S. Smid: Der Spanische Erbfolgekrieg

Cover
Titel
Der Spanische Erbfolgekrieg. Geschichte eines vergessenen Weltkriegs (1701-1714)


Autor(en)
Smid, Stefan
Erschienen
Umfang
582 S.
Preis
€ 69,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Axel Flügel, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld

Die europäische Geschichte besteht, wie wir in diesen Tagen wieder einmal feststellen, aus einer Abfolge von Krisen. Unter den vielen möglichen Kennzeichen Europas weisen die dort fortwährend aufgeführten, jeweils aber erfolglos gebliebenen konfessionellen und militärischen Hegemonialkämpfe diese Ländermasse als einen ausgesprochen querulantischen Kontinent aus. Ein bedeutendes Kapitel aus dieser krisenreichen Geschichte behandelt der Kieler Zivilrechtler Stefan Smid mit seiner Darstellung des Spanischen Erbfolgekrieges von 1701 bis 1714. In ihm kämpften die Häuser Habsburg und Bourbon um die Herrschaft in Spanien, nachdem der spanische Thron durch den Tod des kinderlos gebliebenen Königs Carlos II. (1665-1700) aus dem Haus Habsburg verwaist war. Gegen die drohende Vereinigung Frankreichs, Spaniens und des riesigen spanischen Kolonialreiches unter der Herrschaft des Hauses Bourbon bildete sich die „Große Haager Allianz“. Die Niederlande, England und einige Territorien des Alten Reiches bündelten ihre finanziellen bzw. militärischen Potentiale, um an der Seite der österreichischen Habsburger der französischen Militärmaschine entgegen zu treten. Auf französischer Seite nahm an dieser Erbschaftsquerele des europäischen Hochadels das Haus Wittelsbach teil, vertreten durch den bayerischen Kurfürsten und den Kölner Erzbischof.

In 23 ausführlichen Kapiteln schildert Smid die militärischen Kampagnen des Krieges von den ersten Schlachten unter Prinz Eugen in Norditalien im Jahr 1701 und den Ereignissen in Spanien über die Kampagnen am Rhein, an der Donau und in den spanischen Niederlanden bis zu dem späten französischen Erfolg bei Denain im Jahr 1712. Darunter finden sich auch die großen Schlachten des Herzogs von Marlborough bei Höchstädt/Blenheim, Ramillies, Oudenaarde oder Malplaquet. Außerdem sind der Seekrieg, die Kriege in den nordamerikanischen Kolonien und der Kuruzzenaufstand in Ungarn berücksichtigt. Nicht behandelt werden dagegen die anderen klassischen Aspekte des Themas, wie die parallelen diplomatischen Intrigen, die umfangreichen Korrespondenzen der Feldherren oder die zahllosen zeitgenössischen Flugblätter und Pamphlete zum Spanischen Erbfolgekrieg, die ihn ebenso wie die militärischen Feldzüge zu einem veritablen europäischen Ereignis machten. Die Darstellung stützt sich auf den großen Fundus älterer wie neuerer Publikationen zum Spanischen Erbfolgekrieg.

Trotz der Beschränkung auf die militärische Seite des Erbstreites verfällt das Buch nicht in ein Lob militärischer Strategie oder feldherrlichen Genies. Ebenso wenig findet sich eine ausdrückliche Kritik am Streben nach herrscherlicher Gloire oder den bizarren Bemühungen, das eigene adlige Haus im Rang zu erhöhen. In einer Weise, die sich heute vielleicht kein Fachhistoriker zutrauen würde, folgt der Autor vielmehr unheroisch Jahr um Jahr, Kriegstheater um Kriegstheater dem Ablauf jeder einzelnen Kampagne. Ihm ist kein Dorf, das niedergebrannt wurde, zu klein, kein Bach, den die Truppen überschritten, zu belanglos und keine Bastion, die belagert und erstürmt wurde, zu unbedeutend, um sie nicht in seine Darstellung aufzunehmen. Für die größeren militärischen Treffen und berühmteren Manöver sind dem Buch 24 Kartenskizzen beigegeben. Vor den ermüdenden Augen der Leser entsteht so ein in seiner Weise großes Panorama der Militärmanöver als Abfolge endloser Märsche und immer neuer Belagerungen. Die Leistungs- und Leidensfähigkeit von Tross, Soldaten, Offizieren, Feldherren und drangsalierter Bevölkerung in den immer erneuten Kampagnen, von denen man hier Seite um Seite erfährt, sind staunenswert.

Die Kritikpunkte betreffen weniger das engere Thema und seine Darstellung im Buch. Ein gewisser Mangel liegt vielmehr in der fehlenden Kontextualisierung der geschilderten Ereignisse. Weder wird die Quellen- und Literaturlage zum Spanischen Erbfolgekrieg vorgestellt, noch die fachliche Entwicklung der Geschichtswissenschaft in den letzten Jahren reflektiert. Auch in dieser Hinsicht ist die Studie ein aktuelles Beispiel antiquarischer Geschichtsschreibung. Das Buch hätte zudem eine sorgfältigere Korrektur und ein Lektorat verdient gehabt, um die Tipp- und Setzfehler, die sich nahezu auf jeder Seite finden, zu vermeiden, und die unnötig lang und detailliert dargestellte Vorgeschichte des Erbfolgekrieges kräftig zu kürzen.

Der Spanische Erbfolgekrieg ist keineswegs ein, wie der Untertitel werbewirksam behauptet, vergessener Weltkrieg. In der deutschen Geschichtswissenschaft ist er allerdings durch die Abwendung von der konventionellen Politik- und Diplomatiegeschichte und aufgrund der Schwäche der historischen Biographie hierzulande an den Rand der historischen Aufmerksamkeit gedrängt. Weder für die Sozialgeschichte noch die neuere Kulturgeschichte schien bei diesem Thema für ihre aktuellen Zwecke etwas Interessantes zu holen zu sein. Daher beherrscht die altbackene balance of power-Doktrin aus den Zeiten einer nationalstaatlichen Entwicklungsgeschichte sozusagen weiterhin das Feld. Sie taugt aber allenfalls noch für historisch dilettierende Politikwissenschaftler. Die Potentiale des Themas für neue Fragestellungen einer genuin europäischen und nicht mehr nationalen Geschichtsschreibung sind dagegen noch gar nicht erprobt. Sie liegen zum Beispiel in der Krise adliger Elitenherrschaft, deren Unantastbarkeit sich erschöpfte, oder in der Herausbildung und Festigung eines wahrhaft und explizit europäischen Raumes wechselseitiger politischer und kultureller Beobachtung. Die Provokation dieses Buches und unsere historische Jubiläumskultur könnten die Fachhistoriker zur Frühen Neuzeit also zur Aktion reizen. Bis zum Jahrestag des Friedens von Utrecht (vom April 1713) oder der Friedensschlüsse von Rastatt und Baden (aus dem Jahr 1714) wäre noch etwas Zeit.

Zitation
Axel Flügel: Rezension zu: : Der Spanische Erbfolgekrieg. Geschichte eines vergessenen Weltkriegs (1701-1714). Köln  2011 , in: H-Soz-Kult, 04.10.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16142>.
Redaktion
Veröffentlicht am
04.10.2011
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation