Cover
Titel
Polybios. Leben und Werk im Banne Roms


Autor(en)
Dreyer, Boris
Umfang
194 S.
Preis
€ 18,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Michels, Historisches Institut, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

Das monumentale Geschichtswerk des Polybios von Megalopolis ist, obgleich nur zu etwa einem Drittel erhalten, die mit Abstand wichtigste literarische Quelle für die mediterrane Geschichte des 3. und 2. vorchristlichen Jahrhunderts. Die Historien gewinnen ihre Bedeutung jedoch nicht nur aus ihrem Gegenstand, dem (zielgerichteten?) Aufstieg Roms zur Weltmacht und dem Ineinanderfließen der Geschichte des westlichen und östlichen Mittelmeerraums, was für Polybios das Verfassen von Universalgeschichte notwendig machte. Seine Reflektionen zu Methodik und Ziel seiner Arbeit wie auch der Geschichtsschreibung an sich besitzen darüber hinaus grundlegende Bedeutung für die Erforschung antiker Historiographie. Eine bündige, an Studierende gerichtete Heranführung an diesen komplexen und in seinen Einzelaspekten bis heute umstrittenen Stoff kann daher als äußerst sinnvolles Projekt gelten. Nachdem Brian McGing sich den Historien vor kurzem im Rahmen der „Oxford Approaches to Classical Literature“ gewidmet hat[1], liegt nun in der etablierten Reihe „Studienbücher Antike“ des Georg Olms Verlags eine deutschsprachige Einführung zu Polybios vor, für die mit Boris Dreyer ein ausgesprochener Kenner der hellenistischen Geschichte wie auch des Werks des Polybios als Autor gewonnen werden konnte.[2]

Die Darstellung ist klar gegliedert und folgt mit sinnvollen Modifikationen dem bereits im RE-Artikel Zieglers gebrauchten Aufbau, den Dreyer auch bei seinem DNP-Artikel zu Polybios angewendet hat.[3] Sie beginnt mit einführenden Bemerkungen zum „Leben“ (S. 7–22) und zur politischen Sozialisation des achaiischen Politikers und Historiographen sowie zu den historischen Umwälzungen der Lebenszeit des Polybios, die prägend für Entstehung und Charakter seines Geschichtswerks wurden. Bevor sich Dreyer diesem zuwendet, gibt er in Kapitel II (S. 23–28) einen kurzen Überblick über die nicht erhaltenen, weiteren Schriften des Polybios. Dem Text der Historien (Kapitel III, S. 29–68) nähert sich Dreyer dann über drei Unterkapitel: „Erhaltungszustand“, „Inhalt“ (S. 36–58), und – dies ist eine wesentliche Frage für die Bewertung des Werkes – „Entstehungsperioden und postume Gesamtedition“.

Es folgt das zentrale Kapitel IV, „Polybios’ Auffassung über Geschichte und seine historische Methode“ (S. 69–120). Hier diskutiert Dreyer die wesentlichen Aspekte der von Polybios selbst immer wieder thematisierten Arbeitsweise, die Anforderungen an einen Historiker, das Konzept der pragmatischen Geschichtsschreibung sowie die Quellen des Polybios. Besonders dieser letzte, recht umfangreiche Abschnitt (S. 100–120) profitiert von Dreyers intimer Kenntnis des epigraphischen Materials, das immer wieder zur Abgleichung der Wertung des achaiischen Historikers angeführt wird. Die vor einigen Jahren von Wiemer aufgezeigte Verwendung rhodischer Historiographie durch Polybios wird hingegen zwar angesprochen (S. 103), dass sich hieraus aber auch Folgen für die Wertung der historischen Abläufe in den entsprechenden Passagen ergeben – Wiemer macht die „Grundmerkmale Rhodozentrik, Glorifizierung und Apologetik“ aus – hätte noch deutlicher herausgestellt werden können.[4]

Das Bild, welches hier und im anschließenden Kapitel V, „Zum Verhältnis von theoretischem Anspruch und Umsetzung“ (S. 121–133), vom Historiker Polybios gezeichnet wird und das bereits im Vorwort programmatisch eingeleitet wurde, ist durchgehend positiv. Kritik findet sich nur selten und wird meist direkt wieder relativiert. Wenngleich zwar Fehler nachzuweisen seien (S. 94) und Polybios’ Urteil durch verschiedene Faktoren „perspektivisch verkürzt“ (S. 131) gewesen sein mag, argumentiert Dreyer gegen eine von der Forschung postulierte Parteilichkeit, bedingt durch Polybios’ Nähe zum Achaiischen Bund, die etwa zu einer einseitig negativen Beurteilung des Aitolischen Bundes geführt habe (S. 123–133). Wenn Dreyer Polybios des Weiteren in seinem Anspruch an Wahrhaftigkeit mit Thukydides vergleicht, dessen Vorbild er gefolgt sei, dann ist hier allerdings anzumerken, dass die jüngere Forschung auch an dessen Objektivität Zweifel angemeldet hat.[5] Mitunter gewinnt die Darstellung so teilweise fast apologetischen Charakter. Dies zeigt sich gerade in dem Kapitel „Polybios und seine (griechischen) Vorgänger“ (S. 95–100), denn für den harschen Umgang mit den ihm vorangehenden Geschichtsschreibern ist Polybios seinerseits von Teilen der Forschung deutlich kritisiert worden. Dass etwa die wenig anspruchsvolle Kritik des Polybios (12,17–22) an der Darstellung der Schlacht von Issos durch Kallisthenes größtenteils unberechtigt war und der Historiograph hier Gegebenheiten des antigonidischen Heeres seiner Zeit zu Unrecht auf das Heer Alexanders übertrug und zudem Rechenfehler beging, hat Meister gezeigt.[6] Obwohl dem von Dreyer gezeichneten Gesamtbild somit durchaus zu folgen ist, hätte eine stärkere Bezugnahme auf diese Dimension wohl ein runderes Bild ergeben, das den Verdienst des Polybios keineswegs beschneidet.

Nach dem kurzen Kapitel VI zum „Stil“ (S. 134–137) widmet sich Dreyer im siebten und letzten Kapitel zum „Nachleben“ (S. 138–150) sowohl der antiken Verwendung wie auch der neuzeitlichen Rezeption des polybianischen Œuvres. Etwas knapp fallen hier die in den Abschnitt „Neuzeit“ eingereihten Bemerkungen zu Forschungstendenzen des 20. und 21. Jahrhunderts aus (S. 146–148), die um die einleitenden Bemerkungen zum Literaturverzeichnis (S. 151f.) zu ergänzen sind. Ein ausführliches, in Publikationen vor und nach 1970 gegliedertes Literaturverzeichnis (S. 152–169) bietet einen Einblick in die heute oft auf Spezialthemen ausgerichtete Forschung.[7] Karten, Grafiken oder Tabellen werden leider – dies ist allerdings typisch für die Reihe – nicht geboten[8], doch erleichtern ein nützliches Stellenregister und ein allgemeines Register den Zugriff.

Zeichnet sich der Text McGings durch eine leicht zugängliche, zuweilen gar informelle Sprache aus, ist die Darstellung Dreyers deutlich anspruchsvoller; dies zum einen durch den kompakten Argumentationsgang, zum anderen aber auch, da mitunter Kenntnis der komplexen historischen Zusammenhänge (vgl. etwa S. 107) vorausgesetzt wird. Den Zugang erleichtert der Verzicht auf den Abdruck griechischer Textpassagen, wichtige Termini werden hingegen in Umschrift angeführt. Ein klarer Vorzug dieser Reihe im Vergleich zu anderen, studienbegleitenden Reihen (wie etwa „Geschichte kompakt“) ist die Nutzung eines Anmerkungsapparates. Der auch vom Klappentext dieses Buches hervorgehobene nahe Textbezug wird hier in zahlreichen Textbelegen eingelöst, wobei die Nachweise der modernen Forschung demgegenüber allerdings etwas in den Hintergrund treten.[9] So werden die Positionen und Argumente der einzelnen Forschungsdebatten nur zum Teil nachvollziehbar. Die leider nicht wenigen sprachlichen Fehler wären durch ein gründlicheres Lektorat vermeidbar gewesen.[10] Doch schmälern sie aufs Ganze gesehen nicht das Bild einer überzeugenden Einführung, die den Kern der polybianischen Historien sowie die Arbeitsweise ihres Autors anschaulich greifbar macht und dabei Einblicke in wesentliche Aspekte der Forschungsdiskussion gewährt. Sie ist daher Studenten wie Dozenten zu empfehlen.

Anmerkungen:
[1] Brian C. McGing, Polybius’ Histories, Oxford 2010.
[2] Hier sei lediglich auf die thematisch eng mit dem Gegenstand des polybianischen Geschichtswerkes verbundene Habilitationsschrift Dreyers hingewiesen: Boris Dreyer, Die römische Nobilitätsherrschaft und Antiochos III. (205 bis 188 v. Chr.), Hennef 2007.
[3] Konrat Ziegler, Art. „Polybios“, in: RE 21,2 (1952), Sp. 1440–1578. Die kritische Auseinandersetzung mit diesem Lexikonartikel zeigt sich an zahlreichen Erwähnungen im Anmerkungsapparat. Boris Dreyer, Art. „Polybios“, in: Der Neue Pauly 10 (2001), Sp. 41–48.
[4] Hans-Ulrich Wiemer, Rhodische Traditionen in der hellenistischen Historiographie, Frankfurt am Main 2001, bes. S. 255–262, Zitat nach S. 259.
[5] Vgl. etwa Wolfgang Will, Thukydides und Perikles. Der Historiker und sein Held, Bonn 2003, S. 229–241, der eine postume Rechtfertigung des Perikles gegen die öffentliche Meinung nach der völligen Niederlange von 404 v.Chr. als wesentliches Ziel des thukydideischen Werkes sieht.
[6] Klaus Meister, Historische Kritik bei Polybios, Wiesbaden 1975, S. 81–91.
[7] Da nicht alle Titel im Anmerkungsapparat verwendet werden (überraschend ist etwa, dass Meister, Kritik nicht im Kapitel zur Kritik des Polybios an seinen Vorgängern erwähnt wird), hätte hier eine thematische Gliederung die Benutzbarkeit erhöht.
[8] Vgl. demgegenüber etwa die Übersicht zur Gliederung des polybianischen Werks bei McGing, Histories, S. 223–239.
[9] Für Verwirrung könnte bei dem primär studentischen Zielpublikum sorgen, dass die Anordnung der Fragmente der Teubner-Textausgabe von Büttner-Wobst folgt, von der sich die Zählung in der deutschen Übersetzung Drexlers zum Teil deutlich unterscheidet. Darauf wird leider nur im Abkürzungsverzeichnis (S. 6) hingewiesen.
[10] Neben einigen Rechtschreib- und Grammatikfehlern und fehlerhaften Verweisen kommt es, allerdings selten, leider auch zu sinnentstellenden Versehen. So ist der „spätantike Autor Athenaios“ (S. 141) wohl so zu erklären, dass aus dem vorangehenden Satz („beruft sich auch der Ammianus Marcellinus“) die entsprechende Charakterisierung verrutscht ist.

Zitation
Christoph Michels: Rezension zu: : Polybios. Leben und Werk im Banne Roms. Hildesheim  2011 , in: H-Soz-Kult, 19.03.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17021>.
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19.03.2012
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