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Titel
Der erzählte Zögling. Narrative in den Akten der deutschen Fürsorgeerziehung


Autor(en)
Zaft, Matthias
Umfang
401 S.
Preis
€ 35,80
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Mischa Gallati, Institut für Populäre Kulturen, Universität Zürich

Die Schicksale von Kindern und Jugendlichen, die zeitweilig oder dauerhaft in Fürsorge- und Erziehungseinrichtungen untergebracht wurden, erfahren regelmäßig Konjunkturen erhöhter gesellschaftlicher Aufmerksamkeit. Gegenwärtig scheinen wir uns wieder in einer solchen Phase zu befinden, was sich an der Vielzahl von Verlautbarungen akademischer, populärwissenschaftlicher oder -kultureller Art unschwer ablesen lässt. Im Kern werden sie meist von einem – absolut legitimen – Impetus der Aufarbeitung und Wiedergutmachung von vielgestaltigem Leid und Unrecht getragen.[1]

Die Beschäftigung mit dem Thema erfolgt dabei grundsätzlich aus zwei Perspektiven, die durchaus komplementär in ein und derselben Untersuchung Niederschlag finden können, denen jedoch zwei verschiedenen Quellengattungen zu Grunde liegen: So wird einerseits das Verwaltungshandeln in den Fokus gerückt und dabei auf institutionelle Aktenbestände zurückgegriffen, andererseits jedoch – und in jüngster Zeit vermehrt – werden über lebensgeschichtliches Erzählen in der Form von narrativen Interviews oder autobiografischen Texten Erfahrungen Betroffener zugänglich gemacht. Dabei sind die unter Oral History zu subsumierenden Ansätze seit den 1970er-Jahren gerade aus der Skepsis über Aussagekraft und Wirkungsmächtigkeit von Fürsorge- und vergleichbaren Akten heraus entwickelt worden. Die durch den Einbezug bislang nicht gehörter Stimmen zunehmend multiperspektivisch ausgerichtete Forschung erhielt zudem spätestens seit den 1990er-Jahren im Zuge des linguistic turn neue Impulse durch literaturwissenschaftliche Perspektiven und Methoden. Folgerichtig werden in jüngster Zeit die Produktion und Verwendung der Akten selber Ziel von Forschungen. Zu nennen wären hier etwa Arbeiten zur Aufarbeitung der Geschichte des Schweizer Hilfswerks „Kinder der Landstrasse“[2] oder zu Patientenakten.[3]

In diesem Kontext ist die 2010 an der Universität Halle-Wittenberg eingereichte Dissertation von Matthias Zaft zu sehen, die unter dem sprechenden Titel „Der erzählte Zögling“ im transcript-Verlag erschienen ist. Zaft untersucht darin Zöglingsakten aus verschiedenen Erziehungseinrichtungen, insbesondere jedoch solche aus dem Knabenheim „Lindenhof“, einem Teil der diakonisch geführten „Neinstedter Anstalten“ im damaligen Freistaat Anhalt (heutiges Sachsen-Anhalt) aus den Jahren zwischen 1931 und 1945.

In seiner Untersuchung trennt Zaft die Bindung zwischen aktenmässig überlieferten und „realen“ Biografien vollständig auf, indem er die Zöglingsfigur gewissermaßen verdoppelt und von zwei parallelen, doch miteinander verknüpften Figuren spricht: dem „Aktenzögling“ und dem „Anstaltszögling“, wobei der historischen Forschung über die überlieferten Schriftstücke lediglich der Aktenzögling zugänglich bleibt.

Sehr ausführlich und mit Nachdruck führt Zaft den Leser an seine Perspektive heran, die auf der Überzeugung der „narrativen Erzeugtheit von Welt“ basiert. Es liegt wohl in der Natur einer Dissertation, dass der Autor damit Alleinstellungsbestrebungen verknüpft und anmerkt, dass Narrative in der jüngeren historischen Wissenschaft zwar oft als Forschungsgrundlagen postuliert, aber zu selten wirklich ernst genommen würden. Der sehr elaborierte, komplexe Aufbau der Arbeit macht es anfänglich zwar etwas schwer, sich im Text zurechtzufinden, jedoch folgt er einer schlüssigen Struktur.

In einem „Besichtigung“ genannten Kapitel führt Zaft an seine Vorgehensweise heran, klärt Prämissen und formuliert die Forschungsfrage in Form von fünf Hypothesen: Erstens betont er (noch einmal) die Gebundenheit der Akten an das Medium ihrer Verfasstheit, der Sprache. Zweitens begreift er nicht nur das einzelne Aktenstück, sondern auch die Akte, also die Gesamtheit der darin gelagerten Dokumente, als Narrativ. Drittens lokalisiert er im Unterbringungsbeschluss eine ursächliche Erzählung, die im gesamten weiteren Verlauf des „Falls“ immer wieder von neuem variiert wird. Viertens geht Zaft von einer kausalen Denkweise der Aktenautoren aus: Biografische Verläufe werden konzise gemacht, Nicht-Notwendigkeiten ausgeklammert und damit Lebensläufe konstruiert. Dies führt ihn zur fünften Annahme, dass es die Sprache der Akten selbst ist, die deren Verlauf bestimmt. Nachdem Zaft die basalen Annahmen sehr ausführlich (mitunter etwas redundant) geklärt hat, schließt er das einführende Kapitel mit einer kurzen, aber informativen Skizze des aktuellen Forschungsstands.

Im mit „Projektierung“ benannten zweiten Kapitel beschreibt Zaft ausgehend von wissenstheoretischen Grundannahmen und einer sehr sorgfältigen Reflexion über die Akten als eigentlichen Untersuchungsgegenstand die angewandte Untersuchungsmethode. Bevor er zur Analyse konkreter Zöglingsakten schreitet, schiebt der Autor ein als „Ortstermin“ gekennzeichnetes Kapitel ein, in dem er auf die Geschichte der Fürsorgeerziehung im Nationalsozialismus und im speziellen auf die „Neinstedter Anstalten“ zu sprechen kommt. Spätestens hier lassen sich dem mit der spezifischen Materie weniger vertrauten Leser einige wichtige offene Fragen klären.

Das vierte Kapitel widmet sich unter dem treffenden Titel „Was nicht in der Akte ist, ist nicht in der Welt“ intensiv drei ausgewählten Zöglingsakten. Zaft „durchschreitet“ dabei die Akten in ihrer Chronologie und kann so, mithilfe des zuvor eingehend vorgestellten textanalytischen Verfahrens, neue und teilweise überraschende Einsichten in die Zöglingsbiografien vermitteln.

Matthias Zaft zeigt in seiner Untersuchung sehr einleuchtend, dass der aktenmäßig konstruierten Zöglingsfigur maßgebliche Bedeutung „hinsichtlich der Wahrnehmung, des Umgangs mit und der Beurteilung“ der „realen“ Zöglingsperson „außerhalb der Akten“ zukommt (S. 357). Dennoch hütet er sich, der Aktenfigur quasi die Qualitäten einer literarischen Figur zuzuschreiben, insofern er es verneint, dass diese ein eigentliches „Eigenleben“ hätte entwickeln können. Vielmehr müsse davon ausgegangen werden, dass nicht der Zögling die „Hauptrolle“ innegehabt hätte, also eigentlicher Protagonist war, sondern die Maßnahme und deren Arrangement, indem die diversen Verfasser der Akten nicht Zusammengehörendes zueinander in Relation setzten, um damit letztlich die Maßnahmen erst als sinnvoll und in einer Kontinuität stehend herzustellen.

Neben dergestalt aufgedeckten narrativen Strukturen ermöglicht Zaft auch Einblicke in die komplexen Wege, welche die Akten innerhalb des fürsorgerischen Netzwerkes nahmen und wie die darin enthaltenen Informationen verwendet, adaptiert und weitergegeben wurden. Im stetigen Weiterschreiben der Zöglingsbiografien als möglichst konzise Erzählungen wirkungsvoller (bzw. -loser) Fürsorgemaßnahmen ergaben sich laufend Verdichtungen, die als Stigmatisierungen direkt auf den „realen“ Zögling zurückwirken konnten.

Wie eingangs gezeigt steht Matthias Zaft mit seinem Zugang zu Zöglingsakten weniger einsam in der Forschungslandschaft als postuliert. Das mindert jedoch keineswegs die Leistung dieser Dissertation, in welcher die so heftig und oft proklamierte sprachwissenschaftliche Perspektive tatsächlich konsequent angewandt wird und die für die weitere historische Beschäftigung mit Jugendfürsorge einen großen Gewinn darstellt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. Wilhelm Damberg u.a. (Hrsg.), Mutter Kirche – Vater Staat? Geschichte, Praxis und Debatten der konfessionellen Heimerziehung seit 1945, Münster 2010.
[2] Sara Galle / Thomas Meier, Von Menschen und Akten. Die Aktion „Kinder der Landstrasse“ der Stiftung Pro Juventute, Zürich 2009; vgl. weiter Claudio Kaufmann u.a., Was Akten bewirken können. Integrations- und Ausschlussprozesse eines Verwaltungsvorgangs, Zürich 2008.
[3] Sibylle Brändli u.a., Zum Fall machen, zum Fall werden. Wissensproduktion und Patientenerfahrung in Medizin und Psychiatrie des 19. und 20. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 2009.

Zitation
Mischa Gallati: Rezension zu: : Der erzählte Zögling. Narrative in den Akten der deutschen Fürsorgeerziehung. Bielefeld  2011 , in: H-Soz-Kult, 05.03.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16143>.
Redaktion
Veröffentlicht am
05.03.2012
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/
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