H.-H. Kortüm: Kriege und Krieger 500–1500

Titel
Kriege und Krieger 500–1500.


Autor(en)
Kortüm, Hans-Henning
Erschienen
Stuttgart 2010: Kohlhammer Verlag
Umfang
290 S.
Preis
€ 27,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Malte Prietzel, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Auf dem deutschen Buchmarkt fehlt eine handbuchartige Darstellung über Kriege im Mittelalter. Das Inhaltsverzeichnis dieses Werkes weckt durch eine schlüssige Struktur Hoffnungen, dass diese Lücke geschlossen würde: Auf ein erstes Kapitel über die Definition von „Krieg“ und über unterschiedliche Arten des Krieges folgen vier weitere Abschnitte darüber, warum Krieg geführt wird, wer es tut, und womit und wie es geschieht. Doch die Hoffnungen trügen.

Das Buch zerfällt in zwei ungleiche Hälften. Die Kapitel in der zweiten Hälfte sind akzeptabel, denn hier geht es um die Schilderung von Strukturen und Sachverhalten, die Kortüm insgesamt angemessen darzustellen vermag. Das letzte Kapitel des Werkes, in dem es um die Wirkung der Waffen und die Praxis der Gewaltausübung überhaupt geht, ist das beste des Buchs; es bietet eine Zusammenstellung von Quellen und Literatur, die sich so nirgends, auch nicht außerhalb der deutschsprachigen Literatur findet. Die Einleitung und die beiden ersten Kapitel, wo es um die allgemeine Einordnung des Phänomens Krieg geht, kranken jedoch schwer an den Folgen, welche die historiographische Grundhaltung Kortüms und eine inhaltliche Entscheidung zeitigen.

Beide Aspekte werden deutlich, als Kortüm die Stellung seines Werks innerhalb des Genres umreißt: „Moderne Militärgeschichte sei – so hat man vorgeschlagen – eine Kriegsgeschichte, die vom Töten und Sterben spreche. Diese Abgrenzung zu einer herkömmlichen (klassischen bzw. konventionellen) Kriegsgeschichte ist wichtig, weil sie den Fokus auf das Zentrale und Wichtigste im Kriege lenkt.“ (S. 27) Wer das vorgeschlagen hat, teilt Kortüm seinen Lesern nicht mit; hier fehlt, wie bei anderen pointierten Aussagen, ein Beleg. Befremdlich ist ferner, dass „moderne“ Militärgeschichte über inhaltliche Vorgaben definiert wird – und nicht über avancierte Methoden oder innovative Fragestellungen. Es deutet sich jedoch im Zitat auch an, warum dies nicht geschieht: Kortüm ist Positivist. Er sucht stets die eine, eindeutige Wahrheit. Er weiß, was „das Zentrale und Wichtigste“ im Krieg ist, nämlich die Opfer. Wie er an anderer Stelle schreibt, sei ihm die „Empathie mit den Opfern“ wichtig, denn einzig der „Blick auf die Opferseite“ könne verhindern, „dass der neuzeitliche Betrachter dem Faszinosum erliegt, das für viele, auch für viele Fachleute, traditionell von kriegerischer Gewalt ausgeht“ (S. 9).

Selbstredend ist es ehrenwert, Opfern von Gewalt Respekt zu zollen und Gewaltanwendung abzulehnen. Aber Kortüm bezieht aus dieser inhaltlichen Festlegung eine moralische Selbstgewissheit, und diese veranlasst ihn dann in Verbindung mit seinen positivistischen Ansichten immer wieder zu haltlosen Vorwürfen, dass andere Forscher, vor allem deutsche, die mittelalterlichen Kriege verharmlosten. Gleich mehrfach wird Knut Görich genannt (S. 92, 97, 100). Unter anderem ist ein beiläufiger Satz in dessen elegantem Staufer-Büchlein Kortüm ein dreiviertelseitiges Lamento wert, in dem auch Ludwig Uhland zitiert und der Afghanistan-Krieg erwähnt wird (S. 38). An anderer Stelle lässt sich erschließen, dass Gert Althoff und seine Schüler mit jenen namenlos bleibenden Historikern gemeint sind, die lieber von „Konflikten“ als von „Kriegen“ sprächen, weil das „entschieden harmloser“ klinge, und die statt „Kriegen“ lieber „durch Mediatoren“ beendbare „Konflikte“ untersuchten, und für die Krieg allenfalls „eine eher minder bedeutsame, vorübergehende Etappe im Rahmen eines als symbolische Kommunikation gedeuteten Prozesses“ (S. 32) darstelle.

Mitunter nimmt dieses Feindbild völlig abstruse Züge an. Kortüm behauptet zum Beispiel, „der Mythos ritterlicher Anständigkeit“ erfreue sich „weiterhin größter Beliebtheit“ als „eine positive Kontrastfolie zur Gegenwart“. Denn: „Wenn schon zugegebenermaßen im letzten Weltkrieg die deutschen Soldaten sich nicht anständig verhalten hatten, dann hatten es doch wenigstens die deutschen Ritter im Mittelalter getan.“ (S. 33 f.) Wieder fehlt ein Beleg für diese ganze Behauptung – begreiflicherweise, denn es dürfte sich kaum einer finden lassen. Über nicht-deutsche Forschungen und Forscher finden sich übrigens keine ähnlichen Aussagen. Die englische und amerikanische Kriegsgeschichte wird vielmehr häufig in Bausch und Bogen gelobt.

Die fixe Idee, mittelalterliche Kriege könnten nicht hinreichend grausam erscheinen, führen zusammen mit dem Positivismus Kortüms zu großen Schwierigkeiten im Umgang mit fachwissenschaftlichen Theorien und mit der mittelalterlichen Vorstellungswelt. Über Seiten hinweg arbeitet sich Kortüm zum Beispiel an der Frage ab, welche Rolle die Ehre der beteiligten Adligen in der mittelalterlichen Kriegführung gespielt habe (S. 92-103). Seine Erörterungen zeigen letztlich, dass ihm sein Positivismus keine Handhabe bietet, das Zusammenspiel von Wertvorstellungen, Wahrnehmungen und Handlungen angemessen zu erfassen. Ihm bleibt nur der Entlarvungsgestus – die hehren Ideale wurden nicht immer eingehalten – und der moralische Zeigefinger. So schlägt er vor, statt von „Ehre“ solle man von „sozialem Status“ sprechen. „Denn allzu leicht denkt man bei ‚Ehre‘ eben auch an moralisch-sittliche Kategorien wie ‚Ehrlichkeit‘, ‚Aufrichtigkeit‘, ‚Anständigkeit‘.“ (S. 93) Nur galt im Mittelalter nun einmal manches (wie die Tötung Andersgläubiger) als ehrenhaft und moralisch unbedenklich, was wir heute als verwerflich betrachten. Diese mittelalterliche Auffassung muss man bei einer Analyse in Rechnung stellen. Das heißt nicht, irgendetwas zu verharmlosen.

An denselben Gebrechen leiden Kortüms Auslassungen zum Begriff „Fehde“ (S. 42 f., 70-74). Zweifellos ist die Forschungsgeschichte durch Otto Brunners Interpretation belastet. Auch werden mit dem Wort „Fehde“ ganz unterschiedliche Konflikte bezeichnet, von der frühmittelalterlichen Blutrache bis hin zu ausgewachsenen Kriegen. Aber wieder einmal geht es Kortüm vor allem darum, irgendjemand könnte womöglich eine „Fehde“ für zu harmlos oder gar für anständig halten. Dabei verheddert er sich in seiner eigenen Argumentation. Erst behauptet er: „Bei der immer wieder von Teilen der deutschen Forschung behaupteten Legitimität der Fehde in mittelalterlicher Zeit dürfte es sich um eine Chimäre handeln.“ (S. 71) Zwei Seiten später aber deutet er an, was deutlicher hätte gesagt werden müssen: Über Jahrhunderte hinweg versuchte man, die eigenständige Gewaltausübung gerade dadurch einzudämmen, dass man sie, da man sie nicht einfach verbieten konnte, an Bedingungen knüpfte und dann, wenn diese Bedingungen erfüllt waren, als „rechte Fehde“, also als juristisch legitim anerkannte (S. 73f.).

Auch mit neueren wissenschaftlichen Termini hat Kortüm Schwierigkeiten. Als „Meistererzählung“ im Sinne eines Metanarrativs bezeichnet man bekanntlich übergeordnete Darstellungen und Darstellungsschemata der heutigen Forschung, die kleinteiligere Darstellungen in größere Zusammenhänge einordnen und diesen dadurch wiederum scheinbar Plausibilität verleihen. Kortüm aber bezieht den Begriff „Meistererzählungen“ auf Quellen wie die „Ilias“ und die „Odyssee“ (S. 17) sowie Angelberts Gedicht über die Schlacht von Fontenoy 841 (S. 16), ja er meint sogar, das Epos erweise sich „als eine bevorzugte Gattung für ‚Meistererzählungen‘ über den Krieg“ (S. 17). Doch diese Texte sind zwar Narrative, aber keine Metanarrative.

Später führt Kortüm an, der „Cultural/linguistic turn“ habe sich darin niedergeschlagen, dass man „das generative Potential des Krieges im Rahmen von Staaten- und Nationsbildungsprozessen“ sowie „die gesellschaftlich verändernde Kraft, die Kriegen innewohnt“, untersuche (S. 31). Beides aber hat mit dem „cultural turn“ allenfalls am Rande zu tun; es geht einfach um Struktur- und Sozialgeschichte.

Darüber hinaus erwecken viele Passagen im ganzen Buch den Eindruck, dass es hastig zusammengestellt und dann nicht mehr gründlich überarbeitet wurde. An einer Reihe von Stellen ist der Text nicht hinreichend durchdacht. Man sollte zum Beispiel nicht Giovanni Villani anführen, um zu schildern, wie nach der Schlacht von Benevent 1266 die Leiche des Staufers Manfred gefunden wurde (S. 169), denn dieser Autor schrieb rund 60 Jahre später und gestaltete den Vorfall fantasiereich aus; sinnvoller wäre es gewesen, zwei Briefe zu zitieren, die der Sieger Karl von Anjou kurz nach dem Kampf an den Papst geschrieben hat und die von den hier interessierenden Vorfällen ein anderes Bild zeichnen. Immer wieder finden sich ferner im Text eingerückte Erklärungen, die teils Begriffe, teils Ereignisse betreffen. In vielen Fällen handelt es sich um unnötige Exkurse. Der Reconquista auf der iberischen Halbinsel gilt zum Beispiel ein fast einseitiger Einschub, obwohl das Phänomen im eigentlichen Text so erklärt wird, dass es für die Argumentation völlig hinreicht (S. 45; ähnliche Fälle: S. 18, 48 f., 53, 59 f.). Mitunter wuchern diese Einschübe fast über den Text: Auf 5 Seiten (S. 79-84) finden sich insgesamt sechs Worterklärungen in der Länge von insgesamt mehr als 3 Seiten, wenig später gibt es auf 2 Seiten drei Worterklärungen mit insgesamt 1½ Seiten Länge (S. 88 f.).

Gravierende sachliche Fehler kommen hinzu. Der Deutsche Orden zum Beispiel begann den Kampf gegen die Prußen nicht erst „nach dem Rückzug aus dem Heiligen Land“ (S. 57), der erst 1291 stattfand, sondern schon in den 1220er-Jahren. Keinesfalls eroberte der Sohn König Eduards III. von England 1355 Bordeaux (S. 68), denn die Stadt befand sich seit 1303 (wieder) in englischer Hand. Der Vertrag von Arras „besiegelte“ nicht „die Loslösung Burgunds von Frankreich“ (S. 68); lediglich Herzog dem Philipp dem Guten persönlich wurde die Leistung des Lehnseids gegenüber Karl VII. von Frankreich erlassen. Verwundert liest man von „Johanna von Orléans, die als Jeanne d’Arc in die Geschichte einging“ (S. 68). Die junge Frau hieß Jeanne d’Arc; Johanna von Orléans wird sie eigentlich nur in Deutschland genannt.

Auch sprachliche Schnitzer treten häufiger auf, als tolerabel wäre. So wird im Text die vierte Spalte in einer beigegebenen Tabelle erwähnt – aber diese hat nur drei Spalten (S. 55 f.). „Der Idealtypus des autonomen Kriegerhelden“ kann nicht „mit der Alltagswirklichkeit […] des mittelalterlichen Krieges kollidieren“ (S. 20); das können allenfalls die Leute, die ihm nacheifern. Andernorts heißt es: „Aber auch die gesellschaftlich verändernde Kraft, die Kriegen innewohnt, ist inzwischen akzeptiertes Allgemeingut.“ (S. 31) Gemeint ist natürlich, dass die Kenntnis dieser Kraft Allgemeingut sei. Immer wieder liest man von der „Zeit des Mittelalters“, einmal auch von der „Zeit des 9. Jahrhunderts“ (S. 119). Das ist unsinnig, denn es handelt sich beim Mittelalter und beim 9. Jahrhundert per se um „Zeit“, nämlich um Zeitabschnitte. Schließlich sollte gerade jemand, der sich moralisch auf ein hohes Ross setzt, nicht in kantigem Juristendeutsch von dem „mit dem Thema Krieg traditionell aufs Engste verbundenen Tatbestand der Vergewaltigung“ (S. 22) schreiben. Und keinesfalls darf man vom „‚Strippen‘ toter Angelsachen“ reden oder formulieren, dass Leichen „parzelliert“ würden (S. 237 f., 240).

Angesichts der vielen Mängel dürfte es für Leser, die sich nicht selbst in der Materie auskennen (und das dürfte bei einem Handbuch auf die meisten zutreffen) schwer sein, die – wie gesagt – durchaus vorhandenen brauchbaren Passagen zuverlässig herauszupicken.

Zitation
Malte Prietzel: Rezension zu: : Kriege und Krieger 500–1500. Stuttgart  2010 , in: H-Soz-Kult, 02.02.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15279>.
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02.02.2011
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