A. Karsten u.a. (Hrsg.): Römische Kardinalsgrabmäler

Cover
Titel
Vom Nachleben der Kardinäle. Römische Kardinalsgrabmäler der Frühen Neuzeit


Hrsg. v.
Karsten, Arne; Zitzlsperger, Philipp
Erschienen
Berlin 2010: Gebr. Mann Verlag
Umfang
287 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Grit Heidemann, Sonderforschungsbereich 640, Universität der Künste Berlin

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt „REQUIEM – Die römischen Papst- und Kardinalsgrabmäler der Frühen Neuzeit“[1] hat es sich zur Aufgabe gemacht, die römische Grabmalskultur anhand der Monumente und ihrer Entstehungskontexte zu rekonstruieren und damit einen Beitrag zur kulturellen Gedächtnisforschung zu leisten. Nach zahlreichen Publikationen, die unter anderem aus disziplinenübergreifenden Fachtagungen hervorgegangen sind, liegt nun ein weiterer Band vor, der erstmals umfassend einen Einblick in die Arbeitsweisen und aktuellen Ergebnisse des Projektes gibt, sich dabei aber auf die Kardinäle als Auftraggeber beschränkt. Demzufolge macht der Titel dieses Sammelbands auch neugierig auf die Diskussion um die Gattung Kardinalsgrabmal. Zugleich impliziert der Begriff „Nachleben“ eine Ambiguität, die den Grabmälern durch ihre retro- und prospektive Ausrichtung innewohnt. Grabmäler sind daher auch als „Gestaltungsmittel der Zukunft“ (S. 8) zu verstehen. Damit ist eines der wichtigen Anliegen des Projekts benannt, nämlich das Phänomen der zahlreichen prunkvoll gestalteten und diesseitsbezogenen Erinnerungsmonumente für Päpste und Kardinäle zu untersuchen, die im Kontrast zu den theologischen Wertvorstellungen der katholischen Kirche standen. Die Konzentration auf die Kardinalsgrabmäler der Frühen Neuzeit stellt in diesem Band einen gelungenen Zugang zu den Objekten dar. Gerade die Fokussierung auf eine einzelne soziale Gruppe bietet einen Erkenntnisgewinn zu ihrer Selbstwahrnehmung und differenzierten Einordnung in die vormoderne Gesellschaft, die es mithilfe von Grabmonumenten zu visualisieren galt.

Allen Beiträgen ist die Frage nach den Auftraggeberinteressen gemeinsam, die im Kontext der römischen Kurie bzw. – im Fall von Judith Ostermanns Fallstudie – des spanischen Königshofs verhandelt werden. Während Arne Karsten in der Einleitung die Ziele und Ergebnisse des Forschungsprojekts vorstellt, unternimmt Philipp Zitzlsperger den Versuch, „eine Theorie des frühneuzeitlichen Grabmals und seiner gesellschaftlichen Rolle als Beitrag zur Gedächtnis- und Memoriaforschung zu entwickeln“ (S. 23). Dieser sehr ausführliche Aufsatz ist von einer Vielzahl an Fragestellungen geprägt, die diverse Zugangsmöglichkeiten zu den vormodernen Grabmälern eröffnen. Dabei wird unter anderem die Komplexität des soziopolitischen Gefüges im päpstlichen Rom der Frühen Neuzeit herausgestellt, das sich in den Kardinalsgrabmälern manifestiert. Der Gattungsbegriff Kardinalsgrabmal ist für Philipp Zitzlsperger jedoch problembehaftet, da die „typologischen Grenzen […] durchlässig [waren]“ (S. 47).

Die in diesem Band vereinten sechs Fallstudien, welche im Umfeld des REQUIEM-Projekts in Form von Magisterarbeiten entstanden sind, befassen sich mit Kardinalsgrabmälern und Familienkapellen des 15. bis 18. Jahrhunderts. Die vorgeführten Beispiele werden als Sonderfälle herausgearbeitet, die in ihrer Gesamtheit wiederum deutlich machen, wie durchlässig die Konventionen waren. Der Bezug zu den Päpsten vermag dabei klar die klientelären Netzwerke in Rom zu veranschaulichen, die sich auf den Standort und die Ausstattung der Grabmonumente auswirkten und als ein Spezifikum der römischen Kardinalsgrabmäler zu verstehen sind.

Von Anett Ladegast werden die beiden Tabernakel-Grabmäler für Kardinal Jacopo Ammanati-Piccolomini und seine Mutter vorgestellt, die in ihrer Form und Funktion „einzigartig“ (S. 69) waren und entgegen dem testamentarischen Wunsch des Verstorbenen auf Veranlassung des Rovere-Papstes Sixtus IV. in der Kirche S. Agostino errichtet wurden. Ebenfalls im 15. Jahrhundert entstand das von Laura Goldenbaum unter ästhetischen Gesichtspunkten sehr überzeugend diskutierte Bronzedouble für Kardinal Pietro Foscari, das als Teil eines „äußerst selten konzipierten Freigrabmals“ (S. 101) rekonstruiert werden kann und in S. Maria del Popolo Aufstellung fand. Für das 16. Jahrhundert wird durch den Beitrag von Judith Ostermann der Blick von Rom nach Spanien gelenkt, wo der Kulturaustausch in dem Grabmal für Kardinal Francisco Ximenez de Cisneros evident wird. Was dieses Monument aber so außergewöhnlich macht, ist seine qualitativ hochwertige Ausführung, die der zeitweiligen Machtstellung als „Reichsregent“ (S. 143) und der posthumen Forderung nach der Heiligsprechung des Kardinals gerecht werden sollte.

Die verbleibenden drei Beiträge sind römischen Familienkapellen des Sei- und Settecento gewidmet und erweitern damit den Blick von den Grabmälern auf den sie umgebenden Raum. Die von Alexandra Fingas besprochene Cappella Falconieri in der Florentiner Nationalkirche S. Giovanni dei Fiorentini inkorporiert den Hauptaltar der Kirche und avanciert somit zu einem „Mausoleumschor“ (S. 181) für eine florentinische Aufsteigerfamilie, wohingegen dieser exzeptionelle Platz in den anderen römischen Kirchen zumeist den Päpsten und ihren Verwandten vorbehalten war. Aus historischer Perspektive wird in Carol Naters Beitrag die Familienkapelle der Ginetti in der römischen Hauptkirche des Theatinerordens S. Andrea della Valle vorgestellt, in der sich das Spannungsverhältnis unterschiedlicher Interessenlagen sehr eindrücklich widerspiegelt. Abschließend stellt Alrun Kompa die letzte „erbaute der wenigen päpstlichen Familienkapellen in Rom“ (S. 221) des 18. Jahrhunderts vor. Das Ziel ihres Beitrags ist es, an der Ausstattung der Cappella Corsini in S. Giovanni in Laterano die Weiterführung des Nepotismus aufzuzeigen, der offiziell 1692 in Rom abgeschafft worden war. Die Autorin schafft es, sehr prägnant und anschaulich die Kapelle mit den darin befindlichen Grabmälern in den Kontext der römischen Grabmalskunst zu stellen und darüber hinaus die einzigartige Gestaltung des Grabmals für Kardinal Neri Corsini d. J. im Kontrast zum Grabmal seines Papstneffen herauszuarbeiten. Zugleich bietet die Einbindung des Monuments in die typologische Entwicklung des Kardinalsgrabmals der Frühen Neuzeit ein erfreuliches Resümee des gesamten Bands, der an manch anderen Stellen den Bezug zum Titel etwas vermissen lässt.

Das vorliegende Buch wird dem Ziel des Forschungsprojekts, eine Einordnung in die kulturelle Gedächtnisforschung zu leisten, gerecht. Überdies bereichern die interdisziplinär ausgerichteten Beiträge die aktuelle Grabmalsforschung der Frühen Neuzeit und stellen dem Leser durch die vielfältigen Zugänge zum Material einen methodisch umfassenden Apparat zur Verfügung. Einzig die spannende Frage nach einem möglichen Grabmalstyp einer sozialen Gruppe, nämlich der Kardinäle der Frühen Neuzeit, könnte in den künftigen Arbeiten des Projekts noch differenzierter erörtert werden. Und so dürfen wir auf weitere Ergebnisse gespannt sein.

Anmerkung:
[1] Das Projekt „REQUIEM“ wird seit 2001 am Institut für Kunst- und Bildgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin unter der Leitung von Horst Bredekamp und Volker Reinhardt betrieben. Vgl. die Website <http://www2.hu-berlin.de/requiem/cms/> (08.10.2010).

Zitation
Grit Heidemann-Schirmer: Rezension zu: Karsten, Arne; Zitzlsperger, Philipp (Hrsg.): Vom Nachleben der Kardinäle. Römische Kardinalsgrabmäler der Frühen Neuzeit. Berlin  2010 , in: H-Soz-Kult, 23.11.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15562>.