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Titel
Karl Hermann Frank (1898-1946). Politische Biographie eines sudetendeutschen Nationalsozialisten


Autor(en)
Küpper, René
Erschienen
München 2010: Oldenbourg Verlag
Umfang
VIII, 456 S.
Preis
€ 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Karel Hruza, Institut für Mittelalterforschung, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien

Der 1898 in Karlsbad geborene und 1946 in Prag als NS-Verbrecher verurteilte und hingerichtete Karl Hermann Frank gehört, zieht man etwa seine Nennungen in den Registern moderner Hitler-Biografien oder Handbücher zur NS-Geschichte als Gradmesser heran, zu den bisher weniger beachteten Personen der NS-Führung.[1] In Tschechien steht Frank in seinem Bekanntheitsgrad an der Seite Konrad Henleins und Reinhard Heydrichs. Mit dieser historisch bedingten Popularität Franks gehen bis heute simple und emotionale Qualifikationen einher wie beispielsweise: „Des Führers ‚unentbehrlicher Kenner‘ [der tschechischen Verhältnisse] K. H. Frank ist allgegenwärtig. Von Anbeginn seiner politischen Karriere, als er sich den Kampf gegen die verhassten Tschechen als Lebensziel wählte, ist dieses Streben der Sinn seines Lebens, das Alpha und Omega jeglicher seiner Tätigkeit.“[2]

Die Antwort auf die Fragen, wie Frank seine politische Praxis gestaltete, welchen Leitlinien er folgte und welcher Stellenwert innerhalb der NS-Elite ihm zukam, beantwortet die 2007/08 in Köln approbierte Dissertation René Küppers. Sie ist die erste deutsche und die erste eindeutig wissenschaftliche Biografie Franks, die, auf breiter Quellenbasis erstellt, mit ihrer Konzentration auf rein politische Aspekte traditionell ausgerichtet ist. Weil die Bestände des Prager Nationalarchivs 1997–2001 schwer oder gar nicht zugänglich waren, verzögerte sich die Fertigstellung der Arbeit, was in der Rezeption neuester Literatur Spuren hinterließ (siehe unten).

Die Arbeit ist in fünf Kapitel gegliedert: I. Einleitung, II. Franks politische Tätigkeit in der Tschechoslowakei und im Reichsgau Sudetenland, III. Franks politische Konzeption und Besatzungspolitik im Protektorat 1939–1945, IV. Nachspiel: Prozess, Selbstrechtfertigung und -stilisierung, Hinrichtung, V. Schlussbetrachtung. Die wichtigsten Kapitel II bis IV machen den Hauptteil des Buches aus, wobei Küpper Franks Wirken vom August 1943 bis Mai 1945 „die größte Bedeutung“ (S. 9) zumisst. Ausführlich behandelt Küpper Franks politische Sozialisation, der früh als Sympathisant der Völkischen greifbar ist und als „Negativist“ zu gelten hat, der kein Tschechisch lernen wollte und Kontakte zu Tschechen vermied. Frank nahm an Freikorpskämpfen in Schlesien teil, entfaltete ein breites Engagement in sudetendeutschen Volkstumsverbänden und arbeitete in der DNSAP eng mit Rudolf Jung zusammen. Des Weiteren beschreibt Küpper das berufliche Scheitern Franks als Verlagsbuchhändler, seinen Aufstieg seit 1934 als Mitglied der Hauptleitung der Sudetendeutschen Heimatfront und anschließend in der Sudetendeutschen Partei (SdP), schließlich sein kurzes Wirken im Reichsgau Sudetenland und anschließend seine Tätigkeit als Staatssekretär im Amt des Reichsprotektors in Böhmen und Mähren unter Konstantin von Neurath. Der Verfasser analysiert gewissenhaft die deutsche Besatzungspolitik und den Anteil Franks und dessen Germanisierungskonzept. Die wenigen Monate unter dem stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich werden kürzer gefasst, da sie innerhalb des Untersuchungsgegenstandes zu den besterforschten gehören. Nach Heydrichs Tod im Juni 1942 gelang es Frank langsam und beständig, unter und schon neben dem stellvertretenden Reichsprotektor Kurt Daluege zum Zenit seiner Machtausübung aufzusteigen, eine Position, die er seit 1943 als Deutscher Staatsminister für Böhmen und Mähren unter dem schwachen Reichsprotektor Wilhelm Frick einnahm und bis in die letzten Kriegsmonate halten konnte. Eingebunden in seine Darstellung hat Küpper die Tätigkeit Franks als SS-Obergruppenführer, als Höherer SS- und Polizeiführer im Protektorat 1939–1945, seit 1944 auch im Reichsgau Sudetenland, und als Leiter des SS-Oberabschnitts Böhmen und Mähren. Diese Funktionen Franks gehören mit zum Erklärungsraster, wenn es um die Analyse des wachsenden Einflusses der SS auf die deutsche Protektoratspolitik geht. Trotz des chronologischen Aufbaus der Studie gibt es fast keine störenden Wiederholungen, und in den einzelnen Kapiteln hat der Autor „strukturelle Analysen“ zu bestimmten Themenbereichen einbezogen. Dieses Vorgehen ist gelungen und beschert dem Buch eine sehr gute Lesbarkeit.

Küpper kommt in seiner „Schlussbetrachtung“ (S. 403–408) zu der Ansicht, dass Frank, als er zu Beginn der 1930er-Jahre Politiker wurde, „über eine geschlossene Weltanschauung [verfügte], die wesentlich von Feindbildern geprägt war: die Tschechen als nationaler Gegner, die Juden als ‚rassischer‘ Gegner, die sudetendeutschen Demokraten und Kommunisten als Verräter“. Nach dem Münchner Diktat vom Herbst 1938 war Frank „der einzige Sudetendeutsche, den im ‚Dritten Reich‘ eine steile Karriere in eine führende Stellung mit tatsächlichem politischem Einfluss führte“. Seine „personelle Verbindung von SS- und Staatsämtern stellte im nationalsozialistischen Herrschaftssystem übrigens einen Sonderfall dar“, und ermöglichte es Frank unter anderem, eine durchaus eigenständige Politik mit persönlicher Initiative zu gestalten.[3] Obwohl Frank als „militanter sudetendeutscher Tschechenhasser“ einzustufen ist, wurde dieses Moment nicht zur leitenden Maxime seiner Protektoratspolitik. Bestimmte „Erfolge“ (diese versteht Küpper „zweckrational, im Sinne einer moralfrei instrumentalisierten Vernunft“) der Protektoratspolitik Franks mit dem Ziel, ‚Ruhe und Ordnung‘ und die kriegswichtige Produktion aufrecht zu erhalten, sind auf eine durchdachte Konzeption, die eine „abgestufte und gezielte Handhabung von Repressalien“ integrierte, zurückzuführen. Wohl zu Recht bemerkt Küpper – ohne damit Frank entlasten zu wollen – dass „nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich noch erheblich mehr Tschechen den Repressalien zum Opfer gefallen wären, wenn […] Kurt Daluege ohne Frank oder gar Erich von dem Bach-Zelewski in Prag amtiert hätte“. Frank hat sich damals aus „Nützlichkeitserwägungen“ immerhin „weitreichenden Vernichtungsbefehlen“ Hitlers entgegen gestellt, obwohl diesem Franks Loyalität „in erster Linie“ gegolten haben dürfte. Denn „Franks offenbar absolute Überzeugtheit vom Rassenstandpunkt der SS, der in den Tschechen ein großenteils ‚hochwertiges Volkstum‘ sah, wie auch das Erfordernis, die wirtschaftlichen und personellen Ressourcen des Protektorats maximal auszubeuten, begünstigten eine relativ maßvolle Tschechenpolitik […].“ Gilt das für die vom Historiker analysierbare Politik Franks, so „klassifiziert“ Küpper das „Fernziel“ Franks trotzdem „insofern als genozidal“, „als es auf die Vernichtung der Tschechen als Volk abzielte, wenn dies auch für etwa die Hälfte durch Germanisierung, also Aufstieg zu vollwertigen Mitgliedern der Herrenrasse und nicht durch Ausrottung oder zwangsweise Aussiedlung erfolgen sollte“.

Leider verfügt das Buch über keinen Bildanhang. Gegenwärtig hat die Frage nach der visuellen bzw. medialen Präsenz berechtigterweise an Gewicht gewonnen, und gerade zu Frank existieren viele Fotografien und Filmdokumente, deren Auswertung sich anbietet. Die Integration einer wenigstens kurzen Analyse der medialen Präsenz Franks hätte geholfen, einige der von Küpper aufgeworfenen Fragen noch schärfer zu beantworten. Erinnert sei nur daran, dass in den meisten Filmdokumenten über Heydrich im Protektorat Frank an dessen Seite, fast wie Heydrichs Schatten, zu sehen ist. Hinzuweisen ist hier vor allem auf den zwar kommunistisch tendenziösen, nichtsdestotrotz aufschlussreichen Dokumentarfilm über Frank „Semena nenávisti“ („Samen des Hasses“, Regie: Drahoslav Holub, ČSSR 1979), der seit 2009 als DVD erhältlich ist.

Küpper konzentriert sich auf das politische Wirken Franks, und zwar dergestalt, dass etwa Franks zweite Ehefrau Carola nur ganz beiläufig (S. 63f.) erwähnt wird. Ähnlich ergeht es anderen Familienangehörigen, über die man gern mehr erfahren hätte, allein um Frank als Mensch etwas plastischer werden zu lassen.[4] Auch die kurzen Ausführungen zur Hochschul- und Schulpolitik (S. 197-200) hätte man sich länger gewünscht, wie sich bei Behandlung der Deutschen Universität in Prag das Fehlen neuester Literatur bemerkbar macht (S. 199f.). Kleine Fehler sind bei einem so quellengesättigten und faktenreichen Buch schwer vermeidbar, fallen aber nicht ins Gewicht.[5] Auffallender ist dagegen, dass Küppers Arbeit in einigen wesentlichen Bereichen grob um 2000 entstanden zu sein scheint und bis 2009 erschienene Literatur nicht mehr vollständig aufgenommen werden konnte.[6] Diese Mankos schmälern aber die große wissenschaftliche Leistung Küppers nicht.

Küpper stellt Frank insgesamt „eher in die Reihe der SS-Technokraten wie Reinhard Heydrich und Werner Best“ (S. 408). Frank war im Protektorat, „in diesem begrenzten, aber wirtschaftlich enorm wichtigen Gebiet der richtige Mann in der richtigen Position, weil er die genaue Kenntnis der dortigen politischen Szenerie mit ‚weltanschaulicher‘ Konformität, der als Tugend apostrophierten ‚Härte‘ gegen echte und vermeintliche Gegner sowie pragmatischem Kalkül in der Erreichung gesetzter Ziele verband“ (S. 408). Der Forschung wird die hervorragende politische Biografie eines bisher in der Wissenschaft zu Unrecht vernachlässigten hohen NS-Funktionärs vorgelegt, der wegen ihrer Stringenz der Themenbehandlung, ihrer Ausführlichkeit der Analysen und ihres weitgehenden Verzichts auf spekulative Rückschlüsse Vorbildfunktion zukommt. Das Buch bietet einen gewichtigen Beitrag zu den Biografien hoher NS-Funktionäre und gleichzeitig zur deutschen Besatzungspolitik im Protektorat. Auch von daher ist eine Übersetzung des Buches ins Tschechische höchst wünschenswert.

Anmerkungen:
[1] Noch bezeichnender ist, dass Peter Longerich, Heinrich Himmler. Biographie, München 2008, im Register seines umfänglichen Werkes nur fünf Verweise auf Frank anführt.
[2] So etwa der Autor pathetischer Bildbände Jaroslvav Čvančara, Heydrich, (o.O.) 2004, S. 230, vgl. auch S. 275 und S. 278 polemisch zu Franks Sprechweise und Aussehen.
[3] Die „personelle Verbindung von SS- und Staatsämter“ war so selten nicht, genannt sei nur der von Küpper mehrmals angeführte Gauleiter von Niederdonau (S. 140 irrtümlich „Oberdonau“), der es bis zum Grad eines SS-Obergruppenführer brachte.
[4] Zu einem biografischen Zugang, mit dem der Porträtierte auch als Mensch erfasst werden soll, siehe Longerich, Himmler, S. 9–13.
[5] So wird etwa angeführt, Frank sei „Ende 1925 in die Tschechoslowakei zurückgekehrt“ (S. 48), eine Seite weiter wird diese Rückkehr jedoch auf „Anfang 1926“ datiert (S. 49).
[6] Relevante Titel wären: Čvančara: Heydrich; Michael Wladika, Hitlers Vätergeneration. Die Ursprünge des Nationalsozialismus in der k.u.k. Monarchie, Wien 2005; Jörg Osterloh, Nationalsozialistische Judenverfolgung im Reichsgau Sudetenland 1938–1945, München 2006; Jan Gebhart / Jan Kuklík, Velké dějiny zemí koruny České XV.a–b 1938–1945 [Große Geschichte der Böhmischen Länder XV.a–b 1938–1945], Praha 2006/7; Alena Míšková, Die Deutsche (Karls-) Universität vom Münchener Abkommen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, Prag 2007; Karel Hruza, Der deutsche Insignien- und Archivalienraub aus der Prager Universität 1945. Mit einem Briefwechsel zwischen dem Universitätsarchivar Heinz Zatschek und dem Präsidenten der Monumenta Germaniae Historica Theodor Mayer, in: Bohemia. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder 48 (2008) S. 349–411; Jan B. Uhlíř, Protektorát Čechy a Morava v obrazech, Praha 2008.

Zitation
Karel Hruza: Rezension zu: : Karl Hermann Frank (1898-1946). Politische Biographie eines sudetendeutschen Nationalsozialisten. München  2010 , in: H-Soz-Kult, 17.11.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14747>.
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17.11.2010
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