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Titel
Die Akropolis von Athen. Eine Kunst- und Kulturgeschichte


Autor(en)
Schneider, Lambert; Höcker, Christoph
Erschienen
Darmstadt 2001: Primus Verlag
Umfang
251 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Charlotte Schubert, Alte Geschichte, Historisches Seminar, Universität Leipzig

Ziel des Buches ist es, "... dem Leser ... nicht alles vielleicht Wissbare über die Akropolis zu vermitteln, sondern diesen einzigartigen Platz als Ganzes in seinem geschichtlichen Wandlungsprozeß dar[zu]stellen und dabei Anregungen für die eigene Auseinandersetzung mit vergangenen Lebenswirklichkeiten [zu]bieten." (S. 8) Dazu wird zu Beginn eine ausführliche Übersicht der Wiederentdeckung des Ortes von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart der Beschreibung der antiken Epoche vorangestellt. Besonderes Gewicht legen die Autoren auf den Wechsel zwischen Gleichgültigkeit, Trophäen- und Vorbildfunktion sowie auf die verschiedenen historischen Bestandsaufnahmen (1674 Carreys Zeichnungen vom Skulpturenschmuck der Akropolis, 1758 die Publikation von LeRoy, 1762/3-1830 die große Publikation von Stuart und Revett), die sowohl für die Wirkung auf Bauformen in Europa und Amerika als auch für die moderne Forschung außerordentlich bedeutsam geworden sind. Auch der mit dem Titel "Antikenraub" überschriebene, jedoch von der Hohen Pforte genehmigte Abtransport der Hälfte des Parthenonfrieses samt 17 Giebelfiguren, einer Karyatide und einer Säule des Erechtheions, der Platten vom Fries des Nike-Tempels und weiterer Monumente nach England (1803-1809) wird ausführlich dargestellt, wenngleich die plakative Tendenz der Überschrift im Text zurückgenommen wird ("Es scheint aber verfehlt, Lord Elgin und den mit seinem Namen verbundenen Kunstraub speziell zu verurteilen.", S. 39). Es folgen eine Beschreibung des griechischen Befreiungskampfes und im Anschluß daran eine recht kritische Auseinandersetzung mit den Rekonstruktionen des 19. und 20. Jahrhunderts (z.B. S. 56: Vergleich der Akropolis mit einem Patienten und der Rekonstruktionen mit Operationen) bis hin zu der von den Autoren nur leicht verhüllt formulierten Präferenz für eine Unterstellung der Restaurierungsmaßnahmen unter die UNESCO-Charta.

Die im Anfangskapitel dargelegte Perspektive wird am Ende im Schlußkapitel noch einmal aufgegriffen, nachdem die zu Beginn ausgesparte Spätantike und byzantinische Zeit hier noch nachgetragen wurde. Unter dem Titel "Griechen und Türken - Oder: Archäologie und kein Ende" (S. 214ff.) wird die Rekonstruktion als Schaffung eines irrealen Geschichtsbildes, als historisierende Konstruktion kritisiert.

Demgegenüber nehmen die Autoren für sich folgende Position in Anspruch (S. 219): "In jedem Fall gilt als ausgemacht, dass der Archäologe die Fragen der Geschichte und des Umgangs mit Geschichte grundsätzlich besser beurteilt als der Nicht-Fachmann. Wir haben uns diese Auffassung nicht zu eigen gemacht und deshalb unsere Argumentation in keinem wichtigen Punkt verkürzt oder vereinfacht. Auch haben wir unser eigenes Fach nicht als einen sicheren Hort objektiven Wissens dargestellt, das es zu vermitteln gilt, sondern als eine interessante, aber auch problematische Wissenschaft, die auf die kritische Auseinandersetzung mit einer interessierten Öffentlichkeit angewiesen ist."

Grundlage einer kritischen Auseinandersetzung, insbesondere wenn es um die Darstellung eines historischen Wandlungsprozesses geht, ist nach wie vor eine korrekte Darstellung der Sachlage, ihrer Unsicherheiten und Lücken sowie der diese berücksichtigenden Divergenzen in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Im Hinblick auf den selbstgestellten Zielanspruch zeigt der Hauptteil des Buches, der die Geschichte der Akropolis von der Steinzeit bis in die römische Epoche erschließt, folgendes: Im Vergleich zu den derzeit vorliegenden, neuen archäologischen Publikationen von Hurwit und Brouskari,[1] aber auch zu dem zeitgleich erschienenen Werk von Camp,[2] ganz besonders aber vor dem Hintergrund der reichhaltigen althistorischen Forschungen ist das Buch merkwürdig veraltet, teilweise mit schweren Fehlern behaftet und einer idealisierenden Geschichtskonzeption verpflichtet, die an Irrealität und Konstruktivismus den kritisierten Rekonstruktionen in nichts nachsteht.

Unter dem Titel "Frühe Besiedlung" werden in aller Kürze Geologie, Klima, Vegetation, Siedlungsreste der Steinzeit, die mykenische Burg- und Palastanlage sowie der Zusammenbruch der mykenischen Palastwirtschaft und die sog. Dark Ages beschrieben. Die Migrationsbewegungen dieser Zeit werden - ohne jedes Fragezeichen - mit den Etiketten "Einwanderung", "Eroberung", "Vertreibung" versehen. Es wird von einem Klassensystem und einer unterdrückten Landbevölkerung gesprochen und der heute für diese Periode angenommene, länger andauernde Transformationsprozeß mit dem einfach anmutenden Bild des Zusammenbruchs überdeckt.

Die komplizierte Baugeschichte der archaischen und klassischen Zeit wird in den folgenden Kapiteln "Das archaische Heiligtum im Konflikt zwischen Aristokratie und Volk" und "Religion im Dienst der Politik: die Klassik" dargestellt. Im Unterschied zu Hurwit, der die verschiedenen Möglichkeiten in der Abfolge von Bauten sowohl auf der nördlichen Seite an der Stelle des späteren Erechtheion als auch auf der südlichen Seite an der Stelle des späteren Parthenon in einer auch für Nicht-Archäologen gut verständlichen Weise abwägt, ziehen die Autoren hier alles zu einem Tempel vom Beginn des 6. Jahrhunderts v.Chr. zusammen (dem sie alle Fragmente zuordnen, u.a. die Blaubart- und Löwenskulpturen, S. 89f.), der dann durch einen von den Söhnen des Peisistratos neu errichteten Athena-Tempel ersetzt worden sein soll. In den letzten Jahren setzt sich jedoch zunehmend die Datierung dieses alten Athena-Tempels (sog. Dörpfeld-Tempel) in die Jahre um 500 v.Chr. durch.[3] Auch die derzeit in der Diskussion immer stärker in den Vordergrund tretende religiöse Dimension der Bildprogramme am Parthenon und des Parthenos sowie die Integration der Propyläen, des Erechtheion und des Nike-Tempels in ein die mykenischen Mauern und die Bastion sowie ältere Kultorte integrierendes räumliches Konzept reduzieren die Autoren auf simple, politische Zwiste, die eine 'radikale Demokratie im Parteienstreit' in ihrem Sinn zu lösen versuchte. Nike-Tempel und Erechtheion werden so als Ausdruck einer konservativen Reaktion verstanden (S. 166ff.). Es folgt in knapper Form ein Überblick der weiteren Entwicklung für die Zeitspanne vom 4. Jahrhundert v.Chr. bis zum 2. Jahrhundert n.Chr., in dem vor allem die Wirkungsspuren der Akropolis außerhalb Athens aufgesucht werden.

Den historischen Kontext dieser Entwicklung vereinfachen die Autoren in unangemessener Weise: Das Athen des 7. Jahrhunderts v.Chr. beschreiben sie als eine von "extremen Klassengegensätzen" zerrissene Gesellschaft (S. 94). Das 6. Jahrhundert v.Chr. wird als eine von der peisistratidischen Tyrannis geprägte Periode charakterisiert, obwohl man dieser Familie nicht einmal ein Vierteljahrhundert kontinuierlicher Herrschaft zuweisen kann (Athenaion Politeia 14-19). Aus althistorischer Sicht unverständlich wird dann die Darstellung zur kleisthenischen Zeit ("eine weitgehende Gleichstellung der drei ersten Stände", S. 101) und den Perserkriegen. Wie kommen die Autoren darauf, daß erst nach der Zerstörung Milets 494 v.Chr. und der Reaktion attischer Bürger hierauf in Athen der Beschluß gefaßt worden wäre, "die bedrängten griechischen Städte an der kleinasiatischen Küste gegen Persien zu unterstützten" (S. 101)? Der ionische Aufstand war mit der Zerstörung Milets beendet und die attische Unterstützung für die Ionier gehört in das Jahr 499/98. Und was ist mit der im Anschluß an den zitierten Satz folgenden Aussage gemeint: "Ein gewaltiges Heeres- und Flottenaufgebot, vom Großkönig selbst angeführt, fällt im Jahr 490 v.Chr. über die Dardanellen in Griechenland ein." (S. 101) Der kundige Leser möge es am Text des Buches nachvollziehen - für die Rez. handelt es sich hier um eine verwechselnde Vermischung und Zusammenziehung der Feldzüge von Marathon (490 v.Chr.) und Salamis (480 v.Chr.). Da es sich bei beiden Ereignissen um sinnstiftende Elemente der attischen Selbstdarstellung in Literatur, Kunst und Politik handelt, ist eine solche Konfusion keine Kleinigkeit.

Auch die vielen anderen Vereinfachungen (z.B.: der Eid von Platää wird ohne jede Kommentierung und trotz der schon in der Antike den Athenern unterstellten Fälschungstat für echt gehalten, S. 105; die bei Aristoteles für das 4. Jahrhundert beschriebene Diätenregelung wird für das 5. Jahrhundert unterstellt, S. 114), Verzerrungen (z.B.: die Ereignisse des Jahres 461/60 v. Chr. werden als blutiger Umsturz bezeichnet - wer starb denn außer Ephialtes noch?, S. 114) und falschen Daten (zu dem obengenannten Beispiel s. auch S. 141: Einweihung des Parthenon mit der Athena-Statue 439/38 v.Chr. - das einzige aus der Antike überlieferte Datum für diese Jahre ist 438/37 [4]) fügen sich in dieses Bild.

Die Autoren präsentieren in ihrer Darstellung als Herzstück und Höhepunkt der Geschichte der Akropolis das perikleische Bauprogramm (Parthenon, Parthenos, Propyläen). Sie stellen es dabei als Repräsentation einer von althergebrachten, religiösen Tradition völlig losgelösten Politik dar, die sich in 'blutigen' Parteikämpfen durchgesetzt habe. Aus welchen Quellen sie dieses Bild schöpfen, ist für die Rez. unklar geblieben, da sie auf Quellenbelege verzichten. Aus historischer Sicht stellt sich jedoch die Frage, welches Bild der attischen Demokratie hier dem Leser vermittelt werden soll. Die Hervorhebung der scharfen Abgrenzung dieser Bauten gegenüber alten und nachfolgenden religiösen Kultorten einerseits und die politische Konnotation andererseits rücken diese attische Demokratie der perikleischen Zeit in einen Ausnahmezustand, zeichnen sie als eine Besonderheit, die mit Vorangegangenem und Nachfolgendem nicht vergleichbar ist. Darin ist eine Sichtweise zu erkennen, die die vielfältig und kontinuierlich einwirkende Vorgeschichte und vor allem die weitere Entwicklung der attischen Demokratie im 4. Jahrhundert auf eine idealisierte, aus der Geschichte herausgehobene "Schule von Hellas" reduziert.

Neben diesen grundsätzlichen Einwänden sollen jedoch auch die Stärken des Buches zur Sprache kommen, die in den vielen anschaulich beschriebenen Details aus dem künstlerischen Bau- und Schaffensprozeß sowie den wirklich hervorragenden und gut plazierten Abbildungen, schließlich auch den narrativen Abschnitten zur Wirkungsgeschichte in der Neuzeit liegen.

Anmerkungen

[1] Hurwit, J. M.: The Athenian Acropolis, Cambridge 1999; Brouskari, M.: The Monuments of the Acropolis, Athen 1997.
[2] Camp, J. M.: The Archaeology of Athens, New Haven 2001.
[3] Camp 42f.; Hurwit 121f.; Childs, W. A. P.: The Date of the Old Temple of Athena on the Athenian Acropolis, in: The Archaeology of Athens and Attica, hrsg. v. W. D. E. Coulson u.a., Oxford 1994, 1ff.
[4] Schol. Ar. Pax 605ff.; vgl. dazu Rez.: Perikles, Darmstadt 1994, 116ff.

Zitation
Charlotte Schubert: Rezension zu: : Die Akropolis von Athen. Eine Kunst- und Kulturgeschichte. Darmstadt  2001 , in: H-Soz-Kult, 11.06.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1532>.
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Veröffentlicht am
11.06.2002
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