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Titel
Theoretische Ansätze und Konzepte der Forschung über soziale Bewegungen in der Geschichtswissenschaft.


Hrsg. v.
Mittag, Jürgen; Stadtland, Helke
Erschienen
Essen 2014: Klartext Verlag
Umfang
481 S.
Preis
€ 49,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Freia Anders, Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Als der an eine Tagung des Instituts für soziale Bewegungen aus dem Jahr 2009 anknüpfende Sammelband entstand, kürte das Magazin „TIME“ den unbekannten „Protester“ zur Person des Jahres 2011.[1] Weltweite Proteste weckten Hoffnungen auf einen globalen Trend zur Demokratie. Der von Jürgen Mittag und Helke Stadtland herausgegebene Band ist nicht an dieser Konjunktur ausgerichtet, bündelt aber ein breites Interesse der zeithistorischen Forschung an den sozialen Bewegungen seit Ende der 1960er-Jahre, ergänzt um weiter zurückliegende Phänomene. Die 19 Beiträge, untergliedert in sechs thematische Abschnitte, größtenteils verfasst von Historikern, aber auch von historisch interessierten Sozialwissenschaftlern, bieten ein anregendes Kompendium der theoretisch inspirierten historischen Bewegungsforschung im deutschsprachigen Raum.

Die Autorinnen und Autoren waren aufgefordert, ihre analytischen Bezugsrahmen in Fallstudien zu demonstrieren und zu diskutieren. Das Ergebnis ist eine ausgewogene Bilanz der Potentiale und Grenzen der von den Sozialwissenschaften entwickelten Ansätze und der daraus resultierenden Methodenvielfalt. Der von den Herausgebern anvisierte „Transfer zwischen den Disziplinen“ (S. 17) scheint auf Seiten der Geschichtswissenschaft vollzogen. Die beteiligten Historiker/innen präsentieren eloquent ausbuchstabierte Theoriegefüge, auch wenn einschränkend bemerkt werden muss, dass es sich teilweise lediglich um konzeptuelle Überlegungen handelt, die nicht immer mit einer erschöpfenden Erforschung des Gegenstands einhergehen. Ob der Band auf Seiten der Sozialwissenschaften zur Problematisierung vernachlässigter historischer Dimensionen anregt, bleibt abzuwarten. Das Herzstück des Bandes greift in vier Abschnitten den Paradigmenkanon der Bewegungstheorie auf. Diese Binnengliederung erlaubt es dem Leser, die Antworten der Autoren auf die Frage nach den Ertragspotentialen für Historiker/innen systematisch zu verfolgen.

In ihrer instruktiven Einleitung loten Mittag/Stadtland das „Spannungsfeld von Theorie und Empirie“ geschickt aus. Es sei ein begriffsgeschichtliches Desiderat, was sich aus historischer Perspektive unter „sozialen Bewegungen“ verstehen lasse. Damit verbunden ist die Frage, inwieweit sich eine Theoriebildung, die sich den „Neuen Sozialen Bewegungen“ verdankt, heuristisch sinnvoll auf länger vergangene Bewegungen anwenden lässt. Theoretisch ungeklärt sei auch, wie sich die Kategorien von Zeit und Raum integrieren lassen. Zudem liege in der wissenschaftlichen Selbstgenerierung von Bewegungen durchaus eine Herausforderung. Die von Mittag/Stadtland vorgeschlagene Periodisierung, die das Verhältnis von Herrschaftsform und Bewegung in den Vordergrund rückt und sich an den Chancen sozialer Bewegungen im politischen System orientiert, überzeugt lediglich idealtypisch, bleibt aber letztlich der von den Herausgebern durchaus problematisierten, der Bewegungstheorie inhärenten demokratietheoretischen Normativität verhaftet.

Der zweite Abschnitt vereint Beiträge, die der historischen Reichweite von an kontingenten Rahmenbedingungen orientierten Analysekonzepten nachgehen. Christian Jansen fragt, inwieweit sich für die Zeit vor 1871 in deutschen Territorien von sozialen Bewegungen im modernen Sinne, also jenseits zeitgenössischer Selbstbezeichnungen, sprechen lässt. Ausgehend von gängigen Definitionsangeboten macht Jansen plausibel, dass die zeitgenössischen politischen Rahmenbedingungen mit ihren begrenzten Kommunikationsmöglichkeiten eine solche Anwendung zwar einschränken, dass sie sich aber durchaus zur Analyse etwa der nationalistischen, liberalen und bürgerlichen Bewegungen oder der Unterschichtenproteste eignen. Ebenfalls mit Gewinn greift Till Kössler die Theorie politischer Gelegenheitsstrukturen auf, die das Aufkommen sozialer Bewegungen in sich verändernden gesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten verortet. Am Beispiel der Falange vor ihrer Transformation zur Staatspartei 1937 zeigt er, dass die Frage nach der Systemoffenheit dem Gegenstand eine neue vergleichsaffine Forschungsperspektive jenseits der Ideologie- und Personengeschichte eröffnet. Deutet man das Verbot der Falange durch die Volksfrontregierung als Integrationsdefizit der Vorkriegsdemokratie, lässt sich deren Mobilisierungserfolg besser verstehen. An seine Grenzen gerät das an demokratischen Systemen ausgerichtete Konzept, will man die (bewegungsinternen) Dynamiken des Bürgerkriegs, Gewalt als Mobilisierungsfaktor sowie die Entstehung neuer staatlicher Strukturen in die Analyse einbinden. Dass die Erklärungskraft des Structural Strains-Ansatzes, der das Aufkommen sozialer Bewegungen auf sozialstrukturellen Wandel, Krisen und Missstände zurückführt, beschränkt ist, wird in Astrid Kirchhofs Versuch deutlich, die Milieus der Umweltbewegung vor 1989 in West- und Ost-Berlin zu untersuchen. Zwar wird damit ein auch in der DDR einsetzender Wertewandel als systemübergreifende soziostrukturelle Gemeinsamkeit erfasst, nicht aber die Bedeutung grenzüberschreitender Kontakte. Beide Fallstudien zeigen, dass sich gerade die für den politikgeschichtlich interessierten Historiker zunächst naheliegenden Erklärungsansätze, die auf systemimmanente Faktoren rekurrieren, als nicht hinreichend erweisen, um historische Komplexität auf Makro- und Mikroebene einzufangen.

Der dritte Abschnitt konzentriert sich auf „Ansätze zur diskursiven Selbstgenerierung von sozialen Bewegungen“. Hier bietet sich ein vertrautes Untersuchungsfeld der Analyse von Selbst- und Fremdbeschreibungen – und in der Regel auch eine günstige Quellenlage. Janosch Steuwer greift in seiner Untersuchung der „fremdenfeindlichen Bewegung“ zu Beginn der 1990er-Jahre auf die konstruktivistische Framing-Analyse zurück, um Deutungsrahmen und Darstellungsstrategien als Mobilisationsfaktoren zu fokussieren. Dabei problematisiert er die zeitgenössisch scharf kritisierte Klassifikation als soziale Bewegung unter Ausblendung des konzeptuell inhärenten Demokratieprinzips (S. 170), entscheidet sich aber dennoch für diesen analytischen Zugang. Er kommt zu dem Ergebnis, dass eine Beschreibung des Deutungsrahmens für eine Erklärung der Mobilisierung zu kurz greife, zumal eine spezifisch rechtsextreme Ideologie nicht erkennbar werde. Erst die kommunikationswissenschaftliche Erweiterung der Perspektive über die engere Bewegung hinaus erfasst den Hintergrund der Gewaltlegitimation durch soziale Akzeptanz, in diesem Falle das mediale Agenda Setting eines „Asylproblems“ für die Mobilisierung. Offen bleibt, wie Elemente der interaktionistischen Genese der Gewalt zu fassen sind – etwa bei Brandanschlägen auf Asylbewerberunterkünfte oder Pogromen.

Wie Frank Wolff und Knud Andresen demonstrieren, liefern Konzepte „kollektiver Identität(en)“ weitere Anknüpfungspunkte: Akteure sozialer Bewegungen erhalten einen Rahmen der Selbstbeschreibung, Historiker hingegen einen Erklärungsansatz, der es erlaubt, Prozesse der Gemeinschaftsbildung und der Aushandlung von Wertvorstellungen einzubeziehen. Der Nutzen liegt vor allem in der Möglichkeit, identitäre Konstruktionsprozesse nachzuvollziehen, auch in Abgrenzung zu externen Kollektivzuschreibungen. Wolff veranschaulicht am Beispiel des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes im argentinischen und US-amerikanischen Exil überzeugend, wie ein permanenter Aushandlungsprozess zwischen individueller und kollektiver Identität zur Bewältigung der Emigrationserfahrung unter gänzlich verschiedenen Rahmenbedingungen der Aufnahmegesellschaften beitrug. Inwieweit sich sein systemtheoretisch erweitertes Konzept genauso gewinnbringend auf andere transnationale Bewegungen übertragen ließe, wäre zu überprüfen. Ein Beispiel gescheiterter kollektiver Identitätsproduktion stellt Knud Andresen vor, indem er Identifikationsmustern protestierender Lehrlinge in der Bundesrepublik der 1970er-Jahre nachgeht. Aus deren Aktivitäten formierte sich nur in Ansätzen eine Bewegung, da die kurze Lebensspanne als Lehrling und konkurrierende Identitätsangebote der Gewerkschaften die Herausbildung einer kollektiven Identität verhinderten. Andresen zieht diesen Blick auf Bewegungsdynamiken und Mobilisierungsgrenzen der Theorie der politischen Gelegenheitsstrukturen vor (S. 236).

Auch ressourcenbezogene Theorien, die danach fragen, welche materiellen, ideellen und personalen Ressourcen unter gegebenen strukturellen Rahmenbedingungen mobilisiert werden können, bieten die Möglichkeit, statische Beschreibungen erfolgreich zu überwinden, wie die Beiträge des vierten Teils des Bandes zeigen. Thomas Welskopp favorisiert gegenüber älteren, der Rational Choice Theory verpflichteten Ansätzen ein praxistheoretisches Verständnis sozialer Mechanismen, das „Kontingenz und Prozesshaftigkeit […] zulässt und ein kompletteres Modell vom sozial kompetenten Akteur in seiner Interaktionsumwelt einschließt“ (S. 242). Anhand seines Vergleichs zweier „charismatischer Verbände“ – Anti-Saloon League und Ku Klux Klan –, denen es gelang, als gemeinschaftsbindende Ressource „kollektive Efferveszenz“ (Erregung) zu erzeugen und über „ein professionelles Mediensystem“ in „politische Bewegungsmacht“ zu transferieren“ (S. 245), kommt er zu dem Schluss, dass sich die Erfolge der Prohibitionisten nicht auf die Mobilisierung der Basis, sondern auf das Übergewicht der Organisation zurückführen ließen (S. 267).

Frank Uekötter nutzt die Theorie der Ressourcenmobilisierung, um sich dem Verhältnis zwischen Organisation und Bewegung anhand der agrarischen Bewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu nähern. Die landwirtschaftlichen Verbände erwiesen sich als schlagkräftige Organisationen, obwohl die Bedeutung der Landwirtschaft schwand. Nach Uekötter bietet die Theorie der Ressourcenmobilisierung zwar ein überzeugendes Arsenal für die Untersuchung materieller Ressourcen; die Analyse des symbolischen und politischen Kapitals der Landwirtschaft als „imagined community“ bedürfe jedoch eher kulturhistorischer und ideologiekritischer Instrumente (S. 283).

Der fünfte Abschnitt des Bandes versammelt Beiträge, die „struktur- und akteursbezogene Ansätze“ anwenden, um Institutionalisierungsprozesse und Bewegungsorganisationen zu erfassen. Kristina Schulz und Ilse Lenz, zwei Expertinnen der Geschichte der Frauenbewegung seit den 1970er-Jahren, gelingt es auf diese Weise, ihrem Gegenstand neue Horizonte zu eröffnen. Die Langzeit-Wirkung der Frauenbewegung, die sich im Nebeneinander institutioneller Einbindung und gegeninstitutioneller Selbstorganisation manifestiert, spricht für Schulz’ Plädoyer, Organisationsbildung und Institutionalisierung in die Wirkungsanalyse einzubeziehen. Lenz hingegen richtet das Interesse auf bewegungsinterne Prozesse. Ihr Modell zur Beschreibung von Transformationen erlaubt Aussagen über das autopoetische Potential der Bewegung, wäre aber durch Kategorien zu erweitern, die die Bedeutung des externen Kontexts einbeziehen.

Abgerundet wird der Band durch Beiträge, die „Ausweitungen und Abgrenzungen“ vorschlagen. Sie zeigen, dass die Deduktion sozialwissenschaftlicher Bewegungstheorien nicht der einzige Weg der Erforschung sozialer Bewegungen ist. Beispielsweise greift Ute Hasenöhrl die Schnittmengen des ebenfalls normativ aufgeladenen Zivilgesellschaftskonzepts auf. Christian Koller prüft die Anschlussfähigkeit an den Emotional Turn. Holger Nehring verweist am Beispiel der Friedensbewegung auf das Potential historischer Konzepte zur Untersuchung des Zusammenhangs zwischen transnationalen Netzwerken und globalen Ideen.

Insgesamt schärfen die Beiträge den Blick auf die von Mittag/Stadtland skizzierten methodischen Probleme, vor allem für die perspektivisch eingeforderte Historisierung der Bewegungstheorie (S. 57). Sie lassen in ihrer inhaltlichen und methodischen Vielfalt aber kaum politische Kontroversen zwischen den verschiedenen theoretischen Ansätzen erahnen, in denen sich Konfliktlinien über die Legitimität von Protest widerspiegelten. Hinsichtlich der Beurteilung der Vor- und Nachteile für die empirische Untersuchung historischer Fallkonstellationen wäre ein Gedankenexperiment wünschenswert, das Theorieansätze und Fallbeispiele neu vermengt. Nicht zuletzt bleibt zu hoffen, dass die Debatte auf der Basis der vorliegenden Bestandsaufnahme weitergeführt und die analytische Verwendung der Bewegungstheorie weiter an ihren historischen, aber auch gegenwärtigen Grenzen gemessen wird.

Anmerkung:
[1] <http://content.time.com/time/person-of-the-year/2011/> (05.03.2015).

Zitation
Freia Anders: Rezension zu: Mittag, Jürgen; Stadtland, Helke (Hrsg.): Theoretische Ansätze und Konzepte der Forschung über soziale Bewegungen in der Geschichtswissenschaft. Essen  2014 , in: H-Soz-Kult, 02.04.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16267>.