Titel
The Muslim Brotherhood and Egypt’s Succession Crisis. The Politics of Liberalisation and Reform in the Middle East


Autor(en)
Zahid, Mohammed
Erschienen
London 2010: I.B. Tauris
Umfang
224 S.
Preis
€ 64,20
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Wolff, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Politische Wissenschaft

Die Implementierung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Liberalisierungsprozesse in Ägypten im Kontext des autoritären Regimes und des „Anti-Terror-Kampfes“ bildet den Bezugspunkt der vorliegenden Arbeit. Der Blick auf vom Westen geforderte wirtschaftliche und politische Reformen durchzieht die Argumentation des Autors. Seine Intention ist es, die von externer Seite angestoßenen Liberalisierungsprozesse als Ursache für den Einflusszuwachs der ägyptischen Muslimbruderschaft historisch deduktiv zu beschreiben. Die ersten drei Kapitel seiner Arbeit widmet Zahid der wirtschaftlichen und politischen Liberalisierung im Nahen Osten seit den 1990er-Jahren. Hierauf folgen drei Kapitel zur historischen Entwicklung der ägyptischen Muslimbruderschaft. Den argumentativen Kreis schließt Zahid im siebten Kapitel, welches den Zusammenhang von Liberalisierungsprozessen und gesellschaftlicher Bedeutung der Muslimbruderschaft im Kontext der Präsidentschaftsnachfolge kritisch analysiert.

Die Liberalisierung sei auf der Makroebene durch eine Stabilisierung der Außenhandelsbeziehungen erfolgreich gewesen. Auf der Mikroebene sei sie jedoch auf Grund der bestehenden Interessenverflechtung zwischen dem militärisch-bürokratischen Komplex und den herrschenden Wirtschaftseliten gescheitert. Das Versagen der wirtschaftlichen Liberalisierung begründet Zahid mit der besagten Interdependenz, die einer Auflösung des oligarchischen Wirtschaftssystems entgegensteht. Im makroökonomischen Kontext sieht Zahid die Liberalisierungspolitik als Teil der Stabilisierungsbemühungen der nahöstlichen Regime. Zahids Analyse der Mikroebene zeigt auf, wie der autoritäre Rahmen und die Interaktion von militärischen sowie wirtschaftlichen Eliten im Nahen Osten der Entwicklung freier Gesellschaftsformen entgegenstehen. Im Kontext Ägyptens führten besonders Privatisierungen zur Verarmung breiter Teile der Mittelschicht.

Im zivilgesellschaftlichen Kontext sei dies anders. Die politische Öffnung besonders im Rahmen des „Kairoer Frühlings“ (Februar 2005 bis etwa September 2006) habe den oppositionellen Akteuren größeren öffentlichen Einfluss ermöglicht.

Im Kontext der zivilgesellschaftlichen Öffnung begeht Zahid nicht den Fehler, Demokratieförderung in den Mittelpunkt zu stellen, sondern diese als ein Ergebnis der US-Außenpolitik im Nahen Osten zu beschreiben.[1] Machtinteressen stehen hier im Vordergrund. So schreibt er, dass die säkulare wie auch die islamistische Opposition die Spielregeln der politischen Öffnung akzeptiert habe – vor allem die klare Prämisse, dass die bestehende Machtstruktur vorerst nicht in Frage gestellt werden dürfe. Die Opposition bekäme, so Zahid, durch die parlamentarische Einbindung Zugang zu bestimmten Ebenen politischer Macht. Dem oben genannten Kairoer Frühling ging, vor allem während der 1990er-Jahre die organisatorische Ausdehnung und zivilgesellschaftliche Vernetzung der Muslimbruderschaft voraus. Die Wirtschaftsreformen der Regierung Mubarak, die 1991 auf Druck des IWF begannen, führten zu einem allmählichen Rückzug des Staates aus maßgeblichen Bereichen der Sozialpolitik. Infolgedessen haben Nichtregierungsorganisationen und die Muslimbruderschaft den Staat schrittweise ersetzt und können mit öffentlichen Krankenhäusern, Moscheen und Schulen gesellschaftlichen Einfluss nehmen. Der karitative Arm der Muslimbruderschaft hat somit auch die Funktion, die Authentizität und gesellschaftliche Reichweite der Organisation zu verbessern.

Die historische Darstellung der Geschichte der Muslimbruderschaft ist in drei Teile gegliedert: die Phase des Wachstums und des Aufbaus der Bewegung von 1928 bis 1948, die politische Transitionsphase von 1948 bis 1990, sowie die Phase des Erstarkens der jungen Generation der Muslimbruderschaft von 1990 bis 2008. Den analytischen Schwerpunkt legt Zahid auf die Transformation der Muslimbruderschaft von einer religiösen Bewegung hin zu einem politischen Akteur. Leider räumt Zahid der Debatte über das Verhältnis von Missionstätigkeit und politischer Aktivität in der Muslimbruderschaft, die sich nach dem Tode Hasan al-Bannas 1949 zwischen dessen direktem Nachfolger, Hasan al-Hudaybi, und dem damaligen Schriftleiter der Bewegung, Sayyid Qutb, entwickelt hatte, wenig Raum ein.[2]

Dem Generationenkonflikt innerhalb der Bruderschaft, der unter Omar al-Tilmissani (Führer 1972 bis 1986) an Schärfe zunahm, widmet sich Zahid in seiner realpolitischen Analyse ausführlicher. Die pragmatisch orientierten Mitglieder der jungen Generation um Essam al-Eryan standen einer intensivierten politischen Aktivität, wie Wahlteilnahme und pragmatische Koalitionsbildungen, aufgeschlossen gegenüber. Der konservative Block um Mitglieder, die teils noch direkt mit Hasan al-Banna oder Sayyid Qutb Kontakt hatten, forderte hingegen eine Stärkung der Missionstätigkeit und stand deshalb der Ausdehnung des politischen Tagesgeschäfts kritisch gegenüber.

Die junge Generation habe sich jedoch, so argumentiert Zahid, in der Bruderschaft langfristig durchgesetzt und einen technokratisch-pragmatischen Politikstil geprägt. Demzufolge konnte sich die Generation um Essam al-Eryan in einem politischen Reifungsprozess, der sich durch das Engagement in den Studentenvereinigungen (Jama‘at Islamiyya) sowie die Funktionärsarbeit in den Berufsverbänden bis hin zur Einbindung in die höheren und höchsten Gremien der Muslimbruderschaft vollzogen habe, zu einer moderaten und konstruktiven politischen Kraft weiterentwickeln.

Zahid bemüht sich in den letzten Kapiteln, die Ergebnisse seiner vorangegangenen Betrachtungen in den Kontext der gegenwärtigen Nachfolgedebatte um das Präsidentenamt in Ägypten zu setzen. Er geht dabei von einer wahrscheinlichen Machtübergabe von Husni Mubarak an seinen Sohn, Gamal, aus. Zahid untermauert seine Einschätzung damit, dass Reformen im wirtschaftlichen und politischen Bereich meist einer längerfristig ausgerichteten Strategie folgen. Gamal Mubaraks Einbindung in die höchsten Gremien der regierenden Partei NDP sowie seine sozial-karitativen Aktivitäten können deshalb als strategische Schritte auf dem Weg zur Machtübernahme gedeutet werden. Teile der bestehenden Eliten innerhalb der NDP wurden durch Korruptionsvorwürfe und teilweise konstruierte Anklagen ihrer Posten enthoben. Damit soll, so Zahid, in der Öffentlichkeit ein Imagewandel konstruiert werden, der die NDP als moderne und zukunftsfähige Partei erscheinen lassen soll. Gamal Mubarak steht dabei – wie auch die junge Generation in der Muslimbruderschaft – innerparteilich einer Gruppe von altgedienten Parteimitgliedern gegenüber, die ihre ersten politischen Erfahrungen noch auf Nasser, Sadat sowie die Kriege von 1967 und 1973 zurückführen können. Gamal Mubarak, der seine Ausbildung unter anderem in London durchlief und keine militärischen Erfahrungen aufweisen kann, mangelt es an militärischer Glaubwürdigkeit. Durch eine Machtteilung zwischen Gamal Mubarak und dem mächtigen Geheimdienstchef Omar Suleyman, die Zahid mit der derzeitigen Situation in Russland vergleicht, könnte Gamal Mubarak sich die fehlende militärische Reputation indirekt zu eigen machen.

Die Muslimbruderschaft, so Zahid, spielt in der Nachfolgedebatte verschiedene Rollen. Zum Einen wird sie als Gegner einer freien und pluralistischen Gesellschaftsordnung durch das Regime instrumentalisiert, zum Anderen aber durch ihre große gesellschaftliche Mobilisierungsfähigkeit zunehmend in den politischen Prozess integriert (siehe Wahlerfolg von 2005). Dem Regime geht es hierbei, so Zahid, um eine begrenzte Kooperation mit den technokratischen Mitgliedern der jüngeren Generation in der Bruderschaft.

Die Kombination aus sozial-karitativer und politischer Aktivität macht die Muslimbruderschaft zu einer ernstzunehmenden politischen Kraft in Ägypten. Dennoch darf der autoritäre Charakter des Regimes nicht unterschätzt werden, so dass ein effektiver Einfluss der Muslimbruderschaft auf die Nachfolgedebatte nicht zu erwarten ist. In diesem Punkt erscheint Zahids Diagnose relativ unrealistisch.

Zahids Monographie lässt sich abschließend als informativ und äußerst hilfreich für den ersten Einstieg in die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen des komplexen ägyptischen Machtsystems bewerten. Es fehlt jedoch eine Interpretation, die über die letztlich nur spekulative Analyse der derzeitigen Nachfolgedebatte hinausgeht und die Transformationsprozesse innerhalb der Muslimbruderschaft ins Verhältnis setzt.

Anmerkungen:
[1] Katerina Dalacoura, US Democracy Promotion in the Arab Middle East, Since 11th September 2001. A Critique, in: International Affairs, Vol 81, No 5, October 2005, p. 963.
[2] vgl.: Barbara Zollner, The Muslim Brotherhood. Hasan al-Hudaybi and ideology, London 2009.

Zitation
Christian Wolff: Rezension zu: : The Muslim Brotherhood and Egypt’s Succession Crisis. The Politics of Liberalisation and Reform in the Middle East. London  2010 , in: H-Soz-Kult, 22.11.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14967>.
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Veröffentlicht am
22.11.2010
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