R. Frederiksen: Greek City Walls

Cover
Titel
Greek City Walls of the Archaic Period, 900–480 BC.


Autor(en)
Frederiksen, Rune
Erschienen
Umfang
272 S.
Preis
£ 95,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Oliver Hülden, Institut für Klassische Archäologie, Ludwig-Maximilians-Universität München

Im Jahr 2000 hat Rune Frederiksen, mittlerweile Direktor des Dänischen Instituts in Athen, seine von Mogens Herman Hansen betreute Kopenhagener Doktorarbeit begonnen, um sie nun elf Jahre später in Buchform in der renommierten Reihe der Oxford Monographs zu präsentieren. Der Gegenstand seiner Arbeit ist die Beschreibung der Rolle jener Befestigungsanlagen, die im griechischen Raum während der archaischen Zeit entstanden sind oder zumindest entstanden sein sollen.

In seiner Einleitung streicht Frederiksen zunächst die generelle Bedeutung griechischer Befestigungswerke – sowohl in der Antike als auch für die Erforschung der Antike – heraus, die er zu Recht schon in ihrer schieren Größe und dem hinter ihrer Errichtung stehenden Aufwand begründet sieht. Fast ohne Umschweife leitet er dann zu einer These über, in deren Begründung das Hauptziel seines Buches besteht: Aus der erst für die klassische und hellenistische Zeit massenhaft auftretenden Evidenz für die Existenz von Befestigungen sei zu Unrecht darauf geschlossen worden, Verteidigungsanlagen seien lediglich ein vereinzelt auftretendes Element früher griechischer Poleis. Vielmehr lasse eine signifikante Anzahl jüngerer Grabungsbefunde sowie eine beeindruckende literarische Evidenz genau auf das Gegenteil schließen. Die Existenz von Mauern sei also gewissermaßen der Normalfall der archaischen Poleis gewesen. Neu ist die Frage danach sicherlich nicht, aber es hat noch niemand den Versuch unternommen, sie in monographischer Form zu beantworten. Insofern ist der Leser gespannt darauf, welche neuen Erkenntnisse Frederiksen ins Feld führen kann, um die von ihm als pessimistisch charakterisierte Sichtweise einer verhältnismäßig geringen Anzahl umwallter griechischer Poleis vor der klassischen Zeit zu revidieren.

Das zweite Kapitel ist den unterschiedlichen Typen von Befestigungen gewidmet. Der Einstieg gerät etwas holprig, da in den beiden ersten Abschnitten zunächst eine chronologische und keine typologische Unterteilung in früheisenzeitliche und archaische Anlagen vorgenommen wird. Das resultiert jedoch daraus, dass sich für beide Epochen in typologischer Hinsicht im Grunde kaum und schon überhaupt keine verallgemeinernden Aussagen treffen lassen. Dies macht sich auch in der anschließenden Aufteilung in drei unterschiedliche Typen von Befestigungen bemerkbar: „(1) fortification of settlement of the polis, including its urban centre, (2) fortification of the territory of the polis, and finally (3) fortification systems constructed for the purpose of defending settlements and territories of entire regions or settlements of supra-regional character“ (S. 9). Mangels Evidenz für die archaische Zeit muss sich Frederiksen nämlich immer dann, wenn es wirklich konkret werden soll, mit dem Verweis auf Beispiele aus klassischer oder sogar hellenistischer Zeit behelfen. Besonders augenfällig zeigt sich dies etwa bei den Häfen, zu deren Befestigung sich für die vorklassische Zeit lediglich das – freilich vage – Beispiel Thasos anführen lässt. Dennoch zieht Frederiksen am Ende des Unterkapitels das Fazit: „Fortified harbours certainly existed in the Archaic period. They are only rarely attested in our sources, but this may be due to the scanty nature of the sources and the hitherto limited research on harbours“ (S. 11). Das mag durchaus zutreffen; es handelt sich aber um eine Argumentation, welche die Überlieferungslücken durch Projektionen zu füllen versucht und zudem keinerlei weiterführende Schlussfolgerungen zulässt. Bei Frederiksen wächst sich diese Art der Beweisführung zu einem Grundmuster aus, das für den weiteren Verlauf seiner Untersuchung bestimmend bleibt.

Eine weitere generelle Problematik des Buches zeichnet sich ebenso schon innerhalb des zweiten Kapitels ab: eine zu starke Verkürzung in der Darstellung der tatsächlichen Evidenz archaischer Befestigungsmauern, wofür teilweise sicherlich auch der im Fluss befindliche Forschungsstand verantwortlich ist. Beispielhaft lässt sich das an der Behandlung von Ephesos zeigen (S. 9, 84 u. 137–139, Abb. 32). Frederiksen führt hier eine von Franz Miltner im Jahr 1926 auf einem Sporn nördlich des Panayırdağ entdeckte Quadermauer an, die anhand unpublizierter Scherbenfunde in die Zeit um 500 v.Chr. datiert worden ist.[1] Sie betrachtet er als dem archaischen Ephesos zugehörig, das eine Fläche von etwa 16 Hektar eingenommen haben soll. Auf die Problematik der diversen frühen Siedlungen im Bereich von Ephesos, ihr zeitliches Verhältnis zueinander und die Möglichkeiten ihrer Identifizierung mit den diversen überlieferten Ortsnamen geht Frederiksen hingegen nicht ein.[2] Allerdings verweist er in einem Addendum (S. 221) auf die bislang unpublizierten Ergebnisse der jüngsten österreichischen Forschungen am Panayırdağ, die seiner Einschätzung der Situation in weiten Teilen deutlich widersprechen (S. 111 u. 202, Tab. 1).[3] Um an dieser Stelle nicht missverstanden zu werden: Frederiksen hätte hier nicht die Ergebnisse laufender und unpublizierter Forschungen quasi vorausahnen müssen, er hätte aber den bis dato allgemein bekannten Forschungsstandes zum frühen Ephesos wesentlich breiter darstellen müssen und den Ort schon auf dessen Basis nicht unter die gesicherten ummauerten Siedlungen der archaischen Zeit aufnehmen dürfen. Dass Frederiksen in dieser Weise auch bei anderen Fallbeispielen verfährt (so etwa bei Melie oder Teichioussa), ist nicht nur in methodischer Hinsicht bedenklich, sondern zwingt den Leser geradezu, sich zu jeder der behandelten Mauern anhand der angegebenen und teilweise auch nicht angegebenen Literatur selbst ein Bild zu machen.

Das dritte Kapitel ist mit „City walls in the written record and the visual arts“ überschrieben und beschäftigt sich zunächst mit jenen bekannten Textstellen, die in der Hauptsache durch die Verwendung des Begriffs teichos einen direkten Beleg für die Existenz von Siedlungsmauern für die archaische Zeit bilden sollen. Daran schließen Abschnitte mit indirekten literarischen Belegen zu einzelnen Mauern sowie zu Belegen für ganze Gruppen von Mauern in einer bestimmten Region an, worauf eine erneute Beschäftigung mit teichos bei Homer und in der Dichtung erfolgt. Am Ende stehen 38 archaische Poleis, deren Ummauerung durch schriftliche Quellen mehr oder weniger bezeugt ist, sowie das Postulat, dass Stadtmauern in archaischer Zeit als konzeptueller Bestandteil der griechischen Polis zu betrachten seien (S. 38). Es folgt eine knappe Betrachtung der frühen Bilddarstellungen von Stadtbefestigungen, die zu dem zweifelhaften Ergebnis führt, dass diese zumindest über die Ausstattung der Mauern mit Wehrgang und Zinnen Aufschluss geben würden.

Das folgende vierte Kapitel widmet sich dem Erhaltungszustand einiger der behandelten Mauern, wobei in einer Vermischung von schriftlichen Quellen und archäologischen Befunden Ursachenforschung über diverse Gründe für die Zerstörungen (kriegsbedingt, durch Erdbeben usw.) betrieben wird. Daraufhin macht sich Frederiksen in seinem fünften Kapitel einige generelle Gedanken über den architektonischen Aufbau von Befestigungsmauern, ihren Verlauf sowie ihre baulichen Elemente wie Tore und Türme. Es schließen sich allgemeine Überlegungen zur Identifizierung von Mauern als Teil der Wehranlagen an. Im sechsten Kapitel wiederholt Frederiksen schließlich bekannte Positionen zu den Datierungsgrundlagen. Dabei geht er explizit auf die vorhandenen Schwierigkeiten, etwa die Laufzeiten bestimmter Mauerstile, ein und zweifelt sogar selbst für einen Augenblick (S. 69) die Richtigkeit der chronologischen Einordnung jener Befestigungen an, die er auf der Basis stilistischer Beurteilungen in seinen Katalog aufgenommen hat (Kategorie B). In Zahlen ausgedrückt betrifft das immerhin 55 der insgesamt 121 als archaisch deklarierten Mauern, wobei von diesen 55 lediglich neun auch durch andere Kriterien datiert sind (vgl. S. 112, Abb. 8).

Kapitel 7 bildet die Auswertung der in den Katalog aufgenommenen Anlagen, wobei Frederiksen chronologisch vorgeht und innerhalb der Epochen zunächst stets die topographischen Voraussetzungen behandelt, um sich anschließend der Konstruktionsweise und Architektur der Mauern, Tore und Türme zu widmen. Wirklich griffige Ergebnisse vermag dieses Kapitel indes nicht zu liefern, was einerseits auf die schon angeklungene brüchige Materialbasis, andererseits aber auch auf eine wenig klare Linienführung des Textes zurückzuführen ist. Zu illustrieren vermag dies beispielsweise die Diskussion um die archaische Befestigungsmauer von Pergamon, die sowohl innerhalb des Kapitels (S. 76) als auch – und zudem ausführlicher – innerhalb des Katalogs geführt wird (S. 180).

In seinem letzten Kapitel („The prevalence of city walls in Early Iron Age and Archaic Greece”) versucht Frederiksen schließlich, eine Gesamtentwicklung der archaischen Befestigungsmauern nachzuzeichnen. Diese unterteilt er in Anlehnung an die Entwicklung der griechischen Polis in eine Periode vor 600 v.Chr. und eine solche zwischen 600 und 480/479 v.Chr. Insbesondere für die späteren Mauern folgt dann auch eine geographische Differenzierung, bei der eine Kenntnis der jeweiligen historischen Hintergründe freilich stillschweigend vorausgesetzt wird. Den endgültigen Schlusspunkt bildet die eindeutige Bejahung jener eingangs schon geschilderten Frage, auf die das ganze Buch ausgerichtet ist: Gehörten Befestigungsmauern zum allgemeinen Erscheinungsbild der griechischen Poleis schon in archaischer Zeit bzw. bildeten sie sogar einen integralen Bestandteil dieser Poleis?

Der Leser muss am Ende des Buches selbst die Frage beantworten, ob er Frederiksen in dieser Auffassung folgen möchte und bei zehn Prozent der etwa 1.000 griechischen Poleis tatsächlich den Nachweis erbracht sieht, sie wären allesamt bereits in archaischer Zeit befestigt gewesen. Das hängt wesentlich davon ab, ob er diese auf einer reichlich fragilen Materialbasis beruhende zehnprozentige Evidenz wie Frederiksen als „quite impressive“ (S. 118) empfindet oder nicht.[4] Ich muss gestehen, dass ich sowohl von der Evidenz als auch vom prozentualen Anteil her wenig beeindruckt bin. Dabei kann kein Zweifel daran bestehen, dass Poleis und womöglich auch Siedlungen auf einer untergeordneten Ebene in archaischer Zeit über Befestigungsanlagen verfügen konnten. Dass die archaischen Poleis allesamt schon über eine Befestigung verfügen mussten, ist dem vorgelegten Material jedoch sicherlich nicht zu entnehmen. Da die erhaltenen oder bislang ausgegrabenen Befunde wie die schriftlichen Quellen so wenig aussagekräftig sind und sich Frederiksen daher ständig auf eine von der Überlieferungssituation abgekoppelte Argumentation zurückziehen muss, gerät das Ergebnis seiner Untersuchung zur reinen Glaubenssache. Damit hat er die Chance vertan, die gesicherten frühen griechischen Befestigungen nicht als Schlaglichter eines zwingend allgemeingültigen, sondern vielmehr eines vielschichtigen Phänomens zu begreifen und ihre geographisch wie historisch bedingten Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Zusammenhang mit der ebenso vielfältigen Entwicklung der griechischen Polis ergebnisoffen zu diskutieren. Frederiksens Vorgehensweise ist insofern die von Franz Georg Maier ausgesprochene Warnung entgegenzuhalten, dass die Schwierigkeiten bei der Beurteilung und Einordnung antiker Befestigungsanlagen generell nicht mit einer „Verkürzung der methodischen Forderungen“, sondern nur mit einem „Verzicht auf Urteile“ zu beantworten sind.[5]

Anmerkungen:
[1] Josef Keil, XII. vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen in Ephesos, in: Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Instituts 23 (1926), Beibl., S. 247–300, hier S. 261.
[2] Dazu siehe etwa Peter Scherrer, Bemerkungen zur Siedlungsgeschichte von Ephesos vor Lysimachos, in: Herwig Friesinger / Fritz Krinzinger (Hrsg.), 100 Jahre Österreichische Forschungen in Ephesos. Akten des Symposiums Wien 1995, Wien 1999, S. 379–387.
[3] Nach den jüngsten österreichischen Grabungen und Oberflächenuntersuchungen ist am Nordhang des Panayırdağ wohl von einem bebauten Areal von neun Hektar Größe auszugehen. Während die Siedlungsreste der klassischen Zeit im Befund deutlich vertreten sind, ist für die Archaik bislang wohl eher von Siedlungsspuren zu sprechen. Nachgrabungen an der Quadermauer haben darüber hinaus ergeben, dass für sie lediglich ein terminus post quem von 500 v.Chr. zu gelten hat und sie daher wohl eher der klassischen Epoche zuzuweisen ist. Die Publikation der Ergebnisse dieser Untersuchungen bereitet derzeit Michael Kerschner für die „Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Instituts“ vor, dem ich für entsprechende Auskünfte zu danken habe.
[4] Dabei ist es einigermaßen verblüffend, dass Frederiksens das gesamte Buch durchziehende Wortwahl zur Charakterisierung der Evidenz vorklassischer Befestigungen einen ganz anderen Tenor aufweist: Da ist etwa von „meagre“ (S. 8 u. 15), „scanty“ (S. 11), „few and far between“ (S. 13 u. 15), „less frequently“ (S. 13), „not widely practised“ (S. 16) oder „no traces“ (S. 115) die Rede.
[5] Franz Georg Maier, Griechische Mauerbauinschriften. Zweiter Teil: Untersuchungen, Heidelberg 1961, S. 94, Anm. 141.

Zitation
Oliver Hülden: Rezension zu: : Greek City Walls of the Archaic Period, 900–480 BC. Oxford  2011 , in: H-Soz-Kult, 03.09.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16778>.
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03.09.2012
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