K. Lehto-Bleckert: Ulrike Meinhof 1934-1976

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Titel
Ulrike Meinhof 1934-1976. Ihr Weg zur Terroristin


Autor(en)
Lehto-Bleckert, Katriina
Erschienen
Umfang
715 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christine Hikel, Historisches Institut, Universität der Bundeswehr München

In den letzten Jahren sind mehrere Biografien über Ulrike Meinhof erschienen.[1] Mit Katriina Lehto-Bleckerts Dissertation, die an der Universität von Tampere (Finnland) entstanden ist, liegt nun eine weitere Lebensbeschreibung der Journalistin und RAF-Terroristin vor. Das Interesse der Autorin an Ulrike Meinhof geht auf Recherchen zurück, die sie Ende der 1990er-Jahre im Rahmen einer „Lizenziatsarbeit“ über die Neue Frauenbewegung und die Gründung von Kinderläden durchführte. Dabei stieß sie auf Meinhofs Texte über die Situation von Frauen in der Bundesrepublik und kam so zu einer ausführlicheren Beschäftigung mit Ulrike Meinhofs Leben. Das Ergebnis ist die hier zu besprechende Arbeit, die wiederum von einer geschlechtergeschichtlichen Perspektive geprägt ist.

Lehto-Bleckert möchte die Biografie Meinhofs vor allem als das „Leben und Handeln einer intellektuellen Frau“ schreiben (S. 35). Dabei lehnt sie sich an Überlegungen der Literaturwissenschaftlerin Toril Moi an[2]: Es geht ihr nicht darum, eine geradlinige biografische Entwicklung oder eine „‚eigenständige Identität‘ der Person zu enthüllen“ (S. 35), sondern „Momente“ in Meinhofs Leben herauszuarbeiten, in denen es zu einer unvorhergesehenen, überraschend scheinenden biografischen Neuorientierung kam. Das Ziel ist es, individuelle Gründe und historisch-politische Rahmenbedingungen gleichermaßen als Ursachen für bestimmte Lebensentscheidungen Meinhofs ausfindig zu machen.

Lehto-Bleckert will solche Entscheidungen begründen und verstehen. Entscheidungen wie etwa der berühmte Sprung aus dem Fenster bei der Baader-Befreiung 1970, der gleichzeitig Meinhofs Sprung in die Illegalität war, sollen nicht als biografische Abweichung oder Ausdruck einer „Persönlichkeitsstörung“ (S. 35) pathologisiert werden, sondern es soll nachvollziehbar werden, dass „außergewöhnliche, in einigen Fällen geradezu einmalige Kombinationen von individuellen und gesellschaftlichen Momenten ein auf den ersten Blick ‚sonderbar‘ erscheinendes Handeln ermöglichen, fördern oder sogar erfordern“ (S. 36). Lehto-Bleckert macht neben dem Sprung aus dem Fenster 1970 noch zwei weitere solcher „Momente“ aus: das Jahr 1959, als Meinhof den „konkret“-Herausgeber Klaus-Rainer Röhl heiratete und ihre journalistische Karriere einen entscheidenden Schub erhielt, und das Jahr 1968, als sie nach der Scheidung von Röhl nach West-Berlin zog und dort ein neues, eigenständiges Leben begann. Allerdings finden sich diese Knotenpunkte in der Gliederung der Arbeit nur sehr undeutlich wieder. Letztlich organisiert Lehto-Bleckert trotz aller gegenteiligen Bekundungen die Biografie doch ganz linear von Meinhofs Kindheit nach dem Krieg über ihr Engagement für die Anti-Atom-Bewegung, die Zeit bei „konkret“ und die Beteiligung am Terrorismus bis hin zu ihrem mysteriösen Tod in Stammheim 1976.

Lehto-Bleckert versteht ihre Arbeit als Auseinandersetzung mit einer in der Wissenschaft ebenso wie in populären Darstellungen dominierenden männlich geprägten Sichtweise auf Ulrike Meinhof. Die Geschichte Meinhofs, so stellt es sich für deren Biografin dar, ist eine Geschichte dessen, was Männer über eine Frau wie Meinhof denken. Lehto-Bleckert macht dafür vor allem die einflussreichen autobiografischen Texte von Meinhofs Ex-Mann Klaus Rainer Röhl verantwortlich. Dieser veröffentlichte bereits 1974 seine erste – später auch so betitelte – „Abrechnung“ mit Ulrike Meinhof.[3] Nur allzu häufig als scheinbar „objektive“ Quellen unhinterfragt herangezogen, entwickelten die Deutungsmuster dieser Texte nach Lehto-Bleckerts Analyse eine zähe Langlebigkeit. Die Autorin verweist hier etwa auf die gängige Darstellung Meinhofs als „Kolumnistin“ für „konkret“. Diese impliziere, dass Meinhof eine nur sporadische, untergeordnete und letztlich unwichtige Position in der Redaktion und für die Zeitschrift eingenommen und somit eine „typisch weibliche“ Rolle gespielt habe. Dagegen betont Lehto-Bleckert, dass Meinhof den Posten der Chefredakteurin innehatte, zahlreiche Leitartikel verfasste und „konkret“ erst zu einem der einflussreichsten Blätter der Linken machte. Über weite Strecken ist Lehto-Bleckerts Arbeit auch ein Kommentar zu den männlich geprägten Sichtweisen, denen sie eine eigene, gewissermaßen „bereinigte“ Version der Lebensgeschichte Meinhofs gegenüberstellen will. Sie betont die Eigenständigkeit und Rationalität von Meinhofs Entscheidungen, die in Auseinandersetzung mit der eigenen Situation sowie den politischen und gesellschaftlichen Bedingungen getroffen worden seien. Gerade deshalb sei Meinhof eben keine von den Umständen getriebene und manipulierte Frau gewesen.

Lehto-Bleckert argumentiert dabei sehr stark von den Erfahrungen und aus der Perspektive Meinhofs her. So hätten Meinhofs Schwierigkeiten mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf (wie man es heute ausdrücken würde) nach der Geburt ihrer Zwillingstöchter dazu geführt, dass sie sich für weibliche Lebens- und Arbeitsbedingungen zu interessieren begann. Das wiederum habe ihr Interesse an den „Leichtlohngruppen“ und den weiblichen Heimkindern geweckt und Meinhof für Ungleichheiten und für die Situation jener sozialen Gruppen sensibilisiert, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt waren. Damit verbunden waren Auseinandersetzungen mit den gesellschaftlichen Strukturen, die eine solche Benachteiligung und Diskriminierung hervorbrachten.

Die Frage, warum Ulrike Meinhof sich führend an der Baader-Befreiung beteiligte, mit dem Sprung aus dem Fenster die Illegalität wählte und dann zur Terroristin wurde, beschäftigt auch Lehto-Bleckert. Die Motivation Meinhofs kann die Autorin nicht überzeugend darlegen – sie will es aber auch gar nicht. Stattdessen stellt sie ein Bündel aus vier denkbaren, sich vermischenden Begründungsmöglichkeiten vor: Erstens habe Meinhof aus politischen Gründen gehandelt, weil sie Baader als einen „namhaften Vertreter der politischen Marginalgruppen begriffen“ habe (S. 512). Zweitens sei eine moralische Dimension erkennbar, weil Meinhof in einem Einzelfall Gerechtigkeit schaffen wollte. Das Mitgefühl für Baader, den sie wie eine Mutter habe schützen wollen, zeige – drittens – eine emotionale Komponente. Und schließlich sei es Meinhof darum gegangen, durch ihr Handeln klar Position zu beziehen und „‚ein Zeichen‘ zu setzten [sic!]“ (S. 514).

Meinhofs Radikalisierung nach der Baader-Befreiung wertet Lehto-Bleckert als Reaktion auf die öffentliche Hetzjagd, die sich sehr stark auf die bekannte linke Journalistin Meinhof konzentrierte. Die steckbriefliche Fahndung nach Meinhof wegen Mordversuchs, die hysterische Berichterstattung der Medien und die diffamierenden Äußerungen von Politikern sieht Lehto-Bleckert als Indizien dafür, dass so versucht wurde, eine missliebige politische Gegnerin auszuschalten und dadurch gleichzeitig die oppositionellen, außerparlamentarischen Strömungen insgesamt zu treffen. Doch diese Strategie sei nicht aufgegangen. Im Juni 1970 veröffentlichten Meinhof und die anderen Mitstreiter den Gründungsaufruf der RAF, so dass sich die Spirale der Gewalt weiter drehte. Lehto-Bleckert schlussfolgert: „[…] fest steht meines Erachtens nur: Meinhof wurde ‚geopfert‘, sie musste als Sündenbock für eine Entwicklung herhalten, in der auch ihre Gegner auf staatlicher Seite viele Fehler gemacht hatten. Die ‚Überreaktionen‘ der politischen Führung – sowohl was die Einschätzung der Lage als auch die daraufhin beschlossenen Maßnahmen betraf –, die strafrechtlichen Verfolgungsmaßnahmen […] waren der Beginn eines Teufelskreises“ (S. 542).

Meinhofs Aufgabe innerhalb der RAF bestand darin – so das Ergebnis Lehto-Bleckerts –, durch publizistische Äußerungen den Kontakt zur Öffentlichkeit herzustellen. Ihr kam demnach die zentrale Rolle zu, die Aktionen der RAF nach außen zu erklären und zu legitimieren. Die Verhaftung Meinhofs, die Haftzeit, der Prozess und schließlich ihr Tod in Stammheim bilden den eher knapp gehaltenen Abschluss der Biografie. Hier wird deutlich, dass sich die Autorin weniger für Ulrike Meinhof als Terroristin interessiert als vielmehr für ihren „Weg zur Terroristin“, wie es ja bereits der Untertitel des Buches verdeutlicht.

Lehto-Bleckerts Studie ist das Ergebnis zehnjähriger ambitionierter Forschungsarbeit. Die Biografie Meinhofs gewissermaßen „neu erfunden“ hat die Autorin zwar nicht, aber sie kann durch ihre methodische Herangehensweise doch neue Akzente setzen und etablierte Sichtweisen einer kritischen Überprüfung unterziehen. Dazu kommen einige bislang ungenutzte Quellen, vor allem Meinhofs Briefe an ihre Tante und ihre Cousinen, in denen Meinhof selbst zu Wort kommt. Dass der Gesamteindruck des Buches dennoch ambivalent bleibt, liegt vor allem an der ermüdenden und langwierigen Darstellung, die durch einige Straffungen sicher gewonnen hätte.

Anmerkungen:
[1] Jutta Ditfurth, Ulrike Meinhof. Die Biografie, Berlin 2007; Kristin Wesemann, Ulrike Meinhof. Kommunistin, Journalistin, Terroristin – eine politische Biografie, Baden-Baden 2007; siehe dazu die Sammelrezension von Hanno Balz, in: H-Soz-u-Kult, 07.04.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-2-016> (19.8.2011).
[2] Toril Moi, Simone de Beauvoir. Die Psychographie einer Intellektuellen, Frankfurt am Main 1996.
[3] Klaus Rainer Röhl, Fünf Finger sind keine Faust. Eine Abrechnung, 3., vollständig durchgesehene und kommentierte Aufl., München 1998 (zuerst Köln 1974).

Zitation
Christine Hikel: Rezension zu: : Ulrike Meinhof 1934-1976. Ihr Weg zur Terroristin. Marburg  2011 , in: H-Soz-Kult, 05.10.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16737>.
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05.10.2011
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