Titel
Architektursoziologie.


Autor(en)
Delitz, Heike
Umfang
148 S.
Preis
€ 11,50
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Anamaria Depner, Institut für Ethnologie, Goetheuniversität Frankfurt am Main

Die Entstehung einer Architektursoziologie, verstanden als Artefaktsoziologie (also mit besonderem Interesse für das Gebaute selbst), ist eine neue Entwicklung in der Soziologie. Sichtbar beginnt diese mit dem Buch von Bernhard Schäfers 2003 [1], weitere Werke, auch aus anderen Disziplinen und vom internationalen Fachpublikum, folgten jüngst [2]. Die Architektin und Soziologin Heike Delitz zeigt in dem in der Reihe „Einsichten. Themen der Soziologie“ des transcript Verlages erschienen Band, das Architektursoziologie nicht eine weitere Bindestrich-Disziplin im Zuge des Spatial Turns ist. Das Buch bietet zum einen eine ausführliche historische Betrachtung zur Vielfalt der bisher, oft nebenbei, verfolgten architektursoziologischen Ansätze. Zum anderen finden sich darin sowohl eine tief greifende theoretische Auseinandersetzung als auch illustrative Anwendungsbeispiele, so dass das Potential der vorgestellten Betrachtungsweise von Architektur und Gesellschaft deutlich wird.

Besonders leserfreundlich (auch für Nicht-Soziolog/innen) wird das Buch durch den gewählten Aufbau. Es ist in sechs Abschnitte gegliedert:

Im ersten Kapitel („Konkurrenz & Ignoranz von Architektur und Soziologie“) geht es einführend um das Verhältnis von Architektur und Soziologie. Hier werden die Berührungspunkte der beiden Disziplinen aufgezeigt. Architektur – besonders in der Moderne – will „die Gesellschaft ordnen“ und tritt somit in „Konkurrenz“ zur Soziologie (S. 12). Diese wiederum nimmt Architektur traditionell nicht als Teil des „eigentlich Sozialen“ wahr (S. 12). Selbst in den Bereichen der Soziologie, in denen Architektur als Ding und als Maschine eine Schlüsselrolle spielen müsste, der Stadt- und Techniksoziologie, geht der Blick an dieser vorbei. Die Artefaktfeindlichkeit (nicht nur) der Soziologie führt dazu, dass das Gebaute (darunter versteht die Autorin auch beispielsweise Zelte) selbst nicht als Gegenstand der Soziologie wahrgenommen wird. Daher fordert Delitz „nichts weniger als eine Neujustierung der allgemeinen Soziologie: eine Neujustierung der Grundbegriffe des Sozialen“ (S. 15).

In diesem ersten Teil wird zweierlei sichtbar: Erstens Kontext und Notwendigkeit der Überlegungen und Fragestellungen der Architektursoziologie und zweitens der zwar fruchtbare, aber wenig beackerte Boden, auf den diese fallen.

Die nächsten beiden Kapitel stellen diese zwei Punkte genauer dar. Hier werden frühe soziologische Diskussionen von Architektur (Kap. II: „Zur Geschichte der Architektursoziologie avant la lettre“) und „neuere Ansätze der Architektursoziologie“ (Kap. III) besprochen. Bei den älteren Betrachtungen (zum Beispiel von Helmuth Plessner, Norbert Elias, Walter Benjamin, Werner Sombart, Marcel Mauss oder Michel Foucault) handelt es sich eher um eine implizite Architektursoziologie. Sichtbar wird hier eine erstaunlich breite Beschäftigung der klassischen Autoren – darunter auch weniger bekannter (Arens) oder neu entdeckter (Tarde) – mit der Architektur. Zeitgenössische Ansätze dagegen (zum Beispiel die ANT) und Autoren (zum Beispiel Joachim Fischer) verfolgen eher eine explizite Architektursoziologie, mit entsprechenden Grundüberlegungen hinsichtlich der Relation von Architektur und Gesellschaft. Als zentral zu verstehen ist die Frage, „was Gebäude ‚tun‘“(S.72): Wie wird Architektur aufgrund ihrer „Eigenlogik“ zur „Mitwelt“ (S.63) (im Gegensatz zur Umwelt) und wie stabilisiert sie die Gesellschaft?

Im vierten Kapitel, „Herausforderungen der soziologischen Theorie“, offenbart sich das komplexe Gefüge der Architektursoziologie und ihre Aussagekraft als Folge einer ernst genommenen Neujustierung einiger Begriffe der Soziologie. Diese ist durch die Architektur herausgefordert, reicht aber über deren Betrachtung hinaus. Ausgehend von der Erkenntnis der Architektur als Artefakt, und damit als eigenständigem ‚Aktant‘, fragt die Autorin nach dem sozialen Effekt von Artefakt-Welten, die „kreativer“ oder „nicht-kreativer“ (S. 82) Natur sein können. Dabei werden auch die Affekte, welche Architektur aufgrund ihrer Eigenlogik und ihrer Materialität zu evozieren vermag, in den Blick genommen. Diese gehen, mit Spinoza gesprochen, im Gegensatz zu Gefühlen, nicht vom Subjekt aus. Der Körper als Wahrnehmungsorgan der Architektur spielt hier ebenso eine Rolle wie die Möglichkeiten und Grenzen der verwendeten Materialien, der Baustoffe mit ihren Formpotentialen.

Wie mit der Architektursoziologie Architektur als „Medium des Sozialen“ (S. 90) gesehen werden kann zeigt das fünfte Kapitel („Fallstudien zur Architektur als ›Medium‹ des Sozialen“). Anhand dreier, exemplarisch zu verstehender Beispiele, werden „vor-moderne“ (antike) (S. 97), „nicht-moderne“ (nomadische) (S. 101) und „post-moderne“ (dekonstruktive) (S. 104) Architekturen analysiert. Der Begriff Architektur ist dabei breit angelegt, so dass er nicht nur von Architekten Erbautes umfasst, sondern auch Alltagsbauten, Zelte, usw.[3] Das erste Beispiel illustriert die Überlegungen des vorhergehenden Kapitels besonders deutlich: Die antike Polis spiegelt nicht nur die Gesellschaft wider, die sie erbaut hat, sie ist vielmehr konstitutiv für diese. Sie prägt das Selbstverständnis ihrer Bürger, deren Überzeugungen und Affekte und erzeugt diese mit.

Der letzte Abschnitt des Buches („Folgen für Architektur und Soziologie“) spannt den Bogen zurück zum vierten Teil indem besprochen wird, was die Architektursoziologie in der Gesellschaftstheorie und -diagnose und was sie in der Architekturausbildung zu leisten vermag. Dies ist, darauf kommt es der Autorin an, eine zunächst analytische, nicht gleich architekturkritische oder besserwisserische Leistung („Soziologische Aufklärung der Architektur“ (S. 112)). Ein zweiter Punkt ist eine „Umakzentuierung der Stadt- und Raumsoziologie“ (S. 115), die beide „ bisher um das Gebaute wie um den heißen Brei herumschleichen“ (S. 112). Die Autorin spricht abschließend den Gewinn und die Überfälligkeit weiterer gesellschaftstheoretischer und diagnostischer Forschungen zu der Frage, „was Architektur hinsichtlich des Sozialen vermag“ (S. 122), kurz an. Um diese zu Beantworten wird es auch neuer Methodenentwicklungen bedürfen und, angesichts der Komplexität des Gegenstandes, natürlich auch einer transdisziplinären Arbeitsweise. (Architektur(theorie), Kunstwissenschaft und -geschichte, Kultur- und Geschichtswissenschaft, Ethnologie, Archäologie, usw.)

Durch die klare Gliederung und den Reichtum an Verweisen auf spannende, so vielleicht bisher nicht im Blick stehende Texte, eignet sich dieses Buch sowohl für interessierte Laien und Studienanfänger als auch für ‚gestandene‘ Kultur- und Sozialwissenschaftler – auch als Nachschlagewerk. Der historische (zu den impliziten Klassikern; und zu den expliziten Ansätzen) und theoretische Teil beeindruckt durch die Fülle des verarbeiteten Materials und dessen akkurate Verknüpfung genau so, wie durch die dort (teils überraschenden) gewonnenen Einsichten. Die Fallbeispiele im fünften Kapitel, das als eigenständige Einheit gesehen werden kann, verdeutlichen das vorher erarbeitete. So zeigt Delitz etwa, wie post-moderne (dekonstruktive) Architekturen in ihrem Innovationsdrang zu erziehen, zu provozieren und zu negieren suchen. Hier wird die ‚Affektivität‘ von Architektur besonders deutlich. Zu prüfen wäre aus kulturwissenschaftlicher Sicht allerdings, ob die von der Autorin angenommene Existenz von affekt-neutraler Architektur (zum Beispiel bezogen auf die Behausungen der Inuit und Tuareg) auch aus emischer Sicht so gegeben ist.

Bei der Lektüre wird deutlich, welche Fragen durch die Architektursoziologie (neu) gestellt und beantwortet werden können – für dieses doch zentrale, in der Soziologie und soziologischen Theorie aber erst seit kurzem im Blick stehende soziale Phänomen. Weiter zeigt sich, wie sinnvoll die gewissenhafte Abwendung des Blickes von dem nach wie vor in die Begriffe der Sozial- und Kulturwissenschaften tief versenkten Leib-Körper-Dualismus ist, und der damit verbundenen Vielzahl von Schwierigkeiten, den Körper, die Artefakte, die Affekte, in die Denkgrundlagen und Begriffe einzubauen.

Das Zusammenbringen zweier so unterschiedlich scheinender Disziplinen führt zu viel mehr als deren Perspektivenerweiterung um eine weitere Subdisziplin: ein neues Instrument für die Reflexion von Gesellschaft ist hier in einer Vielfalt und zugleich in einer theoretisch-begrifflichen Schärfe und Innovation vorgestellt und eingeführt.

Anmerkungen:
[1] Bernhard Schäfers, Architektursoziologie. Grundlagen, Epochen, Themen, 2. durchgesehene Aufl., Wiesbaden 2006 (1. Aufl. 2003).
[2] Joachim Fischer / Heike Delitz, Die Architektur der Gesellschaft. Theorien für die Architektursoziologie, Bielefeld 2009; Heike Delitz, Gebaute Gesellschaft. Architektur als Medium des Sozialen, Frankfurt am Main 2010.; Peter Trebsche / Nils Müller-Scheeßel / Sabine Reinhold (Hrsg.), Der gebaute Raum. Bausteine einer Architektursoziologie vormoderner Gesellschaften, Münster 2010; Espaces et sociétés: Numéro spécial: Sociologie et architecture: matériau pour une comparaison européenne, 142 (2010); Paul Jones, The Sociology of Architecture. Constructing Identities, Liverpool 2011 (im Druck).
[3] Ausführlich entwickelt ist diese Perspektive, die den nahezu intuitiv gebrauchten ‚Ausdrucks-‘ und ‚Spiegelbegriffen‘ zur Relation von Architektur und Sozialem überwindet, in Delitz 2010 (wie Anmerkung 2).

Zitation
Anamaria Depner: Rezension zu: : Architektursoziologie. Bielefeld  2009 , in: H-Soz-Kult, 17.02.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15529>.
Redaktion
Veröffentlicht am
17.02.2011
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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