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Titel
Mignon. Tagebücher und Briefe einer jüdischen Krankenschwester in Wien 1938-1949


Hrsg. v.
Fraller, Elisabeth; Langnas, George
Erschienen
Innsbruck 2010: StudienVerlag
Umfang
504 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dieter J. Hecht, Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte, Österreichische Akademie der Wissenschaften

„Es ist gut, wenn man einen solchen Tag am Papier festhält – obgleich man es sich gar nicht ausdenken kann, – dass er, in allen seinen Details, jemals in der Seele verblassen könnte. Aber wenn ich es erleben sollte, meinen Mann + meine Kinder zu sehen, wird es schon ganz gut sein, zuweilen diese Zeilen zu lesen, die ganz mit Blut durchtränkt sind. Gerade im höchsten Glück soll man sich der Tränen erinnern.“ (S. 245)

So beschrieb Mignon Langnas in ihrem Tagebucheintrag vom 18. August 1943 ihr Leben in Wien. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete sie als Krankenschwester im Kinderspital des jüdischen Ältestenrates, ihr Mann Leo und ihre Kinder Manuela und George befanden sich in New York. Im November 1938 war Leo Langnas nur knapp der im Zuge des Novemberpogroms durchgeführten Verhaftungen entgangen. Im Mai 1939 versuchte er, mit dem Schiff MS St. Louis nach Kuba zu entkommen, doch die Flucht wurde zur Odyssee und endete vorläufig mit der erzwungenen Rückkehr nach Europa. Leo Langnas wurde schließlich von Großbritannien aufgenommen und gelangte 1940 in die USA. Manuela und George konnten, begleitet von Sara Sternlicht, einer Freundin der Familie, im Dezember 1939 über Genua in die USA flüchten, wo sie von Verwandten aufgenommen wurden. Mignon blieb in Wien bei ihren Eltern Charlotte und Moses Rottenberg. Versuche, eine gemeinsame Auswanderung mit ihren Eltern zu organisieren, scheiterten. Die Eltern blieben bis zum Tod im November 1940 (Mutter) und im November 1943 (Vater) ihre engsten Bezugspersonen.

Die Abwesenheit ihrer Familie, die Deportationen ihrer Freunde und Kolleginnen, ihre Arbeit im Kinderspital und die Bombenangriffe stellten Mignon jeden Tag vor schwierige physische und psychische Herausforderungen. Sie überlebte die Bombardierung ihres Wohnhauses im Januar 1945 und den Bombentreffer auf den Luftschutzkeller des Ältestenrates im März 1945. Rückhalt fand Mignon bei einigen nichtjüdischen Freunden, die sie unterstützten, und ihrer Cousine Hala Dornstrauch, die 1938 in die Schweiz flüchten konnte. Über sie konnte Mignon auch mit ihrer Familie in New York korrespondieren. Diese Briefe stellen eine wichtig Quelle für das Buch dar, denn der Großteil der Tagebücher wurde beim Bombentreffer ihres Wohnhauses zerstört. Doch Mignon Langnas führte weiterhin Tagebuch: Sie schrieb über die erste Nachkriegszeit, die schwierigen Lebensbedingungen, die Angst vor alliierten Soldaten, ihre Sehnsucht nach ihrer Familie und das Elend und Leid der zurückkehrenden Überlebenden. Um schneller zu ihrer Familie gelangen zu können, entschloss sich Mignon Anfang Juli 1945 mit einer Gruppe Überlebender nach Theresienstadt zu fahren, um von dort mit einem alliierten Transport in die amerikanische Zone in Deutschland zu gelangen, doch dort erkrankte sie an Typhus und gelangte schwer krank ins DP (Displaced Persons) Camp Deggendorf in Bayern. Auf Grund der schlechten Lebensbedingungen für Shoah-Überlebende in Deggendorf erholte sie sich nur langsam. Schließlich gelang es ihr, die Einwanderungsgenehmigung für die USA zu erhalten und am 26. Juni 1946 sah sie nach siebenjähriger Trennung ihre Kinder und ihren Mann wieder. Es blieben ihr nur knapp drei Jahre, ein neues Leben aufzubauen, bereits im November 1949 verstarb Mignon Langnas an den Spätfolgen ihrer Krankheit.

George Langnas stellte als Kind und Erwachsener nie Fragen über die Vergangenheit, denn „Fragen verursachten Schmerz. Das Schweigen sollte meine Schwester und mich vor Ängsten und Sorgen bewahren. Das Schweigen war überwältigend.“ (S. 9) Nach dem Tod von Hala Dornstrauch erhielt er 1982 die Briefe seiner Mutter, von seiner Tante Nelly Eckstein bekam er das Tagebuch seiner Mutter, ohne weitere Fragen zu stellen, und schließlich fand er nach dem Tod seines Onkels Ernest Eckstein im Jahr 2005 weitere Familienbriefe. Im Jahr 2007 traf er am Yom Hashoah (Holocaust-Gedenktag) im New Yorker Holocaust-Museum Elisabeth Fraller. Auf ihrer Rückreise nach Österreich hatte Fraller 700 Seiten an Korrespondenz und Archivmaterialien sowie die nach dem Bombardement des Wohnhauses von Mignon erhalten gebliebenen Tagebücher aus den Jahren 1939-1940 und 1945-1949 im Gepäck (S. 468). Durch die Zusammenarbeit von Langnas und Fraller konnten die Umstände des Überlebens von Mignon Langnas rekonstruiert und kontextualisiert werden.

Dem Tagebuch kam dabei eine besondere Rolle zu. Es ist eine einzigartige Quelle, die einen ganz persönlichen Einblick in die Alltagserfahrungen der Überlebenden erlaubt, weil sie nicht für andere bestimmt war. Das Schreiben eines Tagebuches war für viele Verfolgte der einzige Weg, ihre Erlebnisse zu verarbeiten und Personen und Ereignisse für sich und die Erinnerung festzuhalten. Im Epilog schreibt Doron Rabinovici, Mignon „schrieb gegen die Ausmerzung an. Sie verschrieb sich der Erinnerung. Sie leistete Widerstand gegen ein Verbrechen, das ihr absprach, ein Mensch zu sein. Sie blieb Subjekt ihrer eigenen Geschichte.“ (S. 467) Wie Mignon verfassten auch andere jüdische Erwachsene und Jugendliche Tagebücher, in Wien zum Beispiel sind aber nur wenige dieser Tagebücher erhalten geblieben. Einige Überlebende verwendeten ihre Tagebuchaufzeichnungen später für die Abfassung ihrer Autobiografien.[1]

Der Kontakt mit Überlebenden und Bekannten von Mignon in den USA, in Kanada, in Großbritannien, in Österreich und in Israel hatte für ihren Sohn George, aber auch für Elisabeth Fraller eine wichtige Funktion bei der Bearbeitung des Materials. Er führte nicht nur zur Erschließung weiterer wichtiger Quellen, sondern auch zur Erklärung mancher Tagebucheinträge. Ein Patient Mignons im Kinderspital und –heim in Wien war Robert Soël: unter diesem Namen überlebte der Schriftsteller Robert Schindel als Kleinkind. Namen und Schicksal einer seiner Retterinnen erfuhr Schindel erst durch die Entstehung dieses Buches (S. 6f.). Die Aufzeichnungen von Mignon bieten auch wichtige Einblicke in Bezug auf andere Überlebende in Wien, zum Beispiel Sofie und Josef Löwenherz, der Leiter des Ältestenrates in Wien (S. 425). Mignon verteidigte Löwenherz zu Recht gegen Angriffe, dass er ein Kollaborateur und für die Deportation und Ermordung der Wiener Juden mitverantwortlich gewesen wäre.[2]

An zwei Stellen bietet das Buch einen Einblick in Familienkonflikte, die im Rahmen der Emigrationsbemühungen entstanden waren und über die Entfremdung von Mignon und Leo Langnas nach ihrer Wiedervereinigung in New York (S. 63f. und S. 460). Da Konflikte dieser Art in vielen Familie vorkamen, stellt sich die Frage, ob Stellen, die sich kritisch mit der Familie auseinander setzten, in der Edition ausgeklammert wurden, wie seinerzeit beim Tagebuch von Anne Frank.[3]

Die Briefe und Tagebuchaufzeichnungen von Mignon Langnas, ihren Verwandten und ihren Freunden sind eingebettet in eine historische Einleitung und Ergänzungstexte zum besseren Verständnis der autobiografischen Texte. Die historische Einleitung bemüht sich, einen Überblick zu geben und die Familiengeschichte vor 1938 konzise zu kontextualisieren. In manchen Bereichen greifen die Ergänzungstexte allerdings zu kurz, wenn zum Beispiel die Pogrome in Polen und der Ukraine nach dem Ersten Weltkrieg nicht erwähnt werden, sondern nur auf eine blutige Auseinandersetzung um Territorium hingewiesen wird.[4]

Die Familien von Mignon und Leo Langnas stammten aus diesem Gebiet, Mignon aus Boryslaw und Leo aus Lemberg. Sie übersiedelten während des Ersten Weltkrieges bzw. aufgrund der Pogrome in der Nachkriegszeit nach Wien. Das Traditions- und Religionsbewusstsein der Familien findet sich in den Briefen der Verwandten und den Tagebucheinträgen von Mignon, in denen nicht nur religiöse Feste erwähnt, sondern auch religiös konnotierte hebräische Abkürzungen verwendet werden. In ihrem Testament mahnte Mignon ihren Mann, „Leochen: bitte, die Kinderchen erziehe jiddisch. Schau darauf.“ (S. 354) Fraller versucht diesem Umstand in der Texttranskription Rechnung zu tragen und gibt die hebräischen Ausdrücke mit Erklärungen wieder.

George Langnas und Elisabeth Fraller wollten mit diesem Buch das Leben von Mignon Langnas während der Shoah in Wien rekonstruieren und anhand ihres Schicksals die Familiengeschichte erzählen. Das Buch ist ein eindrucksvoller Beweis ihrer einfühlsamen und umsichtigen Arbeit. Auffallend ist auch die sorgfältige Bearbeitung durch den Verlag, das ansprechende Layout und die bestechende Widergabequalität der vielen Fotos, die der sprachlichen Darstellung eine visuelle Erzählebene hinzufügen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Elisabeth W. Trahan, Geisterbeschwörung. Eine jüdische Jugend im Wien der Kriegsjahre, Wien 1996.
[2] Vgl. Doron Rabinovici, Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938-1945. Der Weg zum Judenrat, Wien 2000.
[3] Marion Siems, Erläuterungen und Dokumente. Anne Frank, Tagebuch, Reclam, Stuttgart 2003, S. 76-79.
[4] Aufgrund der umfangreichen Literatur zu Pogromen in Polen und der Ukraine wird auf einzelne Hinweise verzichtet, ausgenommen eine zeitgenössische Publikation: Josef Bendow, Der Lemberger Judenpogrom. November 1918 – Jänner 1919, Wien 1919.

Zitation
Dieter J. Hecht: Rezension zu: Fraller, Elisabeth; Langnas, George (Hrsg.): Mignon. Tagebücher und Briefe einer jüdischen Krankenschwester in Wien 1938-1949. Innsbruck  2010 , in: H-Soz-Kult, 14.06.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16343>.
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Veröffentlicht am
14.06.2011
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