: "Ich wäre ein Judenfeind?". Zum Antijudaismus in Friedrich Schleiermachers Theologie und Pädagogik. Köln : Böhlau Verlag Köln  2010 ISBN 3412206008, 256 S. € 32,90.

: Die Grenzen der Erziehung. Eine Untersuchung zur romantischen Bildungskonzeption Friedrich Schleiermachers. Frankfurt am Main : Peter Lang/Frankfurt am Main  2010 ISBN 3631604211, 253 S. € 41,80.

Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Sebastian Manhart, Fachbereich Allgemeine Pädagogik, Universität Trier Email:

Der Umgang mit ihren Klassikern ist für jede Geistes- und Sozialwissenschaft mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. Das gilt besonders auch für die Erziehungswissenschaft und die Theologie, weil hier häufig mit dem Rückgriff auf die Werke klassischer Autoren theoretische oder praktische Innovationen der Gegenwart kritisiert oder abgesichert werden sollen. Diese interessengeleitete Lektüre kann für die jeweiligen Fachdiskurse der Gegenwart durchaus produktiv sein; sie führt allerdings leicht zu einer ausschnitthaften und nicht selten dann auch verzerrten Rezeption besagter Autoren und dies obwohl die Beschäftigung mit ihnen nicht abreißt. Ganz ähnlich ist es Schleiermacher ergangen und dies auch noch im Kontext zweier unterschiedlicher Fachdiskurse. Denn Schleiermacher ist ein unbestrittener Klassiker sowohl der protestantischen Theologie als auch der Erziehungswissenschaft.

Die Bücher von Stephanie Bermges und Matthias Blum nehmen erfolgreich Korrekturen an einigen in diesem Sinne eingefahrenen Interpretationen und Vorannahmen im Diskurs über Schleiermacher vor. Obwohl auf den ersten Blick durchaus an ganz unterschiedlichen Themen interessiert, ergänzen sich ihre Darstellungen doch in vielerlei Hinsicht und bestätigen sich wechselseitig. Stephanie Bermges versucht im Zuge einer sorgfältigen Rekonstruktion von Schleiermachers Religionsbegriff zu zeigen, dass dessen Bildungs- und Erziehungsverständnis nur vor dem Hintergrund der bei ihm überaus engen Verknüpfung von Religiosität und Individualität richtig verstanden werden kann. Die Vorstellung einer wesentlich selbsttätigen Herausbildung der Eigentümlichkeit eines Individuums, der Bermges auch in ihrer weiteren Entwicklung bei Schleiermacher folgt, ist in ihrer Entstehung, ebenso wie sein wesentlich auf das individuelle Gefühl und Erlebnis setzender Begriff der Religion, stark von Überlegungen aus dem Kreis der Frühromantiker (Schlegel, Novalis) geprägt (S. 8ff.).

Matthias Blum geht es hingegen vorrangig um den Nachweis, dass Schleiermachers Überlegungen zur Religion und Erziehung systematisch von antijudaistischen Argumentationsmustern und im Verlauf der Werkentwicklung auch sehr stabilen Vorurteilen gegenüber dem Judentum geprägt sind. Beide Autoren ziehen hierfür neben zahlreichen Texten Schleiermachers zu unterschiedlichen Themen vor allem seine Schriften über Religion und Erziehung im engeren Sinne heran. Vor dem Hintergrund der dabei herausgearbeiteten zentralen Bedeutung seines Religionsverständnisses verschieben sich die Gewichtung und Bedeutung zahlreicher seiner auch für die Erziehungswissenschaft relevanten Begriffe und Konzepte.

Trotz einer im erziehungswissenschaftlichen Diskurs immer wieder betonten und gern als vorbildhaft markierten formalen Offenheit und Neutralität von Schleiermachers Religionsverständnis läuft dieses in den verschiedenen Kontexten seiner konkreten Anwendung auf eine Vorrangstellung des Christentums hinaus. Das hat zur Folge, dass auch zentrale Elemente von Schleiermachers Erziehungskonzept mit christlichen Gehalten und Vorannahmen kontaminiert sind. Diese enge und vieles ausschließende Verbindung von Christentum, Erziehung, Sozialität und Politik kann eigentlich bei einem protestantischen Theologen des 19. Jahrhunderts nicht wirklich überraschen. Sie wurde aber, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, gerade auch im erziehungswissenschaftlichen Diskurs zu selten beachtet. Dies jetzt systematisch und über weite Strecken auch überzeugend getan zu haben, darin liegt das besondere Verdienst der beiden hier vorgestellten Autoren. Ihre Ausführungen machen deutlich, dass der Sinn für die Gemeinschaft - bei Schleiermacher das eigentliche Ziel der Erziehung im Ausgleich zur sich von selbst herausbildenden Eigentümlichkeit (Bildung) - über den Begriff der Sittlichkeit vorab schon immer eng mit dem Christentum verbunden ist.

Obwohl Schleiermacher, wie Stephanie Bermges bei der ausführlichen Erläuterung seiner Erziehungstheorie im zweiten Teil ihrer Arbeit zeigt (S. 69-159), explizit auf anthropologische Vorannahmen und ein Telos der Bildung verzichtet und die sozialen Sphären Religion, Staat, Wissenschaft und geselliges Leben scheinbar gleichrangig nebeneinander stellt, geht er von einer Vorrangstellung der Religion aus, die alle anderen menschlichen Vergemeinschaftungsformen umgreift. Der Herleitung dieser nicht ganz einfachen Begriffskonstellation widmet Bermges die einführende Analyse von Schleiermachers Religionsbegriff im ersten Teil ihres Buches (S. 8-68). Von einem nichthierarchischen Verhältnis zwischen der Religion und den anderen gesellschaftlichen Sphären, für das zum Beispiel Dietrich Benner immer wieder mit Bezug auf Schleiermacher plädiert [1], kann man zumindest bei diesem nicht sprechen (Kap. 11). In diesen Zusammenhang gehört auch Schleiermachers analoges Verständnis von Eigentümlichkeit und Religiosität, die jeweils über die Auseinandersetzung des Subjekts mit dem Unendlichen läuft. Auf diese Weise werden Religion und Bildung schon im selbsttätigen Entwicklungsgang des Subjekts auf der Erfahrungsebene konstitutiv miteinander verknüpft (S. 53ff./S. 189ff.). Weiterhin verweist Bermges darauf, dass Schleiermacher nur deshalb davon ausgeht, dass der Mensch seine Eigentümlichkeit von selbst hervorbringen kann (Bildung), ohne dabei Gefahr zu laufen, sich aus der Gemeinschaft zu entfernen, weil er als geselliges Wesen auch in seinem inneren Entwicklungsgang schon immer Teil der Gemeinschaft und ihrer Sitte ist (S. 65ff. u. 120ff.). Die Gesinnungserziehung bis hin zur aktiven Unterbindung unsittlichen Verhaltens ist daher nicht ein äußerer Eingriff in den selbsttätigen Bildungsgang des Zöglings (Kap. 5-7 u. Kap. 11), sondern eine wichtige Hilfe, die Abweichungen vom eigentümlichen Weg der Herausbildung des Individuums verhindert. Insofern ist sie eine der Erziehung obliegende zentrale Aufgabe (S. 98ff.), mit allen Folgen, die das hat, wenn man, wie Schleiermacher, davon ausgeht, dass Religion und Sittlichkeit immer nur in konkreten historischen Ausprägungen auftreten und ihre historische Relevanz und Wertigkeit nicht beliebig ist. Das diese Rangordnung verständlich machende ethische Konzept Schleiermachers, das Bermges eng mit seinem romantischen Subjektverständnis verzahnt (S. 70ff.), grenzt sie von anderen persönlichkeitsethischen Ansätzen im engeren Sinne ab, die sie im dritten Teil ihrer Arbeit am Beispiel Goethes und Nietzsches exemplarisch vorstellt (S. 167ff.). Im Zusammenhang mit der Erläuterung der Ethik Schleiermachers macht Bermges erneut deutlich, dass das organische Ganze der menschlichen Gemeinschaft als höchstes Gut für seine Verwirklichung besonders der Religion bedarf. Vor diesem Hintergrund erläutert sie Schleiermachers Konzept einer Gesinnungsbildung (S. 120ff.) und arbeitet in der Verhältnisbestimmung von Religion und Bildung (S. 221ff.) abschließend die bei Schleiermacher nun doch deutlich erkennbar werdende „teleologische Bestimmung des Menschen“ (S. 232) heraus.

Matthias Blum zeigt an zahlreichen Beispielen, dass Schleiermacher unter Sittlichkeit sehr konkret das Leben im Sinne der christlichen Religion und Moral versteht. Dabei hebt er das Christentum und die christliche Sitte immer wieder explizit als höherrangig von der jüdischen Religion und Lebensführung ab. In der Theologie betont er die Unterschiede zwischen Judentum und Christentum im Sinne einer historisch-sozialen Rang- und Entwicklungsordnung, unter anderem indem er das Alte Testament als Textgrundlage des Christentums deutlich herabsetzt (S. 10-29). Seine skeptische bis ablehnende Haltung zur Judenemanzipation, die Blum ebenfalls im ersten Teil der Arbeit ausführlich darstellt (S. 30-87), ist in ihrer Argumentation nicht nur prägend für zahlreiche antijudaistische Elemente im deutschen Kulturprotestantismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sondern im Gegensatz zu zahlreichen relativierenden oder das Problem schlicht ignorierenden Darstellungen in der Theologie und Erziehungswissenschaft der Gegenwart, auch im historischen Kontext seiner Zeit als problematisch anzusehen. Vor diesem Hintergrund widmet sich Blum dann im zweiten Teil seiner Arbeit ausführlich der engeren Verbindung von Theologie und Pädagogik (S. 98-208). Auch hier kommt er zu Befunden, die Schleiermachers Erziehungs- und Bildungsverständnis im Hinblick auf ihren humanistischen Gehalt relativieren. Nicht nur Schleiermachers Haltung zum schulischen Religionsunterricht (Kap. 3.3.2.), der zum Beispiel auch für Juden ein christlicher zu sein habe (S. 179), sondern auch die Vermittlung der Kulturtechniken Lesen und Schreiben erfahren ihre Begründung aus der damit möglich werdenden Teilhabe an der christlichen Religion (S. 158). Und selbst Schleiermachers immer wieder betonte und heutigen Lesern so sympathische Abneigung gegen körperliche Bestrafungen (S. 155ff.) wird mit Formulierungen begründet, die er zuvor schon für die Abgrenzung des christlichen vom strafenden jüdischen Gott, von der vermeintlich bloß äußerlich wirkenden Gesetzesorientierung der Juden verwendet hat, wohingegen die auf christlicher Liebe basierende innerlich wirkende „Zucht“ für ihn das legitime Mittel einer Besserung des Menschen ist (S. 157f.).

Nicht jede von Blum bei Schleiermacher vermutete Motivierung seiner Theorieanlage mit antijudaistischen Vorurteilen vermag aber zu überzeugen. So wäre sehr viel mehr Begründungsaufwand vonnöten, wollte er wirklich plausibel machen, das für Schleiermacher typische Denken in antagonistischen Gegensatzpaaren stehe mit seinem Antijudaismus in struktureller Verbindung (S. 210). Stephanie Bermges Absicherung seines dialektischen Denkens über seine Ethik (S. 79ff.) hat da schon mehr Argumente für sich, während wiederum ihre Abgrenzung derselben von Goethe und Nietzsche gerade in der Auswahl der Autoren nicht restlos befriedigt. Hier wird ein zentrales Problem beider Studien sichtbar, das für biographisch-monographische Herangehensweisen nicht untypisch ist. Der Konzentration auf die werkimmanente Interpretation liegt eine Tendenz zur Dekontextualisierung des untersuchten Autors zugrunde. Ihm wird dann zugerechnet, was ein übergreifendes Muster eines semantischen Feldes oder Diskurses seiner Zeit ist. Dessen mehr als überblicksartige Kenntnis erfordert aber sehr viel mehr Zeit als für Qualifikationsarbeiten nicht selten zur Verfügung steht. Im Blick auf das zeitgenössisch semantische Feld sind denn auch beide hier vorgestellte Arbeiten ausgesprochen selektiv. So fällt auf, dass Stephanie Bermges Verankerung von Schleiermachers Bildungsdenken in der Frühromantik doch recht exemplarisch erfolgt. Ganz naheliegenden Ähnlichkeiten mit den Konzepten von Humboldt, Herbart, Hegel oder auch Schiller, die nicht unbedingt Vertreter der Romantik sind, wird nicht nachgegangen. Aber auch genuine Romantiker wie Schelling oder Adam Müller tauchen in ihren Ausführungen überhaupt nicht auf und die Zahl der durchaus vermissten zeitgenössischen Autoren ließe sich problemlos vermehren. Dieses Manko gilt im Grundsatz auch für die auf Schleiermachers Erziehungs- und Bildungstheorie bezogenen Ausführungen Blums, auch wenn er diesen im Hinblick auf seine antijudaistischen Argumentationsmuster stärker als bisher im zeitgenössischen Diskurs verankert. Eine umfangreichere Berücksichtigung des semantischen Feldes der Zeit um 1800 hätte jedenfalls beiden Ausführungen des Öfteren gut getan. Dies bleibt nun den hoffentlich doch zahlreichen Lesern überlassen, die beiden Büchern zu wünschen sind. Denn aufgrund des erheblichen Gewinns an Einsichten und der zahlreich enthaltenen Anregungen für ein angemesseneres Verständnis der Bildungs- und Erziehungstheorie Schleiermachers kann deren Lektüre durchaus empfohlen werden.

Ein Klassiker der Pädagogik und der Theologie wird Schleiermacher ohnehin auch nach dieser Lektüre bleiben. Dafür ist sein Religionsverständnis und sein Entwurf einer Wissenschaft der Erziehung zu innovativ und wirkungsmächtig. Als Klassiker braucht er allerdings weder idealisiert und historisch dekontextualisiert noch in seinen Aussagen unbestritten zu sein.

Anmerkung:
[1] Dietrich Benner, Allgemeine Pädagogik. Eine systematisch-problemgeschichtliche Einführung in die Grundstruktur pädagogischen Denkens und Handelns, 4. Aufl., Weinheim 2001.

Zitation
Sebastian Manhart: Rezension zu: : "Ich wäre ein Judenfeind?". Zum Antijudaismus in Friedrich Schleiermachers Theologie und Pädagogik. Köln  2010 / : Die Grenzen der Erziehung. Eine Untersuchung zur romantischen Bildungskonzeption Friedrich Schleiermachers. Frankfurt am Main  2010 , in: H-Soz-Kult, 02.03.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15419>.
Redaktion
Veröffentlicht am
02.03.2011
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/
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