Cover
Titel
Marcus Antonius.


Autor(en)
Halfmann, Helmut
Erschienen
Darmstadt 2011: Primus Verlag
Umfang
256 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Klingenberg, Historisches Institut, Universität zu Köln

Der Sieger schreibt üblicherweise die Geschichte, und der Unterlegene hat das Nachsehen. Im Fall von Marcus Antonius trifft das in besonderem Maße zu. Im Kampf um die öffentliche Meinung in Rom musste er sich seinem Kontrahenten Octavian, dem späteren Augustus, letztlich bereits zu Lebzeiten geschlagen geben. Mit Antonius’ Ende war für Octavian der Weg zur Alleinherrschaft über das Römische Reich frei, weswegen die Überlieferung ein recht einseitiges Bild von Antonius zeichnet, das bis in die Gegenwart Wirkung zeigt. Der heutige Biograph sieht sich folglich einem erheblichen Problem gegenüber, wenn er hinter dieses Dickicht der überformten Darstellung blicken möchte. Mit dem hier zu rezensierenden Buch möchte Helmut Halfmann gleichwohl den Versuch wagen, „die Schatten über Antonius so weit wie möglich beiseite zu schieben“ (S. 9). Dabei verfolgt Halfmann den wohl einzig gangbaren Weg, nämlich Antonius und sein Handeln im Licht der Zeitumstände zu betrachten und an den damaligen Maßstäben der römischen Oberschicht zu messen, „um Normales und Anormales, Grenzen und Möglichkeiten seines Tuns aufzeigen zu können“ (S. 9f.).

Das erste Kapitel ist dementsprechend dem sozialen und politischen Kontext der ausgehenden Republik gewidmet, in die Marcus Antonius als Spross einer römischen Adelsfamilie geboren wurde. Die Antonii waren in verschiedener Hinsicht an zentralen Ereignissen und Unternehmungen des 2. und 1. Jahrhunderts v.Chr. beteiligt und erlangten so einen besonderen Glanz. Daraus erwuchsen große Erwartungen an den Nachkommen, die noch dadurch gesteigert wurden, dass sein Vater zwar auf Kreta einen, vom Autor wohl zu Recht als mäßig charakterisierten Erfolg errungen hatte, dann aber früh verstarb, und dass sein Onkel in Schande aus dem Senat entfernt wurde.

Erst mit seinen ersten Karriereschritten tritt Marcus Antonius aus dem Dunkel hervor – wie bei den meisten historischen Gestalten der römischen Republik ist über Antonius’ Kindheit und Jugend wenig Sicheres bekannt, daher hält sich Halfmann nicht lange damit auf. Als Reiterführer unter A. Gabinius betrat Antonius erstmals den Osten und konnte sich erste Sporen verdienen. Der Grundstein zu seiner späteren Karriere wurde indes damit gelegt, dass Caesar ihn unter seine Fittiche nahm. Beide waren nicht nur entfernt (über Antonius’ Mutter Iulia) miteinander verwandt, vielmehr hatte Caesar auch unter Antonius’ Vater gedient. Es liegt somit nah zu vermuten, dass Antonius schon vorher mit Caesar persönlich bekannt war (S. 36). Unter dessen Ägide folgten die nächsten Schritte einer Senatorenlaufbahn, die schließlich im Consulat mündete. Halfmann zeigt knapp, aber deutlich, wie Antonius in den Kreis der engeren Vertrauten Caesars aufrückte. Welches Vertrauen der Dictator in Antonius setzte, trat bei der bekannten Episode am Lupercalienfest 44 v.Chr. zutage, als dieser Caesar das königliche Diadem anbot und damit für einen Eklat sorgte. Der Sinn dieser Aktion ist viel diskutiert worden; Halfmann deutet die Sache als eine zwischen den beiden abgesprochene Inszenierung, mit der Caesar die Ablehnung der Königswürde vor den Augen aller demonstrieren wollte (S. 61).

Mit der Ermordung Caesars schlug die Stunde des Antonius. Als amtierender und gegenüber dem nachgewählten Dolabella ranghöherer Consul ergriff er die Initiative und trat zunächst als „Sachwalter von Caesars Erbe“ auf (Kapitel 4). Die von Cicero erhobenen Vorwürfe, Antonius habe bei der Durchsetzung von Caesars nachgelassenen Verfügungen aus Eigennutz einiges dazu erfunden, hält der Autor für wenig glaubhaft (S. 68f.). Er muss aber konzedieren, dass sich Antonius damit die Gelegenheit bot, sich eine Klientel in den Provinzen und in Rom zu schaffen. Um seine Stellung für die Zeit nach dem Ende seines Consulats zu festigen, folgte Antonius immer mehr dem Vorbild Caesars, wie Halfmann herausarbeitet.

Breiten Raum nimmt die Darstellung der Triumviratszeit ein. Auch wenn Halfmann daran gelegen ist, seinem Protagonisten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, verschweigt der Autor nicht die dunklen Kapitel wie etwa die Proskriptionen, mit denen sich das Dreierbündnis von Antonius, Octavian und Aemilius Lepidus ihrer Gegner entledigte. Im Vordergrund steht jedoch das Handeln des Antonius im Osten, das in mancher Hinsicht neu bewertet wird. Seinem eingangs formulierten methodischen Postulat folgend zeigt Halfmann, dass Antonius eine geradlinige, vorausschauende und im Kern sogar erfolgreiche Politik im römischen Sinne betrieben hat. Dass er dabei nicht immer den auftrumpfenden Römer gab, sondern in seinem Auftreten lokalen Gepflogenheiten folgte, spielte aber Octavian weiter in die Hände, der Antonius immer mehr das Bild des Verräters an der römischen Sache anzuheften versuchte. In Halfmanns nüchterner Darstellung haben die bekannten Geschichten um Antonius und Kleopatra keinen Platz, denen er allenfalls als Verzerrung hellenistischer Hofhaltung und Negativdeutung längst in der römischen Oberschicht etablierter Verhaltensmuster einen wahren Kern zubilligt.

Überhaupt entlarvt er viele Schilderungen über den Weg zum Bruch zwischen den Kontrahenten Antonius und Octavian als „nachträgliche Geschichtsinterpretation und -konstruktion“ (S. 185). So erteilt er auch dem auf Plutarch und Cassius Dio beruhenden Bild einer bereits im Jahr 33 v.Chr. verhärteten Konfrontation eine Absage: Mehr „als leere und unglaubwürdige Worthülsen“ (S. 179) bliebe von den Berichten der genannten Autoren in diesem Zusammenhang nicht übrig. Zum Konflikt und wirklichen Bruch kam es nach Halfmann erst 32 v.Chr., als die Amtsgewalt der Triumvirn ausgelaufen war und Octavian alles daran setzte, Antonius beim Senat zu desavouieren. Aber erst die Androhung von Gewalt durch Octavian und die Flucht vieler Senatoren zu Antonius als Reaktion darauf hätten diesen veranlasst, seiner Frau Octavia den Scheidebrief zu schicken, womit er ihrem Bruder Octavian die Freundschaft kündigte. Die Folgen sind bekannt.

In seinem Epilog zeichnet Halfmann noch einmal kurz das Nachleben des Antonius in der frühen Kaiserzeit nach, an deren Ende nur noch das geläufige Zerrbild übrig blieb. Halfmanns Antonius ist hingegen nicht der von seinen Begierden getriebene, verweichlichte Schwächling, sondern ein Mann seiner Zeit. Der abschließenden kontrafaktischen Überlegung Halfmanns, Antonius wäre als erstem ‚Kaiser‘ weit mehr Begeisterung und Zuneigung als Augustus zuteil geworden, wird man zwar nicht unbedingt folgen können. Da der Autor bei aller gezeigten Sympathie für den ‚Helden‘ ansonsten aber durchweg zurückhaltend und mit Bedacht ans Werk geht, ist der im vorliegenden Buch unternommene Versuch, die wahren Züge von Antonius’ Person weitestmöglich offen zu legen, insgesamt als gelungen zu bezeichnen.

Zitation
Andreas Klingenberg: Rezension zu: : Marcus Antonius. Darmstadt  2011 , in: H-Soz-Kult, 04.07.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16539>.
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Veröffentlicht am
04.07.2011
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