Cover
Titel
Bloodlands. Europe Between Hitler And Stalin


Autor(en)
Snyder, Timothy
Erschienen
New York 2010: Basic Books
Umfang
524 S.
Preis
$ 29.95
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Stefan Troebst, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) an der Universität Leipzig

Der hoch politisierte bundesdeutsche Historikerstreit der 1980er Jahre, dessen Auswirkungen zehn Jahre später auch die US-amerikanische Geschichtswissenschaft erreichten, hat paradoxerweise dort den hierzulande tabuisierten Vergleich der nationalsozialistischen und stalinistischen Diktaturtypen zu mittlerweile hoher Sophistikation gebracht. Eingehend verglichen werden dabei die Strukturen und Ideologien der beiden diktatorischen Systeme, ihre Funktionsweisen und Aktionsformen, inzwischen auch ihre Verflechtungen und Gemeinsamkeiten.[1] Timothy Snyder, Osteuropahistoriker in Yale und Autor eines vielbeachteten Buches über die historische Imagination des frühneuzeitlichen polnisch-litauischen Commonwealth im Zeitalter erbittert rivalisierender polnischer, ukrainischer, litauischer und anderer Nationalismen[2], hat einen Ansatz gewählt, der sich in zweifacher Hinsicht von den bisherigen Schemata der Komparation unterscheidet: Zum einen nimmt sein Vergleich eine zwischen 1932/33 und 1945 sukzessive von sowjetischem Terror und nationalsozialistischem Vernichtungswahn verwüstete Großregion Europas in den Blick, die er metaphorisch „Bloodlands“ nennt. Sie ist geographisch deckungsgleich mit dem Territorium der Zweiten Polnischen Republik der Jahre 1918-1939 sowie dem Westen der 1939/40 westerweiterten UdSSR, war zwischen 1941 und 1943 zur Gänze deutsch besetzt und schließt die heutigen Staaten Estland, Lettland, Litauen, Belarus‘, Ukraine und Moldova sowie Teile des Polens und der Rußländischen Föderation der Gegenwart ein. Dieses auf den ersten Blick ungewöhnliche Muster historischer Meso-Regionalisierung wird vom Autor kartographisch in Form eines Trapezes mit den Eckpunkten Posen-Leningrad-Stalingrad-Krim visualisiert (S. ix, xii und 385).

Zum anderen behandelt Snyder die Opfer gleichwertig mit den Tätern, indem er in beträchtlichem Umfang schriftliche, mündliche und andere Quellen der im Zeitraum 1933-1945 auf Geheiß Stalins und Hitlers millionenfach erschossenen, verhungerten, vergasten, zu Tode geprügelten, erfrorenen sowie an Erschöpfung gestorbenen Juden, Weißrussen, Ukrainern, Polen, Russen, Litauern, Letten, Esten und anderen „sprechen lässt“. Anliegen seines als „Geschichte eines politischen Massenmordes“ angelegten Buches (S. x) ist es hervorzuheben, dass diese von ihm auf 14 Millionen geschätzten und ganz überwiegend zivilen Toten nicht durch den in seiner Diktion „Deutsch-Sowjetischen Krieg“ der Jahre 1941-1945, sondern in sowie zu einem Viertel gar vor diesem Krieg ihr Leben verloren. Besondere Bedeutung misst er dabei der engen Kooperation Berlins und Moskaus vom Hitler-Stalin-Pakt am 23. August 1939 bis zum deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 bezüglich der Aufteilung Ostmitteleuropas samt unterschiedlich ideologisiertem, aber dennoch frappierend ähnlichem Besatzungsterror von NKVD und SS sowie Wehrmacht und Roter Armee bei - besonders mit Blick auf die Liquidierung der Eliten des neuerlich aufgeteilten Polens.

In elf Kapiteln behandelt Snyder die Hungerkatastrophe der Jahre 1932/33, die vor allem die Sowjetukraine traf, die Entkulakisierung, den Großen Terror 1937/38 und die Deportation von Nicht-Russen in die asiatischen Teile der UdSSR 1941, die deutsche Besatzung des Westteiles Polens sowie die Eingliederung der baltischen Staaten, der rumänischen Landesteile Bukowina und Bessarabien und des Osten Polens in die Sowjetunion 1939-1941, Katyn 1940, deutschen Vernichtungskrieg und Okkupationsverbrechen in den ukrainischen, weißrussischen und russländischen Teilen der UdSSR 1941-1944, den Holocaust an den Juden Europas 1941-1945, den Kampf sowjetischer Partisanen und polnischer Heimatarmee gegen Wehrmacht und SS, aber auch gegen andere Untergrundformationen einschließlich des polnisch-ukrainischen Bürgerkriegs in Wolhynien, Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten des Reiches, Zwangsumsiedlung von Ukrainern in Volkspolen, sowie - aus dem zeitlichen Rahmen fallend - den Antisemitismus in der Sowjetunion und im Polen des Spätstalinismus.

Eingerahmt werden diese Hauptteile durch ein lakonisch mit „Europe“ überschriebenes Vorwort, welches die „Bloodlands“-Konzeption des Autors umreißt und zugleich die Quintessenz des Buches darstellt (S. vii-xix), eine mit „Hitler and Stalin“ irreführend betitelte, da die politische Geschichte Ostmitteleuropas von 1914 bis 1933 resümierende Einleitung (S. 1-20) und einen unter das kryptische Rubrum „Humanity“ gestellten Schluß (S. 379-408), in welchem der Autor eine Lanze für eine Neubewertung von Hannah Arendts Totalitarismus-Interpretation bricht. Ein Annex zu „Numbers and Terms“ (S. 408-414) sowie ein „Abstract“ im Telegrammstil (S. 415-417) beschließen den Band. Dessen Materialbasis sind dabei weniger die Bestände von 17 aufgelisteten Archiven in der Rußländischen Föderation, der Ukraine, Polen, Deutschland, Großbritannien und den USA (S. 423-424), als vielmehr die in der umfangreichen Bibliographie genannte Fachliteratur nebst Quellenpublikationen in internationalen sowie ost- und ostmitteleuropäischen Sprachen (S. 424-462).

So vermeintlich trennscharf sich Snyders Regionalisierungsmuster auf den zahlreichen Kartenskizzen seines Buches auch ausnimmt, so vage sind seine Kriterien für Inklusion und Exklusion. Mit Blick auf die nationalsozialistische Vernichtungspolitik macht die Pathosformel „Bloodlands“ mit ihrem Regionalfokus sicherlich Sinn – auch wenn dieser sich stellenweise allerdings als zu eng erweist, so dass der Autor ihn um Ungarn und Rumänien erweitert. Deutlich weniger überzeugend ist diese Regionalperspektive indes bezüglich der Sowjetunion Stalins: Zwar verheerte die staatlicherseits herbei administrierte Hungersnot der frühen dreißiger Jahre primär die Ukraine und Südrußland wie auch die gemäß sowjetischer Diktion „Liquidierung der Kulaken als Klasse“ hier besonders dramatische Folgen zeitigte, doch waren Großer Terror und Judenfeindschaft gesamtsowjetische Phänomene, wie zudem die massenhaften Deportationen von Nicht-Russen gerade auch den außerhalb der „Bloodlands“ lokalisierten Nordkaukasus betrafen. Und das GULag-System mit seiner hohen Todesrate umfasste vor allem Nordrußland und Sibirien, nur zu geringen Teilen den Raum zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Entsprechend ist Snyders eigentliches Kriterium zur Festlegung der Ostgrenze seines zeithistorischen Regionalkonstrukts das Einzugsgebiet der deutschen Politik der Judenvernichtung (S. 409). Bemerkenswerterweise keinen Bezug nimmt er dabei auf den Ansiedlungsrayon für Juden im seinerzeit weit nach Westen reichenden Zarenreich. Dieser ist zwar in der Karte „The Bloodlands c. 1914“ eingezeichnet (S. 2), doch wird im Text darauf nicht eingegangen. Das ist insofern schwer nachvollziehbar, als zum einen die geographische Ausdehnung des čerta osedlosti nahezu kongruent mit den „Bloodlands“-Grenzen ist, wie zum anderen diese Welt des Shtetls Haßprojektionen sowohl von Nationalsozialisten wie Stalinisten auf sich zog – mit den vom Autor beschriebenen Folgen.

Timothy Snyder will mit seinem neuen Buch nicht nur einen geschichtswissenschaftlichen Perspektivwechsel bewirken, indem er die nationalen Versatzstücke der Zeitgeschichte seiner Untersuchungsregion zu einem größeren, kohärenten Bild zusammen fügt, sondern auch geschichtspolitische Wirkung entfalten. Auch wenn das Schlagwort einer europäischen Erinnerungskultur nur am Rande fällt, zielt der Autor erkennbar auf die (Mit-)Formung einer solchen: “Today there is widespread agreement that the mass killing of the twentieth century is of the greatest moral significance for the twenty-first. How striking then, that there is no history of the bloodlands. Mass killing separated Jewish history from European history, and east European history from west European history. Murder did not make the nations, but it still conditions their intellectual separation, decades after the end of National Socialism and Stalinism. This study brings the Nazi and Soviet regimes together, and Jewish and European history together, and the national histories together.” (S. xix) Noch deutlicher ist diesbezüglich der Klappentext: Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sei die als „Bloodlands“ bezeichnete Großregion, nun zur Gänze jenseits des Eisernen Vorhangs gelegen, diesseitig in Vergessenheit geraten. Indem der Autor „die größte Tragödie in der europäischen Geschichte neu bewertet“, so heißt es weiter, „zwingt er uns, unsere Vergangenheit zu überdenken“. Daran ist zweifelsohne etwas Wahres, endet Europa doch sowohl im politischen Raum als auch im historiographischen Mainstream noch immer allzu oft am nicht mehr existenten, aber weiterhin wirkungsmächtigen Eisernen Vorhang. Dennoch hätte man es gerne eine Nummer kleiner gehabt, gewissermaßen mit europäischem Understatement. Denn ein reißerischer Titel, ein blutrotes (!) Buchcover im Design eines Hollywood-Filmplakats und sowie Lobeshymnen von Timothy Garton Ash, Niall Ferguson, Tony Judt und Norman Davies auf dem Umschlag können nicht darüber hinweg täuschen, dass Bloodlands auf den Forschungsergebnissen zahlreicher anderer basiert. Das ist legitim, erdet aber zugleich den so selbstsicher behaupteten Innovationsanspruch und hätte somit willkommener Anlass zur Bekundung wenn nicht von Demut, so doch von Respekt gegenüber dem vorgefundenen Stand der internationalen Forschung sein können.

Deutlich schwerer wiegt indes, dass auch die Grundidee des Buches, die Massenverbrechen von Nationalsozialismus und Stalinismus in Zusammenschau zu behandeln und dabei ihre großregionalen Schwerpunkte samt Interferenzen und Parallelitäten ins Auge zu fassen, wesentlich weniger neu ist, als vom Autor mehrfach und emphatisch postuliert. So hat bereits vor einem Jahrzehnt der Tübinger Rußland- und Ostmitteleuropahistoriker Dietrich Beyrau eine konzise Studie vorgelegt, in der er „Osteuropa im Schatten von Hitler und Stalin“ als „Schlachtfeld der Diktatoren“ beschrieben, (zeit-)historisch regionalisiert und bezüglich der Opferzahlen statistisch-kritisch behandelt hat [3]. Man hätte erwartet, dass in einem Buch, das gemäß Eigenwerbung auf „wissenschaftlicher Literatur und Primärquellen in sämtlichen relevanten Sprachen“ basiert, dieses Standardwerk wenn schon nicht diskutiert, so doch zumindest genannt wird.

Anmerkungen:
[1] Siehe Kershaw, Ian, Moshe Lewin (Hrsg.), Stalinism and Nazism. Dictatorships in Comparison, Cambridge 1997, sowie zuletzt Geyer, Michael, Sheila Fitzpatrick (Hrsg.), Beyond Totalitarianism. Stalinism and Nazism Compared, Cambridge 2009, samt den kritischen Rezensionen von John Connelly in: Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History 11 (2010) 4, S. 819-835, und Claudia Weber in H-Soz-u-Kult, 25.08.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-3-154>.
[2] Snyder, Timothy, The Reconstruction of Nations. Poland, Ukraine, Lithuania, Belarus, 1569-1999, New Haven 2003, rezensiert von José M. Faraldo: in geschichte.transnational, 10. 04. 2005, <http://geschichte-transnational.clio-online.net/rezensionen/id=5714 >.
[3] Beyrau, Dietrich, Schlachtfeld der Diktatoren. Osteuropa im Schatten von Hitler und Stalin. Göttingen 2000 (= Kleine Reihe V&R, Bd. 4021). Vgl. überdies den ebenfalls nicht angeführten, aber konzeptionell grundlegenden Aufsatz von Naimark, Norman, Die Killing Fields des Ostens und Europas geteilte Erinnerung, in: Transit. Europäische Revue, Nr. 30, Winter 2005/06, S. 57-69.

Zitation
Stefan Troebst: Rezension zu: : Bloodlands. Europe Between Hitler And Stalin. New York  2010 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 11.02.2011, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-16087>.
Redaktion
Veröffentlicht am
11.02.2011
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