G. Böth: Ein adeliger Unternehmer im bürgerlichen Zeitalter

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Titel
Johann Ignaz Franz Maria von Landsberg-Velen (1788 - 1863). Ein adeliger Unternehmer im bürgerlichen Zeitalter


Autor(en)
Böth, Gitta
Erschienen
Münster 2009: Waxmann Verlag
Umfang
307 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wilfried Reininghaus, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen

Die vorliegende Monographie entstand als Projektarbeit bei der Volkskundlichen Kommission für Westfalen. Sie würdigt einen der markantesten Vertreter des katholischen Adels seiner Zeit in den preußischen Westprovinzen: Landsberg-Velen gehörte dem Provinziallandtag von 1826 bis 1858 an und stand ihm seit 1833 als Nachfolger Steins als Marschall vor. 1847/48 war er Mitglied der Vereinigten Landtage in Berlin. Er war in diese Funktionen von unten hineingewachsen, seitdem er bereits 1816 in jungen Jahren in Velen als Bürgermeister eingesetzt worden war. Landsberg-Velen bemühte sich als Katholik um die Integration des westfälischen Adels in die preußische Führungsschicht und hielt das Miteinander von katholischem Adel, Beamtenschaft und Bürgertum in Westfalen für möglich (S. 140). Die Mitgliedschaft im Zivilklub und in anderen Vereinen der Provinzhauptstadt Münster war sichtbarer Ausdruck dieses Selbstverständnisses. Als Dank für diese Bemühungen verlieh ihm der preußische König nach langem Zuwarten 1840 den Grafentitel, verbunden mit einem Sitz im Herrenhaus.

Aber nicht die politische Laufbahn Landsberg-Velens steht hier im Mittelpunkt, sondern sein familiärer und wirtschaftlicher Alltag. Die gute Quellenlage – der umfangreiche Bestand Landsberg-Velen im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen – ermöglicht es, die Jugend, das Studium, die adligen Kavalierstouren sowie das Ehe- und Familienleben des früh verwaisten Landsberg-Velen zu dokumentieren. Sein Leben als Erwachsener besaß drei Mittelpunkte: den Stammsitz im westlichen Münsterland, den Adelshof in Münster sowie als Sommersitz Schloss Wocklum bei Balve im Sauerland. Dort, wo bereits seit dem mittleren 18. Jahrhundert bis 1864 die Familie ein großes Montanunternehmen mit der Eisenhütte im Zentrum betrieb[1], hielt er sich nicht nur zur Erholung auf, sondern auch, um seine Neigungen und Fähigkeiten in der Chemie professionell umzusetzen. Er arbeitete mit dem Apotheker Herold aus Münster und anderen zusammen und gründete ein heute noch bestehendes Chemiewerk, das im Übrigen durch die Arbeiten von Anja Kuhn gut erforscht ist.[2] Die praktische Umsetzung des Wissens als Hobbychemiker, die Bandbreite der Produkte und ihr Absatz sowie das Verhältnis zur Arbeiterschaft bilden Schwerpunkte dieses Teils der Darstellung.

Eine kritische Würdigung der Monographie muss prüfen, ob das Ziel, einen „Repräsentanten des westfälischen Adels aus volkskundlicher Perspektive in den sozialen, politischen und kulturellen Kontext seiner Zeit“ zu stellen und „mit einem Schwerpunkt als industrieller Unternehmer“ darzustellen (so Ruth Mohrmann im Vorwort, S. 9), tatsächlich erreicht wurde. Als eine unternehmensgeschichtliche Studie bleibt sie hinter dem erreichten Stand der Forschung zurück. Die knappe Einleitung und die Erwähnung anderer westfälischer Adliger, die unternehmerisch tätig waren (S. 11-19), sind angesichts vieler jüngerer Arbeiten analytisch unzureichend, denn es folgt anschließend lediglich eine deskriptive Darstellung aus den Quellen heraus, die gelegentlich zur Edition mutiert. Folgerungen daraus zum Typus „adliger katholischer Unternehmer“ unterbleiben. Welchen Charme hätte ein Vergleich mit einem seiner Mitstreiter im Provinziallandtag, Gisbert von Romberg, oder anderen protestantischen adligen Unternehmern während der Frühindustrialisierung entfalten können! Leider ist davon nichts ist in diesem Buch zu finden. Übersehen darf man nicht, dass über Kuhns Befunde hinaus neue Details über die Chemische Fabrik in Wocklum bekannt werden. Aber es fehlen Untersuchungen zur Rolle von Landsberg-Velen als Eisenbahnaktionär, als Landwirt, als Miteigentümer von Salinen.

So enttäuschend der Befund zu Landsberg-Velen als Unternehmer ausfällt, so erfahren wir doch einiges über ihn als eine Person, die sich wegen der vielen politischen und gewerblichen Beschäftigungen in ständiger Zeitnot befand. Erst die Eisenbahn ermöglichte ihm in späteren Lebensjahren die Kombination der diversen Termine. Gerne hätte der Leser mehr über diese Seite von Landsberg-Velen erfahren, der sich in einem Zwiespalt besonderer Art befunden haben muss. Als Erbe eines alten Adelsgeschlechts nutzte und betrieb er moderne Technik, versöhnte sich mit Preußen als neuem Landesherrn und seiner Elite. Schon vor dem „Zeitalter der Nervosität“ (Joachim Radkau) dürfte Landsberg-Velen ein Getriebener gewesen sein, den es zwischen Alt und Neu hin und her riss. Gerade deshalb vermisst man einen Abschnitt über den Katholiken Landsberg-Velen und seine Religiosität ebenso wie eine genauere Untersuchung seiner Rolle im Provinziallandtag und in Berlin 1847/48. Schon die knappe Bemerkung in Heinz Duchhardts Stein-Biographie (fehlt im Literatur-Verzeichnis) über den Briefwechsel mit Landsberg-Velen deutet an, welches Potential hier verschenkt wurde.[3] Es ist daher kein Wunder, wenn der Verfasserin ebenfalls entgeht, wer der Hauslehrer Landsberg-Velens war (S. 23-25): Joseph Niesert (1766-1841), einer der Begründer der westfälischen Landesgeschichte, nahm 1795 den jungen Landsberg-Velen unter seine Fittiche. Eine gründlichere Studie über das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler wäre schon deshalb wünschenswert gewesen, weil Landsberg-Velen 1821 Stein beim Aufbau eines Finanzierungsplans für die „Monumenta“ half. Letztlich dürfte das Schwanken zwischen einer ausführlicheren Biographie, die die vorliegende Skizze von Manfred Wolf vertieft[4], und einer unternehmensgeschichtlichen Studie für solche Defizite verantwortlich sein, die diesem Buch anhaften. Die Verfasserin hat zwar auf Ignaz von Landsberg-Velen und sein Leben in bewegter Zeit mehr als neugierig gemacht, aber leider selbst viele Möglichkeiten vertan.

Anmerkungen:
[1] Frank-Lothar Hinz, Die Geschichte der Wocklumer Eisenhütte 1758-1864 als Beispiel westfälischen adligen Unternehmertums. Eine technik-, sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Untersuchung, Altena 1977.
[2] Zuletzt – nach zwei weiteren längeren Aufsätzen: Anja Kuhn, Vom stillen Teilhaber zum Chemieunternehmer: Johann Ignaz Franz Reichsfreiherr von Landsberg-Velen und die Chemische Fabrik zu Wocklum 1822-1860, in: Manfred Rasch u.a. (Hrsg.), Adel als Unternehmer im bürgerlichen Zeitalter, Münster 2006, S. 157-176.
[3] Heinz Duchhardt, Stein. Eine Biographie, Münster 2007, S. 385. Zur Finanzierung der Monumenta ebd., S. 399f.
[4] Manfred Wolf, Ignaz von Landsberg-Velen, in: Westfälische Lebensbilder, Bd. 11, Münster 1975, S. 112-130.

Zitation
Wilfried Reininghaus: Rezension zu: : Johann Ignaz Franz Maria von Landsberg-Velen (1788 - 1863). Ein adeliger Unternehmer im bürgerlichen Zeitalter. Münster  2009 , in: H-Soz-Kult, 20.01.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15663>.
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Veröffentlicht am
20.01.2011
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