T. Whitmarsh (Hrsg.): Local Knowledge and Microidentities

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Titel
Local Knowledge and Microidentities in the Imperial Greek World.


Hrsg. v.
Whitmarsh, Tim
Erschienen
Umfang
XIII, 228 S.
Preis
£ 55,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Babett Edelmann-Singer, Institut für Geschichte, Universität Regensburg

Der Ausgangspunkt dieses Sammelbandes ist die Betrachtung zweier miteinander in Verbindung stehender Phänomene im griechischen Osten des Römischen Reiches: Globalisierung und Regionalisierung. Verdeutlicht wird dieser Punkt anhand der beiden Autoren Aelius Aristides, Lobredner der römischen Ordnungsmacht und ihrer das Reich einenden Errungenschaften, und Pausanias, Darsteller der diversifizierten griechischen Welt im Kleinen. Die Autoren des Bandes stellen in ihren Beiträgen, die sowohl antikes Material als auch moderne Theorien diskutieren, die These auf, dass die römische Herrschaft starken Einfluss auf die Ausprägung lokaler wie regionaler Identitäten (microidentities) hatte, dieses neuentstandene lokale Selbstbewusstsein gleichzeitig aber auch als wichtiger Baustein des gesamten Reiches gesehen werden muss. Die gegenseitige Bedingtheit und Beeinflussung von globaler Einheit und regionaler Diversifizierung steht im Mittelpunkt des gesamten Sammelbandes, der sich bewusst von einseitigen Betrachtungen in der Forschergemeinde entweder der römischen Perspektive (Romanisierung) oder der einheimischen Perspektive (Regionalisierungstendenzen) abwendet.

Der Sammelband umfasst neun Beiträge, wobei Tim Whitmarshs Einleitung („Thinking local“) und Greg Woolfs Fazit („Afterword: the local and the global in the Graeco-Roman east“) eine Klammer für sieben Detailstudien liefern. Die Autoren der einzelnen Beiträge zeichnen sich dabei durch eine große Kenntnis der Materie aus; so gelten unter anderem die Studien von Clifford Ando [1], Greg Woolf [2] oder Steven Mitchell [3] als Standardwerke zum Verhältnis von Reich und Provinzen.

„Thinking local“ – mit diesem Bild umreißt Whitmarsh im ersten Kapitel (S. 1–16) das Thema des Sammelbandes. Dabei sieht er in den Begriffen „global“ und „local“ keinen Gegensatz, sondern betrachtet sie als sich ergänzende Aspekte der römischen Herrschaft. Whitmarsh verdeutlicht am Beispiel der Res Gestae des Augustus: „The question to ask […] is not whether it is imperial or local, but how the local manifestation of a document emanating from Rome manages to interface between centre and periphery“ (S. 6). Auf der Ebene der Personen stellt er noch einmal den in der Forschung bereits vielfach beschriebenen Aspekt der „multiple identities“ [4] für die griechischen Eliten heraus. Pausanias steht exemplarisch für ein solches „role model“ translokaler Identitäten: „Pausanias himself is the mediator between these two levels, the participant observer with one foot in the cultures he describes and one foot outside“ (S. 14). Whitmarsh betont aber auch, dass der Kaiser selbst als Mediator für lokale Identifikationsmuster und als Modell für eine Reichsidentität fungierte.

Clifford Ando untersucht im zweiten Kapitel („Imperial Identities“, S. 17–45) ebenfalls die Beziehung zwischen Reichs- und Lokalebene, stellt sich dabei aber bewusst in Kontrast zu den übrigen Autoren des Bandes. Seine These, „the imposition of an imperial legal and administrative superstructure promoted and perhaps harnessed the celebration of the local“ (S. 18), konzentriert sich – auch bei der Auswahl seiner Quellen – auf die Reichsperspektive, da für Ando der Partikularismus das Schmiermittel der römischen Herrschaft darstellt. Ando untersucht die Freiheitsrhetorik in der Beziehung zwischen Römern und Griechen, analysiert Quellen zur Einrichtung der Provinzen Macedonia und Asia [5] und – unter dem Schlagwort „governmentality“ – das Verhältnis der Eliten zum römischen Herrschaftssystem. Sein Fazit lautet: Da Diversifizierung gemeinsames Handeln (gegen Rom) verhindert, musste der herrschenden römischen Macht daran gelegen sein, die lokalen Kulturen zu erhalten oder bewusst zu kreieren. Gleichzeitig versuchten die Römer aber bereits existierende soziale und ökonomische Verhaltensmuster aufzulösen, indem sie neue politische Geographien schufen (so etwa neue Provinzen) und die lokalen Eliten förderten. Ando sieht darin das Erfolgsrezept der Kaiserzeit: „The high Roman empire thus represents an extraordinary moment in the history of governmentality, in which a kaleidoscopic potential for identity formation was realised and yet conduced a singular and peculiarly Roman social order“ (S. 20f.). Die zunehmende Zentralisierung des 3. und 4. Jahrhunderts führte laut Ando dann zum Niedergang dieses funktionierenden Systems.

Simon Goldhill nähert sich im dritten Kapitel („What is local identity? The politics of cultural mapping”, S. 46–68) dem Thema von einer philologischen Seite. Die Rhetorik des Lokalen wird vom Standpunkt des Sprechers („Who speaks?“) betrachtet. Unter den Schlagworten „boundaries“, „knowingness“ und „performativity“ werden Texte zum Thema – in erster Linie Pausanias – untersucht. Der Tropus des Lokalen – so Goldhill – funktioniert als eine Rhetorik der kulturellen Identität. Im vierten Kapitel (S. 69–85) „Europa’s sons: Roman perceptions of Cretan identity“ zeigt Ilaria Romeo, wie die Beziehung von Rom zu Kreta bzw. seiner Sagenwelt die je nach politischen und historischen Umständen wechselnde Wahrnehmung der Geschichte der Insel widerspiegelt. Ihre Untersuchung umfasst einen Zeitraum vom 1. Jahrhundert v.Chr. bis ins 3. Jahrhundert n.Chr. Steven Mitchell stellt im fünften Kapitel „The Ionians of Paphlagonia“ (S. 86–110) die Mechanismen der Einbindung Paphlagoniens in den griechisch-römischen Kulturraum vom 7. Jahrhundert v.Chr. an dar. Entgegen der literarischen Stereotype, die wir über die Paphlagonier oft lesen, haben wir es hier mit einer Bevölkerung zu tun, die durchaus in die griechisch-römische Kultur integriert war. Allerdings beruhte diese Integration nicht – wie in weiten Teilen Kleinasiens – auf einer politisch-institutionellen Basis (Poliskultur), sondern auf einer literarisch-kulturellen.

Im sechsten Kapitel behandelt Christopher Jones den Zusammengang von „Ancestry and identity in the Roman empire“ (S. 111–124) und untersucht verschiedene Typen von Abstammungslegenden („collective ancestry“, „gods and heroes“ und „historical ancestors“) in ihrer Bedeutung für Identitätsstiftung und Aufwertung der politischen Rolle von Kollektiven und Individuen. Maud Gleason begibt sich im siebten Kapitel („Making space for bicultural identity: Herodes Atticus commemorates Regilla“, S. 125–162) in das Grenzland zwischen griechischer und römischer Kultur, indem sie das Trauerverhalten und die damit im Zusammenhang stehenden Bauten des Herodes Atticus betrachtet. Die Sonderstellung des Herodes Atticus resultiert dabei aus seiner Ehe mit einer römischen Patrizierin, in deren Gedenkbauten die Komplexität der Identität des Herodes sichtbar wird. Gleason sieht in den Bauten „a form of mediation about his […] bicultural identity“ (S. 161). Dieser äußerst interessante Ansatz Gleasons bereichert den Sammelband enorm.

Der achte Beitrag von Onno van Niif („Being Termessian: local knowledge and identity politics in a Pisidian city“, S. 163–188) betrachtet das Thema exemplarisch anhand der pisidischen Kleinstadt Termessos, die aufgrund ihrer epigraphischen Zeugnisse reichhaltiges Material bietet. Van Niif konzentriert sich auf die Grabinschriften als Quelle für Fragen der Selbst-Definition und umreißt Kernpunkte für die Konstruktion termessischer Identitäten. Einer dieser Kernpunkte ist der soziale Status, der stärker durch Reichtum und Einbindung in soziale Netzwerke als durch politische Hierarchien geprägt wird. Ein anderer Kernpunkt ist die familiäre Komponente. Hervorzuheben ist sicherlich, dass die Einwohner von Termessos sich auf verschiedensten Wegen in unterschiedliche kulturelle Traditionen stellten: römische, griechische und anatolische. Der methodische Ansatz der Epigraphik erscheint auch für die Autorin weit vielversprechender, weil authentischer als die Konzentration auf literarische Texte.

Greg Woolf („Afterword: the local and the global in the Graeco-Roman east“, S. 189–200) resümiert abschließend noch einmal grundlegende Gedanken zum Thema, die sich in den einzelnen Beiträgen des Sammelbandes herauskristallisiert haben. Woolf definiert zwei Arten von „localism“: jenen, der aus einer Isolation erwächst, und jenen, der bewusst in Abgrenzung von einer Andersheit konstruiert wird. Ganz zentral ist auch der nochmalige Hinweis darauf, dass der vorliegende Band ein lokalhistorisches Konzept verfolgt, das einen Aspekt der Eliteforschung darstellt, da wir das Lokale in allen seinen Varianten fast ausschließlich durch die Augen der literarisch gebildeten und herrschenden Schichten sehen. Eine ausführliche Literaturliste sowie ein Schlagwortverzeichnis schließen den Sammelband ab.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Clifford Ando, Imperial Ideology and Provincial Loyalty in the Roman Empire, Berkeley 2000.
[2] Vgl. unter anderem Greg Woolf, Provincial Perspectives, in: Karl Galinsky (Hrsg.), The Cambridge Companion to the Age of Augustus, Cambridge 2005, S. 106–129.
[3] Vgl. unter anderem Steven Mitchell, The administration of Roman Asia from 133 BC to AD 250, in: Werner Eck (Hrsg.), Lokale Autonomie und römische Ordnungsmacht in den kaiserzeitlichen Provinzen vom 1. bis 3. Jahrhundert, München 1999, S. 17–46.
[4] Christopher Jones, Multiple identities in the age of the Second Sophistic, in: Barbara E. Borg (Hrsg.), Paideia: the World of the Second Sophistic, Berlin 2004, S. 13–21.
[5] Vgl. dazu auch Babett Edelmann-Singer, Die Provinzen und der Kaiserkult. Zur Entstehung und Organisation des Provinziallandtages von Asia, in: Martin Ebner / Elisabeth Esch-Wermeling (Hrsg.), Kaiserkult, Wirtschaft und Spectacula, Göttingen 2011, S. 81–102.

Zitation
Babett Edelmann-Singer: Rezension zu: Whitmarsh, Tim (Hrsg.): Local Knowledge and Microidentities in the Imperial Greek World. Cambridge  2010 , in: H-Soz-Kult, 06.06.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16273>.
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Veröffentlicht am
06.06.2011
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