T. Scheer: Griechische Geschlechtergeschichte

Titel
Griechische Geschlechtergeschichte.


Autor(en)
Scheer, Tanja
Erschienen
München 2011: Oldenbourg Verlag
Umfang
180 S.
Preis
€ 19,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernadette Descharmes, Historisches Seminar, Technische Universität Braunschweig

Jedem Studierenden der Geschichte sollte nach dem ersten Semester der Oldenbourg Grundriss der Geschichte (OGG) vertraut sein, dessen Einzelbände nicht nur einen Epochenüberblick bieten, sondern auch den Einstieg in zentrale Themen erleichtern und an Forschungsdiskussionen heranführen. Die Enzyklopädie der griechisch-römischen Antike (EGRA) soll nun das Konzept des OGG fortführen. Doch im Unterschied zum OGG tragen die Bände der EGRA verstärkt der Kultur- und Gesellschaftsgeschichte Rechnung, weshalb sie sich einzelnen thematischen Feldern widmen, wie hier der Geschlechtergeschichte. Aber wie schon der OGG ist auch die EGRA untergliedert in einen Darstellungsteil, einen Forschungsteil und ein umfangreiches thematisch gegliedertes Literaturverzeichnis.

Im deutschsprachige Raum ist ein derartiges Einführungswerk über die Geschlechtergeschichte freilich sehr willkommen, denn bis auf wenige Ausnahmen waren gerade Studienanfänger mit Spezialstudien allein gelassen.[1] Diese setzen meist ein sehr hohes theoretisches Niveau oder die Lektüre von Foucault, Butler und anderen voraus. Der jetzt vorliegende schmale Band hingegen ist befreit von überbordender Theorie.

Der Überblick beginnt mit den Geschlechterbildern, wie sie Mythos, Philosophie und Medizin transportieren. Scheer zeigt, dass diese Diskurse zahlreiche Berührungspunkte haben und allesamt in ein gesellschaftlich wirksames Geschlechterbild einfließen. Die Texte hätten bestehende Ordnungsmuster zementiert, indem sie den Geschlechtern divergierende Qualitäten zuschrieben. Nichtsdestoweniger fänden sich neben Texten, die von der Betonung männlicher Überlegenheit geprägt sind, auch Texte, die ein Verständnis der komplementären Ergänzung beider Geschlechter bezeugten (S. 12). Der Forschungsteil zu diesem Kapitel behandelt unter anderem auch die wichtige Frage nach der körperlichen Gleichheit der Geschlechter. Hierbei erweise sich, dass das „one-sex-model“ von Thomas Laqueur nicht ohne weiteres auf die Antike übertragbar sei (S. 66).

Im nächsten Kapitel betrachtet Scheer dann knapp die Erziehungspraxis, die auf die Einverleibung einer Geschlechtsidentität zielte, um die geschlechtsspezifischen Aufgaben im Erwachsenenleben bewältigen zu können. Schon bei der Geburt des Kindes sei durch die Feststellung des biologischen Geschlechts die Erziehung determiniert gewesen. Was mit Säuglingen geschah, deren Geschlecht nicht eindeutig bestimmbar war, könne man nur vermuten. Das Thema Hermaphroditismus bietet dann im Forschungsteil Aufschluss über die Frage, wie Geschlechtergrenzen in der Antike gedacht wurden. Die Möglichkeit eines dritten Geschlechts sei für die griechische Kultur wohl zugunsten eines Konzepts auszuschließen, das von zwei Geschlechtern ausgeht (S. 72).

Das vierte Kapitel widmet sich dann der sexuellen Praxis innerhalb und außerhalb der ehelichen Gemeinschaft, wobei Scheer deutlich die unterschiedlichen Handlungsnormen für junge Frauen und Männer aufzeigt. Ein starkes Gefälle habe sich allein schon durch das junge Heiratsalter der Mädchen und das späte der Männer ergeben. Scheer berührt daneben den wichtigen Aspekt der vorehelichen Sexualität junger Männer in päderastischen homoerotischen Beziehungen, ebenso wie den Kontakt zu Prostituierten und Hetären. Diesen Praktiken stehe die Pflichterfüllung durch den ehelichen Verkehr entgegen, der zur Zeugung legitimen Nachwuchses diente. Indem Scheer die Risiken der Elternschaft und Probleme der Familienplanung behandelt – an wirksamen Verhütungsmethoden fehlte es, zugleich ist von einer hohen Kindersterblichkeit auszugehen – zeigt sie die Besonderheiten antiker Verhältnisse auf (S. 23ff.).

Im dazugehörigen Forschungsteil kommt der Frage nach der Entstehung und Funktion der Päderastie vergleichsweise viel Raum zu. Hier spricht Scheer zahlreiche einzelne Kontroversen an. Doch am interessantesten ist hierbei wohl ihre Beobachtung, dass das starre aktiv/passiv-Modell, das die Machtstrukturen innerhalb einer sexuellen Beziehung abbilde und sich seit Dover und Foucault durchgesetzt habe, zahlreichen Anfechtungen standhielt (S. 76).

Im Anschluss beleuchtet Scheer die Arbeitsbereiche des oikos, wobei Scheer – wie auch an anderen Stellen – ein plastisches Bild vom Alltag der Männer und Frauen im antiken Griechenland vermittelt. Die Quellen belegten eine strikte Trennung, die Männern Aufgaben in der Landwirtschaft zuweisen und Frauen Aufgaben im Haus. Im Forschungsteil zeigt Scheer, welches Diskussionspotential die Frage nach dem geschlechtsspezifischen Beitrag zur Bewirtschaftung des oikos und auch nach hierarchischen Strukturen innerhalb der Familie birgt (S. 93–101). Festzustellen ist, dass zur erfolgreichen Bewirtschaftung des oikos letztlich die komplementären Beiträge beider Geschlechter gehörten.

Das sechste Kapitel gibt Einblicke in die militärischen Gemeinschaften in Athen und Sparta. Hier habe das Ideal der andreia gegolten, das heißt Männlichkeit sei mit kriegerischer Tapferkeit gleichgesetzt worden. Im Sport hätten dann zunächst die Männer des Adels eine Alternative gefunden, sich durch körperliche Leistung individuell hervorzutun. In diesem Kapitel blickt Scheer vor allem auf die männliche Welt, denn es kam den wehrfähigen Männern die Aufgabe zu, die Polis militärisch zu verteidigen. Doch liefert Scheer zugleich auch Erklärungsansätze, die den Amazonenmythos und den Ausschluss der Frauen aus der militärischen Welt für die Menschen der Antike plausibel erscheinen ließen (S. 33f).

Das Kapitel „Geschlechterverhältnisse und Geschlechterverhalten jenseits des Oikos“ fragt nach einer räumlichen Ordnung der Geschlechter. Nicht nur in den Quellen, sondern auch in der Literatur hätten die Kriterien des Öffentlich und Privaten, beziehungsweise Außen und Innen ihre Entsprechung in der Zuweisung von Männlich und Weiblich gefunden. Scheer stellt neue Perspektiven vor, wonach man davon ausgehen kann, dass es zwar keine strikte Trennung, jedoch unterschiedliche Kommunikationsräume gab, in denen sich Männer bzw. Frauen vornehmlich aufhielten (S. 45). Außerdem zeigt Scheer, wie das Individuum ein Körperverhalten erwerben musste, um sich innerhalb dieser Kommunikationsräume angemessen zu bewegen.

Im Forschungsteil gelingt es Scheer stets, bei komplexen Fragen das Wesentliche herauszustellen, zentrale Thesen gegenüberzustellen, aber auch offene Fragen anzureißen. Besonders wertvoll ist gleich zu Beginn der Überblick über die Forschungsgeschichte, der ganz allgemein Tradition, Tendenzen und zukünftige Trends der altertumswissenschaftlichen Geschlechterforschung in Kürze umreißt. Ansonsten erfüllt der Forschungsteil seine Aufgabe, den neuesten Stand der Forschung wiederzugeben, die sich beispielsweise von immer noch kursierenden Konzepten wie dem einer väterlichen Vormundschaft distanziert. Freilich werden hier Aussagen aus dem Darstellungsteil wiederholt, so dass sich für Leser mit Vorwissen die Lektüre des ersten Teils über weite Strecken erübrigt. Aber auch für Studienanfänger ist die ergänzende Lektüre des Forschungsteils von Nutzen. Denn hier wird ihnen anhand konkreter Beispiele demonstriert, dass historische Ereignisse und Gegenstände nicht als unabänderlicher Fakten gelten können, sondern im Wesentlichen von der Interpretation der Quellen abhängen.

Eine Stärke ist auch die sprachliche Kürze, mit der Scheer komplexe Probleme auf kleinstem Raum deutlich formuliert. Wer von diesem Band detaillierte Erörterungen oder umfassende Quellennachweise erwartet, wird enttäuscht. Kürze und Knappheit mindern jedoch keinesfalls den Wert dieses Bändchens als Arbeitsmittel für Lehre und Forschung. Mit Freude und Spannung kann man den bereits angekündigten zweiten Band über eine Römische Geschlechtergeschichte erwarten.

Anmerkung:
[1] Eine Ausnahme bildet: Thomas Späth / Beate Wagner-Hasel (Hrsg.), Frauenwelten in der Antike, Stuttgart 2000.

Zitation
Bernadette Descharmes: Rezension zu: : Griechische Geschlechtergeschichte. München  2011 , in: H-Soz-Kult, 22.01.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16726>.
Redaktion
Veröffentlicht am
22.01.2014
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation