Cover
Titel
Stalin. Der entfesselte Revolutionär, 2 Bde.


Autor(en)
Löwe, Heinz-Dietrich
Erschienen
Göttingen u.a. 2002: Muster-Schmidt Verlag
Umfang
424 S.
Preis
€ 28,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Mario Keßler, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Seit vielen Jahren bringt der Musterschmidt-Verlag handliche, für einen breiten historisch interessierten Leserkreis bestimmte Biographien heraus. Die zweibändige, durchgehend paginierte Darstellung Stalins ordnet sich in dieses Programm ein. Ihr Verfasser, der in Heidelberg lehrende Osteuropa-Historiker Heinz-Dietrich Löwe, ist vor allem als Spezialist für den russischen Antisemitismus bekannt geworden. Seine in knapper Diktion gehaltene, auf abgehobenen Jargon verzichtende Stalin-Biographie enthält einen umfangreichen Literaturbericht, der zum weiteren Studium anregt, ein Glossar sowie Hinweise zur Aussprache russischer Namen und Begriffe (allerdings heißt es durchgängig ‚die’ statt richtig das Kominform).

Der Schwerpunkt von Löwes Darstellung liegt auf Stalins praktischer Politik als Partei- und Staatsführer. Seine – zu Lebzeiten als Fortentwicklung des Marxismus gerühmten – theoretischen Schriften werden nur knapp referiert. Löwe zeigt überzeugend, wie virtuos es Stalin verstand, innerhalb der Partei sogar dann seine Machtpositionen auszubauen, als sein äußeres Ansehen auf einem Tiefpunkt angelangt schien. Als „Lehrling“ wie als “Geselle der Revolution“ (S. 35, 48) ging Stalin in den parteiinternen Machtkämpfen immer mit den potentiell stärksten Bataillonen, und er erkannte, dass diese von Lenin geführt wurden.

Doch Löwe weist immer wieder darauf hin, daß Stalin nicht auf einen kritiklosen Gefolgsmann Lenins reduziert werden kann; schon zeitig (so in der Agrarfrage) habe er von Lenin abweichende Positionen vertreten, die natürlich Jahrzehnte später in der Sowjetunion nicht diskutiert werden durften. Stalin war sehr früh ein eigenständiger Politiker, der seine Ziele auf Um- und Schleichwegen verfolgen konnte, sie taktisch verschleierte oder zurückstellte, wann immer ihm dies geboten schien, der aber niemals von ihnen abwich. Mit Recht bezeichnete ihn sein Opfer Bucharin als den „großen Dosierungskünstler“ (S. 382).

Seine größte Stärke war, auch dies macht Löwe deutlich, dass er hinter den Kulissen eine eigenständige Machtposition innerhalb der Partei aufbauen konnte. Er zog listig ins Kalkül, dass all seine innerparteilichen Gegner ihn unterschätzten und glaubten, ihn für ihre jeweiligen Zwecke einspannen zu können. Da Trotzki, Sinowjew und Kamenew, aber auch Bucharin, als Intellektuelle dazu neigten, nur die Stärken an ihren Rivalen wahrzunehmen, die sie selbst auszeichneten, blieb Stalin für sie ein großer, grauer Fleck, wie Trotzki ihn abschätzig nannte. All dies verstärkte die ohnehin in Stalin angelegte Abneigung gegenüber Intellektuellen bis zum Hass.

„Es waren Zinov‘ev und Kamenev, die Stalins Kandidatur [für den Posten des Generalsekretärs; M.K.] betrieben, wohl auch der anfangs etwas zögerliche Lenin“, schreibt Löwe. „Dabei hatte es früher schon Widerspruch gegen Stalins Ämterhäufung gegeben, aber Zinov’ev und Kamenev suchten eine Kreatur, die, ihnen selbst ungefährlich, behilflich sein würde, den Aufstieg Trockijs zu verhindern und den eigenen vorzubereiten. Sie sollten die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben.“ (S. 114)

Dabei nutzte Stalin äußerst geschickt das auch in der bolschewistischen Partei (wie in der russischen Gesellschaft) funktionierende Klientelsystem. „Historisch gesehen, hatte die zaristische Bürokratie dieses mehr und mehr zurückdrängen können. Verstärkt wurde diese Entwicklung noch durch die Einführung der Duma, einer gewählten gesetzgebenden Kammer. Die Rückkehr zu solchen historisch älteren Mustern ergab sich vielmehr aus den Bedingungen und Verwerfungen der frühen Sowjetzeit mit einiger Zwangsläufigkeit. Lokale Eliten bedurften dieses Klientelsystems und des Schutzes eines in der Spitze repräsentierten Klientelherren, um mit den Konflikten zwischen Alt und Jung, zwischen alten Bolschewiki und neuen Parteimitgliedern, zwischen nationalen oder ethnischen Gruppen und zwischen den Geschlechtern fertig werden zu können. Institutionen und ihre Interessen spielten eine Rolle genauso wie persönliche Eigenschaften und persönliche Beziehungen. Stalin nutzte schon sehr früh die Möglichkeiten, aufgrund der Konflikte zwischen verschiedenen Klientelgruppen zunehmend die Zentrale ins Spiel zu bringen, sicher auch mit der Methode, nicht vorhandene lokale Konflikte erst zu schaffen, um die Macht der Zentrale und zunehmend seines eigenen persönlichen Kreises und dann seines eigenen persönlichen Sekretariats über die Provinzbürokratien und Bosse zu stärken.“ (S. 119)

Löwe schildert in knappen Worten Stalins Weg zur Macht und seinen Triumph über all seine Widersacher, letztlich auch über Lenin. Überzeugend weist er nach, dass der Abbruch der Neuen Ökonomischen Politik keineswegs erst 1928/29 erfolgte, sondern von Stalin seit Mitte der zwanziger Jahre betrieben wurde. Entgegen kam ihm dabei die in der bolschewistischen Partei allgemein verbreitete Furcht, das Regime könne von einer erstarkenden Klasse kapitalistischer Großbauern verdrängt werden. Ein solches innerparteiliches Klima bot Stalin die nötige Unterstützung für seinen brutalen Feldzug nicht nur gegen die Kulaken, sondern auch gegen die Mittelbauern. Die Folgen waren für die sowjetische Landwirtschaft ausschließlich negativer Natur und sind sogar in der nachsowjetischen Ära noch spürbar. Auch die Industrialisierungspolitik sieht Löwe letztlich als kontraproduktiv: Ein mit weniger Druck betriebener Umbau der Wirtschaft hätte bessere Ergebnisse gezeigt und das Land sogar besser vorbereitet in den Zweiten Weltkrieg gehen lassen.

Die allgemein als „Säuberungen“ bezeichnete Ausrottung der bolschewistischen Partei, nicht des bolschewistischen Machtsystems, sieht Löwe keineswegs als irrationalen Blutrausch Stalins und seiner Komplicen. Die ungehemmte Brutalität der Massaker bedeutete nicht, dass ihnen keine Systematik innewohnte. Vielmehr wurden die potentiellen innerparteilichen Gegner gezielt umgebracht – darunter solche, deren Gedankengut noch eine Kontinuität zur vorrevolutionären russischen Arbeiterbewegung aufwies. Löwe zeigt aber auch, dass ein relevanter Teil des Parteiapparates und des „Fußvolks“ von den Massenrepressalien profitierte. Eine ganze Schicht der Nomenklaturkader erlebte einen raschen Aufstieg innerhalb der Hierarchie. Auf sie, der auch Stalins Nachfolger (mit der einzigen Ausnahme Gorbacevs) entstammten, stützte sich das System von dosiertem Terror, kontrollierter Repression und selektiv gewährten Privilegien.

Trotz zeitweiliger Erfolge, so in der Alphabetisierung, zieht Löwe eine durchgängig negative Bilanz des Stalinschen Regimes. Hingegen benennt er ohne Umschweife den Sieg über Hitlerdeutschland als den wichtigsten Beitrag der Sowjetunion zur menschlichen Zivilisation. Doch glaubt Löwe wohl allzusehr den insgesamt eher lückenhaften Quellen, nach denen Stalin den Gedanken eines Präventivkrieges gegen Deutschland 1941 erwogen habe. Im Unterschied zu anderen Darstellungen klingt bei Löwe aber nicht die leiseste Rechtfertigung des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion an.

Für die Nachkriegszeit stehen, so Löwe, in bezug auf Stalins persönliche Entscheidungen in der Politik wohl die wenigsten Quellen zur Verfügung. Was Motive und Beweggründe des Diktators betrifft, stimmt dies sicher, nicht aber mit Blick auf die zerstörerischen Auswirkungen seines Tuns. Löwe zeigt die innere Logik einer Terrormaschine, die sich vor allem an den Stützen der eigenen Herrschaft vergriff. Da der Parteiapparat die gesamte Führungselite des Landes beherrschte oder aufgesogen hatte, konnte dies nicht anders sein: Jede oppositionelle Regung fand zuerst innerhalb der Partei ihren Ausdruck. Gerade deshalb war sie ständigen „Säuberungen“ unterworfen, die ihre angebliche Einheit und „Reinheit“ zu sichern hatten.

Als Spezialist für den russischen und sowjetischen Antisemitismus behandelt Löwe natürlich auch Stalins Haltung gegenüber den Juden. Sein Fazit ist bündig: Stalin sei ein Antisemit gewesen, der aber keine Scheu hatte, sich der Juden zu bedienen, wenn dies in sein Kalkül passte. Löwe benennt einige der antijüdischen Praktiken bereits der dreißiger Jahre, insbesondere die zielgerichtete Verdrängung von Juden aus dem Staatsdienst. „Bedenklicher muß die Behandlung der Juden in den durch den Hitler-Stalin-Pakt gewonnenen Gebieten stimmen, vor allem die Deportationen von rund einer Viertelmillion Juden und der geringe Anteil von Juden am Führungspersonal in Partei und Bürokratie dieser Region.“ (S. 380) Gewiss, doch gerade diese Deportationen retteten das Leben der Juden, die andererseits vom Naziregime ermordet worden wären. Löwe fasst die Diskussionen um den schändlichen geplanten Ärzteprozess und die antisemitischen Repressionen der Jahre 1949-53 gut zusammen. Sein Urteil, dass es für einen Plan Stalins, die Juden in den Fernen Osten zu deportieren, der Beweise ermangele, ist wohl richtig.

Stalin war, so der Autor, „nicht wahnsinnig und keineswegs in dem Sinne neurotisch, daß dies ihn an ganz klaren, aus seiner Sicht rationalen Entscheidungen oder Aktionen gehindert hätte. Er zeigt sich nach geläufigen Vorstellungen völlig amoralisch, sein Gesetz war das Wohl der Revolution und Bewahrung seiner politischen Stellung, was für ihn, in seinem wohl narzistisch zu nennenden Geltungsdrang, in seiner Unfähigkeit, von der eigenen Person zu abstrahieren, dasselbe war.“ Löwe ist zuzustimmen, wenn er schreibt: „Seine Ideologie gab ihm die grobe Richtung seines Handelns vor, sie bestimmte seine Wahrnehmung politischer und sozialer Realitäten.“ Nicht zustimmen kann der Rezensent dem Urteil des Autors: „Stalin blieb zeit seines Lebens ein Marxist bzw. Marxist-Leninist.“ (S. 400)

Ganz sicher betrachtete sich Stalin als ein solcher. Doch der Marxismus, der den Kapitalismus zu analysieren sucht, um die in ihm schlummernden Voraussetzungen der sozialistischen Revolution wachzurufen, und auch der Leninismus mit seinem strikt internationalistischen Appell unterscheiden sich qualitativ von Stalins Messianismus. Dieser verband russische Traditionen und eine entstellte politische Philosophie, die als Marxismus ausgegeben wurde, zu einer Botschaft, die im bolschewistischen Russland größere Menschenmassen in Bewegung setzte, als die sich aus Aufklärung und Rationalismus speisende Theorie von Marx und Engels dies je vermocht hätte.

„Die Gesellschaft, die er so schuf, erwies sich aber langfristig nicht als überlebensfähig“, so Löwes knappes Fazit über Stalins Herrschaft (S. 400). Dem kann der Rezensent nur teilweise beipflichten. Mehr als bloße Versatzstücke des Stalinismus überdauerten sein Regime. Das sowjetische Herrschaftssystem wurde beseitigt, doch seine Funktionselite hat sich zur neuen Kapitalistenklasse gemausert – wie Trotzki es 1936 annahm. Verlierer sind die überflüssig gewordenen Parteipropagandisten, Politoffiziere und Angestellten der unbeweglichen Mammutorganisationen, die von Staatsgeldern unterhalten worden waren.

Vor allem aber hat die russische Industriearbeiterschaft verloren: In Revolution, Bürgerkrieg, Stalinschem Terror und Zweitem Weltkrieg ausgeblutet, war sie in keiner Weise imstande, Einfluss auf die Geschicke des Staates zu nehmen. Sie war nicht jene Klasse, von der Marx und Engels, ansatzweise Lenin und in Worten sogar Stalin, den Aufbau des Sozialismus erwarteten. Stalins Anstrengungen, ihre revolutionäre Tradition abzutöten, war erfolgreich. Hingegen überdauern großrussischer Nationalismus und Antisemitismus. Stalin sah die Juden als einen Fremdkörper in Russland. Durch die fast geschlossene Auswanderung hat sich die zweitgrößte jüdische Diaspora der Welt inzwischen aufgelöst, der angebliche Fremdkörper ist von der russischen Erde fast verschwunden.

Auch Stalins Bestrebungen, die eigenständige russische Kultur in ihren vielen Varianten zu vernichten, muss als gelungen bezeichnet werden. Zwar gibt es noch immer oder wieder ein Kulturleben in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, aber sein Niveau ist heute, verglichen mit den experimentierfreudigen zwanziger Jahren, um so vieles niedriger wie die deutsche Kultur der Gegenwart im Vergleich mit der Weimarer Republik. Am erfolgreichsten war Stalin jedoch in der Liquidierung sozialistischen Gedankengutes. Ein aufklärerischer demokratischer Marxismus hat in Russland keine Heimstatt mehr, der Sozialismus, in welcher Gestalt auch immer, keine politische Perspektive. So bleibt Leo Trotzkis Fazit: „Niemand, Hitler inbegriffen, hat dem Sozialismus so tödliche Schläge versetzt wie Stalin. Es ist auch nicht verwunderlich: Hitler hat die Arbeiterorganisationen von außen attackiert, Stalin – von innen. Hitler attackiert den Marxismus, Stalin attackiert ihn nicht nur, sondern prostituiert ihn auch. Es ist nicht ein ungeschändetes Prinzip, es ist nicht eine unbefleckte Idee übriggeblieben. Selbst die Worte Sozialismus und Kommunismus sind grauenhaft kompromittiert.“

Zitation
Mario Keßler: Rezension zu: : Stalin. Der entfesselte Revolutionär, 2 Bde.. Göttingen u.a.  2002 , in: H-Soz-Kult, 05.12.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1475>.
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05.12.2002
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