D.Bussiek: Benno Reifenberg (1892–1970)

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Titel
Benno Reifenberg (1892–1970). Eine Biographie


Autor(en)
Bussiek, Dagmar
Erschienen
Göttingen 2011: Wallstein Verlag
Umfang
500 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marcus M. Payk, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Dieses Buch füllt eine Lücke in der deutschen Pressebiografik des 20. Jahrhunderts. Von einigen hagiografischen Erinnerungen und zeitgenössischen Randbemerkungen abgesehen, ist der Feuilletonist und Kunstkritiker Benno Reifenberg bislang kaum systematisch behandelt worden. Eine solche Betrachtung liegt allerdings schon mit Blick auf seine langjährige Schlüsselstellung bei der „Frankfurter Zeitung“ (FZ) nahe, die er von der späten Weimarer Republik über die Jahre der nationalsozialistischen (NS-) Diktatur bis zur gescheiterten Neugründung der FZ in der frühen Bundesrepublik einnahm. Wer die Geschichte dieses legendären bürgerlich-liberalen Blattes verstehen will, wird an Reifenberg schlechterdings nicht vorbeigehen können.

Die an der Universität Kassel vorgelegte Habilitationsschrift von Dagmar Bussiek weckt daher hohe Erwartungen. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt zunächst einen chronologisch angelegten Zugriff, der den Werdegang Reifenbergs in vier Teile gliedert und vom Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik und die NS-Diktatur bis zur Bundesrepublik verfolgt. Zugleich hebt die Autorin in ihrer Einleitung hervor, dass es ihr keineswegs nur um ein Porträt Reifenbergs geht, sondern um die Berücksichtigung von mehreren historischen Problemfeldern: Bürgertum und Bürgerlichkeit; Opposition und Resistenz im NS-Staat; Urbanität und urbanes Leben, besonders mit Blick auf Frankfurt am Main; schließlich Generationsgefühl und Generationalität der Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs (S. 12-30).

Im ersten Teil („Prägungen“) rekonstruiert Bussiek sorgsam die Herkunft ihres Protagonisten aus deutsch-jüdischem und niederländischem Bürgertum und zeigt ihn als Kind des Kaiserreichs. Reifenberg erscheint als bürgerlich-unpolitischer Ästhet, der mit den Konventionen seiner Zeit brechen wollte und das Studium der Kunstgeschichte dem familiär erwünschten Studium der Rechte vorzog. Auch die wirtschaftlich kriselnde Firma des Vaters übte keinen Reiz aus. Hingegen versuchte er schon im Jahr 1914 den Einstieg in den Journalismus, wo er aber zunächst nicht reüssieren konnte. Nachdem er sich am 4. August 1914 – nicht untypisch für seine Generation – als Kriegsfreiwilliger gemeldet hatte, traten diese Ambitionen ohnehin in den Hintergrund. Die intensiven Erfahrungen des Ersten Weltkrieges überlagerten rasch die bürgerliche Wertewelt des Kaiserreiches, wie es sich anhand der Feldpostbriefe an seine Verlobte geradezu idealtypisch nachzeichnen lässt.

Auch der zweite Teil („Konsolidierung“) besticht in zahlreichen Passagen durch eine breite Kontextualisierung. Zwar nahm der Kriegsheimkehrer sein Studium nicht mehr auf, aber seit März 1919 durfte er sich immerhin zum weiteren Mitarbeiterkreis der von ihm seit Jahren bewunderten „Frankfurter Zeitung“ zählen. Es schloss sich ein kontinuierlicher Aufstieg an, nicht zuletzt durch gute Kontakte zum Verleger Heinrich Simon. Im Jahr 1924 konnte Reifenberg die Leitung des FZ-Feuilletons übernehmen. Dieses wird hier, in Anlehnung an die Forschungen von Almut Todorow, als vielgestaltiger intellektueller „Diskursraum“ (S. 171ff.) gezeichnet.[1] Gleichwohl wechselte der aufstrebende Publizist nach einigen Jahren zunächst als Auslandskorrespondent nach Paris, nach seiner Rückkehr 1931 dann als Redakteur in das innenpolitische Ressort. Bussiek erkennt darin eine graduelle „Politisierung“ (S. 211), betont aber zugleich, dass Reifenberg ein im Grunde ästhetisch interessierter Mensch blieb. Dessen „intellektuelle Arroganz“ (S. 243) habe der Selbsttäuschung des deutschen Bürgertums in den Monaten vor und nach dem 30. Januar 1933 vollauf entsprochen.

Der dritte Hauptteil („Gratwanderung“) widmet sich den Jahren der NS-Diktatur. Immerhin noch bis 1938 konnte der als „Halbjude“ klassifizierte Reifenberg als politischer Redakteur der FZ arbeiten. Als er jedoch aufgrund einer kritischen Andeutung zur Konfiskation eines van Gogh-Gemäldes kurzfristig verhaftet wurde, zog er sich wieder in das (vermeintlich unpolitische) Feuilleton, nach dem Verbot der FZ im Jahr 1943 schließlich zu wissenschaftlichen Hilfsarbeiten nach Süddeutschland zurück. Bussieks sorgfältige Analyse seiner Veröffentlichungen in diesen Jahren zeigt aber auch, wie sehr in Reifenbergs Haltung gegenüber der Diktatur Anpassung, Zustimmung und Vorbehalte verschwammen: Beifall für die außenpolitischen Erfolge des Regimes wechselte mit innenpolitischen Ermahnungen oder einer ostentativen Distanz zu den kulturellen und künstlerischen Präferenzen des Nationalsozialismus. Damit bestätigt die Autorin nachdrücklich die von der bisherigen Forschung dargelegte Ambivalenz einer versteckten Opposition „zwischen den Zeilen“, die bekanntlich im bürgerlichen Journalismus oft auch erst rückblickend als bewusst gewählte Handlungsoption entdeckt wurde.

Nahezu schon als ausgedehnter Epilog ist der vierte Teil („Vergangenheitsbewältigung und neue Herausforderungen“) angelegt. Zwar versuchte Reifenberg mit aller Macht, nach dem Krieg eine Neugründung der „Frankfurter Zeitung“ in der westdeutschen Presselandschaft durchzusetzen. Doch die dazu als Nukleus und Sammlungsorgan gedachte Kulturzeitschrift „Die Gegenwart“ entpuppte sich spätestens Mitte der 1950er-Jahre als Endstation. Von den anderen Gruppierungen aus dem Umfeld der alten FZ erwies sich die Mainzer bzw. Frankfurter Gruppe um Erich Welter mit der 1949 gegründeten „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ als weitaus am stärksten und erfolgreichsten. Die FAZ war es schließlich auch, welche die stets finanzschwache „Gegenwart“ im Jahr 1959 übernahm und sich so zugleich die Titelrechte der alten FZ sicherte. Auch wenn die dabei ausgehandelte Aufnahme Reifenbergs in den Herausgeberkreis des Frankfurter Blatts nach außen hin als Erfolg und Würdigung aussehen mochte, wurde das Ende der „Gegenwart“ von ihm selbst doch als Kapitulation und persönliche Niederlage erfahren, mit der er bis zu seinem Lebensende 1970 haderte.

Die Studie ist gut geschrieben und anregend zu lesen. In zuvor unerreichter Präzision legt Bussiek die Wege und Irrwege Reifenbergs von den letzten Jahren des Kaiserreiches bis weit in die Bundesrepublik frei. Sie leistet damit einen grundlegenden Beitrag zur Biografie des bürgerlichen Feuilletonisten. Darin liegt der eigentliche Wert der Untersuchung, denn die am Anfang eingeführten Dimensionen der Bürgerlichkeit, der Urbanität oder der Generationalität werden im Verlauf der Untersuchung nur wenig lebendig. Meist bleibt es in dieser Hinsicht bei einem deskriptiven Nachvollzug allgemeiner Forschungsthesen, die eher auf den Werdegang von Reifenberg projiziert als umgekehrt aus diesem entwickelt werden.

Dies gilt teilweise auch für die Debatte über Möglichkeiten der „inneren Emigration“ wie des „verdeckten Schreibens“ in der NS-Diktatur, die zu Beginn als Aufhänger für die Untersuchung dient. So fällt beispielsweise der Versuch, Reifenbergs uneindeutiges Agieren nach 1933 mit Martin Broszat auf den Begriff einer bildungsbürgerlichen „Resistenz“ zu bringen, zu knapp aus, um wirklich überzeugend zu sein (S. 286ff., siehe auch S. 22f.). Etwas enttäuschend ist auch das Unterkapitel zur erzwungenen Einstellung der „Frankfurter Zeitung“ im Frühjahr und Sommer 1943, welches kaum neue Erkenntnisse enthält. Stattdessen stützt sich Bussiek vorwiegend und bis in die Details hinein auf das schon 1986 erschiene, wenngleich nicht unumstrittene Standardwerk von Günther Gillessen (S. 336ff.).[2]

Diese Zurückhaltung lässt sich möglicherweise auf die enge Quellenauswahl des 500-seitigen Werkes zurückführen, für das der im Deutschen Literaturarchiv Marbach am Neckar deponierte Nachlass von Reifenberg das einzige archivalische Fundament bildet. Sicherlich ist der Autorin zuzustimmen, dass dieser Bestand bislang nicht abschließend ausgewertet worden sei (S. 31). Gleichwohl wird er bereits seit geraumer Zeit von der Forschung genutzt und schon Gillessen hatte zu Beginn der 1980er-Jahre darauf zurückgegriffen. Es hätte sich angeboten, weitere Nachlässe mit Korrespondenzen von und über Reifenberg ergänzend heranzuziehen, insbesondere angesichts der ausgezeichneten, von der Autorin zu Recht hochgelobten Arbeitsbedingungen in Marbach. Man denke etwa an die hier gleichfalls deponierten Bestände von Wilhelm Hausenstein, Friedrich Sieburg oder Dolf Sternberger (um nur drei Namen zu nennen). Deren wenigstens punktuelle Berücksichtigung hätte Reifenberg nochmals von einer weiteren Seite gezeigt.

Das abschließende Urteil fällt mithin schwer. Die imponierende Arbeitsleistung der Autorin ist nicht gering zu schätzen und fraglos wird das Buch auf absehbare Zeit die gültige Darstellung zu Benno Reifenberg bleiben. Andererseits überschreitet der analytische Mehrwert dieser Qualifikationsschrift nicht die Grenzen einer konventionellen Lebensbeschreibung. Ein größeres Methodenbewusstsein für biografische oder für spezifisch öffentlichkeits-, presse- und intellektuellenhistorische Ansätze hätte den interpretatorischen Ertrag möglicherweise steigern, zumindest aber der Annäherung an Reifenberg ein griffigeres Profil verleihen können. Ärgerlich ist schließlich der Verzicht auf einen Index, der bei der Fülle von erwähnten Personen eigentlich unabdingbar sein sollte. So wird der erhebliche dokumentarische Wert der Arbeit unnötig geschmälert.

Anmerkungen:
[1] Almut Todorow, Das Feuilleton der „Frankfurter Zeitung“ in der Weimarer Republik. Zur Grundlegung einer rhetorischen Medienforschung, Tübingen 1996.
[2] Günther Gillessen, Auf verlorenem Posten. Die Frankfurter Zeitung im Dritten Reich, Berlin 1986, S. 471f.

Zitation
Marcus M. Payk: Rezension zu: : Benno Reifenberg (1892–1970). Eine Biographie. Göttingen  2011 , in: H-Soz-Kult, 13.10.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16109>.
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Veröffentlicht am
13.10.2011
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