A. I. Baumgarten: Elias Bickerman as a Historian of the Jews

Cover
Titel
Elias Bickerman as a Historian of the Jews. A Twentieth Century Tale


Autor(en)
Baumgarten, Albert I.
Erschienen
Tübingen 2010: Mohr Siebeck
Umfang
X, 377 S.
Preis
€ 99,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kay Ehling, Staatliche Münzsammlung München

Zu den bekanntesten 1933 aus Deutschland vertriebenen Altertumswissenschaftlern gehört ganz sicher Elias Bickermann. Das Schicksal dieses Gelehrten spiegelt sich schon in den verschiedenen Schreibungen seines Namens – Bikerman, Bickermann und Bickerman – und in den Sprachen, in denen er publiziert hat – Russisch, Deutsch, Französisch, Englisch und Hebräisch –, wider. Der Rezensent hat von Bickermann „Der Gott der Makkabäer. Untersuchungen über Sinn und Ursprung der makkabäischen Erhebung“ (Berlin 1937) und von Bikerman „Institutions des Séleucides“ (Paris 1938) gelesen. An Letzterem lobte ich mir immer das eingängige Französisch; es mag mir da wie jener chinesischen Studentin in Bickermanns Seminar gegangen sein, von der erzählt wird, dass sie auf dessen Frage, warum sie gerade in seine Vorlesungen käme, antwortete: „Because, Professor, you speak English so well, not like the other instructors. In your class, I understand every word.“ (S. 149) An Bickermanns gewöhnungsbedürftiges Englisch und seinen starken russischen Akzent erinnert sich auch der Autor der hier vorzustellenden Monographie, Albert I. Baumgarten: „I recall my shock on meeting Bickerman for the first time: he didn’t speak the way I expected a distinguished university professor to talk“ (S. 149). Ein Grund dafür, dass Bickermann in den USA Schwierigkeiten hatte, eine Dauerstelle zu finden, war ohne Zweifel „that his English was awful“ (S. 148) und seine Publikationen „needed to be heavily edited to make them conform to standard usage, syntax, and grammar“ (S. 149).

Baumgarten ist ein Bickermann-Schüler. Als Hilfskraft kontrollierte er Fußnoten für seinen Lehrer und erstellte Indices. Bickermann war „supervisor“ bei Baumgartens MA thesis und Gutachter seiner Doktorarbeit. Später besuchte Baumgarten Bickermann häufig in New York. Zuletzt trafen sie am 18. August 1981, zwei Wochen vor Bickermanns Tod, in Jerusalem anlässlich des Eighth World Congress of Jewish Studies zusammen (S. 11f.). Dafür, dass Bickermann „did not want his story told“ (S. 11; vgl. auch S. 25 u. 36f.) und testamentarisch die Vernichtung seiner persönlichen Papiere verfügte, ist Baumgarten, dem Emilio Gabba prophezeite, dass es eine schwere Aufgabe werden würde (S. 11), eine erstaunlich umfangreiche Biographie und Würdigung des Werkes gelungen, die Bickermann als Persönlichkeit und Wissenschaftler lebendig werden lassen.

Im ersten Teil (S. 18–170) stellt Baumgarten das bewegte Leben seines Lehrers vor: Elias Bickermann wurde am 2. Februar 1897 im russischen Kischinau (heute Republik Moldau) geboren. Seine Eltern, Joseph und Sarah (geb. Margulis) Bikerman, hatten im Jahr zuvor geheiratet. Der Vater war Journalist, und Elias hatte noch einen jüngeren Bruder namens Jacob (S. 19). Im Jahr 1905 siedelte die Familie nach St. Petersburg über, wo Elias Bickermann sein Studium bei Michael Rostovtzeff (1870–1952) aufnahm (S. 78f.). Nach der Februarrevolution 1917 wurde er Kadett am Petershof, wurde später bei Kämpfen im Ersten Weltkrieg in Armenien verletzt, diente dann kurzzeitig in der Roten Armee im Bürgerkrieg und arbeitete schließlich einige Jahre an der Petrograder Admiralität (S. 19). 1921 floh er vor den Bolschewisten nach Polen und kam im April 1922 nach Berlin. 25-jährig setzte er seine Studien bei Eduard Norden und Ulrich Wilcken fort (S. 82ff.). Zeit seines Lebens hat er sich als Wilcken-Schüler gefühlt (S. 315), mit dem er ja auch das Interesse an der Geschichte der Seleukiden teilte. Mit einer Arbeit über das Edikt des Caracalla im Giessener Papyrus 40 wurde Bickermann 1926 magna cum laude promoviert. Darin konnte er den Nachweis führen, dass auch die Ägypter durch die Constitutio Antoniniana das römische Bürgerrecht erhielten. Die Habilitation scheiterte zunächst am Einspruch des Zweitgutachters Eduard Meyer (siehe S. 308f. im Appendix Nr. 2), glückte aber im zweiten Anlauf im Februar 1930 mit einem anderen Thema, nämlich der „Geschichte des griechischen Hypomnema in Aegypten“ (siehe S. 310ff. im Appendix I Nr. 4 bzw. 5). Die Arbeit war so spezifisch papyrologisch ausgerichtet, dass sich Meyer außerstande sah, diese selbständig nachzuprüfen („Zu einer selbständigen Nachprüfung der Arbeit bin ich nicht imstande, da ich auf diesem Gebiete niemals gearbeitet habe“, S. 312). Gleichzeitig mit dem Privatdozenten Bickermann lehrten Anfang der 1930er-Jahre noch zwei weitere jüdischstämmige Althistoriker an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität: Arthur Rosenberg und Ernst Stein.

Auf Grund von § 3 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933, wie es im Amtsdeutsch hieß, wurde Bickermann zum 2. September 1933 die Lehrbefugnis entzogen. Am 21. November 1933 verließ er Deutschland. In Paris und an der École des Hautes Études fand er eine erste neue Heimat (S. 127ff.). Die Rockefeller Foundation, die auch viele andere Wissenschaftsexilanten unterstützte, übernahm 60 bzw. 50 Prozent des Gehalts (S. 127ff.). 1936 heiratete er die aus Gera gebürtige Anita Suzanne Bernstein. Am 14. Juni 1940 wurde Paris von deutschen Truppen besetzt, aber erst ein Jahr später gingen die Bickermanns ins unbesetzte Südfrankreich (Sommer 1941). Von Marseille bzw. Casablanca gelangte das Ehepaar in die Vereinigten Staaten, wo es am 29. Juli 1942 ankam (S. 138). In den nächsten Jahren lehrte Bickermann mit Zeitverträgen an der New School und der Columbia University; von 1950 bis 1952 war er an der University of Judaism in Los Angeles tätig. Im Jahr 1952 wurde Bickermann schließlich im Alter von 55 Jahren als Nachfolger von W. L. Westermann zum Professor für Alte Geschichte an der New Yorker Columbia University ernannt.

Nach der Pensionierung verbrachte Bickermann das Jahr 1967/68 am Institute for Advanced Study (S. 22). In dieser Zeit nahm der 2009 verstorbene Tübinger Theologe Martin Hengel Briefkontakt mit Bickermann auf, und dieser besuchte Tübingen und Hengel erstmals 1975. Zwei Jahre später, im Mai 1977, nahm der jüdische Gelehrte den Dr.-Leopold-Lucas-Preis der Tübinger Eberhard Karls Universität an (S. 22 u. 314ff.). Bickermann starb am 31. August 1981 in Tel Aviv. Er liegt auf dem Har-Hamenuhot-Friedhof in Jerusalem begraben (S. 24).

Der zweite Teil (S. 172–292) befasst sich mit Bickermann als Historiker des antiken Judentums. Baumgarten macht auf das Paradoxon aufmerksam, dass Bickermann zunächst an der jüdischen Geschichte gar kein größeres Interesse hatte (S. 211): Mit den Makkabäern hatte er sich beschäftigt, um die seleukidische Provinzialverwaltung zu untersuchen, der Prozess Jesu interessierte ihn, da er die römische Rechtssprechung in den Provinzen besser verstehen wollte. Bickermann sah sich selbst auch immer als „classicist“ und hat doch maßgebliche Beiträge zur jüdischen Geschichte und Literatur verfasst.[1] Von allen Publikationen Bickermanns ist sein 1937 im Berliner Schocken Verlag erschienenes Buch „Der Gott der Makkabäer“, das 1979 ins Englische übersetzt wurde, dasjenige gewesen, das „provoked the least agreement and the most dissent“ (S. 241). Von der richtigen Einsicht ausgehend, dass Antiochos IV. kein Hellenisierer war und dass im Seleukidenreich jeder Untertan glauben durfte, was er wollte (vgl. auch S. 245), zog Bickermann den falschen Schluss, die Urheber des Religionsverbotes seien die radikal-hellenistischen Reformer um Jason und Menelaos gewesen (S. 240ff.). Richtig ist vielmehr, dass Antiochos IV. die jüdische Religion verbieten ließ, aber eben nicht, um aus den Juden Griechen zu machen, sondern um die jüdische Priesterschaft für ihren Abfall des Jahres 169 v.Chr. zu bestrafen.

Der Wert des Buches von Baumgarten liegt für den Rezensenten nicht zuletzt auch in den Exkursen zu Eugen Täubler, Victor Tcherikover, Arnaldo D. Momigliano und Morton Smith (S. 185–210). Aus den im Anhang aufgelisteten Archivalien, die Baumgarten für seine Arbeit genutzt hat, geht hervor, dass Bickermann mit Erwin R. Goodenough und Fritz M. Heichelheim lebenslang eng verbunden war. Bickermann hatte 1926 im Gnomon 2 Heichelheims „Die auswärtige Bevölkerung im Ptolemäerreich“ kritisch besprochen (S. 608–612), und Heichelheim wiederum rezensierte Bickermanns „Das Edikt des Kaisers Caracalla in P. Giss. 40“ in der Philologischen Wochenschrift 48, 1928, S. 1194–1197 (zu Bickermann und Heichelheim vgl. bes. S. 89, 108f. u. 144). Vielleicht wäre die Veröffentlichung der Korrespondenz gerade dieser beiden 1933 aus Deutschland Vertriebenen von größerem Interesse.

Die Geschichte der Altertumswissenschaften in der Emigration ist noch nicht geschrieben. Vielleicht darf der Rezensent an dieser Stelle noch auf einen Sammelband mit dem Titel „Leben und Werk verfolgter und vertriebener Althistoriker“ hinweisen, der 2013 erscheinen soll, und in dem neben Bickermann (Monika Bernett) auch Bosch (Mustafa Adak), Daube (Ernst Baltrusch), Ehrenberg (Helmuth Schneider), Groag (Matthäus Heil und Klaus Wachtel), Heichelheim (Klaus Altmayer), Laqueur (Kai Brodersen), Münzer (Josef Wiesehöfer), Rosenberg (Kay Ehling), Schwabacher (Christof Boehringer), von Stauffenberg (Wolfgang Günther), Arthur Stein (Matthäus Heil und Klaus Wachtel), Ernst Stein (Wolfram Brandes) und Täubler (Jürgen von Ungern-Sternberg) behandelt werden. Dabei wird es ebenfalls um die Wirkung der Emigranten in ihren Aufnahmeländern sowie ihr Verhältnis zu Deutschland und der deutschen Forschung nach 1945 gehen. Das Buch von Baumgarten ist dafür ein wichtiger Baustein, zeigt es doch exemplarisch, was auch für andere Emigranten – selbst Geister wie Arthur Rosenberg – gilt: dass die Vertreibung aus Deutschland zu einer mit wachsendem Stolz verbundenen Rückbesinnung auf die eigenen jüdischen Wurzel führte.

Anmerkung:
[1] Vgl. Elias J. Bickermann, Art. „Makkabäerbücher I–III“, in: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft XIV 1, Stuttgart 1928, Sp. 779–800; Elias J. Bickerman, Studies in Jewish and Christian History, 3 Bde., Leiden 1976–1986.

Zitation
Kay Ehling: Rezension zu: : Elias Bickerman as a Historian of the Jews. A Twentieth Century Tale. Tübingen  2010 , in: H-Soz-Kult, 18.07.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16096>.
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18.07.2011
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