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Titel
Nazi Empire. German Colonialism and Imperialism from Bismarck to Hitler


Autor(en)
Baranowski, Shelley
Erschienen
Umfang
368 S.
Preis
£ 17.99
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Susanne Kuß, Historisches Seminar, Universität Freiburg

Die Diskussion über die Frage, warum es unter den west- und mitteleuropäischen Staaten in Deutschland zu einer von singulärer Radikalität und Brutalität gekennzeichneten Diktatur kommen konnte, wird nicht nur von deutschen Historikern geführt, sondern findet weiterhin grenzübergreifendes Interesse. Vor allem angloamerikanische Wissenschaftler sondieren immer wieder die Faktoren, welche die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert geprägt haben. Einen Beitrag zu dieser aktuellen Diskussion liefert die amerikanische Historikerin Shelley Baranowski. Unter Verzicht auf die Erschließung neuer Quellen erklärt sie anhand neuerer Forschungen deutscher, britischer und amerikanischer Provenienz die Entstehung des zwischen 1933 und 1945 existierenden „Dritten Reiches“ (S. 4). Dem im Stil einer Vorlesung verfassten Text sind viele, gut ausgewählte Fotografien beigefügt, welche die Aussagen bildlich verdeutlichen.

Bereits im Titel – „The Nazi Empire“. German Colonialism and Imperialism from Bismarck to Hitler – wird das „Dritte Reich“[1] in einen engen Zusammenhang mit dem 1871 gegründeten deutschen Kaiserreich und der 1918 konstituierten Weimarer Republik gestellt, die laut ihrer Verfassung ebenfalls ein Reich war. Im Unterschied zu dem britischen oder französischen Kolonialreich charakterisierte nach Baranowski ein so genanntes imperialistisches Reich sowohl seine überseeische als auch seine kontinentale Expansion.[2] Zugleich verwahrt sie sich in der Einleitung explizit vor einer allzu simplen Kontinuitätslinie „von Bismarck zu Hitler“ und grenzt sich – in der Tradition von Blackbourn und Eley – auch gegen die These des deutschen Sonderwegs ab.[3] Als das spezifisch Deutsche wird von der Autorin nicht der Genozid, der häufig mit kolonialen Eroberungen verbunden gewesen sei, sondern seine nationalsozialistische Variante gekennzeichnet (S. 7f.). Folglich werden die in Deutschland zu beobachtenden spezifischen Entwicklungskomponenten als deutsche Eigenproblematik zusammengefasst: Expansion, Ideologien, Politik, Kriegserfahrungen und die zwischenstaatlichen Veränderungen werden auf die Projektionsfläche des Reiches bezogen.

Das deutsche Kaiserreich 1871-1918 wird als Reich vorgestellt, das aus eingeschränkt souveränen föderalistischen Staaten mit allerdings sehr unterschiedlichen Diskriminierungspraktiken bestanden habe. Neben der unter Bismarck eingeleiteten Inbesitznahme überseeischer Kolonien werden ausführlich die Germanisierungsversuche in Elsass-Lothringen, in den dänischsprachigen Teilen von Schleswig-Holstein und vor allem in den preußischen Teilen Polens geschildert, bei denen jedoch den Polnisch sprechenden Einwohnern – im Unterschied zu den Einheimischen in den Kolonien – das Wahlrecht zugestanden worden sei. Die von den Alldeutschen vermittelten nationalistisch-aggressiven, antisemitischen, militaristischen, sozialdarwinistischen und imperialistisch-kolonialistischen Ideologien seien nicht grundsätzlich von denen anderer europäischer Länder verschieden gewesen. Kennzeichen des Ersten Weltkrieges waren nach Baranowski die katastrophalen Verluste auf dem Schlachtfeld, die Entbehrungen des Krieges, die Ausrichtung des Militärs nach Osten, die Bildung der Freikorps und schließlich die Niederlage, während die Revolution, die Erniedrigung von Versailles, der Verlust der Kolonien, die Nachkriegsinflation und die Entfremdung ethnischer Deutscher von ihren neuen Nationalstaaten die Weimarer Republik belasteten. Hervorgehoben wird zudem, wie von der deutschen Bevölkerung die Rheinlandbesetzung als eine mit etwa 40.000 schwarzen französischen Soldaten durchgeführte Kolonisierung der „Entente“ aufgefasst worden ist (S. 113f.).

Nach Baranowski traf die Krise der Zwischenkriegszeit ein historisch und strukturell vorbelastetes Land, das dann der Reichsvision des „Dritten Reiches“ und der darin angeblich verwirklichten Volksgemeinschaft verfiel. War das Kaiserreich noch von einer Vielzahl heterogener Gesellschaftsgruppen und deren politischen Zielsetzungen gekennzeichnet, wurden jetzt andere Prioritäten gesetzt: Homogenisierung wurde über Diversität und Lebensraum über den Nationalstaat gestellt. Deutschland sollte weder ein Nationalstaat sein noch sollte Bismarcks Reich wieder hergestellt werden. Vielmehr wurde ein ethnisch einheitliches Reich angestrebt, das langfristig bestehen sollte. Hitlers Imperialismus, der sich nicht nach Übersee, sondern auf den Lebensraum im Osten richtete (S.138f.), wird als eine Mischung von rassischen Säuberungen, kolonialer Expansion, Konter-Revolution gegen jüdischen Bolschewismus und Autarkie dargestellt (S. 142). Baranowski weist darauf hin, dass viele der zwischen 1900 und 1910 sozialisierten Anhänger der Nationalsozialisten nicht am Ersten Weltkrieg teilgenommen haben. Doch Kriegsmythos, Heroismus, Kriegsopfer und der angebliche Verrat durch die republikanische Regierung hätten schließlich dazu beigetragen, einen Politiker wie Hitler populär zu machen (S. 164).

Im Hinblick auf die Kontinuitätsdebatte zur Kriegführung in den Kolonien 1900 bis 1908 und den Vernichtungsfeldzügen 1939 und 1941 stellt Baranowski fest, dass diese Kriege sich in der Gewaltanwendung nicht von denen anderer Staaten unterschieden hätten. Zudem verweist sie auf die Schwierigkeiten, den Hererokrieg als Vorläufer für die genozidalen Praktiken des „Dritten Reiches“ zu kennzeichnen. Beispielsweise seien die von den imperialistischen Mächten angelegten Lager als Orte der Zwangsarbeit und des langsamen Todes Bestandteile einer allgemeinen Erfahrung in der Organisation und der Ausnutzung von Gefangenen gewesen. Doch in Dachau und anderen Konzentrationslagern seien deutsche Bürger und gerade keine „kolonialen Subjekte“ inhaftiert worden (S.181). Demnach seien die Lager im deutschen wie europäischen Kontext der sozialen und politischen Polarisierung von Europa zwischen den Weltkriegen zu betrachten und stellten eher Transformationen als Übernahmen des kolonialen Präzedenzfalles dar. Ebenso wird die im Nationalsozialismus praktizierte so genannte Rassenhygiene – gemeint sind vor allem Zwangssterilisierungen von behinderten Reichsdeutschen – im Zusammenhang mit der kaiserlichen Kolonialpolitik in den Kolonien und in Europa gesehen, ohne jedoch auch in dieser Hinsicht von einer Übernahme zu sprechen (S. 190/191).

Hier allerdings liegt auch das Problem des Buches: Deutsche Kolonial- und Imperialismusgeschichte wird als Teil einer übergeordneten Reichsgeschichte verstanden, doch das Reich bietet nur eine Projektionsfläche, um die Transformationsprozesse vom Kaiserreich zum „Dritten Reich“ zusammenzufassen, ohne hinreichend zu erklären, wie sie abgelaufen sind und wer sie bewirkt hat. Die Schnittstellen zwischen den einzelnen Akteuren, wie Militärs, Missionaren oder Kaufleuten in den Kolonien müssten ebenso genauer untersucht werden wie deren Wirken in Weimar, Einstellungen und Kontakte zu ethnischen Minderheiten oder wie die Verbindungen zwischen den kolonialen Offizieren und deren Karrieren im Nationalsozialismus. Fraglich bleibt auch eine von Baranowski behauptete „Logik“ im Verhalten des deutschen Militärs, das entsprechend seiner Militärkultur immer der Logik der absoluten Zerstörung gefolgt sei (S. 65).[4] Zu fragen ist, ob es tatsächlich das Verhalten der Deutschen war, das einer „Logik“ und damit einem angenommenen Automatismus folgte, oder ob es nicht vielmehr das seit Goldhagen[5] virulente amerikanische Deutschlandbild ist, das an dieser Stelle einer „Logik“ folgt. Obwohl die Autorin Kontinuitäten entrinnen möchte, kommen sie durch solche Formulierungen quasi durch die Hintertüre wieder herein.

Die Studie von Baranowski wirft einen amerikanischen Blick auf die deutsche Geschichte. Ähnlichkeiten mit anderen Ländern werden vielfach angesprochen, um die deutschen Verhältnisse zu erklären. Neu und bereichernd sind vor allem die Bezüge auf die US-Geschichte – wie zum Beispiel den Amerikanischen Bürgerkrieg 1861 bis 1865 oder die Popularität des Konzepts der amerikanischen frontier im Nationalsozialismus. Die Ursachenforschung für extreme Gewaltanwendung im Vergleich mit anderen Nationen und Kriegen, auch den USA, sollte von der Forschung weiter verfolgt werden. Die Analyse von Shelley Baranowski wirkt an manchen Stellen allzu glatt und eindimensional, Transformationsprozesse werden nicht zufriedenstellend dargelegt. Mit dieser Einschränkung stellt das Buch eine lesenswerte Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes zur Kontinuitätsdebatte aus amerikanischer Perspektive dar.

Anmerkungen:
[1] Arthur Moeller van den Bruck, Das Dritte Reich, Berlin 1923 (2. Aufl. 1926).
[2] Edward Ross Dickinson, The German Empire: An Empire? in: History Workshop Journal 66 (2008), S. 129-162; Sebastian Conrad, Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich, München 2006; Philipp Ther, Deutsche Geschichte als imperiale Geschichte: Polen, slawophone Minderheiten und das Kaiserreich als kontinentales Empire, in: Sebastian Conrad / Jürgen Osterhammel, Das Kaiserreich transnational 1871-1914. Deutschland in der Welt, Göttingen 2004, S. 129-148.
[3] David Blackbourn / Geoff Eley, The Pecularities of German History. Bourgeois Society and Polities in Nineteenth–Century Germany, New York 1984; Helga Grebing, Der „deutsche Sonderweg“ in Europa 1806-1945. Eine Kritik, Stuttgart 1986; Kolloquien des Instituts für Zeitgeschichte. Deutscher Sonderweg – Mythos oder Realität?, München 1982; Reinhart Koselleck, Deutschland – eine verspätete Nation? in: Ders., Zeitschichten, Frankfurt am Main 2000, S. 359-380.
[4] Hierzu: Isabel Hull, Absolute Destruction. Military Culture and the Practice of War in Imperial Germany, Ithaca 2005.
[5] Daniel Jonah Goldhagen, Hitler’s Willing Executioners. Ordinary Germans and the Holocaust, London 1996.

Zitation
Susanne Kuß: Rezension zu: : Nazi Empire. German Colonialism and Imperialism from Bismarck to Hitler. Cambridge  2010 , in: H-Soz-Kult, 31.08.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16501>.
Redaktion
Veröffentlicht am
31.08.2011
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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