W. Borodziej: Geschichte Polens im 20. Jahrhundert

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Titel
Geschichte Polens im 20. Jahrhundert.


Autor(en)
Borodziej, Wlodzimierz
Erschienen
München 2010: C.H. Beck Verlag
Umfang
489 S.
Preis
€ 26,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Damien Tricoire, Humboldt Universität Berlin / Universität Paris

Die vom Freiburger Historiker Ulrich Herbert herausgegebene Reihe „Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert“ (C. H. Beck) wagt einen Spagat: Sie will die nationale mit der europäischen Perspektive verbinden. Die Geschichte der unterschiedlichen europäischen Staaten und Gesellschaften wird je für sich erzählt, „aber zugleich im Kontext der europäischen Entwicklung und der globalen Verflechtung“ (S. 8). Als Ergänzung der chronologischen Darstellung der Prozesse und Ereignisse rückt an einigen Zeitpunkten (1900, 1925, 1945, 1965, 2000) ein Panorama der Gesellschaft in den Vordergrund, das Vergleiche zwischen den Ländern einfacher macht. So soll eine Distanz zu Diskursen über eventuelle Sonderwege geschaffen werden, ohne die nationalen Dynamiken zu vernachlässigen.

Die „Geschichte Polens im 20. Jahrhundert“ vom Warschauer Historiker Włodzimierz Borodziej erfüllt diese Zielsetzung auf vorbildliche Weise. Sie stellt nicht nur die erste umfassende deutschsprachige Darstellung der Geschichte dieses östlichen Nachbarn Deutschlands zwischen 1900 und 2000 dar; sie überragt auch durch ihre Qualität wohl jegliche Synthese zur Zeitgeschichte Polens. Von vorneherein stellt Borodziej fest: „Die polnische Geschichte im 20. Jahrhundert ist nicht exotischer als die Geschichte anderer Länder. Die oft anzutreffende Überzeugung, sie sei besonders schwierig verlaufen und besonders schwer zu verstehen, wird schnell fragwürdig, wenn man sie einem internationalen Vergleich aussetzt.“ (S. 11) Damit ist der Ton dieser lesenswerten Monographie angestimmt, die sich lakonisch vom Diskurs eines exzeptionellen Opferschicksals distanziert.

In den ersten Kapiteln des Buches macht Borodziej klar, wie wenig selbstverständlich in der ersten Hälfte des Jahrhunderts die Antwort auf die Frage war, wo Polen liegt und was es überhaupt ist. Implizit vom großen Nationalnarrativ und jeglicher retrospektiven Illusion Abstand nehmend zeichnet der Autor die Entfremdung zwischen den Teilungsgebieten nach, ohne die Bemühungen zur Schaffung eines modernen Nationalbewusstseins zu vergessen. Die innenpolnischen Spannungen vor und nach 1918 werden kenntnisreich dargestellt. Auch im Kapitel über den Zweiten Weltkrieg bemüht sich Borodziej um Differenzierung. Er argumentiert beispielsweise gegen eine Gleichsetzung zwischen deutschem und sowjetischem Terror. Besonders hervorzuheben ist, dass er auf Phänomene aus der Alltags- und Sozialgeschichte Polens im Krieg eingeht, die dem breiteren Publikum weniger bekannt sein dürften, etwa ausgeklügelte Versorgungsstrategien der Polen („Scheinleben“) oder die Aufblähung der Verwaltung im Generalgouvernement. Das Bild der 1960er- und 1970er-Jahre ist äußerst lebendig gestaltet. Borodziej vermittelt dem Leser ein Gespür für die diversen gesellschaftlichen Dynamiken der Epoche und gibt sich mit einer einseitigen Verfallsgeschichte der Volksrepublik nicht zufrieden. Die Darstellung Polens nach der Wende kann als ähnlich gelungen gelten: Sie listet nicht nur Erfolge auf, sondern auch Enttäuschungen, so dass der gesellschaftliche Frust, der 2005 zum Erfolg der Kaczyński-Brüder führte, nachvollziehbar wird. Borodziej zeigt sich als scharfsinniger und durchaus kritischer Beobachter seiner Zeit, der nicht vor deutlichen Urteilen scheut, etwa wenn er den Sejm von 1989 zum fähigsten Parlament der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts erklärt. Viel Aufmerksamkeit widmet er den Spannungen und Spaltungen der heutigen polnischen Gesellschaft, aber auch der Diskrepanz zwischen den tatsächlichen Errungenschaften (Unabhängigkeit, funktionierende Demokratie und Marktwirtschaft), die im Vergleich zum frühen 20. Jahrhundert durchaus beeindruckend erscheinen mögen, und der kritischen Wahrnehmung durch einen Großteil der Bevölkerung, die ihr Land mit westlichen Maßstäben misst.

Auffällig wird an Borodziejs Vorgehen, dass er nichts für selbstverständlich hält, so zum Beispiel, wenn er betont, man wisse nicht, warum die Sowjetunion 1944-45 kein Interesse an einer Finnlandisierung Polens hatte. Auch nimmt er Abstand von Verschwörungstheorien und Spekulationen (zum Beispiel in Bezug auf das Pogrom von Kielce 1946 oder das Referendum im Ermland 1920). Wenn das Ausmaß eines Phänomens unbekannt ist, gibt er es zu und verweist auf Forschungslücken. Die synchronen geographischen Vergleiche benutzt er vor allem, um polnische Entwicklungen zu relativieren wie die Verquickung von Politik und Wirtschaft nach 1989, die im Vergleich zur ehemaligen Sowjetunion relativ moderat ausfällt. Die häufigen und besonders erleuchtenden diachronen Vergleiche dienen dagegen dem Zeichnen großer Entwicklungslinien. Gute Beispiele für gutes Gelingen dieser Methode sind die Vergleiche zwischen den Staatsgründungen 1918, 1944 und 1989 oder auch zwischen den politischen und sozialen Umbrüchen der Jahre 1956 und 1970.

Borodziejs Buch ist eher narrativ denn analytisch angelegt, was dem Format einer Überblicksdarstellung entspricht. Der Stil ist nüchtern, distanziert und zugleich äußerst lebendig. Übergänge zwischen den Abschnitten werden souverän gemeistert, die Erzählung ist flüssig und lässt immer wieder einen ironischen Unterton durchklingen. Die Benutzung umgangssprachlicher Termini der Polen, die in Einführungszeichen gesetzt werden (die „Russen“), mag gelegentlich irritierend anmuten; dem deutschen Leser ermöglicht sie jedoch ein Eintauchen in die Vorstellungswelt der polnischen Zeitgenossen. Bei aller Lebendigkeit verfällt die Darstellung niemals ins Triviale oder Pathetische, was die hier anzuzeigende Veröffentlichung im Vergleich etwa zu denen von Norman Davies [1] auszeichnet.

Was zu bemängeln bleibt, kann als Geschmacksache abgetan werden. Zwei Abschnitte – die Stalinzeit und die „grauen“ 1980er-Jahre – sind eher aus der Perspektive des Staats und der Partei geschrieben und lassen lebendige Einblicke in die Alltags- und Kulturgeschichte weitgehend vermissen. Somit erfährt man wenig über die Reaktionen und Strategien der polnischen Gesellschaft und der Kirche auf die Politik der versuchten „Gleichschaltung“ in der Nachkriegszeit. Dies ist wohl dem Charakter der Gesamterzählung geschuldet, die offenbar auf die Konstruktion von negativen Kontrapunkten zur Darstellung der darauffolgenden Zeitabschnitte zielt. Insgesamt kommen die kulturellen Veränderungen im Vergleich zu den politischen Ereignissen und dem Aufzeigen großer sozialer Prozesse etwas kurz, was durchaus typisch für Überblicksliteratur ist. So wäre eine etwas mehr detaillierte Darstellung der nationalen Symbolik (etwa bei der territorialen Inkorporierung der „wiedergewonnenen Gebiete“ 1944-45), der Pop- und Jugendkultur, der kulturellen Öffnung zum Westen nach 1989 oder des religiösen Wandels (nach der Wende ist durchaus eine religiöse Pluralisierung zu beobachten) von Interesse gewesen. Auf der anderen Seite ist gerade das Stimmige und Nichtausufernde eine große Stärke dieser Synthese. Insgesamt bleibt der Eindruck: Eine andere Überblicksdarstellung zur Geschichte Polens im 20. Jahrhundert könnte man sich vorstellen, eine bessere wohl kaum.

Anmerkung:
[1] Etwa: Norman Davies, Im Herzen Europas. Geschichte Polens, München 2006.

Zitation
Damien Tricoire: Rezension zu: : Geschichte Polens im 20. Jahrhundert. München  2010 , in: H-Soz-Kult, 09.02.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15329>.
Redaktion
Veröffentlicht am
09.02.2011
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