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Titel
Vom Teufel zum Menschen. Die Geschichte der Chinaheimkehrer in Selbstzeugnissen


Autor(en)
Buchholz, Petra
Erschienen
München 2011: Iudicium-Verlag
Umfang
434 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Takuma Melber, Karl Jaspers Centre for Advanced Transcultural Studies/Cluster of Excellence "Asia and Europe in a Global Context", Universität Heidelberg

In einem Artikel in der Asahi Shimbun, einer der auflagenstärksten Tageszeitungen Japans, wurde im November 2010 über die 60 Jahrfeier zur Aufnahme der Aufarbeitung von Kriegsverbrechen im chinesischen Fushun berichtet, an der auch einhundert Japaner teilnahmen.[1] Bei diesen handelte es sich um Mitglieder des „Vereins der Chinaheimkehrer“, eines in der Nachkriegszeit entstandenen Zusammenschlusses von gut tausend Personen – Angehörige der japanischen Armee und der Besatzungsadministration –, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst in sowjetische, dann in chinesische Gefangenschaft geraten waren und erst Mitte der 1950er-Jahre in ihre Heimat zurückkehrten. In ihrem als Quellenedition zu verstehenden Werk „Vom Teufel zum Menschen. Die Geschichte der Chinaheimkehrer in Selbstzeugnissen“ hat die Japanologin Petra Buchholz fünfzehn Ego-Dokumente sogenannter „Chinaheimkehrer“ ausgewählt und aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt. Mit ihrer Arbeit betritt Buchholz Neuland in der deutschen und westlichen Forschungslandschaft. Doch auch in Japan setzte die Erforschung der Geschichte der Chinaheimkehrer erst Mitte der 1990er-Jahre ein und fand seitens japanischer Historiker erst in diesem Jahrtausend nennenswerte Beachtung.[2]

In einer circa 70-seitigen, lesenswerten Einleitung beschreibt Buchholz unter anderem den Umerziehungsprozess im Lager Fushun, skizziert die Geschichte des 1957 gegründeten Vereins der Chinaheimkehrer und erläutert ihre Quellenauswahl. „Wir hassen die Tat, aber nicht den Täter. Menschen können sich ändern“ (S. 30) lautete der chinesische Slogan im Rahmen der Umerziehungsmaßnahmen, welche von äußerst humaner Behandlung der Gefangenen gezeichnet waren. Die in Fushun praktizierte „Strategie der Milde“ – in der Geschichte chinesischer Umerziehungslager wohl eher als Sonder- denn als Regelfall zu betrachten – ist nach Buchholz zwar auch als eine Imagekampagne der Volksrepublik zur Aufbesserung des eigenen Ansehens auf internationaler Bühne im Zeitalter des Kalten Krieges zu verstehen. Allerdings sieht die Autorin darin vor allem „eine äußerst weitsichtige Maßnahme“ (S. 39) Pekings mit der Absicht, gezielt die Nachkriegsbeziehungen zu Japan zu normalisieren und im ostasiatischen Raum deeskalierend zu wirken.

Mehrfach hervorgehoben wird in Buchholz’ Abhandlung, dass die chinesische „Strategie der Milde“ die japanischen Häftlinge nicht nur überraschte, sondern diese zur Selbstreflexion der begangenen Taten anregte, sie zum Nach- und Umdenken führte und schließlich zur Einsicht bewegte: Der vollzogene Wandel im Denken der japanischen Häftlinge im Laufe ihres Aufenthalts im chinesischen Umerziehungslager Fushun wird für den Leser anhand des ersten von drei Quellenteilen, die gemeinsam den Hauptteil des Buches darstellen, nachvollziehbar. Im Zentrum dieser nach der Repatriierung verfassten Zeugnisse stehen die Person des Berichtenden, dessen individuelle Erfahrung und Wahrnehmung sowie der jeweilige Herausbildungsprozess eines Täterbewusstseins. Buchholz versucht in diesem ersten Kapitel in fünf exemplarischen Beiträgen das gesamte prototypische Spektrum der Umerziehungsphasen abzubilden. Wurden zu Beginn die eigenen Taten geleugnet (S. 89), so entstand aufgrund von Ängsten, Zweifeln und des von chinesischer Seite im Verhör angewandten Prinzips der Güte und Milde ein Gefühlschaos (S. 123, 126). Dieses schuf letztlich Raum für echte Schuldgefühle und ninzai, was von Buchholz mit dem deutschen Begriff „Schulderkenntnis“ (S. 169) übersetzt wird, sich aber auch als „Schuldeingeständnis“ bezeichnen ließe. Aufgrund der Quellenlage und des -zugangs erscheinen in diesem Quellenteil Selbstzeugnisse militärisch Hochrangiger sowie Älterer überrepräsentiert.

Eine Auswahl literarisierter Tätergeschichten hat Buchholz im zweiten Quellenkapitel zusammengetragen. Diese stellen ein Abbild der Erinnerung und des Schuldbewusstseins in der Endphase der Umerziehung dar und wurden auch in diesem Zeitraum verfasst. Die Selbstzeugnisse schockieren einerseits durch ihre schonungslose, detaillierte und sehr direkte Art der Schilderung von Greueltaten, der Ermordung Gefangener und Massakern an der Zivilbevölkerung. Buchholz’ Auswahl liest sich hier als eine Art „Klimax des Grauens“: Themen sind die oft als Mutprobe für und durch junge Rekruten der japanischen Armee durchgeführte Bajonettierung chinesischer Kriegsgefangener, Überfälle auf Dörfer und damit verbundene Übergriffe auf Zivilisten, die Anordnung von Misshandlung und Tötung von Zwangsarbeitern sowie die Schilderung einer Vivisektion. Andererseits beeindrucken die japanischen Täter ihre Leserschaft durch ihre Offenheit und Ehrlichkeit, frei von Rechtfertigungsversuchen der eigenen Missetaten und Kriegsverbrechen. Gerade diese in Fushun in sogenannten Schreibgruppen und insbesondere von Mannschaftsgraden verfassten literarisierten Tätergeschichten stellen en bloc gelesen nicht nur ein äußerst homogenes, sondern auch beeindruckendes Gemeinschaftswerk der Chinaheimkehrer dar.

In Anlehnung an Harald Welzer ließe sich der dritte Abschnitt der Quellensammlung mit einer Überschrift wie „Wie aus Massenmördern wieder ganz normale Menschen werden“ überschreiben.[3] Hier sind zwei 2002 und 2006 geführte Gesprächsrunden von Chinaheimkehrern abgedruckt, bei denen es sich eigentlich nicht um Selbstzeugnisse in klassischem Sinne handelt, wurden diese Beiträge doch nicht von den Gesprächsteilnehmern selbst verschriftlicht. Hauptthemenbereiche bilden hier zum einen die Erinnerung an die Repatriierung und die schwierige Anfangsphase der Resozialisierung, geprägt von arrangierten, ungewollten Ehen und Berufsausübungen sowie dem Vorwurf der „Gehirnwäsche“ (S. 275). Zum anderen drehen sich die Gespräche um die Motivation, sich in der Nachkriegszeit für die Zeugnisbewegung, den „Verein der Chinaheimkehrer“, zu engagieren. Motive für diese Engagement waren das Schuld- und Unrechtsbewusstsein der Heimkehrer, deren nun als geradezu selbstverständlich empfundene Übernahme von Verantwortung auch für auf Befehl ausgeführte Taten sowie ihr Bemühen, dem Verdrängen von Kriegserinnerungen entgegenzuwirken. Zusätzlich zu den beiden Gesprächsrunden hat Buchholz diesem letzten Kapitel eine deutsche Übersetzung der vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal der Frauen aus dem Jahr 2000 in Tōkyō getätigten Zeugenaussagen der Chinaheimkehrer Suzuki und Kaneko beigefügt (S. 323ff.). Damit dokumentiert Buchholz auch eine der wichtigsten Zielsetzungen der Zeugnisbewegung: das Einstehen für die Opfer, in diesem speziellen Fall Vergewaltigungsopfer, und deren Ansprüche auf Entschädigung.

Leider mindern kleinere Unaufmerksamkeiten die Studie von Petra Buchholz: Vereinzelt finden sich ins Leere führende Literatur- (zum Beispiel S. 78, Fußnote 32) oder unklare und irritierende Namensangaben (S. 291-292). Ebenfalls lassen die im Nachwort angeführten Querverweise und Zitate exakte Quellen- und Literaturangaben vermissen (beispielsweise S. 406).

Zeugenaussagen und Selbstzeugnisse von Kriegsgreueln, Kriegsverbrechen, Vergewaltigungsakten oder Besuchen in Militärbordellen aus der Täterperspektive besitzen auch für die deutsche Wehrmachtsforschung noch immer große Seltenheit. Vielleicht wirken deshalb die in den Quellen getätigten, selbstanprangernden Ausführungen japanischer Militärs umso überraschender.[4] Neben der damit verbundenen Frage, ob für die in diesen Quellen beschriebene Entgrenzung der Kriegsführung intentionale und/oder situative Faktoren ausschlaggebend waren, finden sich in Buchholz’ Quellenfundus weitere Felder, die einen Vergleich lohnen: Zu nennen seien beispielsweise chinesische Untersuchungs- und Verhörmethoden, japanische Folter- und Tötungspraktiken, Einblicke in das Innenleben der japanischen Armee, die Ermittlungen und Kriegsverbrecherprozesse der Nachkriegszeit oder die Erinnerungskultur in Japan. Ein Blick in das Buch von Petra Buchholz ist daher explizit nicht nur Japanforschern und Sinologen, sondern im Sinne einer vergleichenden und global ausgerichteten Perspektive auch Historikern, die sich mit den Feldzügen der Wehrmacht und generell mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs in Europa beschäftigen, ans Herz zu legen.

Anmerkungen:
[1] Katari tsugu senjō_ [Mündliche Überlieferungen vom Schlachtfeld], in: Asahi Shimbun, November 2010.
[2] Okabe Makio, Ogino Fujio, Yoshida Yutaka, Chūgoku shinryaku no shōgenshatachi [Die Zeugen der Invasion in China: Aufzeichnungen zum „Schuldeingeständnis“ lesen], Tōkyō 2010.
[3] Harald Welzer, Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, Frankfurt am Main 2011.
[4] Ad exemplum sei auf die noch immer unzureichende Erforschung und die relativ dünngesäte Quellenlage zum Themenfeld „Vergewaltigungen im Vernichtungskrieg“ hingewiesen – siehe: Regina Mühlhäuser, Eroberungen: sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion, 1941-1945, Hamburg 2010.

Zitation
Takuma Melber: Rezension zu: : Vom Teufel zum Menschen. Die Geschichte der Chinaheimkehrer in Selbstzeugnissen. München  2011 , in: H-Soz-Kult, 22.12.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17162>.
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Veröffentlicht am
22.12.2011
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