W. G. Schwanitz: Gold, Bankiers und Diplomaten

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Titel
Gold, Bankiers und Diplomaten. Zur Geschichte der Deutschen Orientbank 1906-1946


Autor(en)
Schwanitz, Wolfgang G.
Erschienen
Berlin 2002: Trafo Verlag
Umfang
429 S.
Preis
€ 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Klaus Jaschinski, Deutsch-Ägyptische Gesellschaft Berlin e. V.

1906 unter Führung der Dresdner Bank ins Leben gerufen, stieg die Deutsche Orientbank in den 40 Jahren ihrer Existenz zweifellos zur bedeutendsten der acht deutschen Auslandsbanken jener Zeit auf, die mit gut drei Dutzend Staaten Amerikas, Asiens und Afrikas Geschäfte tätigte. Ein ursprünglich jüdisches Unternehmen des Eugen Gutmann (des Gründers der Dresdner Bank) und seines Sohnes Herbert M. Gutmann (des „Motors“ der Deutschen Orientbank), das noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zu einem „arisierten“ Bankhaus avancierte und danach maßgeblich an der Abwicklung des für Deutschland kriegswichtigen Chrom- und Goldhandel (Raubgold inklusive) Anteil nahm.

Die Geschichte dieses exponierten Bankhauses in „möglichst ganzheitlicher Sicht“ unter besonderer Berücksichtigung ihrer Aktivitäten in der Zeit von 1939 bis 1945 zu erhellen und darzustellen, erschien Wolfgang G. Schwanitz folglich lohnenswert und zudem auch längst fällig. Warum hatte die Dresdner Bank bis Ende der 80er-Jahre nicht aus eigenen Kräften versucht, ihre Geschichte aufarbeiten zu lassen? Sein Fazit: „Fast erscheint es so, als ob die deutsche Personalkontinuität bei Bankiers und Diplomaten ein ‘generatives Schutzschild’ gegen eine unvermeidliche Demontage eigener Lebensläufe, mithin gegen einen tiefgründigen Umgang mit der Geschichte gebildet hat, denn viele der vor 1945 leitenden Herren und ihr Nachwuchs wurden auch danach wieder leitende Herren.“ (S. 156)

Die vorliegende Abhandlung basiert auf einer Expertise, die im Auftrag des Dresdner Hannah-Arendt Institutes für Totalitarismusforschung entstand. Sie birgt nach Schwanitz' Worten „ein Mosaik an Elementen wie Hypothesen, Thesen, Leitfragen und Synthesen in der Materialsammlung, interregionale Quellenschau, aktueller Forschungsstand, regionalhistorische Analyse, monographischer Abriß von Banketappen, multiarchivalische Dokumentbelege, methodische Problem- und Lückenschau sowie Quellenhinweise zum nächsten Forschungsbedarf“ (S. VIII). Unterteilt ist sie in 10 Kapitel. Den Einstieg bilden Aussagen zu erschlossenen und benutzten Primärquellen sowie ein mit Thesen angereicherter umfangreicher Literaturbericht (143 Seiten), der den Forschungsstand zur Deutschen Orientbank gründlich analysiert und ihr Dasein nebst Aktivitäten in historische Abläufe einordnet, um vorhandene Interaktionen und -dependenzen kenntlich zu machen. Die nachfolgenden Abschnitte zeigen gestützt auf intensive Auswertung von Geschäftsberichten und anderen Primärquellen die historischen Etappen der Bankentwicklung auf (Kapitel 5), beschreiben Stellung und Funktion der Deutschen Orientbank im Zweiten Weltkrieg (Kapitel 6) und nehmen ihre Aktivitäten in dieser Zeit vor allem in der Türkei genauer unter die Lupe (Kapitel 7).

Der Werdegang der Deutschen Orientbank von ihrem Aufstieg über die „Durststrecke“ während und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg bis hin zu ihrer Liquidation wird im Lichte von Geschäftsaktivitäten, Kapitaleinsatz, Gewinn und Verlust sowie Fusionen und Niederlassungsgründungen ausgiebig beleuchtet und anschaulich dargestellt. Was die Personalbesetzung speziell in den nah- und mittelöstlichen Filialen betrifft, offeriert Schwanitz die Erkenntnis: „Es glich einer Machtpyramide: An ihrer Spitze standen Ausländer und mit ihnen verbundene Vertreter aus den einheimischen Oberschichten; in ihrer Mitte befanden sich die jeweiligen religiösen und ethnischen Minderheiten, und ihre breite Basis stellten die nationalen Mehrheiten.“ (S. 210) Auch Juden waren als Anstellte beschäftigt. Noch 1938 zählte die Filiale in Kairo zwei jüdische Angestellte bei insgesamt 73 Angestellten und die Filiale in Istanbul-Galata ebenfalls zwei bei insgesamt 71 Angestellten. Ein Umstand, der einigen nationalsozialistischen Eiferern gewiss missfiel und Unbehagen bereitete, zumal die Dresdner Bank nach der nationalsozialistischen Machtergreifung zur Hausbank der SS aufstieg und die Deutsche Orientbank gleichsam mit in den Strudel anrüchiger, der NS-Gewaltherrschaft dienender Geschäfte und Geschäftspraktiken zog. Schwanitz' These: „‘Arisierungen’ gab es in der Orientbank Ägyptens mehr, in der Türkei aber weniger“ (S. 153, 330), scheint dennoch reichlich überzogen und abwegig zu sein. Auch wenn Deutsche am Bosporus gegen jüdische Firmeninhaber vorgegangen sein mögen, wie auf Seite 330 betont wird, so fehlte ihnen doch jedwede außerökonomische Handhabe, wie sie durch die nationalsozialistische Gesetzgebung im Reich und in den okkupierten Gebieten gegeben war, um sich mittels „Arisierung“ jüdischen Eigentums nebst Vermögenswerten zu bemächtigen, denn weder Ägypten noch die Türkei fielen je der deutschen Herrschaft anheim. Durch die Ausdehnung ihres Aktionsradius auf besetzte Gebiete Osteuropas dürfte die Deutsche Orientbank allerdings durchaus mit „Arisierungen“ in Berührung gekommen sein.

Besonderes Augenmerk gilt dem in den Kriegsjahren von deutscher Seite betriebenen Goldhandel via Istanbul. Aufgezogen wurde er, um an kriegswichtige Rohstoffe und Devisen zu gelangen, wobei die Deutsche Orientbank mit in vorderster Front agierte und verbrecherisches Treiben hinter „normalem“ Geschäftsbetrieb zu verbergen suchte. Anhand zahlreicher erstmals publizierter Dokumente aus US-Archiven zeigt Schwanitz auf, wie US-Geheimdienste den Spuren des vom NS-Regime im besetzten Europa geraubten Goldes über Deutschland und die Schweiz nach Nah- und Mittelost folgten und insbesondere Istanbul als Drehscheibe dieses Goldhandels ins Visier nahmen. Seine Folgerung: „Ein ‘abgestimmter Raubgoldhandel’ lief zwischen der Deutschen Reichsbank und dem Auswärtigen Amt einerseits und den Türkeifilialen der Deutschen Bank, der Dresdner Bank und deutscher Versicherungsgesellschaften wie Allianz und Norddeutsche Versicherungs-Vermittlungs-Gesellschaft andererseits, die dafür gemeinsam verantwortlich zeichnen.“ (S. 154) „Leitende Herren der Dresdner Bank wie Karl Rasche und Hans Pilder gewannen sehr wahrscheinlich, Direktoren der Deutschen Orientbank wie Johannes Posth gewiß Einblicke in die Goldherkunft, entwickelten daraufhin aber keinerlei Unrechtsbewußtsein.“ (S. 331)

Alles in allem bietet die vorliegende Abhandlung mit ihrem üppigen Dokumentenanhang viel Wissenswertes über ein namhaftes deutsches Bankhaus und dessen Verflechtungen nebst Verfilzungen mit Politik und Wirtschaft über einen Zeitraum hinweg, in dem es über Deutschland, seine Politiker, Bankiers und „Wirtschaftskapitäne“ neben Positivem auch reichlich Negatives zu vermelden gab, von dem einiges noch immer einer gründlichen historischen Aufarbeitung harrt - weg von politologischer Verbrämung und Effekthascherei. Anregungen für weitergehende und vertiefende Forschung auf diesem Gebiet werden hier gleichsam geboten.

Zitation
Klaus Jaschinski: Rezension zu: : Gold, Bankiers und Diplomaten. Zur Geschichte der Deutschen Orientbank 1906-1946. Berlin  2002 , in: H-Soz-Kult, 03.04.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1601>.
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Veröffentlicht am
03.04.2004
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