I. Schröder: Räumliche Ordnungen Afrikas und Europas

Titel
Das Wissen von der ganzen Welt. Globale Geographien und räumliche Ordnungen Afrikas und Europas 1790–1870


Autor(en)
Schröder, Iris
Erschienen
Paderborn 2011: Schöningh
Umfang
416 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Hofmeister, Institut für Physische Geographie, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Die Geschichte der eigenen Disziplin scheint unter den zahlreichen und vielfältigen Subdisziplinen der heutigen wissenschaftlichen Geographie nur eine untergeordnete Rolle zu spielen, weshalb jede neue Publikation auf dem Gebiet der Disziplingeschichte der Geographie besondere Aufmerksamkeit verdient. Das Bemerkenswerte an der vorliegenden Veröffentlichung ist, dass sie von einer Neuzeithistorikerin vorgelegt wurde. Die Arbeit von Iris Schröder beschäftigt sich mit der geographischen Wissensproduktion im Zeitraum von 1790 bis 1870. Dieser Zeitabschnitt wurde gewählt, weil er sowohl aus wissenschaftsgeschichtlicher als auch aus weltpolitischer Sicht eine Zeit des Umbruchs darstellt, in der die Weichen für die moderne Geographie als eigenständige Wissenschaft gestellt wurden. Hierfür hat Schröder geographische Betrachtungen der Welt, insbesondere aber Betrachtungen Afrikas und Europas, anhand entsprechender schriftlicher Überlieferungen aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien analysiert.

Einer der Schwerpunkte der Arbeit liegt auf dem Wirken der geographischen Gesellschaften, wobei jene aus Berlin, London und Paris ausführlich unter die Lupe genommen werden. Die Mitglieder und die aktiven Forschenden waren zum Großteil keine „Berufsgeographen“, sondern hauptsächlich Bürger der Oberschicht mit einem gesteigerten Interesse an Wissenschaften. Wenn auch jede dieser drei Gesellschaften ihr eigenes, charakteristisches Profil hatte, so kam es dennoch zu einem fachlichen Austausch über die Ländergrenzen hinweg, da in der Anfangszeit des untersuchten Zeitraumes die geographische Forschung noch durch eine weltbürgerliche Haltung geprägt war. Darüber hinaus bildeten die geographischen Gesellschaften Netzwerke und trugen durch Publikationen und Forschungsreisen entschieden mit dazu bei, dass die Geographie allmählich in den Rang einer eigenständigen Wissenschaft erhoben werden konnte.

Ein weiterer Abschnitt beschäftigt sich mit den Bemühungen, eine Systematik für die Geographie zu schaffen. Mit der wachsenden Bedeutung der Forschungsreisen und den daraus resultierenden geographischen Landesbeschreibungen fremder Regionen traten zunehmend Probleme bezüglich der Vergleichbarkeit der Ergebnisse auf. Es gab zunächst keine einheitlichen Maße und auch geographische Begriffe waren nicht eindeutig definiert. „Was also war überhaupt ein ‚Berg‘? Was war ein ‚Gebirge‘?“ (S. 89) Fragen dieser Art mussten nicht nur innerhalb des eigenen Sprachraumes, sondern auch bei der Übersetzung geographischer Werke in andere Sprachen gestellt werden. Eine Systematisierung geographischer Beschreibungen und Arbeitsmethoden erschien daher unumgänglich, um der Geographie zum nötigen Maß an Wissenschaftlichkeit zu verhelfen. Hierzu haben außerdem Fortschritte auf dem Gebiet der Kartographie erheblich beigetragen.

Zeitgenössische Karten zeigten jedoch sehr deutlich den Mangel geographischer Kenntnisse über Teile der Welt auf, da sie noch die sprichwörtlichen „weißen Flecken“ enthielten, was insbesondere auf die Afrikakarten zutraf. Schröder hat daher die geographischen Erforschungen und Beschreibungen Afrikas als wichtigen Schwerpunkt ihrer Arbeit gewählt, da die anstehende geographische Erfassung Afrikas eine Bewährungsprobe für die sich entwickelnde, moderne Geographie darstellte. „Die beispielgebende Markierung ‚weißer Flecken‘ in der zeitgenössischen Afrikakartographie bot einen zuvor nicht da gewesenen Anreiz, den Kontinent zu erkunden und zugleich geographisch zu füllen.“ (S. 262) So beschreibt Schröder die Erforschung Afrikas als ideale Chance für die „Neuerfindung“ der Geographie. Die Vorbereitung und Durchführung der verschiedenen Forschungsreisen in das unbekannte Innere des afrikanischen Kontinents und die daraus resultierenden Publikationen werden anhand zahlreicher Beispiele ausführlich vorgestellt. Da bisher lediglich die afrikanischen Küstenregionen erschlossen waren, existierten über die geographischen Verhältnisse im Inneren des Kontinents nur Vermutungen und Hypothesen, die sich in bereits bestehenden geographischen Erdbeschreibungen und Karten manifestiert hatten und einer Korrektur unterzogen werden mussten. Die Feldforschungen ermöglichten schließlich, ein wissenschaftlich exakteres Bild afrikanischer Regionen nachzeichnen zu können. Somit haben die Ergebnisse dieser Feldarbeiten auf unbekanntem Terrain nicht nur die Methodik geographischer Forschungen, sondern auch die Raumwahrnehmungen nachhaltig verändert.

Der Abschnitt über die geographische Erforschung Afrikas mag dem Leser zunächst möglicherweise als etwas zu umfangreich erscheinen, da insbesondere einige darin vorgestellte Beispiele für Forschungsreisen sehr detailreich geschildert werden. Nach der Lektüre des kompletten Werkes sollte jedoch deutlich werden, dass die Afrikaforschung zwischen dem späten 18. und dem späten 19. Jahrhundert ein äußerst wichtiges Experimentierstadium für die Professionalisierung geographischer Forschung darstellt und daher die besondere Aufmerksamkeit für diesen Themenbereich gerechtfertigt erscheint. Schröder gelingt es, das wissenschaftliche Interesse an der Erforschung Afrikas in den Mittelpunkt zu stellen, ohne dabei den Einfluss imperialistischer Bestrebungen und eurozentristischer Sichtweisen auf diese Forschungsvorhaben zu vernachlässigen. Somit kommt die zwiespältige Rolle der Geographie in diesem Zeitabschnitt zur Geltung: Sie vermochte es einerseits räumliche Wissenslücken in einem sehr hohen Maß zu füllen und dabei zu einem verbesserten Raumverständnis beizutragen. Andererseits erwies sie sich, insbesondere im späten 19. Jahrhundert, für die expansive Politik europäischer Großmächte als nützlich.

Dass politische Einflüsse auch ein Hindernis für die Forschung der sich entfaltenden geographischen Wissenschaft darstellen konnten, wird insbesondere im Abschnitt über die geographische Erforschung Europas verdeutlicht. Im Gegensatz zur Afrikaforschung gewährte Europa aufgrund des zunehmend konkurrierenden Verhaltens der erstarkenden Nationen weniger Freiheiten für geographische Fragestellungen. „Während die Verkehrsrevolution die europäischen Länder physisch gleichsam näher gebracht hatte, verstärkten sich im gleichen Zeitraum in Zusammenhang mit den aufstrebenden Nationalbewegungen gegenläufige Abgrenzungstendenzen.“ (S. 215f.) So äußert Schröder sich zur widersprüchlichen Situation, in der sich die Grundlagen zur Durchführung innereuropäischer Forschungsreisen deutlich vereinfacht hatten, aber die ursprüngliche weltbürgerliche Einstellung, die noch in den Anfangszeiten der geographischen Gesellschaften vorherrschte, allmählich zurückgedrängt wurde. Dementsprechend enthalten geographische Beschreibungen Europas aus diesem Zeitraum häufig Hervorhebungen oder Vernachlässigungen ausgewählter Länder und Regionen, abhängig vom jeweiligen nationalen Blickwinkel. Darüber hinaus charakterisierten Diskussionen über die Außengrenzen Europas und über „natürliche Grenzen“ die europäischen Raumvorstellungen dieser Zeit. Ebenso wurden die Regionen in der Peripherie Europas von der geographischen Forschung vernachlässigt, da man diese nur als Durchgangsregionen auf dem Weg zu außereuropäischen Forschungszielen betrachtete. Die nationalen Gegensätze im Europa des 19. Jahrhunderts wirkten sich schließlich auch auf die Wahl der wissenschaftlichen Fragestellungen aus. Während bei der Erkundung Afrikas die Naturräume im Vordergrund standen, dominierten in der innereuropäischen, geographischen Forschung politisch-kulturelle Fragestellungen.

Iris Schröder hat mit ihrer in einem gut verständlichen Stil geschriebenen Arbeit einen äußerst wertvollen Beitrag zur Disziplingeschichte der Geographie geleistet. Nicht nur das umfangreiche Literatur- und Quellenverzeichnis weist auf ein tief greifendes Studium zeitgenössischer Überlieferungen hin. Zahlreiche Originalzitate aus geographischen Publikationen des Untersuchungszeitraumes gewähren einen authentischen Einblick, wie sich Raumwahrnehmungen in diesem Zeitabschnitt entwickelt haben. Ihre Arbeit behandelt zwar trotz ihrer Detailfülle nur Teilaspekte der Wissenschaftsgeschichte der Geographie, allerdings wird deutlich herausgearbeitet, wie bedeutend und entscheidend diese ausgewählten Aspekte für die Professionalisierung der Geographie waren. Darüber hinaus ist dieses Werk von bemerkenswerter Aktualität, da ein Pluralismus der Raumvorstellungen und Raumkonstruktionen auch in der heutigen geographischen Forschung vorzufinden ist. Damals wie heute ist gültig, dass es eine Vielzahl von Geographien, aber nicht „die Geographie“ gibt. Es regt darüber hinaus dazu an, die geographischen Fragestellungen und Raumvorstellungen der heutigen Zeit im Hinblick auf eine mögliche Beeinflussung durch den politisch-kulturellen Zeitgeist kritisch zu reflektieren. Daher sei insbesondere wissenschaftlich arbeitenden Geographen, welche zumindest über Grundkenntnisse der Geschichte ihrer eigenen Disziplin verfügen, die Lektüre dieser Arbeit ausdrücklich empfohlen, die eine ideale Ergänzung zu bestehenden einführenden Werken der geographischen Disziplingeschichte darstellt.

Zitation
Johannes Hofmeister: Rezension zu: : Das Wissen von der ganzen Welt. Globale Geographien und räumliche Ordnungen Afrikas und Europas 1790–1870. Paderborn  2011 , in: H-Soz-Kult, 07.06.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16351>.