M. Brauer: Die Entdeckung des ‚Heidentums‘ in Preußen

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Titel
Die Entdeckung des ‚Heidentums‘ in Preußen. Die Preußen in den Reformdiskursen des Spätmittelalters und der Reformation


Autor(en)
Brauer, Michael
Erschienen
Berlin 2011: Akademie Verlag
Umfang
339 S.
Preis
€ 89,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Grischa Vercamer, Deutsches Historisches Institut Warschau

Arbeiten über Identitäten und Vorstellungen haben besonders in der Reihe „Europa im Mittelalter“ Tradition. Insofern passt die 2008/09 an der Berliner Humboldt-Universität eingereichte Dissertationsschrift von Michael Brauer über – im weitesten Sinn – Konstruktionen vom ‚Heidentum‘ der Prußen, der Ureinwohner Preußens, bestens hinein. Die letzten Arbeiten zur Religion der heidnischen Prußen datieren aus dem frühen 20. Jahrhundert und eine Neuinterpretation ist daher sehr begrüßenswert. Dabei geht es Brauer gar nicht so sehr um das Heidentum selbst, sondern vielmehr um die Demaskierung von Beschreibungen vornehmlich aus dem 15./16. Jahrhundert über die heidnischen Gebräuche der Prußen. Diese seien konstruiert und sagten mehr über das Geschichtsbild der preußischen Eliten im Spätmittelalter aus, als über die Prußen selbst. Die Frage kann also nicht mehr lauten: „Gab es im 15. Jahrhundert noch heidnische Prußen – ja oder nein?“, sondern: „Wie, wann und vor allem: warum ist Wissen über die Prußen und ihr ‚Heidentum‘ in den Quellen entstanden?“ (S. 31).

In Abgrenzung zu früheren volkskundlichen Konzepten stellt Brauer seinen eigenen, diskursanalytischen Ansatz vor: Die getrennte Betrachtung der in diesem Fall drei Hauptquellengattungen (weltliches Recht, kirchliches Recht und Geschichtsschreibung) erscheint ihm dafür essentiell, da die jeweiligen Quellen in ihren Diskursen über die heidnische Religion der Prußen der ‚Eigenlogik‘ ihrer Gattung folgten. Diese Diskurse seien aber erst im 15. Jahrhundert innerhalb der eingehenden Auseinandersetzung der Herrschenden im Ordensland Preußen mit allen Lebensbereichen zustande gekommen, die nun stärker ans Christentum gebunden werden sollten. In der Folge bemühte man neue ‚Feindbilder‘, die eben nicht wiederentdeckt, sondern überhaupt erst konstruiert werden mussten (S. 40). Die zeitliche Eingrenzung von 1400 bis 1525 erscheint daher schlüssig, während die Begründung für die Auslassung der westlichen Landesteile von Preußen nach 1466 aufgrund der wenigen dort siedelnden Prußen nicht ganz ins Konzept passen mag; der unterschiedliche Umgang von Konstruktionen unter der Ordensherrschaft bzw. der polnischen Herrschaft nach 1466 hätte im Gegenteil noch zusätzliche Erkenntnisse bringen können, andererseits aber auch wesentlich mehr Arbeit verursacht.

Die oben angesprochenen Gattungsunterteilungen und deren spätmittelalterlichen Diskurse machen den Hauptteil der Arbeit aus (Kap. III-VI). Zunächst gibt Brauer aber im zweiten Kapitel eine Bestandsaufnahme unseres Wissens über die vorchristliche Religion der Prußen. Im ersten Hauptkapitel (Kap. III) arbeitet Brauer dann schön heraus, dass es einen außenpolitischen und innenpolitischen Diskurs des ‚prußisches Heidentums‘ gab: In den Streitschriften gegenüber Polen-Litauen beharrte der Orden auf den ‚blühenden Landschaften‘ in Preußen, wozu selbstverständlich auch die vollständige Überwindung des prußischen Heidentums gehörte. Für den innenpolitischen Diskurs (hier wird das Heidentum in allen Quellengattungen angeprangert) wendet Brauer nach Berndt Hamm das Forschungskonzept der ‚normativen Zentrierung‘ auf die Situation im frühen 15. Jahrhundert an. Sämtliche Reformbewegungen und -schriften seien der Korrektur der verdorbenen Gegenwart gewidmet. Die Entdeckung des Heidentums der Prußen reihe sich ein in andere Missstände des Landes und diene daher zur Untermalung eines maroden Allgemeinzustandes.

In Kapitel IV werden die Landesordnungen des Ordens im 15. Jahrhundert auf diese Fragestellung durchgearbeitet. Es wird herausgehoben, dass es „binnengegliederte Ordnungen“, zum Beispiel zur Zauberei oder zu den prußischen Festlichkeiten, gegeben hat. Hatten sich also erst einzelne Themengebiete innerhalb der Ordnungen herausgebildet, so wurden in den neuen Landesordnungen dazu Artikel ergänzt oder modifiziert – eine Feststellung, die auch schon Max Toeppen gemacht hatte.[1]

In Kapitel V werden die Statuten der Partikularsynoden als Quelle ausgewertet. Brauer hebt zwei vorherrschende Modelle (das samländische und das ermländische) für den Umgang mit den Prußen hervor: Während das erstere die Kommunikationsprobleme mit Dolmetschern zu überwinden suchte, setzte das zweite Modell auf Ausbildung auch prußischer Pfarrer. Neu ist die Betonung der ‚sinnlich-rituellen Seite‘ der christlichen Zeremonien, um die Prußen an das Christentum zu binden. Die bisher von der Forschung einhellig akzeptierten heidnischen Gebräuche bei den Prußen, die in den bekannten samländischen Synodalstatuten von 1427 beklagt werden, will Brauer als „ursprünglich gar nicht religiös gemeinte Elemente der prußischen Festkultur durch den Blick des Reformers zu antichristlichen, ‚heidnischen‘ Praktiken stilisiert“ (S. 195) sehen.

In Kapitel VI weist Brauer auf drei zu unterscheidende Hauptattitüden der preußischen Geschichtsschreibung gegenüber den Prußen hin, von denen hier nur zwei näher ausgeführt werden: Die offiziöse stellte den Heidenkampf als Legitimation für den Orden in Preußen heraus, während die zweite, vor allem im Humanismus und Ständekonflikt des 15. Jahrhunderts entwickelte Spielart die Herkunft der Städter und ländlichen Eliten aus Preußen gegenüber den auswärtigen Ordensbrüdern betonte. Aus den ‚Prußen‘ wurden also im allgemeinen Landesbewusstsein des 15./16. Jahrhunderts langsam die Einwohner Preußens.

Im siebten, als ‚separater Hauptteil‘ deklarierten Kapitel, das allerdings deutlich knapper als der erste Hauptteil (ca. 35 Seiten) ausfällt, wird nach den Auswirkungen der Reformation auf das ‚Heidentum‘ gefragt. Brauer sieht „das heute gängige Bild der prußischen Religion“ als „zu großen Teilen erst durch die Reformation geschaffen“ (S. 235). Das prußische Götterpantheon wurde erst in dieser Zeit geprägt, zuvor waren nur wenige ihrer Götternamen bekannt.

Die conditio sine qua non für Brauers Arbeit ist die Aberkennung – hier bricht er auch mit allen bisherigen Forschungsarbeiten zu dem Thema – noch existenter heidnischer Bräuche im 15. Jahrhundert im Ordensland Preußen. Nur so kann begründet werden, dass wir in den Nachrichten über die heidnischen Prußen eben nur eine (gelehrte) Konstruktion erblicken. Dabei kann man sich aber des Öfteren nicht des Eindrucks erwehren, dass bestimmte zumindest zweideutige Interpretationen zugunsten dieser These ausfallen. Das beginnt schon im Kapitel über die prußische Religion, in der Brauer die Existenz eines prußischen Priesterstandes bestreitet (der auch weiterhin das Heidentum hätte tradieren können!). Abgesehen davon, dass man über bestimmte Stellen zu den Priestern, namentlich die berühmten Tulissonen und Ligaschonen aus dem Christburger Vertrag von 1249, durchaus geteilter Meinung sein kann, zählt eine andere wohl indiskutable Tatsache viel mehr: Nimmt man die Belege über die vorordenszeitliche prußische Gesellschaft zusammen, so trifft man auf eine regionale, in Ausnahmefällen an einzelne Stämme angebundene Gesellschaft ohne entwickelte Adelshierarchie. Zieht man weiterhin die chronikalischen Hinweise hinzu, wie lange die Prußen ihren Nachbarn bereits Widerstand leisteten (bis zur Ankunft des Ordens schon über 200 Jahre), so muss man auf eine übergeordnete Instanz (Priesterschaft) schließen, wie sie von Peter von Dusburg oder auch in der Livländischen Reimchronik überliefert wird.[2]

Ein weiteres Beispiel: Nach der Vorstellung der ‚Ermahnung des Kartäusers‘ (1427) und noch mehrerer anderer Quellen, die die rudimentäre christliche Religionspraxis der prußischen Bevölkerung anprangerten, formuliert Brauer die zumindest für mich schwer nachvollziehbare These, dass der Kartäuser „die Prußen auswählte und ihr ‚Heidentum‘ konstruierte, um die Probleme der Ordensherrschaft drastisch zu schildern“ (S. 97). Sicherlich handelt es sich um eine kritische Bestandsaufnahme der Ordensherrschaft, die der Kartäusermönch vielleicht sehr subjektiv und übertrieben gestaltete, aber dennoch werden uns die heidnischen Gebräuche eben auch in den anderen, davon unabhängigen Quellen bestätigt.

Ein großes Plus der Arbeit ist, dass Brauer fast immer offen auch andere Interpretationsmöglichkeiten als seine eigenen mit anbietet und dabei viele Forschungsansätze integriert – obgleich die polnische Forschung leider wenig rezipiert wurde. Problematisch erscheint mir aber letztlich vor allem, dass Brauer seiner Grundidee des ‚konstruierten Heidentums‘ sämtliche Einzelbeobachtungen unterordnet. Die Frage nach dem ‚realen Heidentum‘ der Prußen im 15. Jahrhundert kann meines Erachtens nicht einfach beiseitegeschoben werden. Zu viele Indizien sprechen für dessen Existenz.

Anmerkungen:
[1] Acten der Ständetage Preußens unter der Herrschaft des Deutschen Ordens, 5 Bde., hrsg. von Max Toeppen, Leipzig 1878-86, ND Aalen 1973-74, Bd. I, S. 347. Zustimmend Klaus Neitmann, Die Landesordnungen des Deutschen Ordens in Preußen im Spannungsfeld zwischen Landesherrschaft und Ständen, in: Hartmut Bookmann (Hrsg.), Die Anfänge der ständischen Vertretung in Preussen und seinen Nachbarländern, München 1992, S. 59-81, hier S. 68.
[2] Dariusz Sikorski kommt in seiner kürzlich erschienen Warschauer Dissertation zu dem Ergebnis, dass es solch eine priesterliche ‚Überorganisation‘ gegeben haben muss. Vgl. Dariusz Adam Sikorski, Instytucje władzy u prusów w średniowieczu [Institutionen der Macht bei den Prußen im Mittelalter], Olsztyn 2010.

Zitation
Grischa Vercamer: Rezension zu: : Die Entdeckung des ‚Heidentums‘ in Preußen. Die Preußen in den Reformdiskursen des Spätmittelalters und der Reformation. Berlin  2011 , in: H-Soz-Kult, 05.10.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16061>.
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05.10.2011
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