S. Schüler-Springorum: Die Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg

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Titel
Krieg und Fliegen. Die Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg


Autor(en)
Schüler-Springorum, Stefanie
Erschienen
Paderborn 2010: Schöningh
Umfang
369 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Carlos Collado Seidel, Ludwig-Maximilians-Universität München Email:

„Legion Condor“ und „Guernica“ sind zwei untrennbar miteinander verbundene Begriffe. Sie stehen für die nationalsozialistische Verstrickung in den Spanischen Bürgerkrieg sowie den rücksichtslosen Terror gegen die Zivilbevölkerung und erregten seit der ersten Berichterstattung über die Zerstörung des baskischen Städtchens am 26. April 1937 die Gemüter. Dies spiegelt sich nicht zuletzt darin, dass die Geschichtswissenschaft im Rahmen der Untersuchung der deutschen Intervention im Spanischen Bürgerkrieg nicht nur die diplomatischen, ideologischen und wirtschaftsstrategischen Rahmenbedingungen analysiert hat, sondern gerade der Einsatz der Legion Condor als für die Aufständischen in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzende Hilfeleistung und konkret die Bombardierung von Guernica ein intensiv erforschtes Feld ist. Hierbei ist es zu teilweise heftig ausgetragenen Auseinandersetzungen über die Verantwortlichkeit für den Angriff gekommen.

Während sich bisherige Studien zur Legion Condor schwerpunktartig auf militärstrategische bzw. -taktische Fragen konzentrierten und sich damit als „klassische“ militärhistorische Darstellungen verstehen, verortet Stefanie Schüler-Springorum ihre Studie in der „Neuen Militärgeschichte“, die einen kulturwissenschaftlichen Zugang sucht und dabei vor allem den Alltag der Soldaten und die Erfahrung des Krieges in den Blick nimmt. Damit knüpft die Autorin nicht nur an neue Forschungstendenzen der Militärgeschichte an, sondern konkret auch an einen der aktuellen Forschungsschwerpunkte zum Spanischen Bürgerkrieg, der nach kulturwissenschaftlichen Zugängen sucht sowie die Erfahrung und Wahrnehmung des Krieges in den Mittelpunkt stellt.[1]

Somit rücken jenseits der Kommandoebene und übergeordneter militärischer Fragen die Akteure der Legion Condor und konkret die Flieger in den Blick. Diese sind bis auf schillernde Einzelpersonen bislang nicht in systematischer Weise als Forschungsgegenstand begriffen worden. Entsprechend umreißt die Autorin ihr Vorhaben als „Geschichte eines geschlossenen Luftwaffenverbandes in einer spezifischen Kriegssituation aus kultur- und geschlechtergeschichtlichen Perspektive“ (S. 13). Dabei sollen in der Tradition von Reinhart Koselleck vor dem Hintergrund des kulturellen Umfelds des Kriegsgeschehens sowie der mentalen Prägungen und Deutungsmuster die Lebenswelt und Erinnerungskultur der Beteiligten beleuchtet werden. So lenkt die Autorin den Blick auf das „Spannungsfeld zwischen den Erwartungen, den kommunizierten Erlebnissen und den späteren Darstellungsformen“ (S. 19).

Schüler-Springorum geht ihrer Fragestellung auf verschiedenen Ebenen nach: So werden auf der einen Seite die militärischen und politischen Rahmenbedingungen analysiert: deutsche Luftrüstung und Luftkriegskonzeptionen im Vorfeld der Intervention (Kap. II.1), deutsch-spanische Beziehungen (Kap. III.1) sowie Einsatzgebiete der Legion Condor (Kap. III.3). Eine zweite Ebene bilden die kulturellen Leitbilder und die idealisierten Vorstellungen des Luftkampfs sowie der Fliegermythos (Kap. II.2), die Spanienbilder (Kap. III.2.) sowie kulturelle Identitäten der Offiziere der Legion Condor (Kap. II.3).

Vor dieser Hintergrundfolie befasst sich das zentrale Kapitel IV mit unterschiedlichen Aspekten des Kriegerlebens: Die gelungene Betrachtung der Legion Condor zeigt die Faszination, die romantischen Vorstellungen und die Abenteuerlust, die der Luftkriegseinsatz hervorriefen und als Antriebsfedern wirkten. Darüber hinaus werden Fremdheitserfahrungen und Kommunikationsprobleme beleuchtet, die sich nicht nur aus sprachlichen Defiziten, sondern auch aus Kulturunterschieden ergaben. Auch interkulturelle Probleme und Missverständnisse werden zumindest ansatzweise thematisiert und interpretiert. Entsprechend erweisen sich etwa die Frauenbilder vor allem als eine Übertragung vorgefasster Vorstellungen. Das spannende Feld der Männlichkeitsgestik und des Umgangs mit Sexualität wird wiederum an unterschiedlichen Abschnitten behandelt; eine gebündelte Thematisierung im Sinne des postulierten Verständnisses von „Männlichkeit“ und „Kameradschaft“ als Ausdruck von Hierarchien und Beziehungen hätte die erzielten Ergebnisse deutlicher zutage treten lassen.

Die Autorin widmet sich zudem der Konkurrenzsituation mit den im Spanischen Bürgerkrieg eingesetzten italienischen Fliegern sowie den Mentalitätsunterschieden zwischen Jagdfliegern und Bomberbesatzungen. Ein besonderes Augenmerk richtet sie darüber hinaus auf den Überlegenheitsgestus und sogar die Verachtung, die deutsche Offiziere spanischen Militärstellen entgegenbrachten. Hier stechen vor allem die in der Forschung häufig zitierten Tagebucheintragungen des Oberkommandierenden der Legion Condor, Wolfram von Richthofen, hervor. Auch zeigt sich der Einfluss sozialer Prägungen besonders deutlich. So lässt sich etwa die Kritik an der Bedeutung des Klerus und reaktionärer Eliten auf nationalistischer Seite, die in Feststellungen mündete wie: „wir kämpfen auf der falschen Seite“ (S. 157f.), aus dem Blick der nationalsozialistischen Doktrin verstehen. Gleichzeitig arbeitet die Autorin heraus, wie solche kritischen Stellungnahmen auch auf das Spannungsverhältnis zwischen ursprünglichen Erwartungshaltungen und den im Verlauf des Einsatzes deutlichen emotionalen Schwankungen zurückgeführt werden können. Dies zeigt sich besonders im Winter 1936, als angesichts der Unterlegenheit der deutschen Militärmaschinen gegenüber dem sowjetischen Flugmaterial eine allgemeine Sinnkrise zum Ausdruck kam. Mit dem Eintreffen neuer Flugzeuge und der zunehmenden militärischen Überlegenheit schlug die Ernüchterung wieder in Begeisterung um, um allerdings nach Erlangung der nahezu unumschränkten Lufthoheit ab Ende 1938 und damit dem Fehlen eines ebenbürtigen Gegners im Sinne der Wahrnehmung des Luftkriegs als „ritterlichen Zweikampf“ wieder tendenziell einer Sinnkrise zu weichen.

Der theoretisch und methodisch auf Arbeiten von Joanna Bourke und Alf Lüdtke aufbauende Abschnitt „Fliegen und Töten“ stellt eine gelungene differenzierte Darstellung dar, in der sich das Töten zunächst als Beruf und der Luftkrieg als Arbeitswelt erweisen.[2] Hinter der Fassade daraus resultierender euphemistischer Umschreibungen arbeitet die Autorin wiederum den schwierigen persönlichen Umgang mit Grenzsituationen, die Verarbeitung des Kriegsgrauens sowie die Erfahrung von Leid und Tod heraus. Gleichzeitig führen aber hier die Quellen an kaum überwindbare Grenzen heran. So bestätigen sich Beobachtungen von Michael Geyer, wonach der militärische Kampf nur bedingt eine eigene Sprache findet. Vielmehr zeigen sich ein Hang zur dramatischen Verzerrung und Übertreibung in der Beschreibung von Kampfsituationen sowie eine Ausblendung negativ besetzter Emotionen wie Angstgefühlen.

In diesem Zusammenhang muss auch angemerkt werden, dass die Autorin bei einer vielschichtigen Quellengrundlage, die von Akten aus politischen und vor allem Militärarchiven, über Presseerzeugnissen bis hin zu Erinnerungen und Briefen reicht, gerade für die zentralen Abschnitte ihrer Darstellung auf einen besonders problematischen Quellenkorpus zurückgreifen musste. So zeigten sich eklatante Unterschiede zwischen dem Aussagewert von Tagebüchern als für die Thematik besonders ergiebiger Quelle, späteren autobiographischen Berichten als „subjektiven Zeugnissen“ sowie der unmittelbar nach der Rückkehr zu Propagandazwecken einsetzenden „positiven Erinnerungsproduktion“ (Karl Christian Führer). Feldpostbriefe weisen wiederum eigene Probleme als Quelle auf, nicht nur weil die Adressaten mit in den Blick genommen werden müssen, sondern aufgrund des Umstandes, dass sie der Zensur unterworfen waren.

Im Kapitel V beleuchtet die Autorin schließlich vor allem die Deutung des Einsatzes der Legion Condor während des Zweiten Weltkriegs, in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Als besonders aufschlussreich erweist sich im Abschnitt „Bilder und Geschichte(n)“ die Analyse der Erinnerung der Legionäre sowie die Tradierung von Deutungsmustern aus der Zeit des Nationalsozialismus. Hier zeigt sich die Wirkungsmacht eines vor dem Hintergrund des sich auf dem Höhepunkt der Macht befindenden „Dritten Reiches“ vermeintlich „siegreich“ geführten Krieges.

1997 hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog nach Jahrzehnten einer kontroversen Auseinandersetzung um die Bombardierung Guernicas die schuldhafte Verstrickung deutscher Flieger festgestellt und damit schließlich die Haltung der Bundesrepublik festgeschrieben. Die Studie von Stefanie Schüler-Springorum seziert auf eindrucksvolle Weise die vielschichtige Wahrnehmung des Einsatzes der Legion Condor und die unterschiedlichen Deutungen in dessen Gefolge. Sie präsentiert damit eine differenzierte und beeindruckende Gesamtschau.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Chris Ealham / Michael Richards, The Splintering of Spain. Cultural History and the Spanish Civil War, 1936-1939, Cambridge 2005; Martin Baumeister / Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.), „If You Tolerate This…“. The Spanish Civil War in the Age of Total War, Frankfurt am Main 2008, sowie Michael Seidman, Republic of Egos. A Social History of the Spanish Civil War, Madison 2002.
[2] Hierzu Alf Lüdtke / Bernd Weisbrod (Hrsg.), No Man’s Land of Violence. Extreme Wars in the 20th Century, Göttingen 2006.

Zitation
Carlos Collado Seidel: Rezension zu: : Krieg und Fliegen. Die Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg. Paderborn  2010 , in: H-Soz-Kult, 13.04.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14855>.
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Veröffentlicht am
13.04.2011
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