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Titel
Augustus. Aufrührer - Herrscher - Heiland. Eine Biographie


Autor(en)
Dahlheim, Werner
Erschienen
München 2010: C.H. Beck Verlag
Umfang
448 S.
Preis
€ 26,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Michels, Historisches Institut, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

Augustus gehört sicher zu den meistbehandelten Persönlichkeiten des Altertums. Im deutschsprachigen Raum liegen zahllose Einzeluntersuchungen und eine Reihe von Biographien vor, unter denen besonders diejenigen von Kienast, Bleicken und Bringmann hervorzuheben sind.[1] Gleichzeitig ist Augustus aber auch eine der umstrittensten Gestalten der Antike, deren unleugbare Leistungen als Princeps mit dem brutalen Aufstieg des Usurpators Octavian kontrastieren. Wenn nun mit dem Berliner Emeritus Werner Dahlheim einer der bekanntesten Althistoriker Deutschlands und ein ausgewiesener Kenner der Späten Republik und der Römischen Kaiserzeit seinen Entwurf von Leben und Werk des ersten römischen Princeps vorlegt, darf man gespannt sein, wie er diesen in den Quellen vor allem in seinem politischen Wirken in Erscheinung tretenden Mann zu fassen gedenkt. Dass sich Dahlheim für eine stark narrative Herangehensweise entschieden hat [2], verdeutlicht bereits der Klappentext, der den Autor als einen „der großen Erzähler unter den deutschen Historikern“ preist. Die vorliegende Darstellung ist daher nicht nur inhaltlich eine Fortsetzung seiner mit einem Ausblick auf die Herrschaft des Augustus endenden Caesar-Biographie [3], sondern bietet ebenso wie diese eine über weite Passagen mitreißende Erzählung, die in mitunter kraftvollem Duktus vor dezidierten und teilweise problematischen Werturteilen nicht zurückschreckt.[4]

Dahlheim hat seine Studie in 15 größere Kapitel gegliedert, in denen sich oft Ereignis- mit Strukturgeschichte mischt und auch Ausführungen zur Rezeption von Personen und Ereignissen eingeflochten werden. Letzteres kennzeichnete bereits Dahlheims Caesar-Biographie und ist im Vergleich zu den anderen neueren Augustus-Darstellungen als Spezifikum zu werten. Wenngleich die Bemerkungen stets intellektuell anregend sind, stellt sich allerdings doch die Frage, ob es für das Verständnis des historischen Gegenstands wirklich nötig ist, zu erfahren, was etwa Shakespeare über Antonius und Kleopatra zu sagen hatte (Kapitel V „‚Raum war nicht für uns beide in der ganzen weiten Welt‘“, Abschnitt 5 „Was vom Leben blieb“, S. 138–143). Solches hätte gewinnbringender in einem gesonderten Rezeptionsteil diskutiert werden können, was Dahlheim für Augustus dann auch stärker strukturiert in den Kapiteln XIV und XV, dem umfangreichen Schlusskapitel, unternimmt. Der Kapitelaufbau folgt den Gegebenheiten der Quellenlage, die detaillierte Aussagen zur Ereignisgeschichte nur bis zur Etablierung der Alleinherrschaft gestattet. Dementsprechend zeichnen die Kapitel I–V (S. 15–143) von der Situation nach der Ermordung Caesars ausgehend den Weg des jungen Octavians vom „Krieg der Erben“ (S. 38–57) über die Herausbildung des Zweiten Triumvirats und der Ausschaltung der Caesarmörder (S. 58–79) wie auch des Sextus Pompeius (S. 80–100) bis zur finalen Konfrontation mit Antonius (S. 101–143). Dahlheim betont diese Frühphase Octavians damit deutlich stärker als etwa Kienast (dort: S. 1–77), erreicht jedoch nicht die epische Breite Bleickens (dort: S. 7–296). Die folgenden Kapitel sind dann entsprechend der geringeren Quellendichte einzelnen Teilbereichen der Alleinherrschaft des Augustus gewidmet.

Die Kapitel VI–VIII (S. 144–234) betrachten die Etablierung und Legitimation des Prinzipats, der als zugleich neue und doch stark traditionsgebundene Ordnung mehrfach durch Augustus modifiziert wurde, um seine eigentlich unerhörte Position in der res publica zu verstetigen. Während diese Entwicklung über die besonders auf die Jahre 27 und 23 v.Chr. konzentrierten Reformen und die Aussöhnung mit der Senatsaristokratie zwar eindrucksvoll vermittelt wird, tritt der experimentelle Charakter dieser Ordnung, für Syme der „binding link“ zwischen Republik und Kaiserreich, etwas in den Hintergrund.[5] Die Behandlung der immer noch kontrovers diskutierten militärischen Befehlsgewalt des Augustus (imperium consulare oder proconsulare?) in den so genannten kaiserlichen Provinzen seit dem Staatsakt vom Januar 27 v.Chr. gerät so recht knapp (bes. S. 204f. mit Anm. 1). Hier hätte ein Verweis auf die von der Studie Giovanninis ausgehenden Arbeiten Girardets, der die Entkleidung des Konsulats von der militärischen Befehlsgewalt erst Augustus zuspricht, einen Dissens in der Forschung deutlicher greifbar gemacht – unabhängig davon, ob man diesem darin folgen mag.[6]

Die Kapitel IX und X beschäftigen sich mit der Herrschaftsrepräsentation des Augustus und ihren unterschiedlichen Kontexten und Medien. Wenngleich die Abhandlung der materiellen Kultur durchaus ein stimmiges Bild ergibt, spiegelt die von Dahlheim hier vorgenommene Diskussion der Monumente doch zum Teil nicht den neuesten Forschungsstand wider. Dass etwa die Rekonstruktion des Horologium Augusti durch Buchner als Teil einer gewaltigen Anlage mit Mausoleum Augusti und Ara Pacis durchaus Kritik erfahren hat, erfährt der Leser weder im Fließtext (S. 254f.) noch in den Anmerkungen.[7] Souverän werden dagegen die zeitgenössischen literarischen Zeugnisse und ihre Verfasser im geistesgeschichtlichen Horizont des Saeculum Augustum verortet (Kapitel X „Die Wiederkehr des goldenen Zeitalters“). In Kapitel XI („Herr über Krieg und Frieden“) stellt Dahlheim dann plausibel die Grundlinien der Außenpolitik des Augustus dar, um in XII („Das Reich und seine Diener“) auf Mechanismen und Neuerungen der Herrschaftspraxis zu sprechen zu kommen, wobei der Detailgrad allerdings hinter den entsprechenden Abschnitten bei Bleicken oder Kienast zurückbleibt. Kapitel XIII („Satt an Leben“) schildert schließlich die letzten Lebensjahre, Tod und Konsekration des Augustus sowie die von mehreren Rückschlägen gekennzeichnete Suche nach einem Nachfolger. Außergewöhnlich ist Kapitel XIV, „Botschaften der Götter“ (S. 366–384), in dem Dahlheim zunächst knapp die paganen Erwartungen an die Götterwelt skizziert, um sie dann mit der neuen, christlichen Religion zu kontrastieren. Schließlich erklärt Dahlheim die christliche Ausdeutung der mit der Geburt Christi zusammenfallenden Herrschaft des divus Augustus als Teil des Heilsplans – ein bedeutender Faktor für die spätere Bewertung seiner Regierung als „Wegscheide der Weltgeschichte“ (S. 13). Die Darstellung schließt in Kapitel XV mit einer auch historische Deutungsansätze thematisierenden Würdigung des Augustus.

Welches Bild ergibt sich nun? Dahlheim spart keineswegs an Kritik und hebt die „mörderischen Winkelzüge der ersten Jahre“ hervor (S. 389), derer sich Octavian in seinem unbedingten Willen zur Macht bediente, die aber gleichsam in dieser Bürgerkriegssituation zum Überleben notwendig waren. Obwohl auch die charakterlichen Schwächen des Princeps nicht unerwähnt bleiben, gelangt Dahlheim doch zu einer deutlich positiveren Bewertung der ‚zweiten Lebenshälfte‘ nach Actium als etwa Bleicken. Während Dahlheim in seiner Caesar-Biographie den Diktator wegen dessen fehlender Konzepte für die zukünftige Ordnung der res publica kritisierte [8], erscheint nun Augustus gemessen an der Dauerhaftigkeit seiner staatsmännischen Leistung letztlich als „großer Mann“ (S. 405). Obwohl diese Etikettierung als nicht zwingend notwendig erscheint, stellt sie doch den ausgewogenen Abschluss einer weit greifenden Untersuchung dar, bei der wohl vor allem die Tendenz, sowohl in Bezug auf den Protagonisten (vgl. z.B. S. 98, 215 u. 336) und seine bedeutenden Zeitgenossen als auch in Bezug auf ganze Bevölkerungsgruppen zu psychologisieren, als problematisches Element herauszustellen ist. Wenn etwa dem „kleinen Mann“ (z.B. 121 u. 216) kaum politisches Interesse, sondern primär der Wunsch nach Frieden sowie Brot und Spielen attestiert wird (z.B. S. 225f.), ist dies sicher so nicht haltbar. Die in den Endnoten aufgeführte Literatur spiegelt zwar für die auf Rom konzentrierten Bereiche den aktuellen Forschungsstand, die Einbindung der zahlreichen neueren Studien zu verschiedensten Aspekten des Ostens des Reiches (etwa zur hellenistischen Tradition, zu Augustus in Ägypten oder den Klientelkönigen im Osten) hätte aber ein noch prononcierteres Bild der neuen Herrschaft ergeben können.

Ein Fazit fällt insofern schwer, als ein Zielpublikum nicht klar definiert wird. Während Fachleuten manches bekannt vorkommen wird und Studierenden als Einstieg eher die ebenfalls gut lesbaren, jedoch nüchterneren Einführungen von Bringmann und Schäfer, Schlange-Schöningen oder Eck empfohlen werden können [9], liegt einem breiteren Publikum mit Dahlheims Arbeit nun eine fesselnde Deutung dieser turbulenten Umbruchphase der Römischen Geschichte vor, deren Wert sich für alle drei Gruppen aus einer weit über die Lebensbeschreibung einer Person hinausgehenden kultur- und gesellschaftshistorischen Kontextualisierung von ‚Mann und Werk‘ ergibt.

Anmerkungen:
[1] Dietmar Kienast, Augustus, 4. Aufl., Darmstadt 2009 (1. Aufl. 1982); Jochen Bleicken, Augustus, 3. Aufl., Berlin 1999 (seit kurzem auch als Paperback bei Rowohlt mit einem Nachwort von Uwe Walter erhältlich); Klaus Bringmann, Augustus, Darmstadt 2007.
[2] Zu den grundsätzlichen Optionen vgl. Klaus Bringmann, Kaiser Augustus. Grenzen und Möglichkeiten einer Biographie, in: Gymnasium 115 (2008), S. 169–183.
[3] Werner Dahlheim, Julius Caesar, Paderborn 2005; vgl. hierzu Stefan Selbmann: Rezension zu: Dahlheim, Werner: Julius Caesar. Die Ehre des Kriegers und die Not des Staates. Paderborn 2005, in: H-Soz-u-Kult, 19.06.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-2-202>.
[4] So handelt es sich z.B. bei Dareios I. um einen „orientalischen Despoten“ (S. 357); Ovid ist im Exil in Tomi von „Halbblutgriechen und barbarischen Geten“ (S. 273) umgeben.
[5] Vgl. hierzu bes. Walter Eder, Augustus and the Power of Tradition. The Augustan Principate as Binding Link between Republic and Empire, in: Kurt A. Raaflaub / Mark Toher (Hrsg.), Between Republic and Empire, Berkeley 1990, S. 71–122.
[6] Adalberto Giovannini, Consulare Imperium, Basel 1983; vgl. hier nur die Zusammenstellung mehrerer Artikel bei Klaus Martin Girardet, Rom auf dem Weg von der Republik zum Prinzipat, Bonn 2007.
[7] Edmund Buchner, Die Sonnenuhr des Augustus, Mainz 1982; vgl. nur Peter Heslin, Augustus, Domitian and the So-called Horologium Augusti, in: Journal of Roman Studies 107 (2007), S. 1–20.
[8] Vgl. bes. Dahlheim, Julius Caesar, S. 255.
[9] Klaus Bringmann / Thomas Schäfer, Augustus und die Begründung des römischen Kaisertums, Berlin 2002; Heinrich Schlange-Schöningen, Augustus, Darmstadt 2005; Werner Eck, Augustus und seine Zeit, 5. Aufl., München 2009.

Zitation
Christoph Michels: Rezension zu: : Augustus. Aufrührer - Herrscher - Heiland. Eine Biographie. München  2010 , in: H-Soz-Kult, 20.12.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15476>.
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20.12.2010
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