M. Hühn u.a. (Hrsg.): Transkulturalität, Transnationalität

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Titel
Transkulturalität, Transnationalität, Transstaatlichkeit, Translokalität. Theoretische und empirische Begriffsbestimmungen


Hrsg. v.
Hühn, Melanie; Dörte Lerp, Knut Petzold, Miriam Stock
Erschienen
Berlin 2010: LIT Verlag
Umfang
304 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Anika Bethan; Freie Universität Berlin

Der gegenwärtig in den Geistes- und Sozialwissenschaften inflationär verwendete Begriff des Transnationalen ist ein Spiegel dafür, dass traditionelle Konzepte wie Nation und Kultur in Frage gestellt werden und gleichzeitig neuartige Phänomene wie Kommunikations- und Migrationsbewegungen in den Fokus der Wissenschaftler rücken. Dabei besteht allerdings die Gefahr, dass der populäre Gebrauch des Begriffs diesen zum bloßen Modewort herabsetzt und zu interdisziplinären Missverständnissen führt. Das Autorenteam des hier vorgestellten Sammelbandes versucht diesen Gefahren entgegenzuwirken, indem es theoretisch-konzeptionelle Grundlagenarbeit für eine konkrete Bestimmung und Begriffsdefinition leistet.

Ausgehend von den wenig einheitlichen Konzepten aus der englischsprachigen Migrationsforschung skizzieren die Herausgeber zunächst kurz die seit 1980 gängigen Definitionen des Transnationalen. Diese finden auch in aktuellen deutschsprachigen Debatten ihrer Niederschlag, werden hier aber häufig durch Begriffsschärfungen wie Transstaatlichkeit, Translokalität oder Transkulturalität ersetzt, um die beschriebenen Phänomene besser abgrenzen zu können. Als wichtigste Vertreter werden Ludger Pries, Jürgen Osterhammel und Sebastian Conrad angeführt. Damit erschöpfen sich die Ausführungen zur Begriffsdefinition jedoch noch keineswegs. In einem multiperspektivischen Exkurs werden im Folgenden mögliche Dimensionen von der semantischen Bedeutung, über Vorstellungen der Signifikanten, Prozesse, Abgrenzungen und bis hin zur teleologischen Beziehung der einzelnen Begriffe angesprochen. Ein weiterer Schwerpunkt wird anschließend in möglichen Dimensionen der Forschung unter Berücksichtigung der „Gegenstände“, „Räumlichkeiten“ und „Schattenseiten“ gesetzt. Dabei kommen die Autoren u.a. zu dem Ergebnis, dass Trans-Begriffe für Grenzüberschreitungen nur dann sinnvoll sind, insofern damit die neue Komplexität, in denen die Phänomene sich konstituieren, in ihrer Vielfalt und Variation entschlüsselt wird (S.30). Grenzüberschreitungen seien per se nichts Neues. Ein konkreter Bezug zu gesellschaftlicher Transformation wird an dieser Stelle allerdings nicht geklärt, so dass insbesondere für die Geschichtswissenschaft die Frage nach dem Mehrwert des Zugangs zunächst unspezifisch bleibt.

Der anschließende ausführliche Beitrag von Peter Weichhart über „Das ‚Trans-Syndrom“ steht im Aufbau des Bandes ein wenig „quer“, ist aber mit seinen Überlegungen zur Verwendung, morphologischen Bestimmung und möglichen Problemen der Trans-Begriffe für den Hauptteil überaus hilfreich. Weichharts Resümee stützt dabei einerseits die folgenden Einzelbeiträge und nimmt gleichzeitig eine Schlussbetrachtung vorweg. „Gehen wir mit den Begriffen bewusst, reflektiert und kritisch um, erkennen wir ihre Tücken und Fallen ihrer Verwendung, aber scheuen wir uns nicht, sie einzusetzen. Oder: „Versuchen wir nicht nach der „wahren“ Bedeutung von Trans-Begriffen zu fragen. Es liegt an uns, sie so zu definieren, dass sie bei der Lösung einer spezifischen fachlichen Problemstellung nützlich oder viabel sind.“ (S.66)

Der Hauptteil des Sammelbandes ist in drei Schwerpunkte, Verflechten, Überwinden und Verorten, unterteilt. Ein leichtes Übergewicht erhält dabei mit fünf Einzelbeiträgen der erste Gliederungspunkt, die beiden anderen werden in jeweils drei Einzelbeiträgen diskutiert.

Das erste Kapitel befasst sich mit grenzüberschreitenden Verflechtungen von Menschen und Ideen, d.h. mit konkreten Beziehungsgefügen und Handlungszusammenhängen. Voran steht dabei die Frage, inwieweit sich diese Phänomene über die Trans-Begriffe analytisch fassen lassen. Die geschichtswissenschaftlichen Beiträge von Ihno Goldenstein über das deutsch-niederländische Grenzgebiet und von Dörte Lerp über die östlichen Provinzen Preußens kommen zu dem Schluss, dass Transnationalität und Transstaatlichkeit nicht gleichzusetzen sind, sondern zur Ausdifferenzierung unterschiedlicher historischer Prozesse dienen und nebeneinander bestehen können. Dass sie in einer europäischen Perspektive auch als Versuch einer Überwindung nationaler und systemischer Ungleichheiten gesehen werden können, zeichnet die Kulturanthropologin Annina Lottermann in ihrem Artikel über deutsch-polnische und deutsch-türkische Städtepartnerschaften anschaulich nach. Weitere Begriffsrelationen und –determinationen stellen im Folgenden die Historiker Andreas C. Hofmann und Michael Mohr vor. Dabei werden die Perspektiven um Überlegungen zur Supranationalität, Interstaatlichkeit und transkulturellen Repräsentation erweitert. In beiden Analysen wird deutlich, wie wichtig eine Differenzierung der verwendeten Begriffe ist, welche vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten sich daraus aber auch ergeben.

Das zweite Kapitel nähert sich der Fragestellung unter theoretischen und empirischen Ansätzen. Zentral ist dabei die Überlegung, dass das „Überwinden“ traditioneller Perspektiven und angenommener Räume ein Charakteristikum der untersuchten Begriffe ist, das Überwundene selbst jedoch auch Teil des Überwindens bleibt. Luisa Conti erörtert in ihrem Beitrag „Vom interkulturellen zum transkulturellen Dialog“, dass letzterer besser gegenwärtige Öffnungs- und Vernetzungsprozesse erfassen kann. Allerdings sei auch das Konzept der Interkulturalität weiterhin aktuell, insofern sich die kommunizierenden Akteure selbst als Vertreter von Kulturen wahrnehmen. Das Spannungsfeld zwischen dem Überwinden kultureller Grenzen und gleichzeitiger Rückbindung an das „kulturell Eigene“ deckt im Folgenden die Politikwissenschaftlerin Melanie Hühn in ihrer Betrachtung zu internationalen Ruhestandsbewegungen als Ausdruck spätmoderner Migration auf. Eine besonders interessante Erweiterung des Blickwinkels nimmt anschließend Oliver Kuhn vor, indem er die Anwendbarkeit der Trans-Konzepte für die Lokalisierung und Kommunikation in Internetforen prüft. Der hier zu beobachtende Bedeutungsverlust physisch-materieller Räume darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sprache und Themen durchaus zu Lokalisierungen führen und für die Träger der Kommunikation wichtig bleiben. Die Bestimmung als transnational verliere in diesem Kontext jedoch ihre Relevanz und wird vom Autor daher nicht mehr verwandt.

Im dritten und letzten Kapitel werden diese Fragen nach den Bindungen der Trans-Begriffe an materielle Manifestationen und der Rolle der Orte weiterverfolgt. Knut Petzold eröffnet hierfür in seinem Beitrag unter dem Überbegriff der „Multilokalität“ zwei Forschungsperspektiven: zum einen aus der Wohnperspektive heraus (multilokales Wohnen), zum anderen als Mobilitätsperspektive (Multilokation). Darüber hinaus bezieht er die sozialen und emotionalen Bindungen der Akteure an den jeweiligen Ort unter der Verwendung der Begriffe „Interlokalität“ und „Translokalität“ ein. Um das Wohnen geht es auch im Folgebeitrag von Maria Schwertl. Am Beispiel deutsch-türkischer Wohnungen leitet sie ab, dass die privaten Orte einerseits Ausdruck eines transnationalen Habitus sind, der an verschiedenen Objekten festgemacht werden kann, dass andererseits aber auch sozialer Kontext, Verhalten und Ausdrucksweisen der Akteure zu einer bestimmten (Selbst-) Verortung führen können. Der Hinweis der Autorin, dass ein verengter Blick auf einen nationalen Sozialraum andere Einflussfaktoren verdecken kann, ist nicht nur ein stimmiges Ergebnis ihrer Untersuchung, sondern sicher auch für die übrigen Ansätze eine wichtige Anregung. Im letzten Beitrag, führt Miriam Stock, den Leser in die kulinarische Geschmackslandschaft Berlins. Diese sei als lokale Eigenheit transkulturell determiniert und diene damit einer berlinspezifischen Selbsteinschätzung und Abgrenzung gegenüber einer „deutschen“ Kultur.

Auf ein Schlusswort oder Fazit haben die Herausgeber verzichtet. Nach der Vielfalt der Perspektiven und Ansätze, welche die Beiträger durch ihre unterschiedlichen „Forschungsbrillen“ darstellen, ist dieses sicher auch schwierig und liefe leicht Gefahr, die Ergebnisse auf Kosten ihrer interdisziplinären Reichhaltigkeit und themenspezifischen Forschungsgegenstände zu vereinfachen. Dieser Sammelband zeichnet sich jedoch gerade durch sein Neben- und Miteinander der Disziplinen bei der Betrachtung und Verwendung der Trans-Begriffe aus und ist als aktuelle und multiperspektivische Übersicht zu Möglichkeiten, Interpretationsansätzen und Problemen in diesem Zusammenhang nachdrücklich zu empfehlen. Allerdings sollte man im Umgang mit den Begriffen beachten, dass Forschungsgegenstände durch einen solchen Ansatz auch überdeterminiert erscheinen können bzw. andere Einflussfaktoren verdeckt werden. Dieser Aspekt wird im vorliegenden Band leider nur wenig berücksichtigt.

Denkt man hier noch einmal an den oben zitierten Satz Peter Weichharts zurück, so lässt sich abschließend feststellen, dass die Trans-Begriff je nach Fragestellung, Forschungsobjekt und fachlichem Problem durchaus funktional justiert werden können. Dennoch ist ihre Bestimmung, wie sich in den Beiträgen zeigt, keineswegs willkürlich und nicht immer lässt ihre Verwendung den Untersuchungsgegenstand besser erfassen. Erst in der Relation der Begriffe untereinander und gegenüber anderen Konzepten ist demnach ein Mehrwert für die geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung zu erwarten.

Zitation
Anika Bethan: Rezension zu: Hühn, Melanie; Dörte Lerp, Knut Petzold, Miriam Stock (Hrsg.): Transkulturalität, Transnationalität, Transstaatlichkeit, Translokalität. Theoretische und empirische Begriffsbestimmungen. Berlin  2010 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 01.04.2011, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-15632>.
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Veröffentlicht am
01.04.2011
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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