O. Silvennoinen: Geheime Waffenbrüderschaft

Titel
Geheime Waffenbrüderschaft. Die sicherheitspolizeiliche Zusammenarbeit zwischen Finnland und Deutschland 1933-1944


Autor(en)
Silvennoinen, Oula
Erschienen
Umfang
384 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Steffen Werther, Center for Baltic and East European Studies (CBEES), Södertörns Högskola, Stockholm

Es ist sehr erfreulich, dass mit Oula Silvennoinens 2008 erschienener Dissertation nun ein Werk auf Deutsch vorliegt, welches in Finnland im Zuge einer seit mehreren Jahren andauernden Debatte über die Rolle des Landes im Zweiten Weltkrieg heftig diskutiert wurde. Spätestens nachdem die Journalistin Elina Sana 2003 in einer Studie über die Auslieferung mehrerer tausend Kriegsgefangener an Gestapo und SD berichtete [1], waren viele Finnen gezwungen, ihr nationales Selbstbild zu revidieren. Die gängige Sichtweise, dass das demokratische Finnland 1941-44 einen „sauberen“ Separatkrieg gegen die Sowjetunion focht, der sich darauf beschränkte, die im Winterkrieg 1939/40 verlorenen Gebiete zurückzuerobern und mit dem Vernichtungskrieg der Deutschen nichts zu tun hatte, wurde mehr und mehr in Frage gestellt. Zumeist jüngere Historiker kritisierten nun die bisherige finnische Historiographie und die voreingenommene Sichtweise einiger älterer Kollegen, so dass bald von einem „nordischen Historikerstreit“ [2] die Rede war, zumal sich die Debatte auch nach Schweden ausweitete. Als direkte Reaktion auf Sanas Buch wurde 2004 eine historische Kommission eingerichtet, welche die Auslieferung von Personen durch Finnland an Deutschland untersuchen sollte. Silvennoinens Dissertation entstand im Rahmen dieser Kommission, die 2008 diverse Ergebnisse veröffentlichte [3].

In seiner Studie beschreibt Silvennoinen erstmals detailliert die Zusammenarbeit zwischen der finnischen Staatspolizei Valtiollinen Poliisi (Valpo) und dem Reichsicherheitshauptamt (RSHA) bzw. deren jeweiligen Vorgängerorganisationen. Diese Zusammenarbeit durchlief zwar verschiedene Phasen, war aber insgesamt von einer starken Kontinuität geprägt, wobei der gemeinsame Kampf gegen den Kommunismus die Basis der Kooperation darstellte. Zudem entstand eine enge persönliche Bindung zwischen den Schlüsselpersonen auf finnischer und deutscher Seite, insbesondere zwischen dem „zweiten Mann“ der Staatspolizei Bruno Aaltonen und dem Gestapo Chef Heinrich Müller sowie dem SS Juristen Werner Best. Silvennoinen zeigt, wie die Vertreter der Valpo sich ausgehend von ihrem radikalen Antikommunismus und einem unterschwellig vorhandenen Antisemitismus schrittweise den Arbeitsweisen ihrer nationalsozialistischen Kollegen annäherten. Die Zusammenarbeit steigerte sich von zunächst einfacher Amtshilfe zu einer aktiven Mittäterschaft bei Verhören, Selektionen und teilweise auch Erschießungen in den im Sommer 1941 errichteten Kriegsgefangenenlagern Nordfinnlands. Ein weiterer Aspekt war die Überwachung, Gefangennahme und Auslieferung vermeintlich kommunistischer Ausländer und Spione.

Silvennoinens Dissertation ist in vielerlei Hinsicht erkenntnisbringend. Sie zeigt unter welchen Bedingungen und auf welche Weise sich die Organisation einer Geheimpolizei innerhalb eines demokratischen Staates verselbstständigen kann, wobei noch nicht ausreichend erforscht ist, inwieweit auch andere Vertreter des finnischen Staates über das Tun der Valpo informiert waren oder es sogar absegneten. Sie zeigt ebenso, wie ein von Deutschen nicht besetzter Rechtsstaat aufgrund sicherheitspolitischer Erwägungen, geopolitischer Lage und teilweiser ideologischer Überschneidungen zum Waffenbruder und Mittäter eines völkermordenden Unrechtsregimes werden konnte. Die eigentliche wissenschaftliche Sensation der Studie besteht jedoch in der Dokumentation der Tätigkeit des bis dato unbekannten „Einsatzkommandos Finnland“ (offiziell: „Einsatzkommando der Sicherheitspolizei und des SD beim Armeeoberkommando Norwegen, Befehlsstelle Finnland”) im äußersten Norden Finnlands. Silvennoinen verfolgt auf der Grundlage umfangreicher Archivbestände akribisch den Weg dieser im Sommer 1941 aufgestellten und Ende 1942 aufgelösten Einheit und weist nach, dass die Staatspolizei personell und organisatorisch an der „Arbeit“ dieses Mordkommandos beteiligt war.

Die Studie gliedert sich in vier Teile. In Teil I behandelt Silvennoinen die Jahre bis 1939 und liefert die für das Verständnis der folgenden Ereignisse notwendigen Hintergrundinformationen. Er beschreibt, wie sich Finnland zu einer „antikommunistischen Demokratie“ (S. 32) entwickelte und wie der ehemalige Aktivist der Jägerbewegung Esko Riekki die Geheimpolizei streng antikommunistisch ausrichtete und professionalisierte. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten etablierte der Valpo-Mann Bruno Aaltonen die Verbindungen zu den neuen Sicherheitsbehörden in Deutschland und machte sich unentbehrlich, so dass er auch nach Riekkis Abtritt und der Umwandlung der Geheimpolizei in die Staatspolizei 1938 eine Schlüsselposition einnahm.

In Teil II beschreibt Silvennoinen den Zeitraum zwischen Spätsommer 1939 und Juni 1941, welcher für das deutsch-finnische Verhältnis ein Wechselbad der Gefühle beinhaltete. Der Ende August 1939 geschlossene Hitler-Stalin Pakt löste in Finnland Bestürzung aus und führte zu einer Abkühlung der Beziehungen. Das Gefühl verraten worden zu sein verstärkte sich nach dem Angriff der Sowjetunion auf Finnland im November 1939. Dennoch wandte sich Bruno Aaltonen mangels Alternativen bereits Anfang 1940 an seine Kontaktpersonen im RSHA, um die Möglichkeiten eines Wiederauflebens der Verbindungen auszuloten. Die folgende Zusammenarbeit mündete nach der Besetzung Norwegens in der titelgebenden „geheimen Waffenbrüderschaft“ im Norden Finnlands und führte schon im Sommer 1940 zur ersten inoffiziellen geheimdienstinternen Auslieferung einer Zivilperson nach Deutschland.

Im Mittelpunkt von Teil III steht der sogenannte „Fortsetzungskrieg“ gegen die Sowjetunion, welcher von vielen Finnen als Gelegenheit zur Vergeltung betrachtet wurde. Da die Westmächte auf Seiten der verhassten Sowjetunion standen, war aus Sicht der Staatspolizei eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Deutschen auch hinter der Front unumgänglich. Dies betraf insbesondere die Beteiligung am bereits erwähnten „Einsatzkommando Finnland“, das heißt beispielsweise die Übernahme von Verhören und Selektionen im Kriegsgefangenenlager Stalag 309 in Salla und bei der Partisanenbekämpfung. Bei den sogenannten Aussonderungen der Gefangenen war neben politischer Tätigkeit auch die Kategorie „Jude“ ausschlaggebend.

In Teil IV schildert Silvennoinen das Ende der sicherheitspolizeilichen Zusammenarbeit und das weitere Schicksal der involvierten Staatspolizisten. Bereits Ende 1942 begann die finnisch-deutsche Waffenbrüderschaft zu bröckeln und auch die Staatspolizei musste sich widerwillig dem neuen Kurs anpassen. Dies fiel insbesondere Arno Anthoni, welcher seit Anfang 1940 die Valpo leitete, schwer und er räumte schließlich Ende 1943 seinen Posten. Immer öfter verweigerte man nun den deutschen Behörden Wünsche, bis schließlich Ende 1944 ein Separatfrieden mit der Sowjetunion geschlossen wurde. Einige Verantwortliche, wie Aaltonen, flüchteten aus Angst vor kommunistischer Vergeltung. Von den im Lande verbliebenen wurde lediglich Anthoni angeklagt – und freigesprochen!

Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Tatsache, dass Forschungsziel und -stand, Methoden und Quellen im Anhang des Buches beschrieben werden. Silvennoinen begründet dies damit, dass er den „geschichtlichen Spannungsbogen“ (S. 17) aufrechterhalten wollte. Der für den wissenschaftlichen Leser mitunter ungewöhnliche, aber durchaus angenehme, krimiartige Stil des Buches ist wohl demselben angestrebten Spannungsbogen geschuldet. Silvennoinen gelingen teilweise sehr eindringliche Schilderungen, wie beispielsweise die eines misslungenen Ausbruchs russischer Kriegsgefangener und die darauf folgenden willkürlichen Erschießungen durch finnische Valpo-Männer (S. 214ff.), ohne dabei ins Populärwissenschaftliche abzugleiten.

Ein weiteres positiv hervorzuhebendes Stilelement ist die sich durch alle Teile ziehende und in die Rahmenhandlung eingebettete Schilderung des Schicksals des deutschen Sozialisten Wilhelm Kernig, der als politischer Flüchtling über die Tschechoslowakei nach Finnland gelangte. Kernig, der aufgrund seines jüdischen Vaters von deutschen und finnischen Sicherheitsbehörden als Jude betrachtet wurde und deshalb automatisch als verdächtig galt, verfing sich aufgrund seiner Zwangslage zunehmend im Netz der Geheimdienste und endete schließlich als Opfer der von Silvennoinen analysierten sicherheitspolizeilichen Zusammenarbeit. Er wurde im Juni 1942 an das RSHA ausgeliefert und Anfang 1944 in Deutschland hingerichtet.

Ein Manko ist die Verwendung von Endnoten, welche die Nachvollziehbarkeit extrem erschwert, da der interessierte Leser zu ständigem Blättern genötigt wird. Dieses Ärgernis wird durch die zusätzliche Unterteilung des Endnotenverzeichnisses in vier jeweils durchnummerierte Abschnitte noch verschärft. Besagte Unterteilung ist wohl auch die Ursache für zwei weitere Mängel: Aufgrund eines Belegs in der Einleitung haben sich die Endnoten im gesamten Teil I um eine Stelle verschoben (das heißt Beleg 1 im Text entspricht Endnote 2 im Verzeichnis usw.) und während im mit „Anhang“ betitelten Textteil die Belege wiederum mit 1 beginnen, wird im Endnotenverzeichnis von Teil IV ausgehend durchnummeriert (das heißt Beleg 1 im Text entspricht Endnote 120 im Verzeichnis usw.).

Es wäre zudem schön gewesen, wenn den im Literaturverzeichnis enthaltenden finnischen Werken zur besseren Orientierung eine Übersetzung des Titels beigestellt worden wäre, wie es bei den Archivangaben weitestgehend geschehen ist.

Anmerkungen:
[1] Elina Sana, Luovutetut. Suomen ihmisluovutukset Gestapolle. [Die Ausgelieferten. Finnische Menschenauslieferungen an die Gestapo.], Helsinki 2003.
Vgl. auch die englische Rezension von Hannu Martilla, in: Books from Finland, 1/2004 <http://www.finlit.fi/booksfromfinland/bff/104/marttila.html> (22.2.2011) und Unto Hämäläinen, New book reveals 3,000 foreigners handed over during World War II, in Helsingin Sanomat, international edition, 1.11.2003, <http://www2.hs.fi/english/archive/news.asp?id=20031104IE14> (22.2.2011).
[2] Henrik Arnstad, Finland och alliansen med Nazityskland 1941-1944, En nordisk Historikerstreit [Finnland und die Allianz mit Nazideutschland, Ein nordischer Historikerstreit], in: Historisk Tidskrift, 130,3 (2010), S. 485-492.
[3] POW Deaths and People Handed over to Germany and the Soviet Union in 1939-55, A Research Report by the Finnish National Archives, Edited by Lars Westerlund, Helsinki 2008, < http://www.arkisto.fi/uploads/Palvelut/Julkaisut/POW%20deaths_web.pdf> (22.2.2011).

Zitation
Steffen Werther: Rezension zu: : Geheime Waffenbrüderschaft. Die sicherheitspolizeiliche Zusammenarbeit zwischen Finnland und Deutschland 1933-1944. Darmstadt  2010 , in: H-Soz-Kult, 12.04.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15253>.
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Veröffentlicht am
12.04.2011
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