Titel
Wind from the East. French Intellectuals, the Cultural Revolution, and the Legacy of the 1960s


Autor(en)
Wolin, Richard
Erschienen
Umfang
400 S.
Preis
€ 28,45
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Leese, Institut für Sinologie, Ludwig-Maximilians-Universität München

Für Leser der jüngeren Generation, welche die Aufstände des Jahres 1968 nur aus der medialen Überlieferung kennen, ist die erste Assoziation bei der Lektüre dieses Buchtitels über das heftige Aufflackern des Maoismus im Frankreich der späten 1960er-Jahre möglicherweise Jean-Luc Godards Film „La Chinoise“ (1967). Der Film spielt zwar nur eine marginale Rolle im Buch, doch die China-Euphorie der Hauptprotagonisten sowie die Debatten über die Anwendbarkeit maoistischer Doktrinen behandeln ein vergleichbares Themenspektrum. Worin aber lag die Anziehungskraft des Maoismus und insbesondere der Kulturrevolution für französische Studierende und Intellektuelle begründet? Wie Richard Wolin in dieser zumeist mit viel Sympathie für die handelnden Akteure geschriebenen Studie aufzeigt, hatte die Welle der China-Begeisterung nur wenig mit den Ereignissen der Kulturrevolution selbst zu tun. China und die Figur des ikonisch überhöhten Philosophenkönigs Mao Zedong fungierten vielmehr als eine Projektionsfläche alternativer politischer und gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen, deren Anziehungskraft sich gerade durch die weitgehende Unkenntnis der konkreten chinesischen Umstände auszeichnete: „One senses that if the Cultural Revolution did not exist, the gauchists would have had to invent it.“ (S. 3)

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil schildert gesellschaftspolitische Ereignisse und Ursachen, welche den Nährboden für die Studentenproteste des Jahres 1968 schufen. Wolin nennt hier insbesondere das Streben nach kultureller Modernisierung in einem Klima des politischen Paternalismus unter Charles de Gaulle und die zunehmende Diskreditierung des sowjetischen Modells als globaler Alternative. Im zweiten Teil wird der Einfluss des Maoismus auf das Denken ausgewählter Intellektueller analysiert. Wolin widmet Jean-Paul Sartre, Michel Foucault und den Machern der Zeitschrift „Tel Quel“ um Philippe Sollers und Julia Kristeva jeweils ein Kapitel. Ein separater Exkurs ist Alain Badiou und seiner bis heute andauernden Befürwortung maoistischer Doktrinen gewidmet. Wolins Gestus ist dabei keineswegs entlarvend (wie etwa Paul Hollanders Studie „Political Pilgrims“ [1]), sondern zumeist durch einen verständnisvoll-ironischen Grundton gekennzeichnet. Die einzige Ausnahme ist das Kapitel über die „Tel Quel“-Autoren Sollers und Kristeva, deren abrupte Theoriesprünge, Dogmenhörigkeit und Narzissmus Wolin regelrecht vorführt.

Es fehlt eine systematische Auseinandersetzung mit Louis Althusser, obwohl dessen Schüler wie Robert Linhart im Vorfeld der Mai-Proteste den harten Kern der maoistischen Bewegung bildeten.[2] Auch weisen Althussers politische Vorstellungen zweifelsohne unter den hier behandelten Intellektuellen die größte Schnittmenge mit Maos eigenen Ansichten auf, so warnte er mehrfach vor einer Darstellung der Kulturrevolution als eines genuin humanistischen Unterfangens: „[W]hatever it was, it was not that!“[3] Schließlich fällt die Nichterwähnung des Soziologen Charles Bettelheim negativ auf, trotz seines großen Einflusses auf den zeitgenössischen China-Diskurs.

Die Schilderung der Geschichte des harten Kerns der frühen Maoisten, die sich Ende 1966 als Union des Jeunesses Communistes Marxistes-Léninistes (UJC-ML) von der Moskau-getreuen Kommunistischen Partei Frankreichs abgespalten hatten, trägt ungewollt tragikomische Züge. Konträr zum Grundgedanken der chinesischen Kulturrevolution beharrte die UJC-ML auf ihrem revolutionären Führungsanspruch. Während ihre „bourgeoisen“ Kommilitonen im Mai 1968 auf die Barrikaden gingen, witterte die Führung um Robert Linhart in den Unruhen einen verdeckten Putsch de Gaulles gegen das französische Proletariat. Doch nicht einmal das chinesische Botschaftspersonal in Paris schenkte den Verschwörungstheorien Glauben. „The greatest revolutionary upsurge in postwar Europe had taken place, and the Maoists had missed it. They had learned the Maoist revolutionary catechism by heart, but when their generation’s defining political moment occurred, they failed to recognize it, even though it had transpired directly beneath their dormitory windows.” (S. 134)

Während der politische Maoismus in Frankreich vor 1968 eine Splitterbewegung mit wenigen Dutzend Aktivisten war, wuchs die politische Bedeutung des Maoismus durch prominente Unterstützer wie Sartre und Foucault vor allem in den Jahren 1970-1972 zu einem veritablen Machtfaktor. Ausschlaggebend für den Aufstieg war hierbei primär die repressive Haltung des französischen Staates, welcher den maoistischen Splittergruppen durch Publikationsverbote und Inhaftierungen eine öffentliche Bedeutung zumaß, die ihrer tatsächlichen Bedeutung keineswegs entsprach. Von einer einheitlichen maoistischen Bewegung lässt sich nach 1968 jedoch nicht sprechen. Neben einem harten Kern maoistischer Agitatoren um Benny Lévy alias Pierre Victor, die sich weiterhin der Agitation in Fabriken und dem Systemsturz verschrieben, engagierte sich ein Großteil der maoistischen Sympathisanten zunehmend für die Rechte marginalisierter Gruppen und forderte die Revolutionierung des Alltagslebens. Ausführlich schildert Wolin dabei die Bedeutung der von Foucault mitinitiierten Groupe d’Information sur les Prisons (GIP), die sich in Abkehr von Foucaults zuvor strukturalistischer Herangehensweise dem Sammeln von Fakten über konkrete Gefängnisbedingungen verschrieb. Hier benennt Wolin die Form der „enquête“, der Untersuchung spezifischer Machtverhältnisse, als spezifisch maoistischen Einfluss.

Das Buch umspannt im Wesentlichen die Jahre 1966-1974, die Wolin als Blütephase des Maoismus in Frankreich ausmacht, folgt jedoch nur bedingt der historischen Chronologie. Die Bedeutung des ersten Kapitels als Anfang vom Ende des französischen Maoismus erschließt sich dabei in vollem Umfang erst nach der vollständigen Lektüre des Buches. Es behandelt die etwa zeitgleiche Ermordung des jungen maoistischen Agitators Pierre Overney in einer Renault-Fabrik und den Tod eines jungen Arbeitermädchens in Bruay-en-Artois im Frühjahr 1972. Konfrontiert mit dem scheinbaren Versagen des „bourgeoisen“ Rechtssystems, stand die maoistische Bewegung vor dem Scheideweg, die eigene militante Rhetorik in Form von Klassenjustiz gegenüber den Verdächtigen umzusetzen und in bewaffnete Fundamentalopposition zu treten oder aber der Unschuldsvermutung Priorität einzuräumen. Derweil Michel Foucault zeitweise den Massen die parallele Rolle als Richter und Henker zubilligte und an die präemptiven September-Massaker des Jahres 1792 erinnerte, verweigerte sich Sartre, der in den Jahren zuvor revolutionäre Gewalt mehrfach als moralisch gerechtfertigt bezeichnet hatte, der Lynchjustiz.

Hier wird die zentrale Frage aufgeworfen, weswegen es in Frankreich anders als in Deutschland oder Italien nicht zu einem Abgleiten in den Linksterrorismus kam. Wolin liefert keine explizite Antwort, benennt jedoch im Verlauf des Buches neben der Divergenz von militanter Rhetorik und praktischer Umsetzung weitere Faktoren wie den Einfluss der Lin-Biao-Affäre, die Veröffentlichung des äußerst kritischen Buches „Les Habits Neufs du Président Mao“ des belgischen Sinologen Pierre Ryckmans alias Simon Leys, den Einfluss des Münchner-Attentats 1972 auf die primär jüdisch dominierten Führungszirkel der französischen Maoisten und schließlich die Veröffentlichung von Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ in französischer Übersetzung im Jahr 1974, die eine Rückbesinnung auf die Menschenrechtstradition der französischen Revolution bewirkt habe.

In historischer Rückschau spielt der Maoismus für Wolin die Funktion eines Übergangsrituals, das es vielen Intellektuellen ermöglicht habe, aus dogmatisch-marxistischen Positionen auszubrechen und zugleich mittels des Instruments der „enquête“ die Beschränkungen des Strukturalismus über Bord zu werfen (symbolisch vorweggenommen in „La Chinoise“ durch den Tomatenwurf der Protagonistin Véronique auf Foucaults „Les Mots et les Choses“). Ähnlich wie Habermas interpretiert Wolin die Folgen des Jahres 1968 als Fundamentalliberalisierung der französischen Gesellschaft, welche sich in Form unterschiedlichster Formen partizipatorischer Demokratie niedergeschlagen habe.

Das Buch ist pointiert und thesenstark geschrieben, auch wenn der Aufbau zu gelegentlichen Verwirrungen und Redundanzen führt und bietet einen faszinierenden Einblick in die unterschiedlichen Adaptionen des Maoismus im Frankreich der 1960er- und 1970er-Jahre oder, wie zeitgenössische Aktivisten es ausdrückten, in „das China in unseren Köpfen“ („la Chine dans nos têtes“).

Anmerkungen:
[1] Paul Hollander, Political Pilgrims. Western Intellectuals in Search of the Good Society, New York 1981.
[2] Dieser Mangel wird zum Teil durch eine Studie von Julian Bourg behoben: Julian Bourg, The Red Guards of Paris: French Student Maoism of the 1960s, in: History of European Ideas 31 (2005), S. 472-490.
[3] Louis Althusser, Essays in Self-Criticism, London 1976, S. 26.

Zitation
Daniel Leese: Rezension zu: : Wind from the East. French Intellectuals, the Cultural Revolution, and the Legacy of the 1960s. Princeton  2010 , in: H-Soz-Kult, 06.04.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15428>.
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06.04.2011
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