Cover
Titel
Sulla.


Autor(en)
Fündling, Jörg
Erschienen
Umfang
207 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anna Trattner, Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde, Karl-Franzens-Universität Graz

Mit L. Cornelius Sulla bedachte Jörg Fündling eine der komplexesten „Gestalten der Antike“ mit einer Biographie. In insgesamt drei Großkapiteln versucht er, die Persönlichkeit Sullas als Produkt und Schöpfer der untergehenden Republik fassbar zu machen. Im Vorwort (S. 9–11) umreißt Fündling sein Vorhaben, sich Sulla durch eine kritische Betrachtung abseits von Schablonen (Revolutionär oder Reaktionär) und Pauschalurteilen (Generalverteidigung oder Verdammung), aber mit konkreten Meinungen anzunähern, ohne sich auf der bloßen Feststellung von Widersprüchlichkeiten auszuruhen. Gleichzeitig räumt Fündling ein, wie wenig man über Sulla tatsächlich wissen kann, zumal nicht einmal sein Aussehen gesichert überliefert ist.

Der Ausgangspunkt von Fündlings Betrachtungen ist der Leichenzug Sullas („Ein Abschied“, S. 13–15): In düsteren, drückenden Bildern schildert Fündling ein Begräbnis in Purpur und Gold, das eher einem Triumph oder der Grablegung eines Königs gleicht. Die Stimmung wird wie bei Appian (civ. 1,493–1,501) als Mischung aus Angst und Ehrfurcht beschrieben, durch Wortwahl und Bildsprache verleiht Fündling der antiken Beschreibung noch mehr Düsterkeit und Schwere (S. 14).

Die Anfänge Sullas untersucht Fündling im ersten Kapitel „Der Senator“ (S. 17–68). In jedem der folgenden Unterkapitel schildert Fündling zunächst die machtpolitischen Konstellationen der Zeit, wobei das politische Klima durchgängig als gespannt bis eskalierend und im besten Fall wie die trügerische Ruhe vor dem Sturm beschrieben wird. Im Anschluss geht er jeweils auf die verschiedenen Lebensstationen Sullas ein. Ganz in der Tradition der antiken Biographie im Stile Suetons findet sich eingangs ein Überblick zur Familiengeschichte. Kindheit und Jugend Sullas nehmen – entsprechend den wenigen, meist topisch überlagerten Quellenaussagen – nur wenig Platz ein. Den „jungen Sulla“ rekonstruiert Fündling aus dem, was wir über die finanzielle und gesellschaftliche Position der Familie und seine privaten Interessen wissen. Konträre wissenschaftliche Meinungen zu diesem und anderen Punkten führt Fündling in den entsprechenden Endnoten an.

Besonderes Augenmerk legt er auf die frühe Beziehung zwischen Marius und Sulla, wobei er eine von Anfang an ausgeprägte Feindschaft für unwahrscheinlich hält; generell sieht Fündling das politische Handeln Sullas vor allem von pragmatischen Überlegungen geprägt. Nach der Zeit als Militärtribun wird das Durchfallen Sullas bei der ersten Kandidatur um die Prätur und das erfolgreiche Werben beim zweiten Anlauf mit starken Bildern beschrieben – Sulla hätte für das Amt „auch Kreide gefressen“ (S. 45). Eine (quellen)kritisch-sarkastische Betrachtungsweise legt Fündling auch an den Tag, wenn es nach der Schlacht am Vesuv um die überlieferten Opferzahlen geht: „mit zeittypischer Prahlsucht meldete Sulla 50.000 tote Feinde, […]. Noch schöner ist die Behauptung, genau ein Römer sei gefallen“ (S. 60).[1] Die Wahl Sullas zum Konsul nach seiner Rückkehr ist für Fündling eine logische Konsequenz aus dessen Erfolgen und den Erfordernissen der Zeit. Anschaulich und unter Aufzählung aller Handlungsmöglichkeiten schildert Fündling schließlich Sullas Lage nach der geplanten Ablösung durch Marius (S. 67f.). Mit Fokus auf die scheinbar ausweglose Situation Sullas beendet Fündling das Kapitel mit der Feststellung: „Tatsächlich fiel ihm etwas ein: das Undenkbare“ (S. 68).

Das zweite Kapitel („Der Kriegsherr“, S. 69–112) beginnt treffend mit Sullas „Flucht nach vorne“ (S. 69). Nicht nur hier gibt Fündling immer wieder Einblicke in die (mutmaßliche) Gefühlswelt Sullas; so meint er, dass ihm vor seinem Marsch auf Rom „selbst nicht wohl [war] bei dem, was er tat“ (S. 71). Kaum hat Sulla (und der Leser mit ihm) nach beschwerlicher Reise und Ankunft in Rom den ersten Zenit seiner Macht erreicht, folgt in der Darstellung Fündlings umgehend die Peripetie, und die Achterbahnfahrt beginnt: Sulla wurde zum unbeliebtesten Politiker der Stadt, sein Mitkonsul ermordet und Cinna in den Konsulat gewählt. In die Ecke gedrängt warf sich Sulla wieder einmal den Feldherrenmantel über und zog gegen Mithridates und seine Verbündeten, während sich Cinna und Marius der Stadt bemächtigen. Dramatische Bilder zeichnet Fündling bei der Belagerung Athens (S. 81) und den „Säuberungen“ in Rom durch Marius und Cinna (S. 83).

Fündlings romantisch-sarkastische Ader findet beim Friedensschluss mit Mithridates Ausdruck: „Sulla küsste und umarmte ihn. Es war ein magischer Kuss; er machte aus dem Römerschlächter von Ephesos und Räuber ganzer Provinzen König Mithridates, den Freund und Verbündeten des römischen Volkes“ (S. 93). Danach sind die Folgen der römischen Feldzüge für die kleinasiatischen Städte Thema – ein Betrachtungswinkel, der in Rom-zentrierten Studien eher selten gewählt wird. Detailliert schildert Fündling sodann die komplexen Ereignisse bis zu Sullas Einzug in Rom. Fündling zeigt auch hier gerne Parallelen in den Überlieferungen auf, so bei der Flucht des jungen C. Marius über die Mauern von Praeneste: „Das Gemetzel von Sacripontus erinnert verdächtig an den Ausgang von Chaironeia, mit einer Prise Orchomenos beim Angriff auf die Legionäre; sogar der Strick, an dem sich Archelaos hochzog, lag zum Klettern für Marius bereit“ (S. 106). Ein kritischer Blick auf die antiken Darstellungen Sullas ist für Fündling vor allem nach der Schlacht an der Porta Collina gefragt: Unterwegs nach Rom „kreuzte er die unsichtbare Linie, welche die antike Nachwelt – die in Charakterfragen keine Grautöne kennen wollte – zwischen Sulla dem Guten und Sulla dem Bösen zog“ (S. 111).

Im Kapitel „Der Konterrevolutionär“ (S. 113–166) widmet sich der Autor zunächst den sogenannten Proskriptionen und damit auch den Tyrannentopoi, die das Bild des Dictators oftmals prägten. Diese waren für Fündling keineswegs wahllose Gräueltaten, sondern vielmehr kalkulierte politische Signale. Dabei schönt Fündling aber nichts, auch nicht die Tatsache, dass oft das Vermögen ausschlaggebend für einen Platz auf den Listen war und vor allem Sulla, seine Familie und Freunde davon profitierten. Im Folgenden sind die scheinbar in Widerspruch zu seinen Zielen stehenden Maßnahmen Thema, so habe er Sklaven gegen ihre Herren aufgewiegelt, um eine Welt zu schaffen, wo Sklaven nie wieder gegen ihre Herren aufbegehren können (S. 123–125). Im Zuge der erneut aufflackernden Auseinandersetzungen mit Mithridates stellt Fündling Cn. Pompeius und andere „Stützen des Regimes“ (S. 145) näher vor. Die Vielfalt des politischen Lebens im vermeintlich absolut regierten sullanischen Rom zeigt Fündling anhand einiger „erstaunliche[r] Figuren“ (S. 146) wie C. Iulius Caesar auf. Im Anschluss wendet sich Fündling der Familie des Dictators zu. Amüsant ist die Darstellung von Sullas Flirt mit der jungen Valeria, die als seine letzte Ehefrau in die Geschichte einging (S. 147f.). Dann thematisiert Fündling die Frage nach den Beweggründen Sullas für die Niederlegung der Dictatur: Seiner Meinung nach war Sulla tatsächlich bestrebt, den „Normalzustand“ (also eine Senatsherrschaft) wiederherzustellen und dafür auf seine (politische) Vormachtstellung zu verzichten. Den Tod Sullas behandelt Fündling relativ kurz und abseits jeder Tyrannentopik. Das letzte Unterkapitel (S. 156–166) widmet sich den politischen Erben und Nachkommen Sullas. Vor allem die Destruktion des sullanischen Systems, die nach Fündling vor allem Sulla selbst möglich gemacht hatte, ist hier Thema. Abschließend bemerkt Fündling, dass Sulla zu beurteilen weiterhin eine Herausforderung bleiben wird.[2]

Dieser Herausforderung hat sich Fündling mit seiner spannenden Biographie im Rahmen der Möglichkeiten erfolgreich angenommen. Sein Sulla-Bild ist ein facettenreiches, gerade weil er sich sehr kritisch gegenüber den antiken Überlieferungen zeigt, gleichzeitig aber nie in abgehobene Spekulationen abdriftet. Dies sowie der anschauliche Erzählstil machen Fündlings Studie zu einer Bereicherung nicht nur für die Fachwelt, sondern auch für den historisch interessierten Leser.

Anmerkungen:
[1] Vgl. App. civ. 1,50 [217–221]; Eutr. 5,3.
[2] Er schließt sich hier Sen. cons. ad Marc. 12,6 an.

Zitation
Anna Trattner: Rezension zu: : Sulla. Darmstadt  2010 , in: H-Soz-Kult, 27.06.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16494>.
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Veröffentlicht am
27.06.2011
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