A. Cameron: The Last Pagans of Rome

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Titel
The Last Pagans of Rome.


Autor(en)
Cameron, Alan
Erschienen
Umfang
XI, 878 S.
Preis
£ 55,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Lambrecht, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz

Es gilt als wenig angezweifelte communis opinio, dass sich im Laufe der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts die Kräfte, die der alten römischen Religion anhingen, sammelten und sich dem das Christentum begünstigenden Zug der Zeit entgegenstemmten. Insbesondere die Usurpation des Eugenius (392–394), die Jahre um 410 und um 430 werden als Schlüsselzeiten heidnischer Selbstbehauptungsversuche angesehen, in die die politischen Ereignisse dieser Zeit ebenso wie Manifestationen bestimmter literarischer, künstlerischer oder philosophischer Interessen eingeordnet werden: Unter dieser Fragestellung haben Autoritäten wie Andreas Alföldi, André Chastagnol, François Paschoud, Johannes Straub und andere intensiv zur Spätantike geforscht. Allerdings mischen sich in das dichotomische Denken seit geraumer Zeit vorsichtigere Töne, die andere Überlegungen zur Verankerung der neuen Glaubensvorstellungen in der Alltagswelt der Spätantike in den Vordergrund stellen, zum Beispiel auf Grundlagen historisch-anthropologischen Denkens, das für eine scharfe Konfrontation zwischen Heidentum und Christentum keinen rechten Platz mehr findet. Aus derartigen Vorstellungen zieht Alan Cameron die Konsequenz, es sei Zeit, Abschied zu nehmen „of this romantic myth“ (S. 3) und ihn durch realistischere Überlegungen zum Verhältnis von Paganismus und Christentum zu ersetzen. Jahrzehntelange Forschungen zu dieser Thematik, die das Literaturverzeichnis in einer Vielzahl von Aufsätzen dokumentiert (vgl. S. 815–817), bilden die Grundlage für die jetzt vorliegende ausführliche monographische Gesamtbehandlung Camerons. Damit diese nicht als Generalabrechnung mit den genannten Forschern und deren Umkreis erscheint, bemüht sich Cameron um eine alle Gesichtspunkte erfassende, sorgfältige Argumentation, die die Gesamtheit der das Thema berührenden Quellen und die einschlägige Literatur einbezieht.

Am Anfang stehen Überlegungen zum „Heiden“-Begriff: Cameron zieht „pagans“ den nur scheinbar korrekteren „polytheists“ vor, weil der Begriff „pagani“, angewandt auf „Heiden“, nach Christine Mohrmann eine ausgrenzende Konkretisierung gegenüber den Christen enthalte und daher mehr leiste als andere Begriffe. Die folgenden beiden Kapitel ordnen das Thema historisch ein: Cameron sieht in der Auseinandersetzung um den Victoria-Altar in der römischen Kurie kein Beispiel für den Kampf des Heidentums, stellt in Frage, dass Gratian den Titel pontifex maximus abgelegt und Theodosius I. ihn nie angenommen habe, und charakterisiert das Verhältnis zwischen dem herkömmlichen Urteil über die Religionspolitik des Theodosius und dem über die Qualität der Usurpation des Eugenius als Zirkelschluss. Dies wird möglich, indem Cameron die beteiligten Persönlichkeiten zurückhaltender und vorsichtiger als die bisherige Forschung beurteilt und ihnen manches von den scharfen Konturen nimmt, mit denen sie als heidnische wie christliche Repräsentanten in der Konfrontation von Gegensätzen versehen wurden. Dadurch plädiert er still für eine gewisse Alltäglichkeit und Selbstverständlichkeit in der Transformation der römischen Gesellschaft zum Christentum und macht diese mittels sorgfältiger quellengestützter Argumentation in der Auseinandersetzung mit der Literatur auch in der hohen Politik durchaus plausibel. So negiert er den häufig als entscheidend eingeschätzten Einfluss des Mailänder Bischofs Ambrosius auf die kaiserliche Politik, beurteilt die Politik des Theodosius gegenüber den Heiden als moderat, hält das allgemein dem Usurpator Eugenius und seinen – teilweise angeblichen – Hintermännern (wie Arbogast, Symmachus oder Nicomachus Flavianus) beigelegte Profil im Sinne eines „pagan revival“ für völlig übertrieben und nicht belegbar, wenn man Intention und Stilisierung der Quellen berücksichtige: „Roman paganism“, so Cameron, „died a natural death, and was already mortally ill before Theodosius embarked on his final campaign“ (S. 131).

An die beiden historischen Kapitel schließen sich zwei systematische Abschnitte mit prosopographischem Schwerpunkt über die Lage des Heidentums im ausgehenden 4. Jahrhundert an. Über die Inhaber heidnischer Priesterämter dieser Zeit urteilt Cameron, dass sie mehr ihr aristokratisches als ihr kultisches Profil pflegten und daher nicht mit christlichen Repräsentanten zu vergleichen seien. In Forschungsarbeiten mit statistischen Erhebungen zum Anteil von Heiden und Christen in der Reichsverwaltung macht er methodische und inhaltliche Unzulänglichkeiten geltend. Bereits die ersten fünf Kapitel bieten mit primär historisch orientierten Argumenten eine durchaus überzeugend wirkende Zusammenschau von Ansichten, die der von einem Großteil der Forschung vertretenen scharfen Konfrontation von Heidentum und Christentum Ende des 4. und Anfang des 5. Jahrhunderts widersprechen; dies steht im Einklang mit Camerons früheren Einzelstudien, aber auch mit den Ergebnissen anderer Forscher wie etwa Timothy Barnes, Malcolm Errington oder Neil McLynn. Zugleich streut Cameron Hinweise auf detaillierte Darlegungen in späteren Kapiteln ein, die über die verzweigten Facetten des Gegenstandes einen Bogen spannen, der die Einheitlichkeit des Ganzen sichert und den Leser auf die Entfaltung der Argumente im einzelnen neugierig macht.

Nach etwa einem Fünftel der Abhandlung treten philologische Argumente der Beweisführung in den Vordergrund. Von besonderer Bedeutung für Camerons Überlegungen sind dabei Werke wie die Saturnalien des Macrobius, das anonyme „Carmen contra paganos“, die angebliche Editions- und Kommentartätigkeit heidnischer Kreise zugunsten von „Klassikern“ der lateinischen Literatur (so Livius und Vergil), Überlegungen zu den Annalen des Nicomachus Flavianus und zur Historia Augusta. Darüber hinaus nimmt Cameron die gesamte spätantike Literatur in den Blick, sofern sie seines Erachtens Beiträge zur Frage liefert, inwieweit es gerade keine Wiederbelebung heidnischer Aktivitäten gegenüber einem immer dominanteren Christentum gegeben habe. In diesen Kapiteln spielen die Bemühungen um Widerlegung von Positionen der wissenschaftlichen Literatur, die eine gegenteilige Ansicht vertritt, eine herausragende Rolle. Dabei überrascht es nicht, dass Cameron von anderen Forschern festgestellte Grundpositionen heidnischer Provenienz in der spätantiken Publizistik oft zugunsten keineswegs entschieden paganer, manchmal gar christlicher Haltung auflöst und als pagane Orientierung interpretierte Positionen auf rein antiquarische Interessen zurückführt. In diese Überlegungen fließen Feststellungen zur gesellschaftlichen Fortentwicklung von den letzten Jahrzehnten des 4. Jahrhunderts bis in die 430er-Jahre und der – teilweise von den Betroffenen als politisch unumgänglich erkannten – Christianisierung auch der Angehörigen von Senatorenfamilien ein, deren Oberhäupter Ende des 4. Jahrhunderts noch prominente Heiden waren.

An Macrobius und Servius illustriert Cameron, dass deren religiöses Bekenntnis weniger wichtig als ihr antiquarisches Interesse am kulturellen Erbe Roms war, wie es an Vergil deutlich werde. Hierbei ließen durchscheinende Interessen am Kult keine Rückschlüsse über religiöse Dispositionen zu: Für Macrobius macht Cameron christliches Bekenntnis geltend; auch die Leserschaft sei vorwiegend christlich, ohne dass sie an augenscheinlich „heidnischen“ Inhalten Anstoß nehme. Cameron verortet den „Sitz im Leben“ der Saturnalien des Macrobius weniger im Kreis des Praetextatus und seiner Umgebung um 380 als vielmehr in dem ihrer Nachfahren fünfzig Jahre später, ordnet das Werk mithin den Rezipienten, nicht den Gesprächsteilnehmern des Dialogs zu. Er verleiht seinen Anschauungen dadurch Überzeugung, dass er historische und philologische Beweisführung findig ineinandergreifen lässt. So hält er das „Carmen contra paganos“ keineswegs für einen Angriff auf den älteren Nicomachus Flavianus kurz nach dessen Tod. Inhaltlich handle es sich um eine christliche Reaktion auf die Trauer über den Tod des Praetextatus. Aus stilistischen und inhaltlichen Gründen macht Cameron zugleich Papst Damasus als Verfasser des anonym überlieferten Gedichtes geltend und datiert es in den Herbst 384.

Den wahren Kreis des Symmachus findet Cameron in den Briefen des prominenten Senators; dabei stellt er das Interesse an der Kultur und deren gesellschaftliche Funktion in den Mittelpunkt, die keineswegs durch religiöse Prägung kanalisiert werde, vielmehr die christliche Elite einschließe. Die Neubelebung des Interesses an der lateinischen Literatur der Vergangenheit bezieht Cameron, an seine Forschungen zu Claudian anknüpfend, auf die Autoren der „Silbernen Latinität“. Bemühungen der heidnischen Aristokratie an der Neuedition klassischer Texte stellt er ganz in Abrede. Hier sieht er eher Einflüsse des Christentums auf die Erstellung akkurater Texte wirken; zudem beeinflussten Neuerungen in der Buchproduktion das Korrekturwesen, und zwar ohne dass konfessionelle Fragen eine Rolle spielten. Die verlorenen Annalen des Nicomachus Flavianus hält er allenfalls für „a trivial epitome […] offering little or nothing not available in earlier epitomes“ (S. 690) und erklärt damit die Rekonstruktionsbemühungen François Paschouds und Bruno Bleckmanns für obsolet, deren Ansicht, die Annalen seien eine wichtige Quelle für die spätere Historiographie von Eunap und der Historia Augusta bis zur „Leoquelle“ des Zonaras, er im einzelnen zu widerlegen sucht. Der Historia Augusta ergeht es ähnlich: Cameron weigert sich, in diesen Biographien pagane Propaganda zu sehen, und fällt damit über die HA-Forschung von Alföldi bis Straub mit expliziter Ausnahme von Ronald Syme sein Verdikt. Auch im klassizistischen Kunstgeschmack der spätantiken Aristokratie sieht Cameron keine Anzeichen von Verbindungen zu religiösen Einstellungen.

Die umfangreiche Monographie Camerons formuliert in einem aufwendigen und in jedweder Hinsicht detaillierten Untersuchungsgang vor allem zwei Ergebnisse: die Zurückweisung der weitverbreiteten Vorstellung eines „pagan revival“ und die Ablehnung der scharfen Dichotomie zwischen heidnischen und christlichen Vorstellungen Ende des 4. und Anfang des 5. Jahrhunderts. Die Resultate dieser Forschungen fügen sich in neue Zugänge zur Erfassung kultureller und religiöser Veränderungen der spätantiken Lebenswelt ein, die weniger von kultivierten Gegensätzen als vielmehr von allmählichen Entwicklungen mit fließenden Übergängen ausgehen. Cameron setzt mit seinen Forschungen ein durch Vergangenheitsorientierung geprägtes allgemeines Kulturinteresse spätantiker Menschen voraus; die religiösen Einstellungen, seien sie pagan oder christlich, sind danach Teil der Kultur, positionieren sich dieser gegenüber aber nicht einseitig nach vorgeblichen religiösen Erfordernissen. So interpretiert Cameron die religiöse Transformation ohne die Notwendigkeit, einen grundlegenden kulturellen Wandel anzunehmen, stellt vielmehr das Bleibende heraus. Dieses Denken scheint die religiöse Konfrontation nicht vorauszusetzen, und Cameron erkennt hierzu auch keine sachliche Notwendigkeit. Für diese Erkenntnis setzt er sich in seinem Werk vehement ein: mit aller wissenschaftlichen Überzeugungskraft, die er als kenntnisreicher Fachmann für die Spätantike aufzubringen vermag, hier und da garniert mit Polemik gegenüber Vertretern der Positionen, die er für verfehlt hält; ein Lebenswerk, das seine in zahlreichen Einzelstudien erarbeitete Sichtweise eines wichtigen, doch umstrittenen Forschungskomplexes bündelt und in allen Facetten festhält.

Zitation
Ulrich Lambrecht: Rezension zu: : The Last Pagans of Rome. Oxford  2011 , in: H-Soz-Kult, 14.06.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16071>.
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Veröffentlicht am
14.06.2011
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