A. Sudrow: Der Schuh im Nationalsozialismus

Cover
Titel
Der Schuh im Nationalsozialismus. Eine Produktgeschichte im deutsch-britisch-amerikanischen Vergleich


Autor(en)
Sudrow, Anne
Erschienen
Göttingen 2010: Wallstein Verlag
Umfang
876 S.
Preis
€ 69,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christof Dipper, Technische Universität Darmstadt

Auf diese Idee muss man erst einmal kommen. Gibt es für Historiker etwas Banaleres als Schuhe, um den Charakter des Nationalsozialismus zu entschlüsseln? Geht das überhaupt? Ja, es geht, und es geht sogar ganz großartig, jedenfalls wenn man so viel Einfallsreichtum, Sorgfalt und Mühe aufwendet wie Anne Sudrow, die dafür 2010 zu Recht mit dem Preis des Historikerverbandes ausgezeichnet worden ist.

Anne Sudrow hat sich, ungewöhnlich genug, einen Gegenstand der materiellen Kultur in der Zeit des Nationalsozialismus ausgesucht, und dabei den modischen Lockungen der Geschichte der Bilder, Zeichen und Meinungen widerstanden, die neuerdings ja auch – und oft mit Gewinn, wie man einräumen muss – im Bereich der Technikgeschichte um sich greifen, aus dem sie herkommt. Ihr ist es gelungen, mit dem banalen Thema ‚Schuh‘ wesentliche Seiten des Nationalsozialismus bzw. „Dritten Reiches“ anzusprechen, denn zur wohl allgemeinen Überraschung ist die Produktionsgeschichte des Schuhs mit der expansionistischen und genozidalen Politik der Nationalsozialisten untrennbar verbunden. Insofern lassen sich am Alltagsgegenstand ‚Schuh‘ nicht nur technik-, wissenschafts- und konsumgeschichtliche Fragen klären, sondern auch die Schattenseiten des nationalsozialistischen Modernisierungsprozesses und die Ambivalenz der Moderne diskutieren. Und genau dies tut Frau Sudrow in außergewöhnlich kundiger Weise. Sie kennt sich in allen für ihr Thema relevanten Theoriefeldern bestens aus und demonstriert scheinbar anstrengungslos, dass man, um über Produktion und Konsum von Schuhen zwischen 1933 und 1945 angemessen schreiben zu können, so weit auseinander liegende Bereiche wie kulturgeschichtliche Interpretamente mit gründlichen Kenntnissen chemischer Prozesse, technischer Verfahren und wirtschaftspolitischer Entscheidungskriterien verbinden muss. Das bedeutet, dass sie, wie sie schreibt, letztlich eine politische Geschichte ihres Gegenstandes liefern will und dafür eine entschieden akteurszentrierte Perspektive wählt, die sie im Interesse einer methodisch sauberen Urteilsbildung auch noch dem Vergleich mit Großbritannien und den USA unterwirft.

Das Buch ist in vier Teile untergliedert, die den Vorbedingungen, den wissensmäßigen Kernbereichen des Wandels – Verwissenschaftlichung – zwischen 1933 und 1945, der Versorgungspolitik und Produktionslenkung im Nationalsozialismus und abschließend den Fragen nach Vergleich und Transfer gelten, denen sie sogar bis 1950 nachgeht. Da ihr Ansatz quer zu den herkömmlichen Disziplinen liegt, ist der Rechercheaufwand ungeheuer. Wer kommt etwa auf den Gedanken, Material zu diesem Thema im Freiburger Militärarchiv zu suchen? Es liegt dort reichlich.[1] Um die Produktionsgeschichte nachzeichnen zu können, sah sich Frau Sudrow nicht nur das Firmenarchiv von Salamander an, sondern auch das von Bata, dem wichtigsten Konkurrenten, in Zlin. Für die Wissensgeschichte nur der deutschen Seite arbeitete sie natürlich die Überreste der Vierjahresplanbehörde und der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft durch, aber eben auch die nahezu unbekannten BIOS- und FIAT-Reports der Engländer, die unmittelbar nach Kriegsende die deutschen Wissenschaftler in Internierungslagern zwangen, über das zu berichten, was sie in den vergangenen zwölf Jahren erforscht haben. Für ihren Vergleich suchte sie, um nur ein paar für Historiker zunächst einmal abseitige Fundorte zu nennen, das Archiv der „Society of Plastics Industry“ und der „Ayers Advertising Agency“ in Nordamerika auf. Und natürlich las sie die Schuhfabrikanten-Zeitung ebenso wie das „Monthly Bulletin of the British Boot, Shoe and Allied Trades Association“. Um einen authentischen Eindruck von dem zu erhalten, was sich auf der mörderischen Schuhprüfstrecke im KZ Sachsenhausen abgespielt hat, interviewte sie überlebende Häftlinge. Fast am Rande versteht sich, dass unter diesen Umständen die Literaturliste gigantisch ist: sie umfasst gut und gerne achthundert Titel – für eine Dissertation! Aber die TU München ist eben nicht Bayreuth.

Im hinführenden Teil erfahren wir zunächst etwas über die Grundmuster des Schuhgebrauchs in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren. Die beiden wichtigsten Entwicklungstrends waren die Einführung des Halbschuhs und der Übergang zum modischen Gebrauch, vor allem bei Frauen und jungen Menschen – und dies in einer Zeit, in der selbst in Deutschland von einer Vollversorgung der Bevölkerung mit Schuhen noch nicht wirklich die Rede sein konnte. Damals wurde auch der Welthandel mit Schuhen, die darum zu Marken werden mussten und in standardisierten Größen hergestellt wurden, durchgesetzt. Bata und Bally haben das im Wesentlichen besorgt. Das gelang ihnen, weil sie den Produktionsprozess auf Maschinen, die fast ausnahmslos aus den USA kamen, umstellten, was zur Folge hatte, dass angesichts der gleichartigen technischen Verfahren die Wettbewerbsvorteile eher von Absatzstrategien und Markt- sowie Seriengröße abhing. Gleichzeitig brachte der Übergang zum modischen Schuh bislang unbekannte Risiken, die die Hersteller umso mehr beklagten, als sie keinen Einfluss auf die Mode hatten, denn diese wurde in Paris, Wien und Rom gemacht. In Deutschland etwa erlangte erst durch die Abschnürung vom Weltmarkt die innerbetriebliche Produktgestaltung an Bedeutung. Da gleichzeitig aber Leder größtenteils importiert werden musste, lag es nahe, diesem Rohstoff nun besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Die Nationalsozialisten standen also mit ihrer Autarkiepolitik auch und gerade beim Massenprodukt Schuh vor riesigen Problemen, die sie im Ganzen zwar erfolgreich lösten, aber eben auf ihre Weise. Beim Leder gelang die Schließung der Lücke letzten Endes nur durch Eroberung und Ausbeutung sowie durch die Umstellung auf teils brauchbare, teils zukunftsfähige – Gummi – Ersatzstoffe. Auch hier schlug deshalb 1933 die Stunde der chemischen Industrie, die das herzustellen suchte, was unter labormäßigen Bedingungen von Forschungsinstituten erforscht worden war. Der Wissenszuwachs beim Leder bzw. dem, was es ersetzen sollte, war deshalb in diesen zwölf Jahren ungeheuer; schon 1936 fanden die ersten vollsynthetischen Kunststoffe Verwendung in Schuhen, die bisher fast ausschließlich aus Leder bestanden. Für deren experimentelle Erprobung durch das Militär sorgte die Vierjahresplanbehörde ebenso wie für die Finanzierung der Forschung, so dass im Ergebnis der Schuh ebenfalls einem Verwissenschaftlichungsprozess, und zwar auf vier Feldern (Zweckmäßigkeit, Gebrauchswert, Passform und Verbrauch), unterlag. Versorgungspolitik und Produktionslenkung unterlagen à la longue typisch nationalsozialistischen Bedingungen, insofern alles Gerede über Rücksichten auf Mode und Imperative der Exportsteigerung der Uniformierung großer Teile der (männlichen) Bevölkerung zum Opfer fiel. Der Stiefel besaß folglich höchste Priorität, aber selbst in diesem Bereich hatte die Rationalisierung ihre Grenzen, weil aus Gründen des Distinktionsgewinns Wehrmacht, SS, SA und RAD auf je eigenen Modellen beharrten und zugleich verhinderten, dass diese aus anderem Material als Leder gefertigt wurden. Die Hierarchie war damit auch bei der Fußbekleidung klar: Nach den Uniformierten kamen die männlichen Zivilisten, dann die Frauen und Kinder, und wer außerhalb der ‚Volksgemeinschaft‘ stand – dazu gehörte auch das besetzte Europa –, litt unter extremem Mangel und verheerender Qualität.

Bei der Erhebung des Gebrauchswerts sank die Forschung dann aber auf dasselbe Niveau moralfreier Tests wie die Medizin, indem sie sich bedenkenlos der „Schuhprüfstrecke“ im KZ Sachsenhausen bediente, wo die Häftlinge reihenweise zu Tode kamen oder ermordet wurden. Aber mit der Moral gab die Forschung auch gleich noch die wissenschaftliche Vernunft preis, denn dass es bei Strafe verboten war, die ‚Testpersonen‘ sich subjektiv äußern zu lassen, ja dass die Firmen nicht einmal kontrollierten, ob diese die passende Schuhgröße erhielten, machte die Qualität der Testergebnisse auch in dieser Hinsicht fragwürdig. Einen Nutzen hatten gleichwohl Konzerne wie Freudenberg und Salamander, beispielsweise weil sie „im letzten Kriegsjahr“ als Folge der Speerschen Rüstungspolitik „de facto unter sich [entschieden], was produziert und welche Unternehmen der Branche ausgeschaltet wurden“ (S. 554). Für ihre Entscheidungen benötigten sie eine wie auch immer beschaffte wissenschaftliche Legitimation. Aber die Geschichte ging noch weiter. Weil sich die Alliierten 1945/46 von Freudenberg und anderen hinters Licht führen ließen, übernahmen sie von den Deutschen das System der Trageversuche und machten es zum zentralen Gegenstand ihres Methodenkanons, das noch Ende der 1960er-Jahre jeder mechanischen Prüfung als überlegen galt. Insofern, schließt Sudrow ihr Buch, waren die Menschenversuche im KZ Sachsenhausen „ein durchaus funktionaler und erschreckend effektiver Bestandteil moderner Wissenschaft in Deutschland im 20. Jahrhundert“ (S. 786).

Sudrows Buch ist ein Musterbeispiel gelungener Technikgeschichte gleich in mehrfacher Hinsicht. Erstens lenkt sie den Blick auf einen Alltagsgegenstand und demonstriert an diesem vorbildlich Aspektreichtum und Methodenvielfalt. Zweitens ist ihr Hinweis wichtig, dass Alltagsgegenstände immer auch eine politische Seite haben. Für das Salz in der Frühneuzeit mag das noch ein Randthema sein, für das 20. Jahrhundert gilt es diese Tatsache zu respektieren. Drittens schließlich bringt sie ganz nebenbei und behutsam eine Korrektur an der einflussreichen These ihres Mitbetreuers Ulrich Wengenroth von der „Flucht in den Käfig“ durch deutsche Techniker und Wissenschaftler als Folge der Autarkiepolitik an. Nicht nur das hier als einziges genannte Beispiel ist ein Gegenbeweis. Man kann wohl insgesamt sagen, dass die intensive Erforschung der Kunststoffe zwischen 1933 und 1945 der deutschen Chemie wohl bis in die 1960er-Jahre einen internationalen Vorsprung verschafft hat. Die „Chemisierung der deutschen Volkswirtschaft“ (Werner Abelshauser) ist vielleicht die zukunftsträchtigste Erbschaft wenn schon nicht der Nationalsozialisten, so doch der nationalsozialistischen Zeit.

Anmerkung:
[1] Um nur einmal einen Blick in die komplexen und ‚normalen‘ Historikern unbekannten Zusammenhänge zu erlauben, denen Anne Sudrow nachgegangen ist, sei folgendes Beispiel aufgeführt: Im Oberkommando der Wehrmacht gab es u.a. ein Referat „Leder und Rauchwaren“, dessen Leiter Fritz Stather war, der aus dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Lederforschung in Dresden hervorgegangen war, seit 1930 Direktor der Deutschen Versuchsanstalt für Lederchemie in Freiberg/S. und seit 1935 Ordinarius an der TH Dresden; 1958 Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaft. Stather erhielt 1942 das Kriegsverdienstkreuz 1. Klasse für seine Verdienste um den Leder-Ersatz (vgl. Sudrow, S. 385, Anm. 149) und war, wenn auch nicht führend, an Trageversuchen im KZ beteiligt (ebd., S. 543). Einen besseren Fachmann konnte das Militär nicht finden.

Zitation
Christof Dipper: Rezension zu: : Der Schuh im Nationalsozialismus. Eine Produktgeschichte im deutsch-britisch-amerikanischen Vergleich. Göttingen  2010 , in: H-Soz-Kult, 04.05.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15169>.
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04.05.2011
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