Titel
Die Herren der Hanse. Delegierte und Netzwerke


Autor(en)
Poeck, Dietrich W.
Erschienen
Frankfurt am Main 2010: Peter Lang/Frankfurt am Main
Umfang
768 S.
Preis
€ 98,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Puhle, Kulturhistorisches Museum Magdeburg

„So bezeichneten die Londoner Fernhändler die Hanse als crocodile, weil man ebenso wie bei diesem Tier, dessen Körper zumeist zum Teil unter Wasser ist, auch den vollständigen Körper der Hanse nicht sehen könne.“ (S. 511) Poecks Arbeit über die „Herren der Hanse“ versteht sich vor allem als ein weiterer Beitrag zu der seit Bestehen der Hanse-Forschung diskutierten Frage nach dem „Wesen der Hanse“, und er ist tatsächlich weiterführend.

Bereits im 15. Jahrhundert ging die Hanse selbst der Frage nach, was sie eigentlich sei. Vergeblich wurde nach einer Gründungsurkunde gesucht, die diese Frage beantworten würde. Die Notwendigkeit, sich mit der Organisationsstruktur der Hanse auseinanderzusetzen, wurde im Mittelalter vor allem von außen an die Hanse herangetragen, in der Regel durch Konflikte und sich daraus ergebende Haftungsfragen verursacht. Staatsrechtlich war die Hanse kaum zu definieren. Sie sagte gegenüber dem englischen Kronrat 1469, sie sei „eine Art Bündnis von Städten“, das vor allem zu wirtschaftlichen Zwecken gegründet sei und die Rechtshoheit der Fürsten über ihre Städte nicht infrage stellte.

Die Hanse-Forschung hat lange die Trennung zwischen Kaufmanns- und Städtehanse vorgenommen, um damit zu verdeutlichen, dass nach der Einführung des Hansetags, 1356, auf dem die Delegierten der Hansestädte erschienen, die Städte das Heft des Handelns in die Hand nahmen. In der neueren Forschung wurde dieses Modell durch zum Teil neue methodische Ansätze immer fragwürdiger und gilt inzwischen als ein überwundener Versuch, das Wesen der Hanse zu erklären. Insbesondere verfassungsgeschichtliche Ansätze wie die von Ernst Pitz und prosopraphische Forschungen zu den Handlungsträgern hansischen Handels und hansischer Politik haben in den letzten zwei Jahrzehnten ein neues Bild der Hanse entstehen lassen. Die Hanse war kein mächtiger, über Jahrhunderte existierender Städtebund, sondern eine Organisation von Kaufleuten, die ihre politisch und wirtschaftlich dominierende Stellung in ihren Herkunftsstädten nutzten, um mit dem Rückhalt ihrer Städte ihren – für mittelalterliche Verhältnisse – globalen Handel abzusichern, wovon die Hansestädte in der Regel auch profitierten. Für die Hanse war dabei die „doppelte Dichotomie von handelswirtschaftlicher und politischer Organisation sowie von Kaufleuten und Städten“ kennzeichnend.[1] Als Begriff spielten hierbei die „heren der Hanse“ schon seit längerem eine große Rolle, waren aber „in ihrer verfassungsmäßigen Funktion noch nicht definiert“.[2]

Dieses wesentliche Puzzleteil bei der Suche nach dem „Wesen der Hanse“ liefert nun Poecks Untersuchung über die „Herren der Hanse“. Der E. Pitz zu verdankenden verfassungsrechtlichen Einsicht, dass die Hanse auf zwei Einungen basierte, der Bürgereinung in der Stadt und der Städteeinung in der Hanse[3], fügt Poeck nun mit der Offenlegung der städteübergreifenden, globalen Netzwerke der hansischen Kaufleute die wahrscheinlich ins Zentrum der hansischen Wirklichkeit zielende Erkenntnis hinzu, dass diese von verwandtschaftlichen Beziehungen und wirtschaftlichen Interessen bestimmten Netzwerke einen erheblichen Einfluss auf die Politik der Hanse besaßen, was zwar schon länger geahnt und partiell auch beschrieben, aber bisher noch nicht in dieser überzeugenden Weise und in diesem Umfang erforscht worden ist.

Poeck nimmt die „Herren der Hanse“ zwischen 1356 und 1516 in den Blick. Dabei geht er von zwei wesentlichen Hansetagen mit starker Beteiligung hansischer Delegierter aus, dem Hansetag von 1379 und dem Hansetag von 1418. 1379 versammelten sich 47 Delegierte aus 25 Städten in Lübeck, 1418 52 Delegierte aus 31 Städten. Hinzu kamen drei Vertreter des Hansekontors in Brügge. Im Zentrum der untersuchten Delegierten stehen die Ratsgesandten Lübecks. Allerdings verfolgt Poeck auch über Lübeck ausgreifende Netzwerke, wenn sich dafür Anhaltspunkte finden. Am Ende gelingt es Poeck, 111 Netzwerke und die Verbindungen zwischen diesen offenzulegen. Die ausgesuchten Hansetage zeichnen sich einerseits durch überdurchschnittlich guten Besuch und andererseits durch die Bedeutung der verhandelten Gegenstände aus, die allerdings für die Untersuchung nur am Rande wichtig sind.

Im Anhang werden die Delegierten-Netzwerke in Tabellen nochmals verdeutlicht und eine sehr nützliche Übersicht über die Teilnehmer an Hansetagen zwischen 1356 und 1516 gegeben. Fünf Karten zu den Delegierten, den Netzwerken und zur Mobilität der hansischen Elite, sieben Abbildungen und ein Orts- und Personalregister vervollständigen den stattlichen Band.

Die vielfältigen verwandtschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den hansischen Gesandten, die Poeck aufdeckt, belegen eindrucksvoll, dass bei diesen eine unauflösliche Vermischung zwischen privaten Wirtschaftsinteressen und allgemeinen hansischen auf der einen und städtischen Belangen auf der anderen Seite vorlag. „In den Beratungen und Diskussionen des Hansetages“, so Poeck, „wurden die einzelnen Netzwerke von den Herren der Hanse zum Netzwerk Hanse verbunden“ (S. 511). Ob Poeck allerdings wirklich den Beweis erbracht hat, dass der „Hansetag nicht durch Interessen der Städte sondern durch diejenigen der Delegierten-Netzwerke bestimmt wurde“ (S. 511), muss hinterfragt werden. Denn dazu müsste doch ein wesentlich intensiverer Blick auf die Inhalte der Hansetage, auf die teilweise komplizierte Vorgeschichte der verhandelten Themen und die Beschlussfassung auf dem Hansetag gerichtet werden. Auch die Frage, die aufgrund der Quellenlage wahrscheinlich nicht befriedigend beantwortet werden kann, mit welchen Aufträgen die Gesandten zu den Hansetagen von Seiten ihrer Städte geschickt wurden, müsste ebenso wie die Frage der Wirksamkeit und Akzeptanz der Beschlüsse in den einzelnen Hansestädten behandelt werden. Um hier zu befriedigenden Antworten zu kommen, müssten weit mehr als zwei Hansetage untersucht und der travezentrische Blick verlassen werden.

Diese Anmerkungen schmälern aber nicht den Ertrag dieser Arbeit, sondern sollen vielmehr Anregungen für weiterführende Forschungen geben. Poeck hat mit dieser Untersuchung die Hanseforschung um einen bedeutenden Aspekt erweitert. Auch wenn die Netzwerke der „heren der hanse“ keinen Verfassungsrang besaßen, stellten sie doch eine wesentliche Komponente in dem komplexen und schwer zu fassenden System „Hanse“ dar und müssen bei zukünftigen Untersuchungen über die Hanse stärker als bisher berücksichtigt werden.

Anmerkungen:
[1] Rolf Hammel-Kiesow, Die Hanse, 4., aktual. Aufl., München 2008, S. 10.
[2] Ebd., S. 14.
[3] Ernst Pitz, Bürgereinung und Städteeinung. Studien zur Verfassungsgeschichte der Hansestädte und der deutschen Hanse, Köln u.a. 2001.

Zitation
Matthias Puhle: Rezension zu: : Die Herren der Hanse. Delegierte und Netzwerke. Frankfurt am Main  2010 , in: H-Soz-Kult, 21.09.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17109>.