Titel
Russian America. An Overseas Colony of a Continental Empire, 1804-1867


Autor(en)
Vinkovetsky, Ilya
Erschienen
Umfang
272 S.
Preis
£ 30.88
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martina Winkler, Abteilung für Osteuropäische Geschichte, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Nachdem russländische Seeleute, Jäger, Kosaken und Wissenschaftler im Laufe des 18. Jahrhunderts nicht nur bis nach Ostsibirien, sondern nach Kamtschatka, in den Nordpazifik und schließlich an die Nordwestküste Amerikas vorgedrungen waren, entstand hier im Jahre 1799 mit der Gründung der Russländisch-Amerikanischen Kompanie (RAK) die einzige als überseeisch zu bezeichnende Kolonie des Russländischen Reiches. In der Wahrnehmung vieler Russen ebenso wie Amerikaner und Europäer ist vor allem haften geblieben, dass 1867 die Vereinigten Staaten diese Kolonie für gute sieben Millionen Dollar kauften und sie – allerdings erst ein knappes Jahrhundert später – zum Bundesstaat Alaska umformten. Doch zeigen zahlreiche historische und anthropologische Studien der letzten Jahre, wie komplex und faszinierend die Geschichte Russisch Amerikas ist.

So auch das neue Buch des in Kanada lehrenden Ilya Vinkovetsky. Denn die Ankündigung des Autors, es handle sich bei diesem Buch um eine „politische“ Geschichte der russländischen Kolonie auf dem amerikanischen Kontinent, erscheint allzu bescheiden. Es geht hier um deutlich mehr. Vinkovetsky analysiert die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Funktionsweisen dieses kolonialen Unternehmens, das einerseits in mancher Hinsicht aus den Mustern des Russländischen Reiches herausfällt und damit andererseits gerade die Vielfalt und Flexibilität imperialer Konstruktionen deutlich macht. Die großen Distanzen und die Sonderstellung als einziger überseeischer Teil des Russländischen Imperiums bilden dabei nur den Ausgangspunkt für die Analyse. Wichtiger sind die Formen und Strategien, mit denen die Regierung, die Russländische Amerikanische Kompanie und lokale Akteure den besonderen Herausforderungen zu begegnen versuchten: die Gründung der Kompanie als Aktiengesellschaft mit einer bemerkenswerten Zwischenstellung, die Vinkovetsky überzeugend als „Contractor of Empire“ charakterisiert, die durchaus kreativ zu nennenden Methoden der Ausbeutung von Teilen der indigenen Bevölkerung, die in ein Schulden- und Dienstsystem gepresst wurden, und die verschiedenen Versuche, diese Kolonie für Russland zu reklamieren und gleichzeitig in entstehende globale Verflechtungen einzuordnen.

Vinkovetsky stellt zentrale Fragen, deren Diskussion nicht nur für Spezialisten der Geschichte Russisch Amerikas erhellend ist, sondern für alle am Russländischen Imperium interessierten Historiker. In seiner Auseinandersetzung mit den Begriffen „Kolonialismus“ und „Imperialismus“ beruft er sich auf Jürgen Osterhammel und entwickelt „Kolonialismus“ als analytischen Begriff, um Funktionsweisen und Legitimationen des russisch-amerikanischen „Laboratoriums“ zu untersuchen. Entscheidend ist dabei seine komparative Perspektive, die Russisch Amerika in ein Gesamtbild europäischer maritimer Kolonisierung einfügt und zumindest punktuelle Vergleiche erarbeitet.

Diese Perspektive führt direkt zum nächsten wichtigen, häufig als prinzipiell gegensätzlich konzipierten, Begriffspaar: dem scheinbaren Dualismus von Kontinentalreich einerseits und maritimem Imperium andererseits. Vinkovetsky plädiert für einen ausgewogeneren Blick, der den maritimen Charakter eines britischen oder spanischen Imperiums nicht ignoriert, aber auch nicht überbewertet. Er betont die große Vielfalt des russländischen Imperiums und wendet sich gegen das Bild von allzu viel Kontinuität, – „`Otherness´ does not have to be overseas to qualify as `otherness´“ (S. 12) – öffnet den Blick für Gemeinsamkeiten zwischen Land- und Seereichen und führt den schönen Begriff „ocean substitute“ für die eurasische Steppe ein.

Weiter nimmt der Autor Stellung zu der in der Forschung diskutierten Frage, inwiefern die Expansion über Sibirien hinaus nach Amerika ein Bruch war oder vielmehr von Kontinuitäten bestimmt blieb. Vinkovetsky lässt sich nicht zu einer oberflächlichen Parteinahme verleiten, sondern nimmt sowohl Kontinuitäten als auch Zäsuren in den Blick. Er analysiert gründlich die Unterschiede in Bezug auf ökologische Gegebenheiten und die daraus resultierenden Jagdmethoden, die im Nordpazifik entstehende internationale Konkurrenzsituation, den politisch ebenso wie ökonomisch motivierten Umgang mit der indigenen Bevölkerung sowie die spezifischen Probleme mit der Infrastruktur, ohne dass damit a priori eine Andersartigkeit der amerikanischen Kolonie behauptet würde. Viele in Sibirien entwickelte Traditionen wurden „mitgenommen“, dann aber flexibel modifiziert, wenn die Gegebenheiten dies erforderten.

Schließlich wird mit den Begriffen „russification“ und „russianization“ (entsprechend der russischen Terminologie von russifikacija und obrusenie) eine weitere wichtige Unterscheidung diskutiert. Sowohl zeitlich als auch strukturell differenziert Vinkovetsky zwischen einer zentral gelenkten, auf kulturelle Transformation zielenden Strategie des späten 19. Jahrhunderts (russifikacija) und einem offeneren, interaktiven kulturellen Wandlungsprozess früherer Phasen (obrusenie). Auf der Basis dieser Unterscheidung und anhand des obrusenie-Konzeptes entwickelt Vinkovetsky dann den stärksten Teil des Buches, in dem er das Miteinander von und die Konflikte zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten beschreibt. Auf brillante Weise werden insbesondere die Tlingit als Akteure historischer Prozesse herausgestellt – Methoden und Erkenntnisse von Anthropologie und Geschichtswissenschaft werden gewinnbringend und offenbar weitgehend ohne Reibungsverluste verknüpft. Die koloniale Gesellschaft Russisch Amerikas war geprägt von teilweise widersprüchlichen und sich wandelnden ökonomischen Bedürfnissen, konkurrierenden Interessen und Allianzen, in denen auch die Briten, Spanier und Amerikaner als Konkurrenten und Handelspartner entscheidend waren, und verschiedenen Mechanismen des Synkretismus. Mit einem scharfen Blick für ökonomische und administrative Notwendigkeiten und Interessen zeichnet Vinkovetsky ein Bild dieser komplexen Gesellschaft. Er verbindet abstrakte Analyse und Begriffsbildung mit zuweilen sehr detaillierten Beschreibungen des Alltags (bis hin zur Frage danach, welche Fischarten auf dem Speiseplan standen), ohne sich aber im Anekdotischen zu verlieren.

Weniger überzeugend ist die von Vinkovetsky vorgeschlagene Periodisierung. Wie bereits in einem vorausgehenden Artikel[1] versucht er auch hier, das Jahr 1804 als entscheidende Zäsur für die Geschichte Russisch Amerikas zu etablieren. Dieses Jahr, in dem Teilnehmer der ersten russländischen Weltumseglung die Kolonie besuchten und sich dort an den militärischen Konflikten mit den Tlingit beteiligten, ist sicherlich nicht ohne Bedeutung. Der nun beginnende wachsende Einfluss von europäisch geprägten und ausgebildeten Marineoffizieren – im Gegensatz zu Pelzhändlern und Unternehmern – zeigt zweifellos einen Veränderungsprozess an, ebenso das neue Konzept „kreoly“ als Bezeichnung und rechtliche Kategorie für in Russisch Amerika geborene Kinder russländischer Männer und indigener Frauen. Doch weshalb das Jahr 1804 eine solche Sonderstellung neben den vielen anderen wichtigen Daten wie 1799 (Gründung der Ausländisch-Amerikanischen Kompanie), 1800 (Verlegung der RAK-Zentrale von Irkutsk nach St. Petersburg), 1802 (der Angriff der Tlingit auf die russländische Siedlung in Sitka) haben soll, bleibt unklar. Auch die Trennung von „Siberiaken“ und „europäischen Russen“ – denen ab 1804 ein wachsender Einfluss zugeschrieben wird – erscheint in ihrer dualistischen Radikalität überzogen, zumal es sich bei der Entdeckung und Eroberung des Nordpazifik und Russisch Amerikas von Beginn an um ein komplexes Unternehmen von Regierung, Wissenschaftlern, Großunternehmern und lokalen Pelzhändlern handelte. Die erste russländische Weltumseglung 1803 bis 1806 war fraglos ein aufwändiges Prestigeprojekt, doch wird meines Erachtens die als Kehrtwende beschriebene Neuorientierung der Seeleute nicht in den Berichten dieser ersten Reise gespiegelt. Es entsteht hier der Eindruck, Ilya Vinkovetsky habe unbedingt eine zentrale, eingängige These für sein Buch finden wollen, was angesichts der ansonsten so hervorragend entwickelten Analyse gar nicht notwendig erscheint. Als weiterer Kritikpunkt bleibt hinzuzufügen, dass viele – an sich überzeugende – Thesen und Ausführungen ohne Quellennachweise bleiben oder mit dem Hinweis auf eine einzelne Quelle nicht genügend belegt sind.

Davon abgesehen aber hat Vinkovetsky ein lesenswertes Werk vorgelegt, das nicht nur die expandierende Forschung zu Russisch Amerika entscheidend bereichert, sondern großen Wert für die auf Russland bezogene und die vergleichende Imperiumsforschung hat und mit seiner erfolgreichen Verknüpfung von Geschichtswissenschaft und Anthropologie auch methodisch neue Wege weist.

Anmerkung:
[1] Ilya Vinkovetskii, Circumnavigation, Empire, Modernity, Race. The Impact of Round-The-World-Voyages on Russia's Imperial Consciousness, in: Ab Imperio 1-2 (2001), S. 191-210.

Zitation
Martina Winkler: Rezension zu: : Russian America. An Overseas Colony of a Continental Empire, 1804-1867. Oxford  2011 , in: H-Soz-Kult, 15.11.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15930>.
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15.11.2011
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