Cover
Titel
"Wehr Dich!". Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C. V.) 1893 - 1938


Autor(en)
Barkai, Avraham
Erschienen
München 2002: C.H. Beck Verlag
Umfang
496 S.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sebastian Panwitz, Institut für Geschichtswissenschaften, Universität Potsdam

Lange Zeit stand in der deutsch-jüdischen Geschichtsschreibung neben der Geistesgeschichte und der Erforschung herausragender Persönlichkeiten die Institutionengeschichte im Mittelpunkt.[1] Diese Aussage trifft jedoch auf das Untersuchungsgebiet Vereinswesen nicht zu.
Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert des Vereins. Diese Organisationsform prägte als Mittler zwischen Staat und Individuum wie keine andere die Entstehung des modernen Bürgertums, trieb wesentliche Reformen auf den Gebieten der Kultur, Wirtschaft, Politik, Identität und Gesellschaft voran und blieb bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinein das Hauptmittel der Partizipation aller Gruppen und Schichten an der Gesellschaft. Die politischen Parteien hingegen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus den politischen Vereinen hervorgingen, blieben durch ihre Konzentration auf politische Belange und durch die Grenzen, die ihnen in Wahlrecht und Verfassung gesetzt wurden, in ihrer Integrationsfähigkeit stets stärker beschränkt.

Die deutsche historische Vereinsforschung, die sich seit den grundlegenden Artikeln Thomas Nipperdeys und Wolfgang Hardtwigs [2] zu einem zwar kleinen, aber anerkannten Forschungsbereich entwickelt hat, ignoriert das deutsch-jüdische Vereinswesen bisher vollständig. Im Bereich der deutsch-jüdischen Forschung wiederum spielt das Vereinswesen bisher kaum eine eigenständige Rolle. Einzelne Organisationen werden nur untersucht, wenn sie für die im Zentrum der Aufmerksamkeit stehenden Fragestellungen der Geistesgeschichte oder Politikgeschichte von Bedeutung sind. Bei diesem beschränkten Interesse verwundert es wenig, dass im Bereich der deutsch-jüdischen Geschichte bisher, mit einer Ausnahme, keine einzige Vereinsmonografie vorgelegt wurde. [3]

Der "Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.V." (C.V.) wurde als eine der zentralen Organisationen des deutschen Judentums zur Zeit des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus bereits in Ausschnitten und unter verschiedenen Gesichtspunkten untersucht. [4] Dass allerdings bisher noch keine Gesamtdarstellung zur Vereinsgeschichte erarbeitet wurde, ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass ein großer Teil des Vereinsarchivs erst zu Beginn der 1990er Jahre im Moskauer "Sonderarchiv" wiedergefunden wurde. Widerstreitende Interessen ehemaliger Vereinsfunktionäre, Ressentiments von zionistischer Seite gegenüber dem C.V. und das Ignorieren der hohen Relevanz der gesellschaftlichen Institution Verein durch die Geschichtswissenschaft im Allgemeinen trugen ihren Teil dazu bei, dass diese Forschungslücke erst jetzt durch Avraham Barkai gefüllt wurde.

Seinen Ansatz definiert Barkai als "ideengeschichtlich", die Untersuchung konzentriert sich auf die ideologische Entwicklung und die sich daraus ergebenden politischen Wandlungen des Vereins, wobei der intensiven Zeichnung führender Vereinsfunktionäre ein hoher Stellenwert eingeräumt wird.

Der C.V. wurde als Abwehrorganisation gegen den stärker werdenden modernen Antisemitismus gegründet. Zunächst konzentrierte sich seine Arbeit weitgehend auf die juristische Abwehr antisemitischer Angriffe und die Durchsetzung der in der Reichsverfassung verbrieften vollständigen rechtlichen Gleichstellung. Bald jedoch erkannte man den begrenzten Einfluss der Rechtsschutzarbeit. Entsprechend wurde das Aufgabengebiet des Vereins schrittweise auf die Bereiche der Publizistik und der Lobbyarbeit in Parlamenten und Medien ausgedehnt. Zeitungen und Abgeordneten wurden Informationsmaterialien zugestellt. Vor Parlamentswahlen wurden Empfehlungen für diejenigen Kandidaten abgegeben, die den Antisemitismus ablehnten. Zudem wuchs bei den Funktionären des C.V. die Einsicht, dass eine reine Abwehrarbeit nicht erfolgreich sein konnte, wenn sich die Mitglieder des Vereins nicht gleichzeitig über ihr eigenes Verhältnis zum Judentum Klarheit verschafften. Zudem machten die zunehmenden Erfolge der Zionisten unter der Jugend und auf Gemeindeebene sowie zionistische Angriffe auf den C.V. eine klarere Bestimmung der ideologischen Grundsätze des Vereins notwendig.

Barkai arbeitet heraus, wie der Verein in der Auseinandersetzung mit antisemitischen Anfeindungen auf der einen und der zionistischen Herausforderung auf der anderen Seite schrittweise ein aktives, bewussteres Verhältnis zum Judentum entwickelte. Als "Gesinnungsverein" bot er seinen Mitgliedern ein neues Identitätsbild an, selbst wenn sie der Religion fern standen. Die intensive Beschäftigung mit jüdischer Tradition und Geschichte in Aktivitäten der Ortsgruppen, in Grundsatzdebatten und in Vereinspublikationen ebenso wie das bis in die Zeit des Nationalsozialismus fortdauernde Bekenntnis zum Deutschtum fand in der Formulierung der Zugehörigkeit zum ’jüdischen Stamm innerhalb des deutschen Volkes' ihren Ausdruck. Nur folgerichtig war es, dass sich der Verein ab 1900 auch nachdrücklich gegen Konversionen von Juden zum Christentum aussprach, die er als Zugeständnisse an die Vorurteile der Umwelt und Fahnenflucht betrachtete.

Die Erfolge in der Abwehr des Antisemitismus hielten sich stets in Grenzen. Barkai resümiert allerdings, "daß der als ’Assimilantenverein’ verrufene Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens mehr als jede andere Organisation im deutschen Judentum den Prozeß der Religionsübertritte aufgehalten und den Auflösungstendenzen in der deutsch-jüdischen Gemeinschaft entgegengewirkt hat" (S. 371).

Insgesamt wäre eine analytischere Strukturierung des Buches wünschenswert gewesen, um die zielgerichtete Lektüre zu vereinfachen, die Grundaussagen des Buches zu verdeutlichen und die Auswahl des Datenmaterials zu begründen. So hätten z. B. häufiger einleitende Fragen an den Anfang der Kapitel und Unterkapitel gestellt oder konkrete Problemfelder umrissen werden können. Dabei ginge es nicht nur um die Skizzierung des gesellschaftlichen Umfelds, sondern um Hinweise darauf, zu welchen Problemen und Fragen die folgenden Aussagen Stellung nehmen werden.
Bei diesem Verfahren ließe sich auch erreichen, dass zentrale Thesen des Buches, wie der Wandel des C.V. vom Abwehr- zum Gesinnungsverein, geschlossen diskutiert würden. Dieser Wandel wird an mehreren Stellen erwähnt oder als Erklärungsmuster für innerorganisatorische Veränderungen herangezogen. Eine zusammenfassende Analyse fehlt jedoch, so dass unter anderem der genaue Zeitpunkt dieses Wandels unklar bleibt.

Dem Wunsch des Verlags nach einem populärwissenschaftlichen Buch dürften mehrere Eigenheiten des Buches geschuldet sein, die seine Nutzung durch den Fachhistoriker erschweren. Dass die Fußnoten an das Ende des Buches verbannt und nicht durchnummeriert wurden, lässt sich noch am ehesten verschmerzen. Dass sich die Punkte Forschungsstand sowie theoretische und methodische Einbettung mit einem vierseitigen Vorwort begnügen mussten, ist hingegen schon ärgerlicher. Als richtiggehend hinderlich für nachfolgende Forscher erweist sich schließlich der Umstand, dass die Quellenlage weder eingehend diskutiert, noch dem Buch ein richtiges Quellenverzeichnis beigegeben wurde. Dadurch lässt sich nicht nachvollziehen, inwieweit die Blickrichtung der Untersuchung und die behandelten Themenkomplexe ebenso wie die nicht bearbeiteten Fragestellungen [5] durch die vermutlich lückenhafte Quellensituation vorgegeben sind und inwieweit sie auf Barkais freie Entscheidung zurückgehen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Avraham Barkai eine wertvolle Studie gelungen ist, die die Geschichte einer langlebigen, zentralen deutsch-jüdischen Organisation zum ersten Mal und erfolgreich synthetisiert und damit beispielgebend für gleichgeartete Projekte der Zukunft sein wird.

Anmerkungen:
[1] David Sorkin: The émigré synthesis. German-Jewish history in modern times; in: Central European History 34 (2001), S. 531-559, hier S. 532.
[2] Thomas Nipperdey: Verein als soziale Struktur in Deutschland im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Eine Fallstudie zur Modernisierung; in: ders.: Gesellschaft, Kultur, Theorie. Gesammelte Aufsätze zur neueren Geschichte, Göttingen 1976 S. 176-205. Wolfgang Hardtwig: Strukturmerkmale und Entwicklungstendenzen des Vereinswesens in Deutschland 1789-1848; in: Vereinswesen und bürgerliche Gesellschaft in Deutschland, München 1984, S. 11-50.
[3] Ulrich Dunker: Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten 1919-1938. Geschichte eines jüdischen Abwehrvereins; Düsseldorf 1977. Zu einigen wenigen anderen Organisationen wie dem Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden (1819-1824) wurden Detailuntersuchungen im Rahmen von Biografien oder Zeitschriftenaufsätzen vorgelegt.
[4] Avraham Barkai: The C.V. and its archives. A reassessment; in: LBI YB 45 (2000), S. 173-182. Jürgen Matthäus: Deutschtum and Judentum under fire. The impact of the First World War on the strategies of the Centralverein and the Zionistische Vereinigung; in: LBI YB 33 (1988), S. 129-147; Jürgen Matthäus: Kampf ohne Verbündete. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens 1933-1938, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 8 (1999), S. 248-277; Arnold Paucker: Das Berliner jüdische Bürgertum im "Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", in: Jüdische Geschichte in Berlin. Essays und Studien, hrsg. v. Reinhard Rürup, Berlin 1995, S. 215-225.
[5] So fehlt z. B. eine Untersuchung der Arbeit in den Ortsgruppen, die in der Form eines Fallbeispiels gut hätte in die Studien integriert werden können.

Zitation
Sebastian Panwitz: Rezension zu: : "Wehr Dich!". Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C. V.) 1893 - 1938. München  2002 , in: H-Soz-Kult, 05.02.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1711>.
Redaktion
Veröffentlicht am
05.02.2003
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation