R. Meiwes: Katharinenschwestern

Titel
Von Ostpreussen in die Welt. Die Geschichte der ermländischen Katharinenschwestern (1772-1914)


Autor(en)
Meiwes, Relinde
Erschienen
Paderborn 2011: Schöningh
Umfang
264 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nicole Priesching, Katholische-Theologische Fakultät, Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Die vorliegende Studie behandelt die Geschichte der Kongregation der „Schwestern von der heiligen Katharina“ im Zeitraum von 1772 bis 1914. Sie schließt damit chronologisch an die Dissertation von Barbara Gerarda Śliwińska an, welche die Jahre von der Gründung (1571) bis 1772 aufgearbeitet hat.[1] Zur Vorgeschichte: Zusammen mit einigen Freundinnen suchte die bürgerliche Regine Protmann (1552-1613) nach einer neuen Lebensform unter dem Dach der katholischen Kirche. Sie traten nicht in ein Kloster ein, was strenge Klausur bedeutet hätte, sondern sahen ihren Platz von Anfang an in der Pfarrgemeinde. Das Ergebnis war 1571 die Gründung einer Frauenkongregation im ermländischen Braunsberg. Es folgten Niederlassungen in Wormdritt (1583), Heilsberg (1587) und Rössel (1593). Nach ihren Regeln von 1583 und 1602 versuchten die Frauen religiöse Kontemplation und apostolisches Wirken in der Gemeinde miteinander zu verbinden. Analog zu den Jesuiten in Braunsberg, die Jungen unterrichteten, boten sie eine Schule für Mädchen an. Außerdem widmeten sie sich Handarbeiten (zum Beispiel der Herstellung von Messgewändern und Kerzen) und sammelten Almosen. Sie gehören damit zu den frühneuzeitlichen Frauengemeinschaften, die sich dem Klausurzwang des Trienter Konzils entziehen konnten. Bereits Anne Conrad hat in ihrer wegweisenden Arbeit zu den katholischen Reformbewegungen im 16. und 17. Jahrhundert darauf hingewiesen, welche Bedeutung den Katharinenschwestern als erste päpstlich anerkannte Frauenkongregation in der Kirchengeschichte zukommt.[2] Sie stehen in einer Traditionslinie mit den „Ursulinen“, der „Congregation de Notre Dame“ und den „Englischen Fräulein“.

Vor diesem Hintergrund, der im ersten Kapitel skizziert wird, gliedert sich die vorliegende Darstellung entlang von fünf Zäsuren, denen jeweils ein Kapitel gewidmet ist: Die erste Zäsur (Kapitel 2) stellt das Jahr 1772 dar, als das Fürstbistum Ermland im Zuge der Teilung Polen-Litauens von Friedrich II. annektiert wurde. Die preußische Regierung gestattete ein Leben in einer religiösen Frauengemeinschaft nur dann, wenn die Frauen zu schwerer körperlicher Arbeit ungeeignet waren, keine Kinder bekommen konnten oder kränklich, also von „geringem Nutzen“, waren (S. 44). Konkret bedeutete dies, dass der Kreisphysikus den Frauen bescheinigen musste, dass sie aus gesundheitlichen oder psychischen Gründen nicht zur Ehe fähig waren.

Nach 1772 entstanden erste protestantische Gemeinden und in nahezu allen ermländischen Städten Schulen, die von evangelischen Jungen und Mädchen gemeinsam besucht wurden. Im Gegensatz dazu gab es auf katholischer Seite im Ermland 1802 nur drei Mädchenschulen, nämlich die der Katharinenschwestern in Braunsberg, Wormdritt und Heilsberg. Damit zeigt die Studie, dass die Rede von einem katholischen Bildungsdefizit im 19. Jahrhundert von dem Opferdiskurs der katholischen Kirche angesichts der Säkularisation zu lösen ist. Trotz der Ausweisung der Jesuiten ab 1773 und den Beschränkungen von Seiten des Staates wirkte sich der hohe Stellenwert, den die protestantische Regierung der Bildung einräumte, insgesamt auch auf katholischer Seite stimulierend aus. Der Mangel an Schulen und Lehrern wurde als Problem erkannt und sowohl von protestantisch-staatlicher als auch von katholisch-kirchlicher Seite gab es Lösungsvorschläge und neben den Konflikten auch Förderung und Kooperation. Die Katharinenschwestern, die hier aus eigenem Antrieb eine Vorreiterrolle einnahmen, konnten davon profitieren und den Prozess mitgestalten.

Eine zweite Zäsur (Kapitel 3) bilden die 1820er- und 1830er-Jahre, weil hier die politische Lage in Preußen durch Reformen geprägt war. So ist ab 1820 eine Konzentration auf eine verbesserte Bildung der Lehrerinnen und auf den Ausbau der Mädchenbildung festzustellen. Es ist ein Verdienst von Relinde Meiwes, diesen Wandel nicht mehr in einer hierarchiezentrierten Perspektive allein auf den Bischof, Joseph von Hohenzollern, zurückzuführen, sondern den Anteil der beteiligten Frauen angemessen zu würdigen. Der Bischof erkannte, dass ohne Bildungsmöglichkeiten für Mädchen Veränderungen im religiösen Bewusstsein der Bevölkerung nicht erreichbar waren. Zudem war ihm bewusst, dass religiöse Gemeinschaften ihre Nützlichkeit für die Gesellschaft nachweisen mussten, um bestehen zu können. Das apostolische Modell der Katharinenschwestern hatte Zukunftspotential, das im Zusammenspiel von kirchlichen und städtischen Behörden genutzt werden konnte. Die Kongregation legte nun in vier Städten des Ermlandes die Grundlage für eine spezifische Mädchenbildung. Gleichzeitig erhielten Frauen eine Chance, als Lehrerinnen zu arbeiten. Für die Frauen stellte diese Entwicklung auch eine Herausforderung für ihr gemeinschaftliches Leben dar, da die Lehrschwestern durch Vergünstigungen aus dem Konvent herausgelöst wurden. Auch der Bischof schien mit seinen Anforderungen an die Kongregation den religiösen Belangen der Schwestern eine eher untergeordnete Rolle zuzusprechen. Im Sog der religiösen Erneuerung seit den 1830er-Jahren änderte sich das und die Schwestern suchten wieder verstärkt nach ihren religiösen Wurzeln.

Eine dritte Zäsur (Kapitel 4) stellt die Zeit der 1850er- und 1860er-Jahre dar, in der die Frauenkongregation expandierte. Dieser Aufbruch war begleitet von einer inneren Reform, die sich in einer Revision der Regel von 1602 ausdrückte. Der Taufname wurde nun bei Eintritt durch einen Klosternamen ersetzt. Jeder Konvent bekam einen Hausgeistlichen. Erst 1870 wurde für die Frauen eine Kopfbedeckung („Schleier“) eingeführt. Solche Regelungen waren für die neuen Frauenkongregationen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreich in Europa entstanden, durchaus üblich (S. 124). Hier ist bemerkenswert, dass das Semireligiosentum der Kongregationen mit den Insignien einer Verklösterlichung expandierte. Sie waren attraktiv, da sie Frauen in der Übergangsphase zur modernen Industriegesellschaft einen Platz im Berufsleben boten, der ihnen sonst versperrt blieb. Gleichzeitig wurde von ihnen freilich die Unterordnung unter eine männliche Obrigkeit verlangt. Leider fehlen biographische Zeugnisse der Schwestern, die Auskünfte darüber geben könnten, wie die Anforderungen von Beruf und kontemplativen Leben wahrgenommen wurden. Dadurch bietet sich ein weitgehend konfliktfreies Bild, das trügerisch sein könnte. Die Regelrevision weist darauf hin, dass die Verbindung von „via contemplativa“ und „via activa“ in der Praxis schwierig auszutarieren war. Die Lehrerinnen sollten nun wieder stärker in die Gemeinschaft integriert werden. War das ein Wunsch dieser Lehrerinnen selbst? Wie intensiv muss eine Gemeinschaft in gemeinsamen Gebetszeiten verbunden sein, um sich als „Gemeinschaft“ zu fühlen? Was bedeutete dieser Prozess für Entfaltungsmöglichkeiten zwischen Anpassung und Individualität? Es gehört zu den Stärken der Arbeit, dass sie den Blick auf solche Fragen lenkt, auch wenn sie aufgrund der Quellenlage kaum zu beantworten sind.

Bis 1871/72 gelang es den Katharinenschwestern, das Ermland mit vierzehn Mädchenelementarschulen (und einer für höhere Töchter) auszustatten. Daneben erfuhr die Krankenpflege eine Aufwertung. Als Reaktion auf eine verstärkte Nachfrage entstand 1870 ein erstes Krankenhaus in Rössel. Die Mitgliederzahlen waren von 79 im Jahre 1854 auf 187 im Jahr 1873 gestiegen. Mit dem Kulturkampf setzt die vierte Zäsur (Kapitel 5) ein. Plötzlich stand die Unterrichtstätigkeit zur Disposition und es musste ein Existenzkampf geführt werden. Die Schwestern reagierten, indem sie ihr Engagement zunehmend auf die Krankenpflege verlagerten und außerhalb Preußens nach neuen Wirkstätten suchten. Relinde Meiwes gelingt es die Kulturkampfphase nicht nur in der üblichen Memoria einer Bedrohung wiederzugeben. Sie betont vielmehr, dass man die Geschichte auch anders erzählen kann: „Im Kulturkampf mobilisierte die Gemeinschaft ihre Kräfte und ihr gelang ein dynamischer Neuanfang“ (S. 159).

Dieser Neuanfang nach dem Kulturkampf bis 1914 bildet die fünfte Zäsur (Kapitel 6). Die Kongregation hatte sich behaupten können und die Zahl der Mitglieder stieg bis 1914 fast um das Dreifache an. Die Spezialisierung auf die Krankenpflege erwies sich als Segen, da die Nachfrage mit der Einführung der Krankenversicherung in den 1880er-Jahren enorm stieg. Wieder waren die Katharinenschwestern ganz vorne dabei. Auch der Blick nach außen wurde wegweisend. In den 1890er-Jahren gingen die ersten Schwestern in die Mission nach England und Brasilien. Bis 1914 kamen 118 Schwestern allein nach Brasilien und versuchten die Bevölkerung ultramontan zu erziehen (vgl. S. 178). Abgeschlossen wird die Darstellung durch das Beispiel der tatkräftigen Schwester Maria Glaw (1844-1910), welche die Entwicklungen in Kulturkampf, Aufbruch und Mission miterlebte und mitbestimmte.

Insgesamt handelt es sich um eine lesenswerte Arbeit, die für die Geschichte Ostpreußens, der Mädchenbildung, der Frauenkongregationen und der Mission von großer Relevanz ist. Die Katharinenschwestern stehen für eine Erfolgsgeschichte angesichts der verschiedenen Herausforderungen, welche die katholische Kirche und darin besonders die religiösen Gemeinschaften zwischen Säkularisation und Erstem Weltkrieg im Zuge des ökonomischen und gesellschaftlichen Wandels zu bestehen hatten. Während sie als Kongregation im Ermland anfangs noch über Alleinstellungsmerkmale verfügten, sind sie ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein typisches Beispiel für den „Frauenkongregationsfrühling“, wie ihn Relinde Meiwes bereits in ihrem grundlegenden Buch „Arbeiterinnen des Herrn“ analysiert hat.[3] Es gelingt ihr hervorragend die Kongregation als Ganze im Blick zu behalten und zu würdigen, die mehr ist als die Summe ihrer Niederlassungen. Für die zukünftige Erforschung der Frauen- und Klostergeschichte des langen 19. Jahrhunderts ist das vorliegende Werk unverzichtbar. Zahlreiche Abbildungen und Tabellen tragen zur weiteren Übersichtlichkeit des gut zu lesenden Buches bei.

Anmerkungen:
[1] Barbara Gerarda Śliwińska, Geschichte der Kongregation der Schwestern der heiligen Jungfrau und Martyrin Katharina. 1571-1772, Münster 1999.
[2] Anne Conrad, Zwischen Kloster und Welt. Ursulinen und Jesuitinnen in der katholischen Reformbewegung des 16./17. Jahrhunderts, Mainz 1991.
[3] Relinde Meiwes, „Arbeiterinnen des Herrn“. Katholische Frauenkongregationen im 19. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2000.

Zitation
Nicole Priesching: Rezension zu: : Von Ostpreussen in die Welt. Die Geschichte der ermländischen Katharinenschwestern (1772-1914). Paderborn  2011 , in: H-Soz-Kult, 02.11.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16357>.