L. Ciompi u.a.: Gefühle machen Geschichte

Cover
Titel
Gefühle machen Geschichte. Die Wirkung kollektiver Emotionen - von Hitler bis Obama


Autor(en)
Ciompi, Luc; Endert, Elke
Erschienen
Göttingen 2011: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
272 S.
Preis
€ 19,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Pascal Eitler, Forschungsbereich "Geschichte der Gefühle", Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin

Vor gut zehn Jahren pries Hans-Ulrich Wehler in einem wenig rezipierten Aufsatz die Arbeiten des Psychiaters Luc Ciompi als einen vielversprechenden Zugang zu einer Geschichte der Gefühle.[1] Den allermeisten Historikerinnen und Historikern dürfte Ciompi damals gänzlich unbekannt gewesen sein. Wehler betonte nachdrücklich, dass diese Arbeiten überaus anschlussfähig seien für die aus historischer Perspektive diesbezüglich maßgeblichen Deutungsangebote von Pierre Bourdieu oder – man höre und staune – Michel Foucault. Sein großes Lob für Ciompi bezog sich dabei vor allem auf dessen systematisierendes Hauptwerk zur „Affektlogik“ von 1997.[2]

Knapp 15 Jahre später liefert Ciompi nun in Zusammenarbeit mit der Soziologin Elke Endert einige empirische, teilweise historische, teilweise gegenwartsbezogene Fallstudien zur „Affektlogik“ nach – „von Hitler bis Obama“, so der reißerische Untertitel. Mit der Anschlussfähigkeit dieser Fallstudien, sei es an Bourdieu, sei es an Foucault, ist es jedoch nicht wirklich gut bestellt. Der Band bringt die soziologische oder historische Forschung leider nicht voran.

Ciompi und Endert schicken ihren Fallstudien eine verständlich formulierte und angemessen kurze Einführung in die „Affektlogik“ voraus, stets auf der Suche nach allgemeinen Entwicklungen und generalisierbaren Mechanismen in der Geschichte der Gefühle. Sehr zu begrüßen ist es, dass die disziplinären Bezugspunkte der folgenden Argumentation dabei klar benannt werden: Im Zentrum des Interesses stehen die so genannte allgemeine Systemtheorie und die daraus hervortretende Chaostheorie, flankiert von neurowissenschaftlichen und entwicklungspsychologischen Überlegungen und Untersuchungen zur Vernetzung des menschlichen Gehirns.

Dankenswerterweise schrecken Ciompi und Endert nicht – wie oft üblich – vor einer Definition von Emotionen zurück, nur fällt diese Definition reichlich schwammig aus: Emotionen werden als „körperlich-seelische Zustände mit bestimmten verhaltensregulierenden Funktionen und energetischen Wirkungen“ begriffen (S. 22), als „biologisch verankerte Energien“ (S. 30). Im Mittelpunkt stehen dabei Überlegungen zu emotionalen Ungleichgewichten, Regelkreisläufen und zur Spannungsableitung, die letztlich in einem wenig originellen Dampfkesselmodell der Gefühle aus dem 19. Jahrhundert wurzeln. Diese aufgestauten oder wieder abgeführten „Energien“ ließen sich auf der individuellen Ebene ebenso beobachten wie auf der kollektiven, und vor allem auf dieser Ebene – das habe bereits Gustave Le Bon gezeigt – entfalteten sie ihre ganze Macht: Emotionen, so die ebenso kühne wie wenig aussagekräftige Behauptung, seien „die treibenden Motoren und Organisatoren hinter allem sozialen Geschehen“ (S. 44).

Die Wirkmächtigkeit von Gefühlen dergestalt zu überfrachten widerspricht jedoch nicht nur der zu Beginn des Buches zu Recht betonten Auffassung, es sei innerhalb der neueren Forschung kaum noch üblich und auch wenig sinnvoll, zwischen Gefühlen und Denken strikt zu unterscheiden oder gar zu hierarchisieren. Die Überschätzung „biologisch verankerter Energien“ verdeutlicht zudem das entscheidende Problem des gesamten Buches: Die kenntnisreichen Erläuterungen zum angeblich „fraktalen“ Charakter der Gefühle, zu Bifurkationen und Schmetterlingseffekten, zur Homöostase oder neuronalen Plastizität des Gehirns können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ciompi und Endert letztlich eher fragwürdige Gemeinplätze unterbreiten. Da „höhlt steter Tropfen den Stein“, und ein Tropfen „bringt das Fass zum Überlaufen“; das Kleinste ist „immer wieder im Größten und das Größte im Kleinsten enthalten“ (S. 31f.). Eine solche Form der vermeintlich allgemeinen Systemtheorie bewegt sich oft an der Grenze zu einem esoterisch anmutenden Ganzheitlichkeitsphantasma.

Aus historischer Perspektive produzieren derlei Binsenweisheiten im Verlauf des Bandes eine ganze Reihe von nicht nur erstaunlich undifferenzierten, sondern auch politisch betrachtet problematischen Einschätzungen oder Erklärungsversuchen. So lebe „jedes Volk“ aufgrund seiner spezifischen „Vergangenheit und Erfahrung“ in einer „besonderen affektiv-kognitiven Eigenwelt“ (S. 29). Dementsprechend gelte es zum Beispiel im Falle Westdeutschlands nach 1945 einen „umstandsbedingten plötzlichen (fast) allgemeinen Gesinnungswandel vom Nationalsozialismus zur Demokratie“ zu verzeichnen (S. 37). Der nicht nur an dieser Stelle erkennbare Zug zu groben Vereinfachungen ist alles in allem überaus kontraproduktiv. Im Vergleich hierzu sehr viel differenziertere Analyseangebote wie das der „emotional community“ oder des „emotional regime“ werden schlicht nicht zur Kenntnis genommen.[3]

Die drei Fallstudien zur emotionshistorischen Bedeutung Adolf Hitlers, zum Palästina-Konflikt und zum Verhältnis „des Islams“ zum „Westen“ schreiben diesen simplifizierenden Zug insgesamt fort. Welchen Erkenntnisgewinn birgt es, Hitler wieder einmal als „ausgesprochen emotionalen Menschen“ zu charakterisieren und ihn dabei als „archaisch-infantil“ zu spezifizieren (S. 58)? Und lassen sich die sozialen Strukturen oder die politischen Prozesse, die Herrschaftsverhältnisse und die Massenmorde wirklich maßgeblich auf die „emotionalen Resonanzen“ zwischen Hitler und einem „zutiefst verunsicherten deutschen Volk“ zurückführen (S. 46)? Emotionen werden an dieser Stelle allenfalls noch psychoanalytisch hergeleitet. Sie prägen angeblich entscheidend die Geschichte, brechen hervor und überwältigen massenhaft. Sie besitzen für Ciompi und Endert aber keine Geschichte im engeren Sinne, sie werden nicht gesellschaftlich hergestellt oder gezielt angeeignet, sondern erfahren lediglich eine Evolution im weiteren Sinne – vermeintliche „Grundgefühle“ wie Wut oder Scham können dementsprechend bestenfalls „sinnvoll gezügelt“ werden (S. 246).

Nicht anders verhält es sich beispielsweise mit Blick auf die Behauptung, „die Fühl- und Denkwelt des Islams“ unterscheide sich „grundlegend“ von derjenigen „des Westens“. Erklärt diese Behauptung tatsächlich gegenwärtige Probleme und rassistische Vorurteile, oder reproduziert sie diese nicht eher – wenn auch unbeabsichtigt (S. 145)? Den gerechtfertigten Ansprüchen an eine „shared history“ und eine entsprechend angemessene Berücksichtigung wechselseitiger Austauschbeziehungen vermag der sporadische Blick auf eine vermeintlich „einmal in Gang gekommene Angst-, Wut- und Hassspirale“ (S. 172) jedenfalls nicht zu genügen.

So erkennbar sich Ciompi und Endert auch um angeblich neuartige Antworten auf grundlegende Fragen bemühen – ihre Diskussionsangebote eröffnen der soziologischen oder historischen Forschung insgesamt keine aussichtsreichen Wege. Gefühle werden in diesem Buch fast durchgehend als natürliche Ressourcen essenzialisiert und können daher im Rahmen der hier entfalteten „Affektlogik“ nicht als soziale Praktiken konsequent historisiert werden. Neuere Arbeiten zur Geschichte der Gefühle finden dementsprechend keinerlei Berücksichtigung.[4]

Anmerkungen:
[1] Hans-Ulrich Wehler, Emotionen in der Geschichte. Sind soziale Klassen auch emotionale Klassen?, in: ders., Umbruch und Kontinuität, München 2000, S. 251-264.
[2] Luc Ciompi, Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Entwurf einer fraktalen Affektlogik, Göttingen 1997.
[3] Vgl. z.B. Barbara H. Rosenwein, Emotional Communities in the Early Middle Ages, Ithaca 2006; William M. Reddy, The Navigation of Feeling. A Framework for the History of Emotions, Cambridge 2001.
[4] Vgl. z.B. die Forschungsüberblicke bei: Daniela Saxer, Mit Gefühl handeln: Ansätze der Emotionsgeschichte, in: Traverse. Zeitschrift für Geschichte 14 (2007), S. 15-29; Florian Weber, Von der klassischen Affektenlehre zur Neurowissenschaft und zurück. Wege der Emotionsforschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften, in: Neue Politische Literatur 53 (2008), S. 21-42.

Zitation
Pascal Eitler: Rezension zu: : Gefühle machen Geschichte. Die Wirkung kollektiver Emotionen - von Hitler bis Obama. Göttingen  2011 , in: H-Soz-Kult, 19.07.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16395>.