H. Leidinger u.a.: Streitbare Brüder Österreich-Deutschland

Cover
Titel
Streitbare Brüder. Österreich : Deutschland. Kurze Geschichte einer schwierigen Nachbarschaft


Autor(en)
Leidinger, Hannes; Moritz, Verena; Moser, Karin
Erschienen
St. Pölten 2010: Residenz Verlag
Umfang
298 S.
Preis
€ 21,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Benno Gammerl, Forschungsbereich Geschichte der Gefühle, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin

„Österreicher und Deutsche mögen sich mehr als man glaubt. Oder doch nicht?“ (S. 180) Diese fragend entkräftete Feststellung fasst den Gestus des Buches über die „verfreundeten Nachbarn“ Österreich und Deutschland treffend zusammen. Der Band will sich nicht systematisch zu eindeutigen Ergebnissen durchringen. Vielmehr sucht er in ausgewählten Teilen des deutsch-österreichischen Beziehungsgeflechts auf mal müh- und mal unterhaltsame Weise nach historischen und zeitgenössischen Abgrenzungen, Annäherungen und Ambivalenzen.

Dabei behandeln die Historiker/innen Hannes Leidinger und Verena Moritz, beide vom Institut für Geschichte an der Universität Wien, sowie Karin Moser vom Filmarchiv Austria – „drei Wiener Autoren mit verschiedenen (alt-)österreichischen Wurzeln“ (S. 12) – ihren Gegenstand vor allem aus österreichischer Perspektive, ohne jedoch den deutschen Gegenblickwinkel gänzlich außer Acht zu lassen. Obwohl sich die Forschungsinteressen der Autor/innen in erster Linie auf das 19. und 20. Jahrhundert richten, räumt der Band einer bis in die Antike zurückreichenden Vorgeschichte umfangreichen Platz ein. Die stark politikgeschichtlich geprägte erste Hälfte des Buches skizziert die Entwicklungen vom mittelalterlichen Reich bis zum Zweiten Weltkrieg. Dieser ausführliche Abriss weckte beim Rezensenten schon bald Zweifel daran, ob das Buch den auf dem rückseitigen Umschlag formulierten Anspruch einer „kurzweilig[en] ... Rückschau mit Augenzwinkern“ würde einlösen können. Allerdings vermochte der zweite Teil diese Zweifel weitgehend zu zerstreuen. Hier bieten die Autor/innen einen unterhaltsamen, gut informierten und anregenden Überblick über populärkulturelle Variationen deutsch-österreichischer Freundseligkeiten zwischen Córdoba und „Kottan ermittelt“.

Doch zunächst zum ersten Teil, der unter dem Titel „Kräfte, Mächte und Herrscher“ versucht, die dem deutsch-österreichischen „Bruderzwist“ zugrundeliegende 1000-jährige Ereignisgeschichte auf gut 100 Seiten zusammenzufassen. Nach einem „Auftakt“ zu „Hermann. Eine Vorgeschichte“ folgen fünf chronologisch geordnete Kapitel. Das erste beschäftigt sich mit dem Heiligen Römischen Reich und insbesondere mit den Konfliktpartnern Friedrich II. auf preußischer und Maria Theresia auf habsburgischer Seite. Im zweiten Kapitel ist von gescheiterten Revolutionen und absolutistischen Reformen zwischen 1789 und 1866 die Rede. Der dritte Abschnitt widmet sich den Jahren von der „‚Katastrophe‘ von 1866“ (S. 77) bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der dann unter der Überschrift „Frontgemeinschaft“ im vierten Kapitel behandelt wird. Der fünfte Abschnitt beschreibt schließlich die Zwischenkriegszeit, den „Anschluß“, die nationalsozialistische Herrschaft und den Zweiten Weltkrieg als die „dunkelsten Kapitel“. Die ereignisgeschichtliche Chronologie wird im „Schlussakt“ nochmals aufgegriffen, der den Weg vom Kalten Krieg zur Europäischen Union umreißt.

Diese Betrachtungen bleiben an einigen Stellen arg kursorisch. Eventuell wäre es besser gewesen, sich auf ausgewählte Momente zu beschränken und diese dafür mit weiter- und tieferreichenden Erklärungen und Argumenten zu versehen. Stattdessen versucht der Band möglichst wenig auszulassen und dennoch kurz zu bleiben. Das führt zu teilweise fast stichwortartigen Zusammenfassungen. Es ist fraglich, ob Leser/innen ohne ein gewisses Maß an geschichtswissenschaftlicher Vorbildung diese Abschnitte verständlich und erhellend finden werden. Außer Frage steht jedoch, dass derlei historiografische Prosa nicht durchgängig der Stoff ist, aus dem Lesevergnügen gemacht wird.

Neben solchen stilistischen Einwänden provoziert der Anspruch auf kurze Vollständigkeit auch zwei grundlegendere Vorwürfe. Zum einen führt der Überblickscharakter mitunter zu einer nachgerade historistischen Fixierung auf „große Männer“. So ist beispielsweise davon die Rede, dass es Otto von Bismarck im Zuge der Auseinandersetzungen um Schleswig und Holstein in den frühen 1860er-Jahren gelungen sei, „Österreich ‚die preußische Schlinge‘ um den Hals zu legen“ (S. 69). Auch an anderen Stellen hätte man sich mehr sozialhistorische Breite gewünscht. Die Darstellung gewinnt jedoch erst für die Zeit nach 1918 an Dichte und Vielschichtigkeit. Zum anderen reproduziert der historiografische Schnelldurchgang häufig bemühte und teils überholte Erklärungsmodelle. Das gilt insbesondere für den in der neueren Forschung zunehmend kritisierten Topos von der Überlebensunfähigkeit des multi-ethnischen Habsburgerreichs im Zeitalter des Nationalismus. Dabei unterbleibt eine sorgfältige Abwägung der Frage, ob es tatsächlich die aggressive preußische „Polenpolitik“ war, die dem deutschen Reich sein „Überleben“ sicherte, während die österreichischen Bemühungen um nationalen „Ausgleich“ zwangsläufig scheitern und damit zur Desintegration des Habsburgerreichs beitragen mussten.

Diesen weiträumigen Verkürzungen stehen in der ersten Hälfte des Buches nur spärlich gesäte spannende Passagen gegenüber. Anregend wird es insbesondere dort, wo die Erzählung der (langen) Vorgeschichte in Betrachtungen zu deren strategischer Aneignung im 19. und 20. Jahrhundert mündet. Zwar muss man das etwas apodiktische Urteil der Autor/innen über Kleists „Herrmannschlacht“ – „ohnehin kein Meisterwerk“ (S. 29) – nicht teilen. Aber es ist fraglos faszinierend zu verfolgen, wie gesellschaftliche Konflikte im Wien der vorletzten Jahrhundertwende einen Streit um die Auslegung des von Kleist gegen Napoleon aktivierten antiken Stoffes befeuerten.

Auch der zweite, „Gedanken und Gefühle“ überschriebene Teil des Buches beginnt mit einem zusammenfassenden Abschnitt, der auf knapp zwanzig Seiten einen Abriss von „Geistesströmungen von der Reformation bis zur Moderne“ bietet. Dabei stehen vor allem konfessionelle Reibungen im 17. und 18. Jahrhundert, die gegenstrebige Annäherung zwischen den habsburgischen und den preußischen Spielarten des aufgeklärten Absolutismus sowie die Kluft zwischen dem „deutschen“ Neo-Kantianismus und der rationalitätskritischen „Wiener Schule“ im frühen 20. Jahrhundert im Vordergrund.

Erst danach besteigen die Autor/innen gleichsam ihre Steckenpferde. Die vier Kapitel über Fremdenverkehr und Sprachunterschiede, Filmproduktionen, Fernsehsendungen sowie Sportereignisse profitieren nicht nur von informativen Details, sondern auch von der essayistischen Formulierfreude der Autor/innen. Christlich-konservative Warnungen vor dem Tourismus im frühen 20. Jahrhundert kommen dabei ebenso zur Sprache wie die Ängste der Tiroler Fremdenverkehrsbranche vor den geschäftsschädlichen Folgen der TV-Produktion „Piefke-Saga“ in den 1990er-Jahren. Gekonnt beschreibt das Kapitel „Kinowelten“ Theo Lingen und Hans Moser als Repräsentanten österreichisch-deutscher Klischeeoppositionen zwischen feindlichem Misstrauen und freundlicher Verbrüderung sowie die Verflechtungen zwischen den Erfolgswellen des Heimatfilms in der deutschen und der österreichischen Nachkriegszeit. Mitunter werden dabei ökonomische Aspekte sehr ausführlich, thematische und ästhetische Dimensionen jedoch etwas stiefmütterlich behandelt. Unter „Tele-Visionen“ können die Leser/innen sich dann über die Konstruktion eines erfolgskompatiblen „Metadialekts“ im Musikantenstadl informieren (S. 222) und etwas darüber lernen, wie sich der „gemeine, schwarze, morbide und auch brutalere Humor“ der „österreichischen Mentalität“ von seinem deutschen Pendant unterscheidet (S. 229). Der Sportteil beleuchtet abschließend unter anderem die Animositäten zwischen „Ostmärkern“ und den Mannschaften aus dem „Altreich“ in der nationalsozialistischen Fußballwelt sowie den „Waffenstillstand“ von Gijón im Jahr 1982.

Das Buch bietet also vieles. Trotzdem bleibt notwendiger Weise einiges außen vor. Da keine systematische Vollständigkeit angestrebt wird, lässt sich das Fehlen eigener Kapitel zu den wirtschaftlichen Verhältnissen sowie zu den Beziehungen zwischen Parteien und sozialen Bewegungen diesseits und jenseits der Grenze verschmerzen. Verwunderlich ist es jedoch, dass der Literatur von Nestroy bis Jelinek so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die eher rhapsodische Auswahl der Untersuchungsfelder entspricht dem feuilletonistischen Stil, der das Buch über weite Strecken so lesbar macht. Als Nachschlagewerk zur deutsch-österreichischen Geschichte ist es hingegen wenig geeignet. Weder die stark selektiven Literaturverzeichnisse zu den einzelnen Kapiteln noch die Erschließung lediglich durch ein Personenregister erleichtern eine solche Nutzung. Allerdings kann man sich über bestimmte Themenfelder einen gut fundierten ersten Überblick verschaffen.

Insgesamt gesehen, rekonstruiert das Buch teils gekonnt und teils bemüht die wechselseitigen Stereotypisierungen zwischen pflichtbewussten und aggressiv-effektiven Deutschen einer- sowie lässigen und musisch-friedliebenden Österreichern andererseits. Letztlich kommt der Band dabei nicht zu dem Punkt, auf den das komplexe und spannungsreiche Verhältnis der „verfreundeten Nachbarn“ ohnehin nicht gebracht werden kann: „Österreicher und Deutsche mögen sich mehr als man glaubt. Oder doch nicht?“

Zitation
Benno Gammerl: Rezension zu: : Streitbare Brüder. Österreich : Deutschland. Kurze Geschichte einer schwierigen Nachbarschaft. St. Pölten  2010 , in: H-Soz-Kult, 04.11.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14767>.
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04.11.2010
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