemische Kritik von Michael Sontheimer, der selbst Gefahr läuft, ideologisch zu argumentieren, wenn er unterstellt, der Springer-Journalist Kellerhoff sei ein „Ideologieproduzent“ und habe nur die Hausaufgaben seines Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner erledigt; vgl. Alle Stasi außer Mutti, in: Spiegel Online, 26.03.2010, <http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/ 0,1518,685483,00.html> (14.04.2010).

Zitation
Armin Wagner: Rezension zu: : Die Stasi und der Westen. Der Fall Kurras. Hamburg  2010 , in: H-Soz-Kult, 08.07.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14687>.
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08.07.2010
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