Cover
Titel
The Balkans. Revolution, War, And Political Violence Since 1878


Autor(en)
Biondich, Mark
Erschienen
Umfang
384 S.
Preis
€ 46,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Radu Harald Dinu, Stockholm

Überblickswerke zur Geschichte des Balkans sind nicht unbedingt Mangelware auf dem historischen Büchermarkt. Man denke nur an Mark Mazowers, Edgar Höschs oder Barbara Jelavichs Arbeiten, die weit über die Fachgrenzen hinaus rezipiert worden sind.[1] Der in Ottawa lehrende Historiker Mark Biondich, der als Kenner der jugoslawischen Zeitgeschichte gilt, hat nun mit seinem neuesten Buch eine weitere Synthese vorgelegt, die sich in vielerlei Hinsicht mit diesen, mittlerweile als Standardwerke geltenden Arbeiten messen lassen kann. Dabei fällt vor allem der im Untertitel angekündigte Fokus auf Revolution, Krieg und politische Gewalt auf, der verspricht, einen besonders wichtigen Aspekt in den Blick zu nehmen. Zwar ist eine Beschäftigung mit dem Thema Gewalt auf dem Balkan keineswegs neu, allerdings wurde es bislang nur implizit oder zeitlich und regional begrenzt untersucht. Die Schlüsselfrage, die sich bei der Lektüre unweigerlich stellt ist, ob es Biondich gelungen ist, den Blick zu weiten und eine integrierte Gewaltgeschichte des Balkans vorzulegen.

Der Untersuchungszeitraum des in fünf Kapitel gegliederten Buches umfasst die neuere Geschichte der Balkanhalbinsel seit dem Berliner Kongress, wobei der Schwerpunkt erkennbar auf die Entwicklungen des 20. Jahrhunderts gelegt wurde. Den weitgehend chronologisch angelegten Kapiteln wurde eine systematische Einleitung vorangestellt, die sich den Themenfeldern Nationalismus, Modernisierung und Gewalt annimmt. Bereits hier entfaltet Biondich seine zentrales Argument, das sich wie ein roter Faden durch die restlichen Kapitel zieht: Die Annahme einer höheren Gewaltdisposition auf dem Balkan, die durch jahrhundertealte Feindschaften zwischen den Völkergruppen bedingt, und somit unveränderlich sei, könne einer empirischen Prüfung nicht standhalten. Politische Gewalt und ethnische Säuberungen seien keinesfalls balkanspezifisch, sondern vielmehr durch europaweite Modernisierungsprozesse bedingt gewesen, innerhalb derer der exklusive Nationalismus als besonders folgenschwer heraussticht. Genauso wie die „revolutionäre Tradition des Balkans“ in einem weiteren, europäischen Kontext betrachtet werden müsse, möchte der Autor auch den Nationalismus als eine Spielart übergreifender, europäischer Trends verstanden wissen.

Der Aufbau der einzelnen Kapitel orientiert sich an den Nationalgeschichten der einzelnen Balkanländer, wobei vor allem Jugoslawien, Rumänien und Bulgarien im Mittelpunkt stehen, während Albanien und Griechenland lediglich am Rande Beachtung finden. Die politischen Umwälzungen bis zum Vertrag von Lausanne im Jahre 1923 werden im zweiten Kapitel konzise zusammengefasst und mit vereinzelten Episoden gewaltsamer Konflikte verflochten. Allerdings dominiert ein klassisch ereignisgeschichtliches Narrativ, das vor allem an den Ursachen der Gewalt interessiert ist und die großen Linien nachzeichnet. Für eine eingehende Beschreibung und Analyse der Gewalt selbst bleibt nur wenig Platz. Dies gilt auch für die Untersuchung der Massenvertreibungen und der verschiedenen ethnischen Homogenisierungsmaßnahmen in diesem Zeitraum, die sich hauptsächlich in einer quantitativen Betrachtung erschöpft (S. 78f.). Auch so verheerende Konflikte wie die beiden Balkankriege von 1912–13, die in vielerlei Hinsicht als Vorboten der modernen Kriegsführung im 20. Jahrhundert gelten, werden vornehmlich anhand politischer Großereignisse dargestellt.

Diesem Muster folgt weitgehend auch das dritte Kapitel, in dem der Zeitraum bis 1945 behandelt wird. Nach einer Einführung in die neue südosteuropäische Staatenordnung, die sich im Zuge der Pariser Vorortverträge herausgebildet hatte, widmet sich Biondich dem Aufstieg der extremen Rechten auf dem Balkan, bevor er den Verlauf des Zweiten Weltkriegs und den Holocaust, allen voran in Jugoslawien beschreibt. Gerade hier fehlt eine Auseinandersetzung mit einer Reihe von Arbeiten aus der Südosteuropaforschung, in denen das Thema politische Gewalt einer systematischen Analyse unterzogen wurde und vor dem Erscheinen des Buches bereits veröffentlicht waren.[2]

Einen interessanten Perspektivenwechsel bietet das vierte Kapitel, in dem das Fortleben des Nationalismus während der sozialistischen Periode auf überzeugende Weise darlegt wird. Ein näherer Blick auf den Zeitraum 1945–1989 würde den weit verbreiteten Mythos entkräften „that Communists did away with or ‘kept a lid on‘ nationalism. In actual fact, the Balkan Communist regimes were nationalizing states and instrumentalized nationalism almost everywhere.” (S. 198–199) Diese Interpretation eröffnet den Blick auf die repressive Minderheitenpolitik der sozialistischen Regime und setzt dadurch wichtige Akzente, die sich von älteren Werken abheben. Fast überall auf dem Balkan verschärfte sich das Nationalitätenproblem in dieser Periode, so Biondichs These. Dies gelte sowohl für die Renaissance nationalistischer Topoi während des Ceausescu-Regimes in Rumänien, für die gewaltsame Unterdrückung der muslimischen Minderheiten (Pomaken, Türken, Roma) in Bulgarien, als auch für die sukzessive Dezentralisierung der jugoslawischen Teilrepubliken, die zentrifugale Partikularinteressen heraufbeschwor.

Dass das Erstarken nationalistischer Tendenzen nach 1989 zu höchst unterschiedlichen Entwicklungen führte, offenbaren die Jugoslawienkriege, die im Mittelpunkt des fünften Kapitels stehen. Dieses liest sich gleichsam als eigenständige Studie, die sich von den vorangehenden Kapiteln deutlich abhebt – nicht nur weil die Umwälzungen in Bulgarien und Rumänien lediglich knapp resümiert werden, sondern auch weil der Autor hier entschieden analytisch vorgeht. Positiv hervorzuheben ist dabei vor allem, dass Biondich an neuere theoretische Ansätze aus der angelsächsischen Konflikt- und Gewaltforschung anknüpft um die Massengewalt während der Jugoslawienkriege erklärbar zu machen. Strukturelle Faktoren und eine „dichte Beschreibung“ der Gewalt werden zu einer umfassenden Analyse verschränkt, die es dem Leser ermöglicht, die Komplexität des Konfliktverlaufs nachzuvollziehen. So wird nicht nur das System der „Territorialverteidigung“ (Teritorijalna obrana) als wesentlicher Faktor benannt, das durch die landesweite Verbreitung von Kriegsgerätschaften und einer raschen Mobilisierung von Reservisten die Eskalation in den Jahren 1991–92 erst ermöglichte. Auch die verschiedenen Episoden der „ethnischen Säuberung“ werden systematisch und detailreich untersucht, ohne dabei die Frage nach mutmaßlichen Vernichtungsstrategien und der Intention der Machthaber aus dem Blick zu verlieren. Schließlich bleibt noch die Frage, weshalb Länder wie Rumänien und Bulgarien nach 1989 trotz Strukturkrise und einer schwelenden Minderheitenproblematik einen weitgehend gewaltfreien Transformationsprozess erlebt haben. Die Antwort liege zum Teil in der Politik des Nationalkommunismus begründet, die nationalistische Tendenzen offiziell sanktionierte und kanalisierte, während in Jugoslawien Multiethnizität und das Gebot der „Brüderlichkeit und Einheit“ so etwas von vornherein unterbunden hätten.

Abschließend verabschiedet sich der Autor einmal mehr von der These einer besonderen Gewaltdisposition auf dem Balkan: Vor dem Hintergrund des armenischen Völkermords, der beiden Weltkriege und des Holocaust verblasse das Bild vom Balkan als europäischer Sonderfall. Auch wenn sich die Geschichtswissenschaft längst von solchen kulturalistischen beziehungsweise essentialistischen Deutungen verabschiedet hat, ist es das Verdienst Biondichs, den Balkan als integralen Bestandteil der europäischen Geschichte darzustellen. Auch wenn das Buch keine Gewaltgeschichte im eigentlichen Sinne bietet, sei es dennoch allen empfohlen, die sich für den Balkan interessieren und eine konzise und gut lesbare Überblicksdarstellung suchen.

Anmerkungen:
[1] Mark Mazower, The Balkans, London 2000; Edgar Hösch, Geschichte der Balkanländer. Von der Frühzeit bis zur Gegenwart, München 1999; Barbara Jelavich, History of the Balkans, Cambridge 1983.
[2] Armin Heinen, Rumänien, der Holocaust und die Logik der Gewalt, München 2007; Tomislav Dulić, Utopias of Nation. Local Mass Killing in Bosnia and Herzegovina, 1941–1942, Uppsala 2005; Wolfgang Höpken / Michael Riekenberg (Hrsg.), Politische und ethnische Gewalt in Südosteuropa und Lateinamerika, Köln 2001.

Zitation
Radu Harald Dinu: Rezension zu: : The Balkans. Revolution, War, And Political Violence Since 1878. Oxford  2011 , in: H-Soz-Kult, 20.11.2013, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16643>.
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Veröffentlicht am
20.11.2013
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