J. Hasenclever: Wehrmacht und Besatzungspolitik

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Titel
Wehrmacht und Besatzungspolitik in der Sowjetunion. Die Befehlshaber der rückwärtigen Heeresgebiete 1941-1943


Autor(en)
Hasenclever, Jörn
Erschienen
Paderborn 2010: Schöningh
Umfang
613 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jürgen Kilian, Institut für Geschichte, Universität Passau

Die deutsche Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion unter nationalsozialistischen Vorzeichen hält trotz mehrerer in den letzten Jahren gesetzter Meilensteine die Geschichtswissenschaft auch weiterhin in ihrem Bann, was gleichzeitig die Vielschichtigkeit dieses Themas wie auch die Problematik von vereinfachenden, eindimensionalen Schlussfolgerungen verdeutlicht. Nach den bedeutenden und für die weitere Forschung befruchtenden Arbeiten von Michael Wildt[1] und Johannes Hürter[2] legt nun auch Jörn Hasenclever eine Studie vor, die in ihrer Konzeption einen gruppenbiographischen Ansatz verfolgt. Im Rahmen seiner veröffentlichten Dissertationsschrift untersucht er die Handlungsweisen der Befehlshaber der rückwärtigen Heeresgebiete (Berück) in den militärisch verwalteten Teilen der Sowjetunion. Dabei umfasst seine Auswahl vier von insgesamt zwölf dieser neben den Oberbefehlshabern der Armeen bedeutendsten Protagonisten militärischer Besatzungspolitik im Osten. Zu Hasenclevers Sample zählen neben dem bekannten Max von Schenckendorff, die beiden Vettern Karl und Franz von Roques sowie Erich Friderici. Diese Fokussierung dürfte vor allem der Quellenlage geschuldet sein, zum Teil aber auch der geringen Bedeutung von nur kurzzeitig im Amt befindlichen Berücks. Dies trifft allerdings kaum auf Generale wie Otto Hartmann oder Kuno-Hans von Both zu, die jeweils über einen verhältnismäßig langen Zeitraum amtierten und keineswegs einen „marginalen“ (S. 13) Einfluss auf die Besatzungspolitik ausübten. Entsprechend den Amtszeiten der ausgewählten Generale konzentriert sich Hasenclevers Studie im Wesentlichen auf den Zeitraum von Beginn des „Unternehmens Barbarossa“ bis einschließlich 1942. Das letzte Jahr der Okkupation wird dagegen teilweise etwas ungenau und pauschal abgehandelt.

Hasenclever stellt eingangs drei zentrale Fragen: Wie kam es zur weitgehenden Instrumentalisierung dieser Vertreter einer ausgeprägt konservativen Militärelite für eine nationalsozialistisch ausgerichtete Besatzungspolitik im Osten? Welche Handlungsspielräume besaßen die Befehlshaber und wie nutzten sie diese? Welcher Stellenwert kam bei ihrem Handeln intentionalen und situativen Faktoren zu?

Für die Beantwortung dieser Fragestellungen gliedert Hasenclever seine Studie schlüssig in vier Hauptkapitel. Im ersten geht er auf die „Vorbereitungen auf den ‚Weltanschauungskrieg‘ gegen die Sowjetunion“ ein, wobei er namentlich die biographischen Dispositionen seiner Protagonisten herauszuarbeiten sucht. Die darauf folgende Abhandlung über den Aufbau und die Funktionsweisen der Berück-Stäbe gleicht in vielem aber einer bloßen Auflistung der Aufgabenverteilungen und liefert wenig neue Erkenntnisse zu diesen durchaus bemerkenswerten und eigens für den Ostkrieg gebildeten Kommandobehörden.[3] Die Ausführungen über die Wirtschaftsorganisation bleiben gleichfalls meist oberflächlich, im Detail auch fehlerhaft. Sehr aufschlussreich sind hingegen die Ergebnisse über die oftmals enge Zusammenarbeit zwischen den Befehlshabern und den ihnen zugeteilten Höheren SS- und Polizeiführern bzw. den Einsatzgruppenleitern. Dabei ging die Initiative offenbar meist von den Parteigängern Himmlers aus, die den Kontakt zu den führenden Militärs im Hinterland bewusst suchten, um sich dadurch die gewünschten Handlungsspielräume zu sichern.

Im zweiten Hauptkapitel seiner Arbeit untersucht Hasenclever die „Besatzungspolitik in den Rückwärtigen Heeresgebieten“. Dabei bleiben seine Ausführungen mitunter etwas widersprüchlich. Während Hasenclever sowohl Christian Gerlachs Postulat eines eliminatorisch ausgerichteten „Hungerplans“[4] als auch Johannes Hürters Alternative eines statt dessen vorhandenen „Hungerkalküls“[5] als „bedingt weiterführend“ ablehnt, interpretiert er selbst die Ausbeutungspolitik als eine „an nichts zu überbietende Vernichtungsabsicht“ (S. 46f.) und schließt sich damit der Sichtweise Gerlachs an, ohne freilich dezidiert auf die Wirtschaftsführung in den besetzten sowjetischen Gebieten einzugehen.

Wenig stimmig erscheint auch Hasenclevers Feststellung vom Vorliegen angeblicher „Reforminitiativen der Befehlshaber“, was er freilich in seinen Schlussfolgerungen selbst relativiert. Seinen Ausführungen im Hauptteil zufolge hätten sich die Berücks mit dem immer absehbarer werdenden „Scheitern des Blitzkrieges“ frühzeitig für eine bessere Behandlung der Bevölkerung eingesetzt. Obwohl im Herbst 1941 durchaus nicht wenige Stimmen von der Front wie auch aus den besetzten Gebieten laut wurden, die eine partielle Abkehr von der bis dahin konsequent umgesetzten Politik eines rücksichtslosen Vorgehens einforderten, kamen die maßgeblichen Anstöße für einen sehr verhaltenen Kurswechsel in Landwirtschaft, Kirche und Bildung tatsächlich aber im Wesentlichen von den zentralen Institutionen.[6] Unter dem Eindruck der eben begonnenen sowjetischen Gegenoffensive im Mittelabschnitt hatten Generalstabschef Halder, Generalquartiermeister Wagner und vermutlich auch der Oberbefehlshaber des Heeres, v. Brauchitsch, am 9. Dezember 1941 vereinbart, dass unverzüglich Maßnahmen für eine „Gewinnung der Bevölkerung“ ergriffen werden müssten, um die erforderliche „Ruhe und Ordnung“ im Hinterland auch künftig gewährleisten zu können. Die Folge war ein Schreiben Wagners an das Ostministerium vom 13. Dezember, worin dieses zur baldigen Verkündung einer Agrarreform aufgefordert wurde. Auch im Bereich der Religionspolitik erkennt Hasenclever die Bedeutung der zentralen Erlasse von Ostministerium und Wehrmachtsführung aus dem August 1941 (zum Teil bereits aus dem Juni 1941) nicht und geht daher ebenfalls von einer Initiativhandlung der Berücks aus. Auf dem Gebiet des Bildungswesens war es gleichermaßen lediglich bei halbherzigen und meist auf die größeren Städte beschränkten Maßnahmen durch die Heeresgebietsstäbe geblieben. Auch hier lieferte erst ein Erlass Rosenbergs vom 12. Dezember 1941 die Grundlage für die im Frühjahr 1942 erfolgte großflächige Wiederaufnahme des Schulunterrichts. Diese wenigen Beispiele dürften belegen, wie unerlässlich die Einbeziehung aller in Frage kommenden Institutionen für die Erforschung der Besatzungspolitik nicht nur im Osten ist. Obgleich die Berücks in einigen Fällen durchaus als Stichwortgeber fungierten, bedurfte es erst entsprechender Weisungen der übergeordneten Behörden, um die – ohnehin in ihren Auswirkungen für die Einwohnerschaft kaum spürbaren – Reformansätze einzuleiten. Angesichts ihrer Einbindung in die militärische Hierarchie und des Vorliegens einer Vielzahl vermeintlicher wie tatsächlicher Sachzwänge wird man daher die vielzitierten Handlungsspielräume der Befehlshaber stets am konkreten Fall bewerten müssen, was letztlich auch Hasenclever feststellt.

Im dritten und vierten Hauptkapitel geht Hasenclever schließlich auf die persönlichen Anteile der Befehlshaber im Partisanenkrieg und bei der Ermordung der sowjetischen Juden ein. Eine besondere Rolle kommt in beiden Komplexen Max v. Schenckendorff zu, weshalb dessen Heeresgebiet Mitte im Fokus der Betrachtungen steht. In der Partisanenbekämpfung konnte sich v. Schenckendorff sowohl durch seine berüchtigten praxisnahen Lehrgänge als auch durch allgemeine Richtlinien, die von der Heeresleitung übernommen wurden, schnell etablieren. Obwohl sein Befehlsbereich hinsichtlich der eklatant hohen Opferzahlen unerreicht blieb, waren seine Maßnahmen aus militärischer Sicht im Wesentlichen von Erfolglosigkeit gekennzeichnet. Nicht zuletzt war dies eine Folge der rigorosen Befehlsgebung, die in krassem Gegensatz zu den oft gleichzeitig ausgesprochenen Forderungen nach einer besseren Behandlung der Landeseinwohner stand. Auch in der von der NS-Führung anvisierten Vernichtung der sowjetischen Juden, die häufig seitens der Militärs als die maßgeblichen Protagonisten der „gegnerischen Weltanschauung“ angesehen wurden, zeichnete sich v. Schenckendorff durch eine besonders ausgeprägte Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den Formationen von SS und Polizei aus, während in den Heeresgebieten der beiden Roques zumindest formal auf eine strikte Trennung der Truppe von den Verbänden Himmlers geachtet werden sollte. Von latent antisemitischen Gedankengängen waren jedoch auch diese beiden Vertreter der Militärelite nicht frei, ganz zu schweigen von Friderici, der offenbar den Völkermord bejahte.

Die vorgestellte Studie von Jörn Hasenclever zeichnet sich vor allem durch das Wagnis eines Vergleichs von vier rückwärtigen Heeresgebieten aus, die zusammen den Löwenanteil der unter deutscher Militärverwaltung befindlichen sowjetischen Gebiete ausmachten. Dass dabei nicht alle Aspekte der Besatzungspolitik gleichermaßen erschöpfend behandelt werden können, liegt auf der Hand. Dennoch ist es Hasenclever gelungen, anhand seines Samples von Befehlshabern namentlich für den Zeitraum 1941/42 eine ausgewogene, objektive und insgesamt durchaus stimmige Untersuchung vorzulegen, die in vielerlei Hinsicht die Erkenntnisse der neuesten Forschung über die Wehrmacht als Besatzungsinstrument in der Sowjetunion zu stützen und auszuweiten vermag. Als eines der wichtigsten Ergebnisse kann dabei gelten, dass gerade der „schmutzige Krieg“ im Hinterland als „eigentliche Folie für die Behandlung der Zivilbevölkerung“ (S. 561) wirkte, was neben der Ausbeutungspolitik als bedeutsames Erklärungsmuster für die nicht selten widersprüchlich anmutenden Befehle der Berücks gesehen werden muss. Obgleich Hasenclever mit seiner Studie ein bislang noch nicht hinreichend erforschtes Terrain betritt, harren aber auch weiterhin eine Vielzahl „weißer Flecken“ zur deutschen Besatzungsherrschaft in den sowjetischen Gebieten ihrer wissenschaftlichen Bearbeitung.

Anmerkungen:
[1] Michael Wildt, Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002.
[2] Johannes Hürter, Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42, München 2007.
[3] Vgl. dagegen Hürter, Heerführer, S. 266-278; Christian Hartmann, Wehrmacht im Ostkrieg. Front und Hinterland 1941/42, München 2009, S. 29-80.
[4] Christian Gerlach, Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944, Hamburg 1999, passim, u.a. S. 46ff.
[5] Johannes Hürter, Die Wehrmacht vor Leningrad. Krieg und Besatzungspolitik der 18. Armee im Herbst und Winter 1941/42, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 49 (2001), S. 377-440, hier: S. 405f., 433 und 439f.
[6] Vgl. hierzu und zum Folgenden: Jürgen Kilian, Die deutsche Besatzung im russischen Nordwesten 1941 bis 1944. Funktionsweisen – Motive – Herrschaftspraxis, Diss. Phil. Passau 2010.

Zitation
Jürgen Kilian: Rezension zu: : Wehrmacht und Besatzungspolitik in der Sowjetunion. Die Befehlshaber der rückwärtigen Heeresgebiete 1941-1943. Paderborn  2010 , in: H-Soz-Kult, 11.01.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15409>.
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11.01.2011
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