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Titel
Verunsichernde Orte. Selbstverständnis und Weiterbildung in der Gedenkstättenpädagogik


Hrsg. v.
Thimm, Barbara; Kößler, Gottfried; Ulrich, Susanne
Erschienen
Frankfurt am Main 2010: Brandes & Apsel Verlag
Umfang
208 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eckart Schörle, Erfurt

Geht es um den Besuch von Schulklassen in NS-Gedenkstätten, so wird häufig darüber diskutiert, wie bei Angehörigen der dritten und vierten Generation, die kaum noch einen familienbiografischen Bezug zum Nationalsozialismus haben, das Interesse geweckt und ein empathischer Bezug gefördert werden könne. Ratlos bis entsetzt stehen manche Lehrer/innen vor ihren Schüler/innen, wenn diese gleichgültig bleiben oder ihre (scheinbar) distanzierte und ablehnende Haltung gar offen zum Ausdruck bringen. Der von Barbara Thimm, Gottfried Kößler und Susanne Ulrich herausgegebene Sammelband „Verunsichernde Orte“ dreht die Perspektive um. Gefragt wird nicht, wie Gedenkstättenbesucher/innen am besten erreicht werden können – vielmehr geraten die Pädagog/innen selbst in den Blick: Welche Einstellungen, Erwartungen und Motivationen bringen sie bei ihrer Arbeit mit? Wie lässt sich durch Selbstreflexion die Projektion eigener ungelöster Fragen und Konflikte auf Besucher/innengruppen verhindern?[1]

Der Band fasst einen dreijährigen Reflexions- und Austauschprozess von Pädagog/innen mehrerer KZ- und Euthanasie-Gedenkstätten zusammen, die an dem Modellprojekt „Gedenkstättenpädagogik und Gegenwartsbezug – Selbstverständigung und Konzeptentwicklung“ teilgenommen haben. Seit Erscheinen des Bandes „Praxis der Gedenkstättenpädagogik“ im Jahr 1995, der diesen Bereich erstmals systematischer auslotete[2], hat sich das Arbeitsfeld weiter differenziert und professionalisiert. Mittlerweile wird die Gedenkstättenpädagogik deutlicher als eigenes und mit hohen Anforderungen verbundenes Berufsbild wahrgenommen. Doch in der pädagogischen Praxis gibt es weiterhin viele ungeklärte Fragen. Die Herausgeber/innen wollen mit diesem Buch zu einer konstruktiven Verunsicherung beitragen und halten eine „(Neu-)Verständigung über realistische Ziele und zeitgemäße Methoden“ in der Gedenkstättenpädagogik für überfällig (S. 10). Im Zentrum steht die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus; ein großer Teil der Beiträge spricht aber Aspekte an, die auch für Gedenkstätten oder Einrichtungen der historisch-politischen Bildung mit anderen inhaltlichen Schwerpunkten relevant sind.

In knappen Beiträgen werden verschiedene Aspekte und Probleme der alltäglichen Arbeit skizziert. Gedenkstättenpädagogik, so stellt Wolf Kaiser eingangs fest, solle keine fertigen Urteile vorgeben, sondern die selbstständige Urteilsbildung fördern. Imke Scheurich sieht deshalb die Hauptaufgabe in der Bildung, nicht in der Erziehung. Die Lernenden sollten als Subjekte angesprochen werden, „nicht als Objekte mit vermuteten und zu behebenden Wissens-, Einstellungs- und Verhaltensdefiziten“ (S. 38), wie es zahlreiche Umfragen zum angeblich mangelhaften historischen Faktenwissen von Schüler/innen immer wieder suggerieren.[3] Es müsse daher ein „Raum zur selbsttätigen Auseinandersetzung“ offengehalten werden (S. 42).

Verena Haug beklagt die verbreitete Haltung, dass nur die Jüngeren über die NS-Verbrechen aufgeklärt werden müssten, ganz so, „als gäbe es bei Erwachsenen keine Kontinuität von Antisemitismus und Rassismus mehr“ (S. 36). Eine erfolgreiche Vermittlung setze voraus, betont Gottfried Kößler, dass man auch Verbindungen zur Gegenwart herstelle. Er sieht im Gegenwartsbezug allerdings nicht das Ziel pädagogischen Handelns, sondern vielmehr eine seiner Bedingungen. So könne beispielsweise die Auseinandersetzung mit eigenen Gruppenzugehörigkeiten und unterschiedlichen Erinnerungen eine Basis für politische Bildungsprozesse schaffen.

Monique Eckmann plädiert dafür, diese Gruppenzugehörigkeiten sichtbar zu machen. So würden unterschiedliche Perspektiven deutlich, in denen die Besucher/innen mal einer Minderheit und mal einer Mehrheit angehörten – sei es hinsichtlich der Herkunft, der Bildung, der sexuellen Orientierung oder des Gesundheitszustandes. Bei den Pädagog/innen gelte es, ein Gefühl für unbewusste Ausgrenzungen und Ausblendungen in der eigenen Arbeit zu entwickeln, meint Christian Geißler, denn in der Praxis werde die Heterogenität selten als gesellschaftlicher Normalfall geschätzt oder als Bereicherung gesehen. Nicht zuletzt müsse dem auch durch eine „Diversifizierung des pädagogischen Personals“ Rechnung getragen werden (S. 74).

Helmut Wetzel betrachtet die Gefühlsebene als wichtigen Aspekt des Bildungsprozesses. Auch die Gedenkstättenmitarbeiter/innen sollten sich ihren – zum Teil beschwiegenen, aber deshalb nicht verschwundenen – Emotionen stellen. Auseinandersetzen müsse man sich auch mit den verschiedenen Geschichtsnarrativen, welche die am interaktiven Bildungsprozess Beteiligten mitbrächten, so Oliver von Wrochem. „Niemand kommt alleine in die Gedenkstätte“, konstatiert Wetzel (S. 80): „Jede(r) bringt ein ereignisreiches Leben und eine Familiengeschichte mit, hat innere Bilder und Filme zu zwölf Jahren NS-Zeit.“

Die hier nur kurz angerissenen Überlegungen sprechen allesamt zentrale Punkte an. Aber, so fragt man sich, wie lassen sich die komplexen und hohen Ansprüche bei einem in der Praxis leider zeitlich meist zu kurz bemessenen Gedenkstättenbesuch umsetzen? Treffend fasst dies Susanne Ulrich in die Formulierung, ob es sich dabei nicht um eine „Mission impossible“ handle (S. 53-58). Ein Erfolg sei zudem schwer zu beurteilen, denn qualifizierte Untersuchungen zur Wirkung von Gedenkstättenbesuchen bei den Lernenden seien bislang rar.[4]

Natürlich lassen sich die vorgestellten Kriterien und Bedingungen nicht hundertprozentig erfüllen – das ist auch nicht das primäre Ziel dieses Bandes. Die Autor/innen wollen zunächst einmal neue Anstöße zur Reflexion und Weiterentwicklung der Gedenkstättenpädagogik geben und ein Bewusstsein für die kritischen Aspekte schaffen. Bei den kurzen Beiträgen des theoretischen Teils hätte man sich zu den beschriebenen Problemen stellenweise mehr konkrete Beispiele aus dem Gedenkstättenalltag gewünscht. Allerdings bietet das Buch auch einen ausführlichen Praxisteil mit Übungsvorschlägen, der fast die Hälfte des Gesamtumfangs einnimmt. Diesem vorgeschaltet ist ein Bildteil, der schlaglichtartig Einblicke in die Arbeit der einzelnen Gedenkstätten gibt.

Die Übungen dienen zunächst zur Selbstreflexion der Gedenkstättenmitarbeiter/innen. Sie sollen helfen, das eigene Bild vom Nationalsozialismus wahrzunehmen, nach Schlüsselerlebnissen zu fragen, sich der eigenen Gefühle bewusst zu werden und die Offenheit für Angehörige von tendenziell weniger beachteten Gruppen zu überprüfen. In der nächsten Stufe werden die Übungen auf den Umgang mit den Besucher/innen gerichtet. In welchem Maße sind bestimmte Prinzipien wie der Verzicht auf Manipulationen oder die Bedingung der Freiwilligkeit des Gedenkstättenbesuchs in der Praxis tatsächlich wirksam und umgesetzt? Wo erreichen die Gedenkstättenmitarbeiter/innen bei den Gruppen ihre eigenen Toleranzgrenzen? Zuletzt steht der Umgang mit Medien im Mittelpunkt. Wie werden Geschlechterverhältnisse dargestellt und wahrgenommen, welche Funktion und Bedeutung haben Bilder und Filme für die pädagogische Arbeit?

Weitere Beiträge am Ende des Bandes zeigen Möglichkeiten zur Fortbildung und zur Verbesserung der eigenen Arbeitsbedingungen auf. Dies erscheint den Beteiligten umso erforderlicher, als viele Vermittler/innen nicht über eine pädagogische Ausbildung verfügen; zudem sind die speziellen Erfordernisse der Gedenkstättenpädagogik komplex und dabei unklar definiert. Plädiert wird beispielsweise für den verstärkten Einsatz der Supervision – in anderen Bereichen längst eine Selbstverständlichkeit – und der kollegialen Beratung, auch über die Grenzen der eigenen Gedenkstätte hinaus. Der Band „Verunsichernde Orte“ bietet eine anregende Lektüre und eine hilfreiche Bündelung aktueller Diskussionen in den Gedenkstätten.

Anmerkungen:
[1] Siehe zu diesem Themenfeld zuvor auch Christian Gudehus, Dem Gedächtnis zuhören. Erzählungen über NS-Verbrechen und ihre Repräsentation in deutschen Gedenkstätten, Essen 2006. Vgl. Bert Pampel: Rezension zu: Gudehus, Christian: Dem Gedächtnis zuhören. Erzählungen über NS-Verbrechen und ihre Repräsentation in deutschen Gedenkstätten. Essen 2006, in: H-Soz-u-Kult, 09.08.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-3-096> (08.12.2010).
[2] Annegret Ehmann u.a. (Hrsg.), Praxis der Gedenkstättenpädagogik. Erfahrungen und Perspektiven, Opladen 1995.
[3] Dass das Interesse Jugendlicher an der NS-Zeit größer ist als gemeinhin angenommen, machte hingegen jüngst eine vom „ZEIT-Magazin“ in Auftrag gegebene Umfrage unter 14- bis 19-Jährigen deutlich (siehe Nr. 45 vom 4.11.2010).
[4] Immerhin gibt es inzwischen einige Studien, die sich mit den Wahrnehmungen der Gedenkstättenbesucher/innen befassen. Siehe z.B. Jochen Fuchs, Auschwitz in den Augen seiner Besucher. Eine Untersuchung von Teilnehmerinnen und Teilnehmern an Exkursionen nach Auschwitz in den Jahren zwischen 1994 und 2002 und zum Beitrag von Gedenkstättenbesuchen zur politischen (Bewusstseins-)Bildung nebst Vorschlägen zur Optimierung solcher Veranstaltungen, Magdeburg 2003; Klaus Ahlheim u.a., Gedenkstättenfahrten. Handreichung für Schule, Jugend- und Erwachsenenbildung in Nordrhein-Westfalen, Schwalbach 2004; Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.), Gedenkstätten und Besucherforschung, Bonn 2004; Bert Pampel, „Mit eigenen Augen sehen, wozu der Mensch fähig ist“. Zur Wirkung von Gedenkstätten auf ihre Besucher, Frankfurt am Main 2007; Martina Christmeier, Besucher am authentischen Ort. Eine empirische Studie im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Idstein 2009.

Zitation
Eckart Schörle: Rezension zu: Thimm, Barbara; Kößler, Gottfried; Ulrich, Susanne (Hrsg.): Verunsichernde Orte. Selbstverständnis und Weiterbildung in der Gedenkstättenpädagogik. Frankfurt am Main  2010 , in: H-Soz-Kult, 09.12.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15881>.
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Veröffentlicht am
09.12.2010
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